Insolvenz Anlagenbau : Rivenhall-Schiedsverfahren bringt Christof Industries Austria erneut in die Sanierung

Christof Industries HQ

Zentrale von Christof Industries Austria: Für den Anlagenbauer aus Graz entwickelte sich das Rivenhall-Projekt im Südosten Englands zu einem veritablen Problem.

- © Croce & Wir, Fotostudio BetriebsgmbH & CO KG, Mantscha 160, Graz, Austria

Es ist eine Nachricht, die in Österreichs Anlagenbauszene für Diskussionen sorgen wird: Über das Vermögen der Christof Industries Austria GmbH (CIA) wurde beim Landesgericht Graz ein Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung eröffnet. Betroffen sind 180 Mitarbeiter an den Standorten Graz, Wels und Wien. Ziel sei die Fortführung des Unternehmens. Begleitet wird die Sanierung vom Insolvenzrechtsexperten Clemens Jaufer.


Anlagenbauer Christof: "Noch laufe ich um Kreditierung"

Der unmittelbare Auslöser der neuerlichen Insvolenz liegt laut Sicht des Grazer Unternehmens nicht in Österreich, sondern in Essex im Südosten Englands. Im Zentrum steht das Großprojekt Rivenhall Integrated Waste Management Facility (IWMF). Christof Industries war dort nach eigenen Angaben als spezialisierter Subunternehmer und Dienstleister für die Installation der gesamten Elektrotechnik und Teilen der Mechanik beteiligt. 

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Christof Industries verfügt über einiges an Erfahrung im Waste-to-Energy-Geschäft. Das Unternehmen entwickelt, montiert und serviciert thermische Abfallverwertungsanlagen und fertigt nach eigenen Angaben auch Kernkomponenten.

Rivenhall ist kein kleines Anlagenbauprojekt. Der Betreiber, Indaver mit Hauptsitz im belgischen Mechelen, bezeichnet die Anlage als sein bislang größtes Energy-from-Waste-Projekt. Die Investitionssumme wird mit 589 Millionen Pfund - rund 680 Millionen Euro - angegeben. Die Anlage soll jährlich bis zu 595.000 Tonnen nicht verwertbaren Restmüll thermisch behandeln und genügend Strom für rund 125.700 Haushalte erzeugen. Nach mehrjähriger Bauzeit wurde die Anlage im Juni offiziell eröffnet. Zu Spitzenzeiten waren bis zu 850 Menschen auf der Baustelle beschäftigt. Insgesamt wurden mehr als drei Millionen Arbeitsstunden geleistet. 

Integrierte Abfallbehandlungsanlage Rivenhall, Essex, im Südosten Englands: Auch Christof Industries Austria erbrachte hier Leistungen, die ein Schiedsverfahren zur Folge hatten

- © Kanadevia Inova

Millionenforderung aus Rivenhall blieb aus

Für Christof Industries entwickelte sich das Projekt jedoch zu einem veritablen Problem. Indaver hatte 2022 die damalige Hitachi Zosen Inova, die heute unter Kanadevia Inova firmiert und in Zürich domiziliert ist, als EPC-Auftragnehmer für den Energy-from-Waste-Teil der Anlage ins Boot geholt. Der Generalunternehmer war damit für Engineering, Beschaffung und Errichtung dieses Projektteils verantwortlich. Daneben waren spezialisierte Subunternehmer auf der Baustelle tätig. Darunter als Kontraktor: Christof Industries.

Im Projektverlauf solle es zu massiven Verzögerungen und laufenden Änderungen im Engineering gekommen sein. "Bereits errichtete Anlagenteile mussten mehrfach umgebaut werden", heißt es in Graz. Es ging um zusätzlich geleistete Stunden - und viel Geld. Christof Industries - als Kläger - und Kanadevia Inova trafen sich schließlich in einem Schiedsverfahren wieder, das Ende August entschieden worden war. 

Das Verfahren endete - so die Erzählung in Graz - erstinstanzlich ohne Zuspruch: Christof Industries Austria wurde nur ein Bruchteil der Summe zugesprochen, die dem Unternehmen für bereits erbrachte Leistungen zustehen würde, heißt es in Graz. 

Mit dem erwarteten - millionenschweren - Zahlungseingang war in der Liquiditätsplanung aber fix gerechnet worden. Man sei mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem positiven Ausgang des Verfahrens ausgegangen. Als die erwarteten Mittel nicht kamen, entstand eine Finanzierungslücke, die Christof Industries Austria nicht aus eigener Kraft schließen konnte.

