Lieferketten : Wie sich die Nahostkrise in drei Wellen durch die globale Industrie frisst
Für die aktuelle Situation im Nahen Osten lässt sich laut Prewave eine klare Eskalationslogik beobachten.
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Die eigentliche Herausforderung der aktuellen Nahostkrise liegt nicht in ihrer Unvorhersehbarkeit – sondern im Umgang mit vorhandenen Signalen. Während Speditionen täglich neue Routen organisieren und Unternehmen kurzfristig reagieren müssen, zeigen Datenanalysen, dass viele Entwicklungen lange im Voraus erkennbar waren. „Im Prinzip funktioniert ja auch unsere Plattform so, dass wir zuerst einmal Transparenz schaffen“, erklärt Marco Felsberger, Senior Advisor für Supply Chain Resilience bei Prewave. Der Ansatz: Lieferketten werden bis in tiefe Ebenen analysiert, Verbindungen zwischen Lieferanten und Sublieferanten sichtbar gemacht und mit aktuellen Ereignissen verknüpft. Erst dadurch lassen sich Risiken einordnen und potenzielle Auswirkungen frühzeitig erkennen.
Drei Wellen der Krise
Für die aktuelle Situation im Nahen Osten lässt sich laut Prewave eine klare Eskalationslogik beobachten. Die erste Welle ist unmittelbar sichtbar: steigende Öl- und Gaspreise, politischer Druck und kurzfristige Marktreaktionen. Diese Phase ist für Unternehmen noch vergleichsweise gut beherrschbar, weil sie transparent und breit kommuniziert wird. Die zweite Welle folgt zeitverzögert – nach etwa zwei bis drei Wochen. In dieser Phase beginnen physische Engpässe bei petrochemischen Nebenprodukten.
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Betroffen sind - wie nun ersichtlich - insbesondere Länder mit hoher Importabhängigkeit wie Bangladesch, Südkorea oder Japan. Erst in der dritten Welle erreichen die Auswirkungen die breite Industrie. "Dann werden Produktionsausfälle sichtbar, Lieferketten reißen und Engpässe schlagen direkt auf Endprodukte durch", sagt Felsberger. Zu diesem Zeitpunkt sei präventives Handeln kaum mehr möglich.
Force-Majeure als Frühindikator
Ein zentrales Signal für diese zweite Phase sind sogenannte Force-Majeure-Meldungen. Dabei erklären Unternehmen, dass sie aufgrund externer Umstände ihre Lieferverpflichtungen nicht mehr erfüllen können. „Wir haben 30 relevante Alerts gehabt in den letzten paar Tagen und sehen damit einen deutlichen Anstieg“, berichtet Felsberger mit Blick auf Gas- und Petrochemieunternehmen in Asien und Europa. Diese Meldungen sind mehr als operative Störungen – sie markieren den Übergang von potenziellen zu realen Engpässen. Für Unternehmen bedeutet das: Entweder steigen die Preise so stark, dass Produktion unwirtschaftlich wird, oder es fehlen schlicht die notwendigen Rohstoffe. Beide Effekte wirken gleichzeitig und verstärken sich gegenseitig.
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Engpässe entstehen in vorgelagerten Stufen der Wertschöpfung. Ein Beispiel ist Helium – ein Nebenprodukt der Gasförderung, das für die Halbleiterindustrie essenziell ist. „20 bis 30 Prozent kommen aus der Region“, sagt Felsberger. Fällt dieser Anteil weg, trifft das globale Produktionssystem unmittelbar. Die Konsequenz ist eine Kettenreaktion: Zunächst steigen die Preise, dann werden Lieferungen priorisiert, schließlich kommt es zu echten Engpässen. Für Unternehmen wird das Problem oft erst sichtbar, wenn es bereits in der eigenen Produktion ankommt.
Frühwarnsysteme zeigen klare Muster
Dass solche Entwicklungen nicht überraschend auftreten, zeigt ein Blick auf die Datenanalyse von Prewave. In einem aktuellen Bericht wurden 475 Risiko-Alerts zwischen 2024 und Anfang 2026 ausgewertet. Zunächst treten schwache Signale auf - etwa Hinweise auf Kapazitätsengpässe oder steigende Nachfrage. Diese verdichten sich über Monate hinweg zu starken Indikatoren wie Preissteigerungen, Produktionskürzungen oder politischen Eingriffen. Erst in der finalen Phase kommt es zu Rationierungen und Lieferausfällen. Zu diesem Zeitpunkt sind die Handlungsspielräume jedoch bereits stark eingeschränkt. Ein konkretes Beispiel liefert die Halbleiterindustrie. Lieferzeiten, die früher bei acht Wochen lagen, verlängerten sich auf bis zu 40 bis 50 Wochen, während Preise sich vervielfachten. Diese Entwicklung war nicht plötzlich sondern das Ergebnis mehrerer langfristiger Trends, die sich überlagerten.
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Geopolitische Ereignisse wirken in diesem System vor allem als Beschleuniger. „Diese Events verstärken die Effekte“, erklärt Felsberger. Wenn ein ohnehin angespanntes System durch politische Entscheidungen zusätzlich belastet wird - etwa durch Exportkontrollen oder Sanktionen - kippt es schneller in eine Krise. Im Fall des Halbleiterherstellers Nexperia wurde die entscheidende Eskalation durch einen Eintrag auf einer Sanktionsliste ausgelöst – ein Ereignis, das bereits zehn Monate zuvor in den Daten erkennbar war.
Prognosen sind möglich – Nutzung bleibt das Problem
Die zentrale Erkenntnis aus den Analysen ist daher nicht, dass Krisen unvorhersehbar wären. Vielmehr liegt die Herausforderung darin, vorhandene Informationen richtig zu nutzen. „Man sieht sich an, wie viele Lieferanten in einem Land zuordenbar sind und entscheidet, ob Sicherheitsbestände aufgebaut werden sollen“, sagt Felsberger. Doch genau hier zeigt sich eine strukturelle Schwäche vieler Unternehmen. Maßnahmen wie Diversifizierung von Lieferanten, Aufbau von Lagerbeständen oder Anpassung von Produktionsprozessen benötigen Zeit. Werden Warnsignale zu spät ernst genommen, bleibt nur noch Krisenmanagement.
Die aktuelle Nahostkrise zeigt diese Dynamik exemplarisch. Während die ersten Effekte – steigende Energiepreise – unmittelbar sichtbar waren, entwickeln sich die eigentlichen Engpässe verzögert. Produktionsausfälle in Indien aufgrund von Gasmangel, Einschränkungen in der Halbleiter-Vorproduktion oder steigende Kosten für petrochemische Produkte sind Teil dieser zweiten und dritten Welle. Für die Logistik bedeutet das nicht nur veränderte Routen, sondern auch sinkende Volumina und neue Engpässe. Lieferketten reagieren nicht isoliert, sondern als vernetztes System.
In dieser Situation gewinnt Transparenz entlang der gesamten Lieferkette an Bedeutung. Systeme wie jene von Prewave setzen genau hier an: Sie verknüpfen Ereignisdaten mit konkreten Lieferbeziehungen und ermöglichen es, Auswirkungen schneller zu erkennen. „Die Daten sind vorhanden - egal ob das Iran ist oder China“, sagt Felsberger. Entscheidend sei, wie schnell Unternehmen diese Informationen auswerten und in Maßnahmen übersetzen.