Ölpreis Logistik Versorgungssicherheit : Ölpreis-Prognose 2026: Dieses Risiko bedroht Österreichs Logistik

OMV Raffinerie Schwechat

Die OMV-Raffinerie Schwechat wird über die Trans-Alpine-Pipeline (TAL) aus Triest versorgt. Rund 94 Prozent des österreichischen Rohöls gelangen über diese Infrastruktur ins Land.

- © OMV

Der Ölmarkt hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Während früher vor allem Angebot, Nachfrage und Förderquoten den Preis bestimmten, dominieren heute geopolitische Risiken, fragile Lieferketten und energiepolitische Umbrüche das Bild. Für Österreichs Logistikbranche ist das besonders relevant. Denn kaum ein anderer Wirtschaftsbereich reagiert so sensibel auf Schwankungen bei Öl- und Dieselpreisen wie der Transportsektor.

Gleichzeitig geht es längst nicht mehr nur um die Frage, ob Treibstoff teurer oder billiger wird. Vielmehr entsteht ein neues Umfeld, in dem Versorgungssicherheit, geopolitische Stabilität und Energiepolitik zu strategischen Wettbewerbsfaktoren werden.

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Warum der Ölmarkt schwieriger kalkulierbar geworden ist

Noch vor wenigen Jahren galt der Ölpreis als vergleichsweise berechenbar. Die OPEC regulierte die Fördermengen, die Weltwirtschaft bestimmte die Nachfrage und geopolitische Krisen blieben oft regional begrenzt.

Heute ist die Situation deutlich komplexer. Konflikte im Nahen Osten, Sanktionen gegen Russland oder Spannungen rund um Iran wirken sich unmittelbar auf den Weltmarkt aus. Gleichzeitig verändert die Energiewende langfristig die Nachfrage nach fossilen Energieträgern.
Die Internationale Energieagentur International Energy Agency weist seit längerem darauf hin, dass geopolitische Spannungen den Ölmarkt zunehmend anfälliger für kurzfristige Preisschocks machen. Schon kleinere Eskalationen können inzwischen erhebliche Auswirkungen auf Preise und Lieferketten haben.

Viele Analysten rechnen deshalb weniger mit stabilen Ölpreisen als vielmehr mit einer Phase hoher Volatilität.

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Moderate Ölpreise gelten nicht mehr als sicherstes Szenario

Noch zu Beginn der aktuellen Nahost-Eskalation gingen viele Analysten davon aus, dass sich die Lage rund um die Straße von Hormus vergleichsweise rasch stabilisieren würde. Inzwischen verschieben jedoch immer mehr Banken und Marktbeobachter ihre Prognosen nach oben.
Hintergrund ist die anhaltende Blockade wichtiger Transportwege im Persischen Golf. Während zunächst mit einer schnellen Wiederaufnahme regulärer Öltransporte gerechnet wurde, erwarten mehrere Institute mittlerweile deutlich längere Einschränkungen bei den Durchflüssen.
Nach Einschätzung von Marktanalysten könnte das Transportvolumen über weite Strecken des Jahres unter dem Vorkriegsniveau bleiben. Dadurch würde nicht nur der globale Handel belastet, sondern auch die Fördermengen wichtiger Exportländer am Persischen Golf eingeschränkt.

Derzeit wird der ausfallende Anteil am weltweiten Ölangebot auf rund 14 Millionen Barrel pro Tag geschätzt. Fachleute warnen zudem, dass sich die Schäden an Energie- und Transportinfrastruktur mit jedem weiteren Monat ohne politische Lösung vergrößern könnten. Entsprechend verändern sich auch die Preisprognosen.

