Rüstung Gefecht : Wenn KI im Feld rechnen muss: Rugged Server werden zur Schlüsseltechnologie
Defence-ready: Rugged GPU-beschleunigte Computer wie der SEMIL- 2200GC eignen sich für Echtzeit-Datenverarbeitung in mobilen Datenzentren.
- © Bressner Technology, Adobe Stock, KI-bearbeitetINDUSTRIEMAGAZIN DEFENCE: Herr Nigl, Bressner positioniert Defense Computing als IT für missionskritische Anwendungen. Wo sehen Sie aktuell die stärkste Nachfrage: Landfahrzeuge, maritime Systeme, Aerospace oder stationäre Sicherheitsinfrastrukturen?
Benjamin Nigl: Die stärkste Nachfrage sehen wir ganz klar bei mobilen und autonomen Einheiten, insbesondere bei Landfahrzeugen wie UGVs, Einsatzfahrzeugen, mobilen Gefechtsständen sowie im Aerospace-Bereich (UAVs, Drohnen, Anm.). In diesen Einsatzfeldern gibt es schlichtweg keine verlässliche Anbindung an zentrale Rechenzentren.
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Die operativen Entscheidungen müssen ohne Latenz direkt am „Point of Action“ getroffen werden, selbst dann, wenn Satellitensignale gestört oder Netzwerke ausgefallen sind. Stationäre und maritime Systeme sind ebenfalls wichtige Märkte, aber der größte Innovationsdruck liegt aktuell bei den hochmobilen Edge-Plattformen.
Rugged Hardware ist im militärischen Umfeld kein neues Thema. Was hat sich durch Edge Computing, KI-Inferenz und Echtzeit-Datenverarbeitung an den Anforderungen verändert?
Nigl: Früher reichte für militärische IT ein robuster Rechner, der vergleichsweise einfache Steuerungsbefehle oder rudimentäre Kommunikationsaufgaben ausführte. Heute sprechen wir von komplexer Sensorfusion (LiDAR, Radar, Video, Anm.) und KI-gestützter Objekterkennung in Echtzeit. Die anfallenden Datenmengen sind gigantisch. Die massive Rechenleistung, die vor wenigen Jahren noch in klimatisierten Serverräumen Platz fand, muss heute in kompakten, vibrationsresistenten Gehäusen direkt im Feld funktionieren und das autonom und ausfallsicher.
Sie nennen Rugged Embedded PCs, Edge-KI-Systeme, GPU-Computer, KI-Server und Panel-PCs als Teil des Portfolios. Welche Systeme sind derzeit besonders gefragt?
Nigl: Gefragt sind Systeme, die enorme GPU-Rechenleistung mit maximaler Widerstandsfähigkeit in extremen Umgebungen kombinieren.
Viele Anwendungen im Verteidigungsbereich hängen an Normen wie MIL-STD-810, MIL-STD-461 oder IP-Schutzklassen bis IP69K. Wie aufwendig ist es, zivile Industriehardware auf solche Anforderungen hin zu entwickeln und zu validieren?
Nigl: Der Aufwand ist massiv. Sie können nicht einfach zivile COTS-Hardware in ein Metallgehäuse stecken und hoffen, dass sie im Einsatz funktioniert. Um Normen wie MIL-STD-461G (Elektromagnetische Verträglichkeit, Anm.), MIL-STD-1275D (Fahrzeugstromnetze) oder MIL-STD-810H (Stöße, Vibrationen, Temperaturen) zu erfüllen, sind oft komplett neue Platinendesigns und spezielle, rüttelfeste Steckverbinder wie etwa B. M12 oder D38999 nötig. Hinzu kommen aufwendige Patente für die Wärmeabfuhr in passiv gekühlten Systemen und die enge Begleitung der intensiven Testlab-Validierungen.
Bressner spricht von kundenspezifischen Gehäusen, flexiblen I/O-Konfigurationen, GPU-Integration und unterschiedlichen Kühlkonzepten. Wie stark unterscheiden sich Defence-Projekte in der Praxis von klassischen Industrie-PC-Projekten?
Nigl: In der klassischen Automatisierungsindustrie haben wir oft halbwegs kontrollierte Umgebungen wie Schaltschränke oder Fabrikhallen. Im Defence-Sektor arbeiten wir nicht nur gegen Schmutz und Vibration, sondern unterliegen extremen SWaP-Restriktionen (Size, Weight, Power, Anm.) und völlig neuen Sicherheitsanforderungen. Dazu gehören der strikte Schutz vor elektromagnetischer Abhörbarkeit (EMV), Zeroization-Konzepte (schnelle, unwiderrufliche Datenlöschung im Notfall, Anm.) und physischer Manipulationsschutz. Oft werden hermetisch dichte IP69K-Gehäuse gefordert, die selbst im laufenden Betrieb Hochdruckreinigern oder stärkstem Wüstensand trotzen.
