Energieversorgung : Gas-Embargo: Wäre ein Lieferstopp doch nicht so dramatisch?
Was passiert, wenn das Gas nicht mehr fließt.
- © YouTube/ OMVÖsterreich könnte auch einen Totalausfall russischer Gaslieferungen vergleichsweise glimpflich überstehen, sagen die Forscher des Complexity Science Hub Vienna - Voraussetzung dafür ist aber eine EU-weite Zusammenarbeit, um das russische Gas zu ersetzen. Ohne Kooperation mit den anderen EU-Ländern wäre der Schaden für Österreichs Wirtschaft um ein Vielfaches größer.
Erdgasimporte machen etwa 38 Prozent des Gasverbrauchs der EU aus und rund 80 Prozent des Verbrauchs in Österreich. Egal, ob die russischen Gaslieferungen durch ein von der EU verhängtes Importembargo, ein russisches Exportembargo oder aufgrund einer Störung der Pipelines ausbleiben sollten - es würde für Österreich den Wegfall von knapp 7,5 Mrd. Kubikmeter Erdgas pro Jahr bedeuten. 2021 verbrauchte Österreich laut CSH 9,34 Mrd. Kubikmeter Erdgas.
Die Forscher haben für ihre Analyse angenommen, dass die russischen Gaslieferungen ab 1. Juni 2022 ausfallen. Verglichen wurden zwei Szenarien: In Szenario A schafft es die EU, koordiniert zu handeln und das Gas, das die EU zusätzlich beschaffen kann, solidarisch aufzuteilen. In Szenario B würde Österreich alleine versuchen, zusätzliches Gas zu kaufen.
Im Falle eines koordinierten Vorgehens könnte es der EU gelingen, zusätzliche Importmengen von 55 Mrd. Kubikmetern zu beschaffen, bestehend aus zusätzlichen 10 Mrd. Kubikmetern über bestehende Pipelines aus Norwegen, Aserbaidschan und Algerien und 45 Mrd. Kubikmetern an Flüssigerdgas, etwa aus den USA oder den Golfstaaten, so die Annahme in Szenario A. Dabei habe man angenommen, dass die EU um ein Zehntel weniger LNG-Importe realisieren könnte als derzeit von der EU geplant, erklärte CSH-Leiter Stefan Thurner am Dienstag bei der Präsentation der Studie.
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Solidarität gefragt
Wenn sich weniger abhängige Länder solidarisch mit Ländern verhalten, die von russischem Gas stark abhängig sind - zu letzteren gehört auch Österreich -, "würden wir überproportional profitieren", sagte Thurner. Bei der Nutzung der Gasspeicher müsste Österreich allerdings Kapazitäten abgeben, würde also nicht profitieren, weil es über überproportional große Gasspeicher-Kapazitäten verfüge.
Jedenfalls hätte Österreich auf sich alleine gestellt einen Netto-Lieferengpass von 3,4 Mrd. Kubikmetern Gas, das wären 36,6 Prozent des derzeitigen Gesamtverbrauchs. Mit Unterstützung anderer EU-Länder wäre dieser Engpass mit 17,4 Prozent nur etwa halb so groß.
In beiden Szenarien könnte man durch den Ersatz von Gas durch Öl zur Stromerzeugung in Kraftwerken knapp eine Milliarde Kubikmeter Gas einsparen. Auch beim Heizen ließe sich im Winter durch eine Senkung der Raumtemperatur der Gasverbrauch um 0,11 Mrd Kubikmeter reduzieren.
Insgesamt würde das im günstigeren Szenario A (EU-Kooperation) eine Reduktion des verfügbaren Erdgases um 5,2 Prozent bedeuten, wobei die Industrie überproportional verlieren würde, nämlich gut ein Zehntel ihrer bisherigen Gasversorgung. Das hätte einen Produktionsrückgang um 1,9 Prozent zur Folge oder 1,11 Mrd. Euro pro Monat. "Damit sind diese Verluste signifikant kleiner als die wirtschaftlichen Auswirkungen der ersten Welle der Covid-19-Pandemie, als sich die Verluste im BIP im zweiten Quartal des Jahres 2020 auf 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum beliefen", so die Forscher.
Im Szenario B, in dem jedes Land für sich alleine agiert, wären die Auswirkungen aber viel gravierender und würden zu einem Rückgang der österreichischen Bruttoproduktion um 9,1 Prozent führen. "Das entspricht einem Verlust von etwa 5,3 Mrd. Euro an Bruttoproduktion im Monat", so Thurner.
Deshalb müsste man schon jetzt damit beginnen, die Gasversorgungspolitik auf EU-Ebene zu koordinieren, sagte Anton Pichler, der die Szenarien gemeinsam mit Stefan Thurner, Jan Hurt, Tobias Reisch und Johannes Stangl erstellt hat. Schon über den Sommer sollte man die Umstellung von Kraftwerken auf andere Brennstoffe vorbereiten und auch Anreize für die Umstellung auf weniger gasintensive Produktion setzen.
"Angesichts der immensen Schäden des Krieges könnte ein EU-weites Importembargo gegen russisches Gas eine wirtschaftlich vertretbare Strategie darstellen", meinen die CSH-Forscher.
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Lassen sich auch die Lieferkettenprobleme beherrschen?
Die CSH-Forscher haben auch die zweite große Bedrohung für die heimische Wirtschaft untersucht: die Lieferkettenproblematik. Die Fragestellung dabei: Können produzierende Unternehmen ihre Funktion nicht mehr erfüllen, kann das aufgrund verflochtener Lieferketten mitunter weitreichende Konsequenzen für eine gesamte Volkswirtschaft haben. Am Beispiel Ungarns zeigen Wiener Komplexitätsforscher, dass dort nur 100 von 91.000 analysierten Unternehmen 75 Prozent des systemischen Risikos tragen. Das zeige, dass, ähnlich wie im Finanzsektor, Ausfälle von nur wenigen Akteuren weitreichende Folgen haben können.
