Stellantis Produktionsstillstand : Stellantis-Debakel: Cassino-Werk wird zum Sinnbild der Elektro-Sackgasse

Stellantis Cassino Werk

Produktion im Stellantis-Werk Cassino: Produktionsstillstand bis 16. Januar verlängert 

- © Stellantis

Das Jahr 2026 beginnt für das Stellantis-Werk in Cassino, wie das vergangene Jahr geendet hat – mit Stillstand. Türen bleiben geschlossen, Produktionsbänder ruhen, Beschäftigte befinden sich weiterhin in Solidaritätsverträgen. Der Konzern hat angekündigt, die Produktion bis mindestens zum 16. Januar auszusetzen, was die seit Mitte Dezember bestehende Produktionspause auf über einen Monat verlängert. Was einst als zukunftsweisender Standort galt, wird nun zum Sinnbild einer strategischen Krise, die tief in den Entscheidungen der vergangenen Jahre verwurzelt ist.

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Cassino im freien Fall: Produktionskrise bei Stellantis trifft Region mit voller Wucht

Noch vor wenigen Jahren war das Werk Cassino in der italienischen Region Latium ein bedeutender Pfeiler der Stellantis-Produktion – insbesondere für die Premiummarke Alfa Romeo. Doch die Zahlen aus dem Jahr 2025 offenbaren den dramatischen Absturz: Mit weniger als 18.000 gefertigten Fahrzeugen wurde ein historischer Tiefstand erreicht. Die Aussichten für 2026 sind sogar noch düsterer. Interne Prognosen sprechen von kaum mehr als 13.000 Einheiten, ein beispielloser Rückgang, der nicht nur ökonomische, sondern auch soziale Konsequenzen nach sich zieht.

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In einer Region, deren wirtschaftliche Struktur eng mit der Automobilproduktion verknüpft ist, wirkt sich dieser Produktionsstillstand massiv auf das gesellschaftliche Gefüge aus. Besonders problematisch: Neue Modelle werden frühestens ab 2027 erwartet. Die chronische Unterauslastung des Standorts Cassino und das Ausbleiben konkreter Industriepläne nähren die Sorge, dass der Standort nur noch durch Ankündigungen und vage Versprechungen künstlich am Leben gehalten wird.

2026 sollen nur rund 13.000 Fahrzeuge das Werk in Cassino verlassen 

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Elektro ohne Plan B: Wie Alfa Romeo in die Strategie-Falle tappte

Der Ursprung der aktuellen Krise liegt in einer strategischen Entscheidung, die heute zunehmend kritisch bewertet wird. Alfa Romeo sollte ab 2027 zu einer rein elektrischen Marke umgewandelt werden – ein ambitionierter Plan, der auf dem Papier zukunftsorientiert klang, in der Realität jedoch erhebliche Lücken offenbarte. Die neue Generation der Modelle Stelvio und Giulia war als reine Elektrofahrzeuge konzipiert. Die STLA Large-Plattform, auf der diese Modelle basieren, wurde ausschließlich für batterieelektrische Antriebe (BEV) ausgelegt – Mildhybride oder Plug-in-Hybride (PHEV) waren im ursprünglichen Konzept nicht vorgesehen.

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Diese Ausrichtung war riskant und ignorierte wesentliche Markttrends. Während sich die Nachfrage nach E-Fahrzeugen in Europa und den USA verlangsamt, sind viele Kunden (wieder) an Hybridlösungen interessiert. Die Entscheidung, Alfa Romeo vollständig auf Elektro umzurüsten, erfolgte ohne „Plan B“ – mit fatalen Folgen. Trotz fertiger Technik war der Markt längst nicht mehr bereit für eine so radikale Umstellung.

Strategiewechsel zu spät: Alfa Romeo bleibt in der Elektro-Sackgasse gefangen

Mit dem neuen CEO Antonio Filosa erfolgte Ende 2025 eine strategische Kehrtwende. Filosa räumte öffentlich ein, dass die bisherigen Annahmen über die Marktdurchdringung von Elektroautos unrealistisch gewesen seien. Zukünftig werde Stellantis auf eine flexible Multi-Energy-Strategie setzen: Neben rein elektrischen Fahrzeugen sollen auch Verbrenner, Mild- und Plug-in-Hybride angeboten werden – angepasst an Marktanforderungen und Kundenwünsche.

