Interview : Semperit-Chef Thomas Fahnemann: „Ich bin sicher, dass 2050 ein Großteil der verbrauchten Güter wieder in Europa produziert werden.“

Herr Fahnemann, Semperit liegt seit Jahren im Streit mit ihrem thailändischen Joint Venture-Partner Sri Trang Agro-Industry. Die Auseinandersetzungen haben 2011 gleichzeitig mit Ihrem Antritt als CEO begonnen. Haben Sie andere Vorstellungen von Kooperation als Ihre Vorgänger?
Das Joint Venture ist Ende der 80er-Jahre als 50:50-Beteiligung gegründet worden, wobei Semperit das Dirimierungsrecht hat. Unser Partner ist zuständig für die Zulieferung und Beschaffung des Rohstoffes Naturlatex wir sorgen für Technical Assistance und Vertrieb. Als ich vor rund sechs Jahren an Bord gekommen bin, war die Transparenz in der Beschaffungsabteilung unserer gemeinsamen Unternehmen nicht so, wie wir uns das vorstellten. Wir haben Informationen eingefordert und nicht bekommen.
Es ging dabei um die Preisgestaltung …?
Um derartige Daten und Informationen über Beschaffungsvorgänge zu bekommen, ist im Gesellschafter-Vertrag vorgesehen falls erforderlich ein Schiedsgericht in der Schweiz anzurufen. Das haben wir getan und bisher mit jeder Entscheidung recht bekommen. Aber die Bereinigung des Konfliktes wird noch dauern.
Beeinflusst der Partnerstreit das operative Geschäft?
Zunehmend. Innerhalb des JV beziehen wir den Naturlatex vom thailändischen Partner. Eine Produktionsplanung wird schwierig, wenn Sie nicht genau wissen zu welchen Konditionen die Lieferung kommt oder nicht. Das hat Auswirkungen auf die Preisgestaltung und auf die Lieferbeziehungen. An diesen Problemen arbeiten wir.
Wie soll es nach dem Rechtsstreit weitergehen?
Wir sind 50-Prozent-Eigner des Unternehmens. Wir gehen davon aus, dass Spielregeln die von beiden Partnern definiert wurden eine für alle transparente Basis zur Zusammenarbeit mit schnelleren Entscheidungen ermöglichen. Aber wir wollen nicht verkaufen. Wir brauchen die Mengen an Zulieferungen und dabei bleibt es.
Sie haben 2012 nach der „Internationalisierung“ die „Globalisierung“ der Semperit ausgerufen – und in einem ersten Schritt Latexx Partners in Malaysia, den weltweit sechstgrößten Produzenten von medizinischen Handschuhen, aufgekauft. Zeit für ein Fazit: Ist die Globalisierung von Semperit auf Schiene?
Ich bin überzeugt, dass Semperit in seinen zentralen Segmenten ein globaler Player mit Führungsanspruch sein muss. Wir haben uns nach dem Kauf von Latexx Partners entschieden, die größte und modernste Handschuh-Fabrik der Welt hinzustellen. Derzeit fahren wir die Produktion sukzessive hoch, sind aber noch weit von Volllast entfernt. Da gibt es jetzt Anlaufkosten.
Was kann ich unter Anlaufkosten verstehen?
Zum Beispiel schulen wir schon die Mitarbeiter, ohne dass wir einen Handschuh produzieren. Das macht sich in den Segmentzahlen bemerkbar. Ich betone aber: wir sind mit unserer Gesamtsituation zufrieden. Wir kompensieren mit den guten Erträgen des Industriessektors unsere Schwierigkeiten bei der Sempermed. Dieses Ungleichgewicht kriegen wir aber in den Griff.
Wo liegen die Unterschiede bei einem Produktionsstandort in Wimpassung und einem Werk im malaysischen Kamunting?
Das lässt sich kaum vergleichen. Aber ein Punkt, der in Asien und Malaysia wesentlich besser gehandhabt wird, ist der Ablauf eines Behörden –und Genehmigungsverfahrens. Es wäre ein leichtes, an diesem Punkt die Attraktivität des Standortes Wimpassing deutlich zu steigern...
Das würde wahrscheinlich den Verzicht auf viele Prüf- und Bewilligungsverfahren bedeuten?