Für ihre Untersuchung im Fachmagazin "Scientific Reports" - die laut den Autoren die erste ist, die eine ganze Volkswirtschaft als Netzwerk abbildet - konnten die Forscher um Stefan Thurner und Christian Diem vom Complexity Science Hub Vienna (CSH) auf Daten der ungarischen Zentralbank zurückgreifen. Die Analyse umfasst die Mehrwertsteuerflüsse "fast aller produzierender Unternehmen in Ungarn" im Jahr 2017, wie Thurner erklärt. Sobald es zwischen den Firmen zu nennenswerten Geldflüssen kam, ist dies in den Daten erfasst. Diese wurden in Zusammenarbeit mit dem Physiker András Borsos von der ungarischen Zentralbank ausgewertet, sämtliche Lieferbeziehungen rekonstruiert und für eine Simulation aufbereitet.
Darin konnten die Forscher dann einen Akteur nach dem anderen aus dem riesigen Lieferketten-Netzwerk herausnehmen, "und dann schauen, was passiert". Dabei zeigte sich, dass den inneren Kreis des Netzwerks lediglich 32 "Hochrisiko"-Firmen bilden. Fällt eine von diesen 0,035 Prozent der Unternehmen aus, hat das den Berechnungen zufolge größte negative Auswirkungen auf 23 Prozent von Ungarns Wirtschaft. "Dass das so wenige Firmen sind, hat uns sehr überrascht", so Thurner. Rund ein Viertel Reduktion der Wirtschaft bei einem Ausfall in dieser Gruppe sei weit mehr als die gesamten Sanktionen bisher in Russland ausgelöst haben. "Das ist ein wahnsinnig großes Risiko", das etwa von diesen 32 Firmen ausgeht.
Erweitert man diese Gruppe weiter auf die 100 im Wirtschaftsnetz zentralsten Firmen, stehen diese für drei Viertel des Risikos im System. Danach fallen die Werte rapide ab. Das heißt, dass vom allergrößten Teil der 91.000 Unternehmen kaum Risiko für einen System-Kollaps ausgeht.
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Hochkritische Zulieferer im Visier
In der Hochrisikogruppe seien aber nicht nur besonders große Unternehmen enthalten, so der CSH-Chef. Auch kleinere Unternehmen, die etwa hochkritischen Firmen zuliefern, zählen dazu. Daher gehe es hier auch nicht nur um Firmen, die für sich in Anspruch nehmen könnten, zu groß zum Scheitern zu sein und damit etwa Druck auf die Politik ausüben. "Das 'too big to fail' löst sich hier auf. Kleine können gleich 'gefährlich' sein, wie große Spieler", betonte Thurner.
Für Österreich schätzt der Forscher die Risikokonzentration nicht so hoch ein wie in Ungarn. Hierzulande habe das Wirtschaftssystem mehr Zeit zum Wachsen gehabt, was eher zu gleichmäßiger verteilten Gefahren und mehr Vernetzung führe. Aber auch ein Ausfall aus der Gruppe der 50 zentralen Firmen könnte hier in etwa 20 Prozent der Wirtschaftsleistung stark beeinträchtigen.
Letztlich könne man mit der neuen Methode analysieren, welche Firmen ein Land tunlichst nicht verlieren sollte. So ließen sich systemisches Risiko in gefährdete Arbeitsplätze über die Firma selbst hinaus umrechnen und damit besonders "sozial relevante Unternehmen" festmachen.
In Österreich kann man so eine Analyse auf Basis von Steuerdaten jedoch nicht durchführen, da im Gegensatz zu Ungarn nicht systematisch erhoben wird, an wen die Mehrwertsteuer fließt, sondern nur wie viel vom jeweiligen Steuerpflichtigen bezahlt wurde. Die Information sei in Österreich aber durchaus vorhanden, bedauert Thurner. Dessen Vision, mehr oder weniger das ganze Wirtschaftssystem abzubilden, um die Schwachstellen der Wirtschaft erkennen zu können, würde damit einen größeren Schritt näher rücken.
Mit so einer Simulation könnte man jedenfalls sehr konkrete Fragen präzise und rasch beantworten - so etwa zur derzeitigen globalen Lieferkettenproblematik. Man könnte aber beispielsweise auch beantworten, wer die Zulieferer eines Landwirtschaftsbetriebes sind, in dem eine Tierseuche ausgebrochen ist. Dazu kämen Fragen zur sozial halbwegs verträglichen Reduktion von CO2-Emissionen in der Industrie oder zu Auswirkungen von Gasimport-Stopps sowie Pandemieauswirkungen. Auch könne man so analysieren, wie das geplante Lieferkettengesetz tatsächlich sinnvoll eingeführt werden könnte oder wer alles unter den Folgewirkungen eines Stopps der heimischen Papierindustrie leiden würde. "Die Abhängigkeiten werden einem dann blitzartig bewusst. Dann kann man versuchen, so durchzusteuern, dass man möglichst wenig Gesamtschaden produziert", sagte Thurner.
In der Folge werde aber auch sichtbar, welche wirtschaftlichen Kreisläufe innerhalb des Landes oder einer Region bestehen. Außerdem zeige sich, welche Kreisläufe im eigenen Land nicht geschlossen ablaufen können, und wo es etwa Zulieferer aus China braucht. Wenn dies nachvollziehbar wird, könne die Politik überlegen, wie das wirtschaftliche Ökosystem so gefördert werden kann, dass der Lieferketten-Kreislauf regional geschlossen werden kann.
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