Warum im militärischen Einsatz nicht nur Rechenleistung zählt
Im militärischen Einsatz zählt nicht nur Rechenleistung, sondern auch Langzeitverfügbarkeit. Wie stellen Sie Lifecycle Management, Ersatzteilversorgung und Kompatibilität über lange Projektlaufzeiten sicher?
Nigl: Verteidigungsprojekte laufen oft über ein Jahrzehnt oder länger. Wir stellen das Lifecycle Management durch mehrere strategische Säulen sicher: Wir nutzen strukturierte Upgrade-Konzepte und greifen auf Komponenten mit Long-Life-Roadmaps, etwa von Intel oder NVIDIA, zurück.
Der 2HE SPARTAN Rugged Server wird für Anwendungen wie Sensorfusion, Echtzeit-Datenverarbeitung und Command-Systeme beschrieben. Welche Rolle spielen solche taktischen Edge-Server künftig in vernetzten Einsatzszenarien?
Nigl: Taktische Server wie unser 2HE SPARTAN Rugged Server bilden das unverzichtbare lokale Rückgrat vernetzter Einsatzszenarien (Multi-Domain Operations). Wenn keine stabile Cloud-Verbindung existiert, fungieren sie als voll funktionale mobile Rechenzentren im Feld. Sie aggregieren die massiven Sensordaten der umliegenden Edge-Geräte wie Drohnen, Fahrzeuge oder Kameras, fusionieren diese und erstellen daraus lokal ein übergreifendes, KI-gestütztes Lagebild für die Kommandoebene (so genannte C4ISR-Plattformen, Anm.)
KI-Systeme an der Edge müssen hohe Leistung liefern, aber häufig unter engen thermischen, mechanischen und energetischen Grenzen arbeiten. Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten technischen Zielkonflikte?
Nigl: Die absolute Königsdisziplin ist die Vereinbarkeit von Hochleistungselektronik und Umweltschutz, konkret das thermische Management unter strengen SWaP-Grenzen. KI-Inferenz, insbesondere über dedizierte GPUs, erzeugt massive Abwärme. Gleichzeitig fordern die Kunden oft hermetisch abgedichtete, lüfterlose Systeme für den 24/7-Betrieb in extremen Temperaturbereichen, etwa von -40 °C bis +70 °C. Die Balance zwischen extremer Rechenpower, minimaler Baugröße und verlässlicher passiver Kühlung ist hier der mit Abstand größte Zielkonflikt.
Bressner bietet neben Hardware auch Consulting, Built-to-Order-Systeme, OEM/ODM-Design, Test und Zertifizierung an. Wie früh sollten Kunden Sie in ein Defence-Projekt einbinden, damit technische und regulatorische Anforderungen sauber zusammengeführt werden?
Nigl: So früh wie irgend möglich, idealerweise direkt in der Planungs- bzw. Konzeptphase. Wir bieten neben der reinen Hardware auch tiefgreifendes Consulting und Customizing wie OEM/ODM-Design an. Wenn Kunden erst zu uns kommen, wenn das Gehäusedesign des Trägerfahrzeugs bereits final feststeht, ist es oft schwer, die technischen, thermischen und regulatorischen Anforderungen wie etwa MIL-STD-Zertifizierungen noch effizient zu integrieren. Ein rechtzeitiger technischer Schulterschluss spart Zeit, Geld und sichert letztendlich den Einsatzerfolg.
Europäische Verteidigungsprogramme rücken derzeit stärker in den Fokus. Welche Rolle können spezialisierte Anbieter wie Bressner in einer resilienteren europäischen Defence- und Sicherheitsindustrie spielen?
Nigl: Eine resilientere europäische Defence-Industrie erfordert technologische Souveränität, Versorgungssicherheit und gleichzeitig den Zugang zu globalen Innovationen. Bressner fungiert hier als essenzieller Brückenbauer. Als zertifizierter Systemintegrator und Value-Added Distributor nehmen wir High-End-COTS-Technologien, passen diese individuell an, validieren sie nach strengen europäischen und militärischen Standards und garantieren durch unsere lokale Präsenz die Lieferfähigkeit, Endmontage und den Support direkt in Europa. Wir sorgen dafür, dass europäische Projekte schnell, flexibel und ausfallsicher mit modernster Technologie beliefert werden.
IN KOOPERATION MIT BRESSNER TECHNOLOGY