Vom Discounter zum Tech-Riesen : Lidl: Der stille Marsch des Discounters in die Tech-Welt

Vom Discounter zur Digitalwette: Lidl-Mutter Schwarz setzt auf Cloud, KI und Cybersecurity.

Vom Discounter zur Digitalwette: Lidl-Mutter Schwarz setzt auf Cloud, KI und Cybersecurity.

- © Industriemagazin (KI-generiert)

Neckarsulm: Eine ruhige Stadt mit historischem Marktplatz, barocker Kirche und einem Konzern mit mehr als 185 Milliarden Euro Jahresumsatz. Von hier aus steuert die Schwarz Gruppe ihre rund 604.000 Mitarbeiter weltweit. An der Spitze steht Dieter Schwarz, 86, einer der reichsten Männer Deutschlands. Schwarz meidet die Öffentlichkeit, gibt keine Interviews, selbst Fotos von ihm sind Mangelware.

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Das Fundament seines Reichtums baute er in den 70er-Jahren: Schwarz übernimmt den Lebensmittelhandel seines Vaters, verlegt die Zentrale nach Neckarsulm und setzt auf Expansion um jeden Preis. Das Vorbild dafür liefern Karl und Theo Albrecht, die Aldi-Brüder, die zu dieser Zeit den deutschen Lebensmittelhandel revolutionieren. Schwarz übernimmt das Discounter-Prinzip – und skaliert es. Die Strategie geht auf: Im Geschäftsjahr 2025 macht die Schwarz-Gruppe 185,6 Milliarden Euro Umsatz. Aldi Nord und Aldi Süd kamen bereits 2023 zusammen auf rund 112 Milliarden Euro.

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Lidl Plus und der Machtwechsel: Wie die App die Schwarz Gruppe in die Digitalära drängte

Jahrzehntelang führte Klaus Gehrig – Spitzname: Killerwal – das Unternehmen mit eiserner Hand. Er galt als enger Vertrauter von Schwarz, der bis ins kleinste Detail die Vertriebs- und Filialstruktur überwachte. Als die Digitalisierung im Lebensmittelhandel Anfang der 2010er-Jahre an Bedeutung gewann, reagierte Gehrig zurückhaltend. Digitale Initiativen wurden früh gestoppt oder gar nicht erst begonnen.

2019 beginnt es hinter den Kulissen zu rumoren. Es ging um die Frage, ob der Konzern beim stationären Handel bleibt oder stärker auf Online und Digitalisierung setzt. Gehrig vertritt dazu eine klare Meinung: Lidl solle sich auf seine Stärke fokussieren und davon ablassen, den Weg von Amazon zu gehen.

Diese Haltung hatte Folgen: Am Ende spricht Dieter Schwarz ein Machtwort. Gehrig muss 2021 gehen, Schwarz übernimmt kurzzeitig – und setzt wenig später Gerd Chrzanowski an die Spitze. Die digitale Offensive war da bereits angelaufen: „Lidl Plus“ wurde in Deutschland ab 2019 regional getestet und 2020 bundesweit ausgerollt. Unter Chrzanowski gewinnt die App- und Digitalstrategie weiter an Bedeutung. Lidl Plus entwickelt sich zu einem wichtigen Baustein der Kundenbindung und zählt zeitweise zu den stark genutzten Shopping-Apps in Deutschland.

Bescheidene Anfänge: Lidl & Co. Südfrüchtenhandlung in der Sülmerstraße 54 in Heilbronn um 1905.

- © Wikipedia

XM Cyber: Warum Lidl ein israelisches Cybersecurity-Startup kaufte

Mit Ausbruch der Covid-Pandemie erlebt Deutschland einen sprunghaften Anstieg von Hackerangriffen. Interne Analysen zeigen: Auch die Schwarz-Gruppe ist angreifbar. Im November 2021 bietet sich eine passende Gelegenheit: Das israelische Sicherheitsunternehmen XM Cyber steht zum Verkauf. Gegründet wurde es unter anderem vom ehemaligen Chef des israelischen Geheimdienstes Mossad. Mehrere US-Techfirmen sollen interessiert sein – doch der Zuschlag geht an die Schwarz-Gruppe, Medienberichten zufolge für rund 700 Millionen Dollar.

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Damit entsteht in Neckarsulm eine eigene, hochprofessionelle Sicherheitsarchitektur. Und sie bleibt nicht auf die Schwarz-Gruppe beschränkt: Heute werden die Cyberlösungen aus dem Schwarz-Umfeld auch extern vermarktet und von Unternehmen außerhalb des Konzerns genutzt.

Gerd Chrzanowski ist seit 2021 Komplementär und Leiter der Schwarz Gruppe und richtet das Unternehmen konsequent Richtung Digitalisierung aus.

- © Schwarz Gruppe

STACKIT: Wie Lidl seine eigene Cloud gegen Amazon, Microsoft und Google aufbaut

Die Schwarz-Gruppe benötigt enorme Rechenleistung, will sensible Daten jedoch nicht in fremden Rechenzentren speichern. Den globalen Cloud-Markt dominieren vor allem drei große Hyperscaler aus den USA: Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud.

