Russland-Sanktionen Automarkt : Russland-China-Handel: Lukrativer China-Umweg für West-Autos
Mercedes-Modell bei einem Moskauer Autohändler, 2025
- © Natasha - stock.adobe.comObwohl westliche Staaten umfassende Sanktionen gegen Russland verhängt haben, finden weiterhin Zehntausende Fahrzeuge internationaler Hersteller ihren Weg ins Land. Nach Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters, die sich auf Zulassungsdaten und Insiderinformationen stützt, hat sich China dabei zu einem zentralen Umschlagplatz für diesen sogenannten „Graumarkt“ entwickelt.
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Demnach floriert der Handel mit Fahrzeugen unterschiedlichster Marken – von Toyota bis hin zu deutschen Premiumherstellern. Russische Händler greifen dabei auf komplexe Netzwerke zurück, über die sie Fahrzeuge über chinesische Zwischenhändler beziehen. Daten des russischen Analyseunternehmens Autostat sowie Aussagen von Brancheninsidern bestätigen diese Praxis.
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Null-Kilometer-Trick: So umgehen Händler die Sanktionen
Ein entscheidender Hebel zur Umgehung bestehender Exportverbote ist die formale Umdeklarierung fabrikneuer Fahrzeuge. Diese werden in China zugelassen und anschließend als „Gebrauchtwagen“ mit null Kilometern Laufleistung exportiert. Reuters hatte über diese Methode bereits im Vorjahr berichtet. Durch die Zulassung in China profitieren Hersteller und Händler zudem von höheren Verkaufszahlen und staatlichen Subventionen. Ein weiterer Vorteil: Beim Export von Gebrauchtwagen ist keine ausdrückliche Genehmigung der jeweiligen Hersteller für den Verkauf nach Russland erforderlich. Zhang Ai Jun, die früher als Exporteurin bei einem Autohändler in Sichuan tätig war, erklärte dazu: "So ist der Export einfacher."
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In Russland selbst werden für diese Fahrzeuge Preise auf dem Niveau von Neuwagen verlangt. Dies bestätigte ein russischer Händler gegenüber Reuters, zudem belegen entsprechende Dokumente die hohen Verkaufspreise. Dmitry Zazulin, Verkaufsleiter des Moskauer Autohauses Panavto-Zapad, betonte die anhaltende Nachfrage nach westlichen Marken: "Wir können sie derzeit jedoch nur über parallele Kanäle einführen." Viele Kunden legten weiterhin Wert auf Fahrzeuge etwa von Mercedes.
Mercedes, BMW, VW: Klare Ansage zum Russland-Export
Unternehmen wie Mercedes-Benz, BMW und Volkswagen betonten, dass sie den Verkauf ihrer Fahrzeuge nach Russland untersagten und gegen unerlaubte Exporte vorgingen. Allerdings sei die Aufklärung entsprechender Verstöße mit erheblichem Aufwand verbunden. Mercedes erklärte, dies sei "zeitaufwendig und komplex". BMW teilte mit, der chinesische Einzelhandel sei ausdrücklich angewiesen worden, Exporte nach Russland strikt zu unterbinden. Gelangten dennoch Fahrzeuge als Graumarktimporte ins Land, geschehe dies "außerhalb unseres Einflussbereichs und ausdrücklich gegen unseren Willen".
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Ein Händler aus Wladiwostok berichtete gegenüber Reuters, sein Unternehmen halte keine entsprechenden Fahrzeuge auf Lager, beschaffe sie jedoch bei konkreter Kundennachfrage einzeln über Mittelsmänner.
Auch staatliche Stellen verweisen auf bestehende Kontrollen. Das deutsche Wirtschaftsministerium erklärte, der Zoll prüfe regelmäßig Hinweise auf mögliche Sanktionsverstöße. Japan betonte ebenfalls seine Exportkontrollen, während das südkoreanische Handelsministerium angab, gegen indirekte Gebrauchtwagenexporte nach Russland vorzugehen.
Die Sanktionen der EU, der USA, Südkoreas und Japans untersagen in der Regel den Export hochpreisiger Fahrzeuge, Autos mit großem Hubraum sowie Elektro- und Hybridmodelle nach Russland. Viele Hersteller hatten zudem angekündigt, ihr Russlandgeschäft vollständig einzustellen oder deutlich zu reduzieren.
Russland 2025: Jede zweite West-Marke kommt aus China
Zahlen von Autostat zeigen, dass sich seit 2023 die Zahl der in China produzierten Fahrzeuge westlicher, japanischer und südkoreanischer Marken in Russland mehr als verdoppelt hat. Sie machen inzwischen fast die Hälfte der rund 130.000 Fahrzeuge aus, die 2025 von Herstellern aus Sanktionsstaaten in Russland verkauft wurden.
Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Toyota. Nach chinesischen Marken war das Unternehmen im vergangenen Jahr die meistverkaufte ausländische Marke in Russland. Fast 30.000 Fahrzeuge wurden verkauft, davon rund 24.000 mit Produktionsstandort China. Der Konzern erklärte jedoch, keine Neuwagen direkt nach Russland zu exportieren.
Der Sanktionsexperte Sebastiaan Bennink von der Kanzlei Bennink Dunin-Wasowicz verwies auf die Vielzahl möglicher Umgehungsstrategien. Es gebe derart viele Schlupflöcher, dass es "fast unmöglich" sei, zu verhindern, dass bestimmte Fahrzeuge letztlich in Russland landeten.
G-Klasse für 120.000 Euro: Russlands Luxusmarkt floriert
Auch deutsche Marken bleiben gefragt. Von knapp 47.000 neu zugelassenen Fahrzeugen der Hersteller BMW, Mercedes und Volkswagen in Russland stammen laut Autostat mehr als 20.000 aus chinesischer Produktion. Die übrigen Fahrzeuge wurden zwar in Europa gefertigt, erreichten Russland nach Einschätzung von Analysten und Insidern jedoch vermutlich ebenfalls über den Umweg China.
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Besonders begehrt ist in wohlhabenden Kreisen die Mercedes G-Klasse. Das in Österreich produzierte Modell kann Preise von rund 120.000 Euro erzielen, wie Felipe Munoz von der Analysefirma Car Industry Analysis erläuterte. Frachtunterlagen, die Reuters einsehen konnte, dokumentieren zudem Transporte von Modellen wie dem Mercedes GLC 300 sowie dem BMW X1 von China nach Russland. Angesichts des stark wachsenden Autohandels zwischen beiden Ländern erscheine es naheliegend, dass zahlreiche aus Deutschland nach China exportierte Fahrzeuge letztlich auf dem russischen Markt landen, so Munoz.