Im derzeit wahrscheinlichsten Basisszenario rechnen Analysten zwar weiterhin mit einer schrittweisen Normalisierung der Transporte. Dennoch dürften die Preise erhöht bleiben. Mehrere Banken sehen Brent inzwischen zeitweise bei über 100 Dollar pro Barrel.
Sollte die Unterbrechung der Handelsrouten dagegen länger anhalten, halten Marktbeobachter dauerhaft dreistellige Ölpreise für möglich. In Extremfällen — etwa bei zusätzlichen Einschränkungen saudischer Exporte oder einer weiteren Eskalation rund um die Vereinigten Arabischen Emirate — werden sogar kurzfristige Ausschläge bis zu 150 Dollar pro Barrel diskutiert.

Für die Logistikbranche wären solche Entwicklungen gravierend. Dauerhaft hohe Energiepreise würden nicht nur Diesel verteuern, sondern in weiterer Folge auch Frachtraten, Versicherungen, Lagerhaltung, und Finanzierungskosten massiv erhöhen. 

Warum geopolitische Risiken dennoch ein enormes Problem bleiben

Gleichzeitig warnen viele Marktbeobachter davor, die geopolitischen Risiken zu unterschätzen. Besonders der Nahe Osten bleibt ein zentraler Unsicherheitsfaktor.

Ein erheblicher Teil des weltweiten Öltransports passiert die Straße von Hormus. Bereits kleinere militärische Zwischenfälle oder politische Eskalationen können dort massive Auswirkungen auf die Weltmärkte haben.

Mehrere Analystenhäuser haben ihre Prognosen deshalb zuletzt nach oben angepasst. Einige Banken halten kurzfristige Preissprünge auf über 100 Dollar pro Barrel weiterhin für möglich, sollte sich die Lage rund um Iran oder die Straße von Hormus verschärfen.

Für Europa wäre das besonders problematisch, da viele Staaten weiterhin stark von Energieimporten abhängig sind. Österreich würde steigende Ölpreise unmittelbar spüren. Höhere Dieselpreise verteuern Transporte, erhöhen die Kosten entlang der Lieferketten und wirken sich letztlich auf nahezu alle Wirtschaftsbereiche aus.

Gleichzeitig ist selbst bei einer erneuten Eskalation rund um die Straße von Hormus  ein vollständiger Zusammenbruch der Ölversorgung nicht das wahrscheinlichste Szenario. Claus Born, Senior Vice President bei Franklin Templeton, verweist darauf, dass Saudi-Arabien Öl über seine Ost-West-Pipeline an das Rote Meer transportieren kann und auch die Vereinigte Arabische Emirate alternative Exportwege nutzen. Für Österreichs Logistik bedeutet das eine wichtige Einordnung: Das größere Risiko liegt weniger in einem abrupten Lieferstopp als in dauerhaft erhöhter Unsicherheit, steigenden Transportkosten und einer deutlich schwierigeren Kalkulation von Energiepreisen.

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Österreichs größte Schwachstelle liegt bei der Versorgungssicherheit

Viel gravierender als die eigentliche Preisfrage könnte für Österreich jedoch die strukturelle Abhängigkeit bei der Ölversorgung werden. Eine Analyse des Complexity Science Hub und des Supply Chain Intelligence Institute Austria zeigt, wie konzentriert Österreichs Ölversorgung tatsächlich ist. Demnach gelangen rund 94 Prozent des in Österreich verbrauchten Rohöls über die Trans-Alpine-Pipeline (TAL) ins Land — vom italienischen Hafen Triest bis zur Raffinerie Schwechat.

Die restlichen Mengen stammen aus der heimischen Förderung im Ölfeld Matzen. Damit hängt die österreichische Energieversorgung praktisch an einer einzigen kritischen Infrastruktur.

Stefan Thurner, Studienautor und Präsident des Complexity Science Hub, warnt deshalb vor einer massiven Konzentration der Versorgung: Österreichs Ölversorgung sei auf eine Pipeline, einen Hafen und wenige zentrale Lieferketten konzentriert.

Besonders heikel: Ein großer Teil des Rohöls stammt aus Kasachstan und gelangt über geopolitisch sensible Transportwege nach Europa. Damit hängen große Teile der österreichischen Energieversorgung indirekt von internationalen Krisenregionen und maritimen Handelsrouten ab.