Für einen Händler, der täglich Millionen Kundendaten verarbeitet, ist das ein Risiko. Die Datensicherheit lässt sich nur garantieren, wenn die Infrastruktur unter eigener Kontrolle bleibt. Die Lösung entsteht im eigenen Haus: Die Schwarz-Gruppe baut eine eigene Cloud auf – zunächst für interne Zwecke. Die IT-Systeme von Lidl und Kaufland, inklusive Onlineshops und Logistik, laufen dafür in eigenen Rechenzentren in Europa.

2022 öffnet Schwarz die Plattform für externe Kunden und positioniert sie unter dem Namen STACKIT als europäische Cloud-Alternative „Made in Germany“. Das Digitalgeschäft der Gruppe wächst schnell: Die IT- und Digitalsparte Schwarz Digits erzielte im Geschäftsjahr 2025 bereits 2,2 Milliarden Euro Umsatz. Noch klein im Vergleich zum Kerngeschäft – aber mit anderen Margen, wie der Blick auf die Branche zeigt: Während im Lebensmittelhandel oft nur wenige Cent pro Euro hängen bleiben, ist das Cloud-Geschäft deutlich margenstärker.

Aleph Alpha und Schwarz Gruppe: Dieter Schwarz’ Wette auf KI aus Deutschland

Ende 2022 sorgt die Veröffentlichung von ChatGPT weltweit für einen Hype rund um künstliche Intelligenz – und für die Frage, welche Rolle Europa in diesem Feld künftig spielt. Eine der wenigen europäischen Alternativen entsteht in Heidelberg: Aleph Alpha, ein Start-up, das mit seiner Modellreihe „Luminous“ eigene KI-Systeme entwickelt.

Doch um mit den großen US-Anbietern mithalten zu können, braucht das Unternehmen Kapital. Viel Kapital. Im November 2023 steigt die Schwarz-Gruppe als einer der wichtigsten Investoren ein. Insgesamt fließen mehr als 500 Millionen US-Dollar – unter anderem aus dem Schwarz-Umfeld.

Innovationspark AI Heilbronn: Wie Dieter Schwarz Europas KI-Zentrum mitantreibt

Inzwischen verändert sich das Feld weiter: Aleph Alpha arbeitet enger mit dem kanadischen KI-Unternehmen Cohere zusammen. Aus der ursprünglichen Idee einer rein deutschen Antwort auf OpenAI wird damit stärker ein internationaler Ansatz für souveräne KI-Lösungen, bei dem Schwarz weiterhin eine wichtige Rolle spielt.

Parallel wächst in Heilbronn das nächste große Projekt: der Innovationspark AI. Dort soll ein komplettes Ökosystem für KI-Forschung, Unternehmen und Start-ups entstehen – finanziert unter anderem durch öffentliche Mittel und das Schwarz-Umfeld. Die Schwarz-Stiftung und mit ihr verbundene Strukturen gehören zu den zentralen Treibern des Projekts. Die genaue Gesamtsumme hängt vom weiteren Ausbau ab; klar ist aber schon jetzt: In Heilbronn entsteht eines der ambitioniertesten KI-Projekte Europas.

Spatenstich im Spreewald hier baut Schwarz Digits um 11 Milliarden Euro ein riesiges Datencenter mit 200 Megawatt Anschlussleistung und Platz für bis zu 100.000 KI-Chips. 

- © Schwarz Gruppe

Schwarz Digits: Wie Lidl aus Cloud, KI und Cybersecurity ein Tech-Ökosystem baut

Im September 2023 stellt Gerd Chrzanowski eine neue Sparte im Schwarz-Imperium vor: Schwarz Digits. Geführt wird die Sparte von den beiden Co-CEOs Rolf Schumann und Christian Müller. Schumann bringt langjährige Erfahrung aus SAP und Siemens mit. Müller arbeitet seit 2004 im Unternehmen – er startete im IT-Bereich von Lidl und führte ab 2018 die Schwarz IT.

Schwarz Digits bündelt all das, was der Konzern in den vergangenen Jahren im Digitalbereich aufgebaut hat – von der Kunden-App über Cybersicherheit bis hin zu eigener Cloud- und KI-Infrastruktur. Was als Treue-App begann, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einer umfassenden Digitalarchitektur. Erst die Absicherung der eigenen IT-Systeme, dann der Aufbau einer eigenen Cloud – und nun der Einstieg in künstliche Intelligenz. So baut Schwarz ein digitales Ökosystem – zunächst entwickelt für Lidl und Kaufland, dann gezielt für externe Kunden geöffnet.

Ob dieser Weg aufgeht, bleibt offen. Die Konkurrenz ist stark, der technologische Wandel schnell, und manche Projekte werden sich erst in Jahren bewerten lassen. Doch für die Schwarz-Gruppe ist dieser Kurs vor allem eines: eine langfristige Wette auf die technologische Zukunft Deutschlands – und auf die Chance, eine europäische Alternative zu Amazon, Google, Microsoft und OpenAI aufzubauen.

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