Künstliche Intelligenz : Wie KI-Pionier Franz Weghofer bei Magna in Graz Usecases für Industrial AI schafft
Franz Weghofer, Lead Smart Factory & Strategic Industry 4.0, Magna Steyr
- © Magna SteyrFranz Weghofer, ein Fan der ersten Stunde
"Anything that is a process can and will be run by AI". Der Ausspruch des deutschen KI-Gurus Chris Boos vor ein paar Jahren ist Franz Weghofer in Erinnerung geblieben. Schon damals hielt Weghofer diese These für durchaus möglich. Er selbst bezeichnet sich als "Fan von OpenAI der ersten Stunde".
Weghofer ist Technologiescout und Factory of the Future-Experte des Automobil-Zulieferers Magna Steyr. Blickt er in das Grazer Gesamtfahrzeugwerk, sieht er die künstliche Intelligenz auf dem Vormarsch: Maschinen übernehmen bereits klassische Assistenzfunktionen.
Mit Transformer-Modellen wie ChatGTP könnte die Sprache zur Interaktion noch schneller den Weg in die Fertigung finden. Heute erhalten Mitarbeiter_innen durch KI Entscheidungshilfen. Und auch als Teil der Prozessautomatisierung fungiert die künstliche Intelligenz schon.
Circa 1000 Roboter sind in den Karosseriebauten im Einsatz. Viele Daten fallen an - von OEE-Werten bis Durchlaufzeiten. Die AI ermittelt dabei heute Abweichungen vom Plansoll. Als zusätzliche Logik korreliert sie die Informationen mit weiteren Datenquellen, "etwa dem Planungssystem", schildert Weghofer. Mitarbeiter_innen erhalten die Ergebnisse "device-agnostisch" auf den Rechner oder das Smartphone gespielt.
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KI, die Gewinnmaschine?
Rasend schnell erwischte Microsofts Chatbot-Technologie ChatGPT Beobachter auf dem falschen Fuß. Die jüngste AI aus dem Repertoire der Transformer-Methodiken schaffte etwas ungeheuerliches: Sie fusionierte die bislang nur getrennt auftretenden AI-Felder Sprache, Bild und Text. In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz Identitäten durcheinander wirbelt und womöglich die letzten Vertrauensbildungen des Geschäftsalltags erschüttert, sind die Herausforderungen für Unternehmen damit gewaltig: Sie müssen Sandboxes errichten, mit KI experimentieren und neue Engineering-Skills aufbauen.
Die gute Nachricht: Viele stellen sich dem neuen Wettlauf. Entweder, um die Gewinnmaschine AI anzuwerfen, oder um Prozesse abzusichern oder künstlich zu optimieren. Bereits mittendrin im Paradigmenwechsel, schrauben sie an KI-Systemen. Diesen Monat stellt INDUSTRIEMAGAZIN die Industrial-AI-Vordenker der Industrie in einer Serie vor.
AI: Wo kein Business Case, da kein Use Case
In der Karosserievermessung werken vier Roboter im Takt. Hier werden mittels AI aus Multisensordaten Muster erkannt. Früher mussten die maßgebenden Transportvorrichtungen für die Karosserie aus dem Produktionsprozess ausgeschleust und einzeln vermessen werden. Heute nutzt Magna die 100-Prozent-Messung direkt an der Linie und ermittelt durch AI mögliche Abweichungen frühzeitig. "Das bringt eine nicht unerhebliche Zeit- und Kostenersparnis", sagt Weghofer.
Tatsächlich denken die Steirer_innen – wie ihre Kollegen und Kolleginnen aus 343 weiteren Produktionswerken – radikal in Business Cases. AI ist da keine Ausnahme. Wo kein Business Case, da auch kein Use Case. Eine global gültige Referenzarchitektur regelt, was IT und OT abzubilden haben.
Orchestriert von einer Stabstelle in den Staaten werden Technologien auf globale Skalierbarkeit abgeklopft. "Wir schaffen Module, die im Konzern beliebig wieder einsetzbar sind ", sagt Weghofer. Ein kollaboratives, offenes Datenökosystem wie etwa Catena-X, dass auch Lieferanten und Sublieferanten entlang des Wertschöpfungsnetzwerkes anbindet, kann AI-Technologien demnach einen zusätzlichen Schub geben, hofft Weghofer.
Werden ChatGPT & Co also auch in der Industrie in den Rang einer "God-Software" erhoben werden? Weghofer sieht die (technologische) Singularität noch in weiter Ferne. AI schaffe jedoch zusätzliche Möglichkeiten, Wissen und Erfahrungen von Mitarbeiter_innen auf neue Weise zu erfassen und in einem fortlaufenden Lernprozess zu verarbeiten, um daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten", sagt er.
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Magna Steyr zusammengefasst
Eine mehr als 100-jährige Erfahrung in der Fahrzeugproduktion und ein breites Leistungsspektrum machen Magna Steyr zu einem führenden, markenunabhängigen Engineering- und Fertigungspartner für Automobilhersteller. Magna Steyr ist der weltweit erste Fahrzeug-Auftragsfertiger, der eine breite Palette an Antriebstechnologien in einem Werk fertigt: vom konventionellen Antrieb über Plug-in Hybrid bis hin zum rein elektrischen Fahrzeug. Dies zum Teil auch auf derselben Produktionslinie.
Der Standort in Graz nimmt innerhalb des Magna-Konzerns eine besondere Rolle ein. Neben der über 100-jährigen Geschichte zeichnet sich das Grazer Magna Steyr-Werk vor allem auch durch seine Größe und Gesamtfahrzeugkompetenz aus. Der Standort Graz ist nicht nur der größte Standort von Magna International weltweit, sondern auch der einzige, an dem Fahrzeuge produziert werden. Und das gleich für mehrere unterschiedliche Kunden.
Der kanadische Autozulieferkonzern Magna hat das Jahr 2022 mit mehr Umsatz aber deutlich weniger Gewinn abgeschlossen. Die Erlöse legten im Jahresvergleich um 4 Prozent auf 37,8 Mrd. Dollar (35,09 Mrd. Euro) zu.