Defence : Neustart nach jahrelanger Pause: Wie Airbus die Eurofighter-Produktion wieder hochfährt
Eurofighter-Endfertigung in Manching: Mitarbeiter aus der Automobilindustrie übernommen und umgeschult.
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Die Produktion von Kampfflugzeugen galt lange als eingespieltes System. Hochkomplex, aber stabil. Doch die vergangenen Jahre haben dieses Gleichgewicht verschoben. Geopolitische Spannungen, ein Nachfrageboom und unterbrochene Produktionslinien zwingen Hersteller dazu, Strukturen neu aufzubauen. Bei Airbus Defence and Space zeigt sich diese Dynamik besonders deutlich. „Wir haben unsere Endfertigung in Spanien und Deutschland erst 2021 und 2024 reaktiviert“, sagt Rainhill Freitas, Leiter der Kampfflugzeugproduktion beim 9. Deutsch-Österreichischen Technologieforum in Wien.
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Zuvor hatte es eine mehrjährige Pause gegeben. Nach dem letzten Auslieferungsschub 2019 standen Teile der Produktion still - weil die Nachfrage fehlte. Erst die geopolitische Lage, insbesondere seit 2022, brachte eine Trendwende. „Seitdem hat sich sehr viel geändert“, beschreibt Freitas die Entwicklung.
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Der Wiederanlauf ist jedoch kein einfaches Hochfahren bestehender Kapazitäten. Vielmehr gleicht er einem Neustart unter veränderten Rahmenbedingungen. Airbus steht vor der Aufgabe, Produktionslinien zu reaktivieren, Personal aufzubauen und gleichzeitig steigende Anforderungen zu erfüllen. „Wir werden in diesem Jahr zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder einen Eurofighter ausliefern“, so Freitas. Parallel dazu sollen die Produktionsraten deutlich steigen: von aktuell 14 Flugzeugen pro Jahr auf perspektivisch 20, 24 oder sogar 30 Einheiten. Diese Dynamik trifft auf Strukturen, die ursprünglich auf ein Auslaufen des Programms vorbereitet waren. Viele Zulieferer hatten ihre Kapazitäten reduziert oder sich neu orientiert. „Ein Großteil unserer Zulieferanten hat sich in der Vergangenheit darauf eingestellt, dass das Programm beendet wird“, erklärt Freitas.
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Die Besonderheit des Eurofighter-Programms liegt in seiner multinationalen Struktur. Deutschland, Großbritannien, Spanien und Italien teilen sich Entwicklung und Produktion. Diese Arbeitsteilung ist politisch gewollt – und technisch anspruchsvoll.„Jede Nation liefert die Teile einer anderen Nation“, beschreibt Freitas das Prinzip. So stammen zentrale Komponenten aus unterschiedlichen Ländern: Der Rumpf kommt aus dem deutschen Manching, die linke Tragfläche etwa aus Italien – alles wird getrennt gefertigt und später zusammengeführt. Was nach logistischer Koordination klingt, ist in der Praxis ein komplexes System aus Vorschriften, Exportregeln und nationalen Zulassungen. „Jede Nation hat ihre eigenen Regularien“, so Freitas.
Trotz dieser Komplexität funktioniert das System seit über zwei Jahrzehnten. Mehr als 770 Flugzeuge wurden bestellt, zehn Nationen beliefert. Der Eurofighter ist damit das meistverkaufte Kampfflugzeug Europas.
Hochlauf unter Druck
Die aktuelle Herausforderung liegt weniger im Produkt selbst als im Produktionssystem. Nach Jahren niedriger Auslastung muss Airbus nun schnell skalieren – ohne dabei Qualität oder Sicherheit zu gefährden. Ein zentrales Thema ist Personal. „Wir brauchen hochspezialisiertes, qualifiziertes Personal. Und da hilft uns heute auch keine KI – das ist in den Köpfen der Leute“, betont Freitas. Die Ausbildung neuer Mitarbeiter dauert lange, die Anforderungen sind hoch. Gleichzeitig versucht Airbus, Fachkräfte aus anderen Industrien zu gewinnen. In Ingolstadt wurden etwa Mitarbeiter aus der Automobilindustrie - vom OEM Audi - übernommen und umgeschult. Doch selbst mit zusätzlichem Personal bleibt die Anlaufkurve steil. „Die Anlernzeit ist sehr hoch“, sagt Freitas.
Noch komplexer wird die Situation durch die Lieferketten. Anders als in vielen Industrien arbeitet Airbus im Eurofighter-Programm mit vergleichsweise kleinen Stückzahlen – und entsprechend spezialisierten Zulieferern. „Ein Großteil unserer Zulieferer ist Single Source“, erklärt Freitas. Das bedeutet: Für viele Komponenten gibt es nur einen einzigen Lieferanten. Gleichzeitig ist eine Diversifizierung schwierig, da jede Änderung umfangreiche Zertifizierungen und Abstimmungen zwischen den beteiligten Nationen erfordert.
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Parallel zum Hochlauf modernisiert Airbus seine Fertigung. Viele Anlagen stammen noch aus den frühen 2000er-Jahren. Neue Technologien sollen Effizienz und Transparenz erhöhen. Dazu gehören digitale Werkzeuge, 3D-Vermessung von Bauteilen und Tracking-Systeme für Werkzeuge auf Basis von Low Energy Bluetooth. Auch Tablets und digitale Modelle halten Einzug in die Fertigung. Dennoch bleibt der Mensch zentral. Die entscheidenden Fähigkeiten liegen weiterhin im Erfahrungswissen der Mitarbeiter.
Ständige Weiterentwicklung
Ein Faktor erschwert die Produktion: Der Eurofighter wird kontinuierlich weiterentwickelt. Neue Systeme, Sensoren und Waffentechnologien werden laufend integriert. „Was wir bauen, ändert sich ständig“, sagt Freitas. Das betrifft nicht nur Software, sondern auch Hardware und Strukturkomponenten. Die Folge: Produktionsprozesse müssen angepasst werden, während gleichzeitig die Stückzahlen steigen.
Trotz aller Herausforderungen sieht Freitas das Programm auf einem stabilen Fundament. Die europäische Zusammenarbeit habe sich bewährt – auch wenn sie komplex ist. „Wenn man sich überlegt hätte, ob man das so aufsetzen will, hätte es keiner getan. Und trotzdem funktioniert es“, sagt er.
Gleichzeitig richtet sich der Blick nach vorne. Mit dem Future Combat Air System arbeitet Airbus bereits an der nächsten Generation von Kampfflugzeugen – vernetzt, digital und teilweise unbemannt. Doch bis dahin bleibt der Eurofighter das Rückgrat der europäischen Luftverteidigung. Seine Produktion hochzufahren, ist daher nicht nur eine industrielle, sondern auch eine strategische Aufgabe. Für Freitas steht fest, dass Europa dazu in der Lage ist. „Ich sehe jeden Tag, wie wir es können“, sagt er.
Ein zentraler Meilenstein im aktuellen Hochlaufprogramm ist ein Testflug im März. Es handelt sich um ein Flugzeug aus der sogenannten „Quadriga“-Serie, das nach mehrjähriger Produktionsunterbrechung nun erstmals wieder in die Erprobungsphase geht.