Die TAL-Pipeline verbindet den Hafen Triest mit der Raffinerie Schwechat und ist das zentrale Rückgrat der österreichischen Ölversorgung.

- © TAL-Gruppe / www.tal-oil.com

Die TAL-Pipeline wird zum Nervensystem der österreichischen Wirtschaft

Für die Logistikbranche ist diese Abhängigkeit hochrelevant. Denn die TAL-Pipeline ist nicht nur irgendeine Energieverbindung — sie bildet faktisch das zentrale Versorgungssystem für Österreichs Raffinerie- und Treibstoffversorgung.

Wie verletzlich dieses System ist, zeigte sich zuletzt durch Störungen entlang der Infrastruktur in Norditalien. Schon kurzfristige Unterbrechungen können erhebliche Auswirkungen auf Versorgung und Preise haben.

Die Forschenden des Complexity Science Hub warnen ausdrücklich davor, dass strategische Reserven bei länger anhaltenden Ausfällen deutlich schneller unter Druck geraten könnten als bisher angenommen.

Für Österreichs Wirtschaft wäre ein längerer Ausfall gravierend. Betroffen wären sowohl Treibstoffversorgung, Transportwirtschaft, Industrieproduktion, und weite Teile der Lieferketten. 

Warum zerstörte Energie-Infrastruktur zum größten Risiko werden könnte

Viele Analysten gehen heute davon aus, dass nicht mehr nur Fördermengen oder OPEC-Entscheidungen entscheidend sind, sondern die Verwundbarkeit der Energie-Infrastruktur selbst. In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, wie anfällig Pipelines, Raffinerien, Exportterminals, Tankerrouten und Häfen im Nahen Osten geworden sind.

Ein Wendepunkt war bereits der Angriff auf die saudischen Anlagen Abqaiq und Khurais im Jahr 2019. Damals wurden zentrale Anlagen von Saudi Aramco mit Drohnen und Marschflugkörpern attackiert. Die Angriffe legten zeitweise rund 5,7 Millionen Barrel täglicher Produktion lahm — etwa fünf Prozent der weltweiten Ölversorgung. Die Ölpreise sprangen innerhalb kürzester Zeit massiv an.

Viele Energieexperten sehen darin rückblickend den Beginn einer neuen Phase: Energie-Infrastruktur wurde erstmals sichtbar zum geopolitischen Angriffsziel mit globalen wirtschaftlichen Folgen.

Seitdem hat sich die Lage weiter verschärft. Im Zuge der aktuellen Iran-Krise und der Eskalationen rund um die Straße von Hormus kam es erneut zu Angriffen auf Energieanlagen, Häfen und Tankerrouten in der Golfregion. Besonders betroffen waren zuletzt die Vereinigten Arabischen Emirate. Iranische Drohnen- und Raketenangriffe trafen unter anderem Infrastruktur rund um Fujairah — einen der wichtigsten alternativen Exportkorridore außerhalb der Straße von Hormus.

Das ist strategisch hochrelevant. Fujairah gilt eigentlich als zentrale Ausweichroute, falls die Straße von Hormus blockiert wird. Genau deshalb sehen viele Analysten die Angriffe als Signal, dass künftig nicht nur klassische Öltransporte bedroht sind, sondern gezielt auch alternative Sicherheitskorridore.

Gleichzeitig wurden in den vergangenen Monaten mehrfach Tanker angegriffen oder beschädigt. Versicherungsprämien für Schiffe in der Region stiegen deutlich an, Reedereien änderten Routen und Lieferzeiten verlängerten sich.

Die Internationale Energieagentur International Energy Agency warnt seit längerem davor, dass die Straße von Hormus einer der kritischsten „Chokepoints“ der Weltwirtschaft ist. Rund 20 Millionen Barrel Öl pro Tag passieren die Meerenge — etwa ein Viertel des weltweiten seebasierten Ölhandels. Die Möglichkeiten, diese Route zu umgehen, sind stark begrenzt.