Ganz im Gegenteil! Die Umweltstandards und die Anforderungen in Prüf- und Bewilligungsverfahren sind in Schwellenländern heute nicht geringer. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung in Malaysia ist sogar schärfer als in Österreich. Es ist nur so, dass ein Behördenvorgang, der in Österreich zwei Jahre braucht, dort von den Behörden in drei Monaten abgehandelt wird. Das ist ein Rennen eines VW Golfs gegen einen Ferrari. Das ist Fakt.
Ist der Industriestandort Österreich im globalen Wettbewerb eigentlich haltbar?
Natürlich. Sie werden vielleicht überrascht sein, aber ich bin überzeugt, dass wir in ein Stadium der Reindustriealisierung Europas eintreten. Mehr noch: Ich glaube, dass 2050 sogar ein Großteil der in Europa verbrauchten Güter wieder in Europa produziert werden wird.
Wie das?
Es ist unbestritten, dass die Rückkehr vieler abgewanderter Industriezweige durch die Digitalisierung und Automatisierung beschleunigt wird. Der Faktor Arbeit verliert als Standortkriterium an Bedeutung, denn Personalkosten werden durch die Automatisierung zu zunehmend zu vernachlässigenden Positionen. Ein Unternehmen muss außerdem dort präsent sein, wo seine Kunden sind. Sie müssen in China sein, um in China verkaufen zu können. Und sie müssen in Europa sein, um in Europa verkaufen zu können. Hinzu kommen die Wohlstandseffekte: China ist längst kein billiger Produktionsstandort mehr. Die Karawane ist schon wieder im Aufbruch.
Solange der Transport von Waren praktisch nichts kostet, können jedoch selbst inkrementelle Kostenvorteile am anderen Ende der Welt genutzt werden...
Dies stimmt nur unter der Voraussetzung, dass Logistik billig bleibt. Ich bin überzeugt, dass es unter anderem auch aus Klimaschutzgründen in Zukunft immer unrentabler wird.
-> weiter auf Seite 2
Herr Fahnemann, Sie gelten als glühender Europäer. Griechenlandkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise, jetzt der das Brexit-Referendum in Großbritannien: Was tut das mit ihnen?
Die Ereignisse bereiten mir Sorge. Ich gebe zu: Ich habe den Brexit nicht kommen sehen. Gott sei dank sind wir als Unternehmen so gut wie gar nicht davon betroffen. Es gibt keinen Produktionsstandort auf der Insel und wir bedienen den Markt ebenso, wie wir es bisher getan haben. Die geringen Pfund-Bestände, die wir auf den Konten liegen hatten, haben wir wenige Tage vor der Abstimmung verkauft...
Verstehen Sie Menschen, für die die EU zum Feindbild wurde?
Nein. Aber ich verstehe Leute, die an der Lösungskompetenz der EU zweifeln. Es ist nicht nachzuvollziehen, dass die Kommission und das Parlament über Monate und Jahre darüber streiten, ob ein Bergkäse so heißen darf, wie er die letzten Jahrhunderte geheißen hat.
Kann ein Gebilde, das so große wirtschaftliche Gefälle wie die EU aufweist, überhaupt eine Einheit bilden?
Ich habe lange in den USA gelebt. Und ich sage Ihnen, dass das Gefälle zwischen Deutschland und Ländern wie Rumänien oder Bulgarien geringer ist als der Unterschied in der Wirtschaftskraft von New York und Albama oder Kalifornien und Louisiana. Und die USA funktionieren prächtig.
Was würden Sie sich für die Zukunft Europas wünschen?
Für Vereinigte Staaten von Europa ist die Zeit noch nicht reif. Aber wir können die Entwicklung deutlich ein Stück in diese Richtung treiben. Wir müssen die großen Themen angehen: Die Vereinheitlichung des Steuersystems, Verteidigung, Außenpolitik, das sind Bereiche, in denen Europa gemeinsam vorgehen kann und muss. Dabei bei kann ich ja - wie in den USA – inhaltlich differenzieren, was EU- und was Landesmaterie bleibt. Es ist für mich ein Armutszeugnis, dass in den Fragen der Flüchtlingskrise zu nationalen Lösungen gegriffen wurde.
Wie muss sich die EU verändern?
Die EU wird solange nicht funktionieren, so lange eine Runde von Premierministern entscheidet, wo es mit Europa hingeht. Das EU-Parlament braucht - mehr oder weniger - die Kompetenzen der nationalen Volksversammlungen. Dazu wird es direkt gewählt. Solange Litauen, Österreich oder Luxemburg im Sololauf EU-Projekte an die Wand fahren können, wird es in der EU keine Lösungskompetenz geben.