Finanzielle Engpässe : KTM in der Krise: Pierer Industrie AG startet Restrukturierungsverfahren

Die Pierer Industrie AG leitet ein sogenanntes gesetzliches Europäisches Restrukturierungsverfahren ein
- © Philip PlatzerDie Pierer Industrie AG, unter der Leitung von Stefan Pierer, hat ein gesetzliches Europäisches Restrukturierungsverfahren eingeleitet, wie das Unternehmen am Dienstag bekanntgab. Dieses Verfahren zielt darauf ab, die wirtschaftliche Stabilität der Unternehmensgruppe langfristig zu sichern. Die Industrie-Gruppe sei "nicht überschuldet", "selbst unter Nichtberücksichtigung ihrer mittelbaren Beteiligung" am Motorradhersteller KTM, hieß es am Montag in einer Aussendung.
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Ein zentraler Bestandteil der Pierer Industrie AG ist die börsennotierte Pierer Mobility AG, zu der unter anderem die KTM AG gehört. Die Pierer Mobility AG befindet sich derzeit in einer wirtschaftlich angespannten Lage und führt nach eigenen Angaben Gespräche über eine dringend notwendige Überbrückungsfinanzierung in dreistelliger Millionenhöhe. Parallel dazu werden umfassende Restrukturierungsmaßnahmen geprüft. Diese Verhandlungen erfolgen sowohl mit Gläubigern als auch mit der Pierer Bajaj AG, der Kernaktionärin des Konzerns.
Sicherung der Zahlungsfähigkeit durch Restrukturierungsverfahren
Das Restrukturierungsverfahren wurde als „notwendig“ bezeichnet, um bestehende Finanzierungen in Höhe von 250 Millionen Euro „in voller Höhe zurückführen zu können“. Laut der Industrieholding mit Sitz in Wels sind im Rahmen des Verfahrens keine Kürzungen von Zinszahlungen oder Tilgungen vorgesehen. „Gegenstand ist lediglich eine Streckung von Fälligkeiten“, betonte das Unternehmen.
Eine vorzeitige Fälligstellung bestehender Finanzierungen würde laut Unternehmensangaben die Zahlungsunfähigkeit der Pierer Industrie AG nach sich ziehen. Um dies zu verhindern, wurde das Restrukturierungsverfahren initiiert. Es betrifft ausschließlich die Gläubiger bestimmter Anleihen und Schuldscheindarlehen, während alle anderen Verbindlichkeiten weiterhin regulär bedient werden.
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„Das Restrukturierungsverfahren ist die richtige Maßnahme, um die Stabilität der Gruppe abzusichern und die Gruppe durch diese wirtschaftlich schwierigen Zeiten in eine gesicherte Zukunft zu führen“, heißt es in einer offiziellen Aussendung. Das Verfahren verschaffe der Unternehmensgruppe die notwendige Zeit, um strategische Maßnahmen umzusetzen und langfristige Lösungen zu entwickeln.
Die Pierer-Industrie-Gruppe ist ein global agierender Konzern mit über 10.000 Mitarbeitern weltweit. Im Jahr 2023 konnte das Unternehmen einen Konzernumsatz von 3,6 Milliarden Euro erzielen. Trotz der aktuellen Herausforderungen sieht das Unternehmen in der Restrukturierung eine zentrale Chance, die wirtschaftliche Zukunft der Gruppe zu sichern.
Die Pierer Industrie AG hält laut eigenen Angaben eine Mehrheitsbeteiligung von 50,1 Prozent an der Pierer Bajaj AG, welche wiederum 74,94 Prozent der Anteile an der Pierer Mobility AG, der Muttergesellschaft der KTM AG, besitzt. Darüber hinaus umfasst das Portfolio der Industriegruppe eine 80-Prozent-Beteiligung am Auto-Komponentenhersteller Pankl AG sowie den vollständigen Besitz (100 Prozent) am österreichischen Elektronikentwickler abatec.
Im Rahmen des Restrukturierungsverfahrens kann der Unternehmer nun mit von ihm definierten Gläubigern, die in Gläubigerklassen einzuteilen sind, einen Deal über einen Schuldenschnitt ausverhandeln und sie von seinem Restrukturierungskonzept überzeugen.
