Steyr Motors : Kleinserie statt Manufaktur: Motorenbauer reagiert auf Verteidigungsboom
Besonders im schweren Fahrzeugbau der Rüstungsindustrie dominierte bei Steyr Motors lange Zeit der Manufakturcharakter: „Produkte etwa für Kettenfahrzeuge wurden auf Einzelarbeitsplätzen aufgebaut“
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Während große Rüstungskonzerne ihre Kapazitäten ausbauen, stehen auch spezialisierte Komponentenhersteller vor der Aufgabe, von extrem kleinen Stückzahlen auf robuste Kleinserien umzuschalten. Für Thomas Biesl, Chief Commercial Officer von Steyr Motors, liegt der Schlüssel nicht in radikal neuen Produktionsmethoden, sondern in konsequenter Standardisierung und planbarer Skalierung.
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Steyr Motors produziert Hochleistungsdiesel für Marine- und Militäranwendungen – Produkte, die traditionell in sehr kleinen Stückzahlen gefertigt werden. Besonders im schweren Fahrzeugbau der Rüstungsindustrie dominierte lange Zeit der Manufakturcharakter. „Produkte etwa für Kettenfahrzeuge wurden auf Einzelarbeitsplätzen aufgebaut“, beschreibt Biesl die historische Ausgangslage.
Typisch waren Losgrößen „ab dem niedrigen, mittleren zweistelligen Bereich pro Jahr“, sagt er. Doch mit steigender Nachfrage verschiebt sich das Paradigma. Auch bei Steyr Motors wurden Bereiche, die lange in dieser Logik arbeiteten, in Richtung Kleinserienfertigung transformiert. Der Wandel begann bereits vor mehreren Jahren – noch vor der aktuellen geopolitischen Eskalation.
Kern der Transformation ist eine tiefgreifende Produktstrategie. Statt für jede Anwendung individuelle Varianten zu entwickeln, wurde das Portfolio systematisch modularisiert. „Der Hauptfokus lag auf konsequenter Standardisierung und der Bündelung von Varianten auf eine modulare Plattformarchitektur, bei der Differenzierungen erst in den späten Konfigurationsstufen erfolgen“, sagt Biesl.
Nicht maximale Taktung, sondern Agilität als Ziel
Im Gegensatz zur Automobilindustrie steht nicht die maximale Taktung im Vordergrund, sondern Anpassungsfähigkeit und Agilität. Steyr Motors montiert ausschließlich Motoren und Motor-Generator Systeme am Standort, vorangehende Fertigungsschritte sind ausgelagert. Lean-Production-Prinzipien werden auf eine High-Mix/Low Volume Umgebung adaptiert. „Wir unterscheiden uns bewusst von klassischem Automotive-Lean“, sagt Biesl.
Stattdessen sei Flexibilität entscheidend – etwa um unterschiedliche Konfigurationen kurzfristig umzusetzen. Instrumente wie 5S werden genutzt, doch die Produktionsorganisation orientiert sich stärker an Projektlogik als an hochstandardisierten Fließlinien.
Ein wesentlicher Unterschied zu Fahrzeugherstellern liegt im Systemumfang. Änderungen an einem Motor lassen sich deutlich schneller umsetzen als Modifikationen an einem kompletten militärischen Fahrzeug. Zudem existiert in der Motorenfertigung bereits eine Grundstandardisierung: Viele Bauteile sind über Anwendungen hinweg identisch, während sich Varianten erst in späteren Konfigurationsstufen ergeben.
Steyr Motors kann steigende Nachfrage auch deshalb bewältigen, weil Produktionskapazitäten skalierbar ausgelegt sind. Die Produktion liegt bei rund 1.000 Motoren – mit deutlich steigender Tendenz. „Wir sind auf einem starken Wachstumsschub unterwegs“, sagt Biesl. Besonders bei Produkten mit standardisierten Grundmotoren lässt sich die Stückzahl relativ einfach erhöhen. Infrastruktur und Prozesse sind darauf vorbereitet. Aktuell fertigt das Unternehmen in einer Vier-Tage-Woche mit einer Schicht. „Durch zusätzlichen Personalaufbau und moderate Investitionen ist eine signifikante Ausweitung der Produktionskapazität darstellbar“, sagt Biesl.