Das trifft das Unternehmen in einer heiklen Phase: Nach der Sanierung der Jahre 2022 und 2023 standen keine klassischen Bankfinanzierungen mehr zur Verfügung. Laut Christof Industries bestehen aktuell auch keine Bankverbindlichkeiten. Damit fehlten Kreditlinien, über die sich ein größerer Forderungsausfall kurzfristig hätte abfedern lassen.

Gerade im Anlagenbau ist das relevant: Großprojekte erfordern regelmäßig Vorfinanzierungen, während Zahlungen oft an Projektfortschritte, Abnahmen oder vertragliche Meilensteine gekoppelt sind. Fällt bei einem einzelnen größeren Projekt ein eingeplanter Zahlungseingang aus, kann dies entsprechend rasch Auswirkungen auf die Liquidität haben.

„Ohne den Ausgang dieses einen Schiedsverfahrens wäre die Situation eine völlig andere."
Johann Christof, CEO der Unternehmensgruppe Christof Industries

- © Christof Industries Austria

Anlagenbaurisiken: "Den letzten beißen die Hunde"

Ein Risiko, das ein heimischer Anlagenbauunternehmer, der lieber ungenannt bleiben will, durchaus als branchenüblich bewertet. Solche Konstellationen seien bei Generalunternehmerverträgen keineswegs außergewöhnlich, sagt er. Verzögerungen eines Beteiligten würden sich innerhalb der Liefer- und Leistungskette häufig nach unten fortsetzen. Am Ende treffe es oftmals den letzten Auftragnehmer oder Subunternehmer in der Kette, der zusätzliche Leistungen erbringen, Verzögerungen aufholen und zugleich offene Forderungen durchsetzen müsse. Er fasst das so zusammen: "Den Letzten in der Kette beißen die Hunde“. Er sagt aber auch: Entscheidend sei, sich gegen derartige Risiken sowohl finanziell als auch vertraglich abzusichern. 

Rund 30 Millionen Euro tatsächliche Verbindlichkeiten

Die bestehenden Verbindlichkeiten beziffert Christof Industries Austria mit rund 30 Millionen Euro. Ein wesentlicher Teil davon soll auf Abgaben und Steuern entfallen, hinzu kommen Forderungen von Lieferanten. Bankkredite bestehen demnach nicht. 

Weitere rund 32 Millionen Euro sind als Haftungen ausgewiesen. Diese würden laut Unternehmen erst dann schlagend, wenn Christof Industries Austria geschlossen würde und laufende Projekte nicht mehr fertiggestellt werden könnten. Genau dieses Szenario soll durch die Fortführung im Sanierungsverfahren verhindert werden.

Operativ sieht sich das Unternehmen auf Kurs: Die Auftragsbücher seien gut gefüllt, die laufenden Projekte sollen fortgeführt werden. 

Zweite Sanierung innerhalb von vier Jahren

Für Christof Industries Austria ist es bereits das zweite Sanierungsverfahren innerhalb weniger Jahre. Im September 2022 hatte die Gesellschaft mit damals rund 350 Beschäftigten ebenfalls ein Sanierungsverfahren mit einer Quote von 20 Prozent beantragt. Als Ursachen nannte das Unternehmen damals unter anderem Lieferverzögerungen, massive Preissteigerungen bei Vormaterialien, Energie und Transport sowie Zahlungsausfälle und nicht beglichene Mehrkostenforderungen in zweistelliger Millionenhöhe.

Das Verfahren wurde anschließend saniert und der Sanierungsplan erfüllt. Nach Angaben des Unternehmens schrieb man in den Folgejahren wieder schwarze Zahlen.

„Ohne den Ausgang dieses einen Schiedsverfahrens wäre die Situation eine völlig andere", sagt Johann Christof, CEO der Unternehmensgruppe. Das Geschäft sei gesund, Kunden zufrieden, Auftragsbücher voll. Als Familienunternehmen ohne Bankenfinanzierung könne man einen Ausfall dieser Größenordnung allerdings nicht aus eigener Kraft überbrücken.

Christof Industries Austria

Christof Industries Austria ist im Anlagenbau sowie in der Entwicklung, Instandhaltung und Servicierung von Industrieanlagen und Kraftwerken tätig. Die Unternehmensgruppe positioniert sich insbesondere in den Bereichen Industrieanlagen, Energie und Waste-to-Energy. Christof Industries hat rund 4.000 Mitarbeiter und nennt rund 4.500 realisierte Anlagenprojekte in Europa, dem Nahen Osten, Asien und Nordamerika.

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