Viele Marktanalysen sprechen deshalb inzwischen von einer „Infrastructure Risk Economy“. Gemeint ist ein Markt, in dem Pipelines, Stromversorgung, Raffinerien, Tanklager, Exporthäfen, Unterseekabel und maritime Handelsrouten zu den eigentlichen neuralgischen Punkten geworden sind.

Besonders problematisch: Viele dieser Anlagen liegen geografisch extrem konzentriert. Schon relativ kleine Angriffe können daher enorme Auswirkungen auf Weltmärkte haben.

Die aktuellen Entwicklungen zeigen außerdem, dass moderne Konflikte nicht mehr zwingend großflächige Kriege benötigen, um Lieferketten massiv zu destabilisieren. Drohnen, Cyberangriffe, Sabotageakte oder Attacken auf einzelne Häfen reichen oft bereits aus, um Transportkosten, Versicherungen und Energiepreise weltweit zu beeinflussen.

Für die Logistikbranche ist das deshalb weit mehr als ein Energie-Thema. Denn Schäden an Öl-Infrastruktur wirken sich direkt auf Dieselpreise, Frachtraten, Containerkosten, Schiffsversicherungen, Transitzeiten, Lagerhaltung und Versorgungssicherheit aus. „Die Verwundbarkeit kritischer Energie-Infrastruktur ist heute eines der größten systemischen Risiken für die Weltwirtschaft“, heißt es etwa in mehreren aktuellen Sicherheits- und Energieanalysen.

Rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports passiert die Straße von Hormus – eines der wichtigsten maritimen Nadelöhre der Weltwirtschaft.

- © Yellow Boat - stock.adobe.com

CO₂-Kosten verändern die Kalkulation zusätzlich

Parallel dazu steigen auch die politischen Kosten fossiler Energie. Mit dem europäischen Emissionshandelssystem ETS 2 wird der Verkehrssektor schrittweise stärker in die CO₂-Bepreisung einbezogen. Dadurch könnten Diesel und andere fossile Kraftstoffe langfristig teuer bleiben — selbst dann, wenn der eigentliche Ölpreis sinkt.

Der Schwerverkehr bleibt abhängig von Diesel

Hinzu kommt, dass die Energiewende im Güterverkehr langsamer voranschreitet als in anderen Bereichen. Während Elektroautos im Pkw-Markt zunehmend Marktanteile gewinnen, bleibt Diesel im Schwerverkehr vorerst dominant. Alternative Technologien wie batterieelektrische Lkw, Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe gelten zwar als wichtige Zukunftslösungen, kämpfen derzeit aber noch mit hohen Kosten und fehlender Infrastruktur.

Die Internationale Energieagentur International Energy Agency geht deshalb davon aus, dass fossile Kraftstoffe im Straßengüterverkehr kurzfristig weiterhin eine zentrale Rolle spielen werden.

WKO-Spartenobmann Alexander Klacska ordnete das Thema alternative Kraftstoffe für Dispo in einem Interview ein. So sei HVO „deutlich stärker im Markt vertreten als Elektromobilität“ und ermögliche bei vorhandenen Fahrzeugen „bis zu 90 Prozent CO₂‑Einsparung“. Zudem könne bei Engpässen jederzeit wieder auf Diesel zurückgegriffen werden, da „dieselben Fahrzeuge genutzt werden können und damit auch keine zusätzlichen Investitionen notwendig sind.“ Wasserstoff bleibe „ein interessantes Thema“, doch stelle sich die Frage nach Herstellungs‑ und Speicherfähigkeit weltweit. Europa und Österreich müssten international „deutlich stärker Tempo aufnehmen, insbesondere durch internationale Partnerschaften. Denn Erdöl sprudelt auch nicht aus unserem Boden, deshalb finde ich die Diskussionen über Abhängigkeiten immer etwas fadenscheinig.“

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Trotz alternativer Antriebe bleibt Diesel im Straßengüterverkehr kurzfristig der dominierende Energieträger.

- © APA/HELMUT FOHRINGER