Das europäische Restrukturierungsverfahren
Das europäische Restrukturierungsverfahren gemäß der Restrukturierungsordnung (ReO) ist seit Mitte 2021 in Österreich verfügbar. Trotz seiner Einführung wurde es bislang nicht genutzt, wie Experten berichten. „Es handelt sich um ein Vorinsolvenzverfahren, für Unternehmen, deren Bestand gefährdet ist“, erklärt Cornelia Wesenauer, Kreditschützerin des AKV, gegenüber der APA. Dieses Verfahren richtet sich an Unternehmen, die frühzeitig Maßnahmen ergreifen möchten, um eine Insolvenz abzuwenden.
Ein zentrales Merkmal des Verfahrens ist die Möglichkeit, mit ausgewählten Gläubigern, die in verschiedene Gläubigerklassen eingeteilt werden müssen, individuelle Lösungen auszuhandeln. Ziel ist es, einen Schuldenschnitt zu vereinbaren und die Gläubiger von einem tragfähigen Restrukturierungskonzept zu überzeugen. „Im Rahmen des Restrukturierungsverfahrens kann der Unternehmer nun mit von ihm definierten Gläubigern, die in Gläubigerklassen einzuteilen sind, einen Deal über einen Schuldenschnitt ausverhandeln und sie von seinem Restrukturierungskonzept überzeugen“, so der KSV.
Das Verfahren bietet Unternehmen die Möglichkeit, frühzeitig zu handeln und ihre wirtschaftliche Situation zu stabilisieren. Allerdings bleibt abzuwarten, ob und wann es in der Praxis Anwendung finden wird. Experten sehen in der geringen Bekanntheit des Verfahrens eine mögliche Ursache für die bisherige Zurückhaltung.
KTM Fahrrad wehrt sich gegen ungewollte Verbindung zum Namensvetter
Die KTM AG, Teil der börsennotierten Pierer Mobility AG, steht aktuell unter erheblichem finanziellen Druck. Laut Berichten benötigt das Unternehmen dringend eine Kapitalspritze im dreistelligen Millionenbereich, um die wirtschaftliche Lage zu stabilisieren. Als Konsequenz seien Produktionsstopps, Gehaltskürzungen sowie ein geplanter Stellenabbau von etwa 300 Mitarbeitern unvermeidbar.
Diese Entwicklungen sorgen nicht nur für Schlagzeilen, sondern haben auch zu einer zunehmenden Verwechslungsgefahr zwischen der KTM AG und der KTM Fahrrad GmbH geführt. Letztere sah sich bereits in der Vergangenheit mit einer ungewollten Verbindung zum wirtschaftlich angeschlagenen Namensvetter konfrontiert.
Die Spannungen zwischen den beiden Unternehmen sind nicht neu. Besonders seit Pierers Einstieg in den E-Bike-Markt unter Marken wie Husqvarna und Gasgas haben sich die Konflikte verschärft. Rechtsstreitigkeiten um die Nutzung der Marke KTM sowie die Präsentation von Fahrrädern in Pierers KTM Motohall sind weitere Punkte, die die Abgrenzung erschweren. Die KTM AG und die KTM Fahrrad GmbH gingen jedoch nach der Insolvenz von KTM im Jahr 1991 getrennte Wege: Die Motorradsparte wurde von Stefan Pierer übernommen. Die Fahrradproduktion fiel in die Hände der Familie Urkauf-Chen, die das Unternehmen bis heute führt.

Die KTM Fahrrad GmbH hat sich seit der Trennung als wirtschaftlich stabiles und eigenständiges Unternehmen etabliert. Mit rund 500 Mitarbeitern und einer Produktion in Mattighofen genießt die Fahrradschmiede einen soliden Ruf in der Branche. In einer offiziellen Stellungnahme betonte das Unternehmen:„Man sei ein finanziell gesundes Unternehmen mit einem anerkannt guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Die Entwicklungen bei Pierer Mobility hätten keinerlei Einfluss auf das Unternehmen, man produziere weiterhin in Mattighofen und blicke trotz eines angespannten Fahrradmarkts optimistisch in die Zukunft.“