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Doch für Alfa Romeo kommt dieser Strategiewechsel zu spät. Die für 2026 vorgesehenen Modelle sind bereits zu weit fortgeschritten in ihrer Entwicklung als reine BEVs. Eine Anpassung der Plattform an andere Antriebskonzepte würde zusätzliche Investitionen und Zeit erfordern. Die geplanten Marktstarts der neuen Stelvio- und Giulia-Generationen könnten sich nun auf 2027 oder gar 2028 verschieben – mit massiven Auswirkungen auf die Auslastung und Perspektive des Werks in Cassino.

Stellantis-Chef Antonio Filosa 

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Geopfertes Jahr: Cassino zahlt den Preis einer verfehlten Ideallinie

Ohne neue Modelle und ohne produktionsreife Hybridvarianten steht Cassino vor einem Jahr der Inaktivität. 2026 wird zum „geopferten“ Jahr, in dem weder Absatz noch Innovation das Werk stützen können. Auch 2027 dürfte als Übergangsjahr wenig Erleichterung bringen. Cassino zahlt den Preis einer Strategie, die sich am technischen Ideal orientierte, dabei aber die Marktdynamik aus den Augen verlor.

Der Kontrast zwischen Anspruch und Realität wird besonders deutlich im Vergleich zur neuen Strategie des Konzerns: Filosa setzt auf Pragmatismus, Flexibilität und Kundenorientierung. Doch bis sich diese neue Ausrichtung auf Werke wie Cassino auswirkt, vergeht wertvolle Zeit.

Neue Modelle, alter Motor: Stellantis setzt auf Pragmatismus statt Dogma

DS Automobiles, die zweite Premium-Marke von Stellantis, bringt mit dem DS 4 und DS 8 neue Modelle, darunter auch wieder einen Diesel. Ab 2026 soll ein neues SUV-Flaggschiff folgen. Auch Lancia – lange als fast tot geglaubte Marke – plant ein Comeback mit dem D-Segment-Modell Gamma, das 2026 vorgestellt werden soll.

Jeep setzt hingegen stärker auf Elektrifizierung, bleibt in den USA jedoch dem Verbrenner treu – sogar der V8-Motor erlebt dort ein Revival. In Europa hingegen wird der Wrangler durch den elektrischen Recon ersetzt, der Wagoneer S ergänzt das SUV-Portfolio als vollelektrisches Flaggschiff.

Opel und Peugeot wiederum versuchen, mit preislich attraktiven E-Modellen auf Basis der STLA-Small-Plattform im Kompaktsegment Fuß zu fassen. Gleichzeitig sollen Verbrenner-Modelle wie der aktuelle Corsa und 208 so lange angeboten werden, wie der Markt es fordert – ein Zeichen für den neuen Pragmatismus.

China-Deal mit Potenzial: Wie Stellantis mit Leapmotor den E-Markt angreift

Ein wesentlicher Bestandteil der neuen Konzernstrategie ist die Kooperation mit dem chinesischen Hersteller Leapmotor. Stellantis übernimmt den Vertrieb der preiswerten E-Autos in Europa und will mit dieser Partnerschaft besonders im unteren Preissegment Marktanteile gewinnen.

Der elektrische Kleinwagen T03 startet bei unter 19.000 Euro, das größere SUV C10 kostet rund 37.000 Euro. Mit dem Kompaktmodell B10 – erhältlich als BEV und als REEV (Range Extender) – zielt Leapmotor direkt auf die Golf-Klasse. Der Produktionsstart im Stellantis-Werk Saragossa ist für 2026 geplant. So lassen sich hohe Importzölle vermeiden und die aggressive Preispolitik weiterführen.

Es kursieren sogar Gerüchte, dass Modelle wie der B10 künftig als Opel verkauft werden könnten – eine Möglichkeit, preislich attraktive BEVs unter etablierten Marken in Europa zu platzieren. Auch Citroën und Fiat könnten von dieser Strategie profitieren.