Metallindustrie in Österreich : „Europa ist der größte Verlierer international“: Der Alu-Spezialist, den Europa braucht – aber kaum wachsen lässt

Markus Schober HAI auf der Bühne des Industriekongress 2026

Markus Schober, COO von Hammerer Aluminium Industries, sprach beim Industriekongress 2026 über Kreislaufwirtschaft, Energiepreise und die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Aluminiumindustrie.

- © Matthias Heschl

Die Aluminiumindustrie steht nach Einschätzung von Markus Schober, COO bei HAI, unter massivem Druck. Gleich zu Beginn seines Vortrags beschrieb er die Lage mit deutlichen Worten: Die Rahmenbedingungen seien „so schlecht wie noch nie“. Gemeint sind damit nicht einzelne Belastungen, sondern eine Kombination aus schwacher Nachfrage, hohen Energiekosten, geopolitischer Unsicherheit, globalen Überkapazitäten und wachsender Bürokratie.

Besonders hart treffe die aktuelle Marktlage exportorientierte Unternehmen. HAI beliefert Kunden in unterschiedlichen Branchen, darunter Automobil, Bau und Solarindustrie. Doch gerade diese Bereiche entwickeln sich derzeit schwach. „Unsere Kunden wachsen nicht mehr“, sagte Schober. Die Automobilindustrie schwächle massiv, auch Bau und Solarindustrie seien betroffen. Für ein Unternehmen, das breit aufgestellt ist und dennoch in mehreren Kernmärkten Gegenwind spürt, entsteht daraus ein schwieriges Umfeld.

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Europa verliert den Anschluss: Energiepreise und Bürokratie treffen Aluminium besonders hart

Dazu kommt die Unsicherheit auf den Energiemärkten. Seit dem Angriff auf die Ukraine seien die Energiepreise zeitweise explodiert, kurzfristig „bis zum Faktor zehn“. Für energieintensive Branchen wie Aluminium sei das „katastrophal“, so Schober. Selbst wenn Unternehmen langfristig Strom und Gas abgesichert hätten, bleibe die Situation schwierig. Niemand könne verlässlich sagen, wo man in einem Jahr stehe.

Europa sieht Schober in dieser Entwicklung besonders unter Druck. „Europa ist der größte Verlierer international“, sagte er. Es gehe nicht nur darum, dass der Markt insgesamt schwächer werde. Vielmehr verliere Europa überproportional, weil hohe Energiepreise, Inflation, Lohnkostensteigerungen und zusätzliche Bürokratie die Wettbewerbsfähigkeit belasteten. Besonders scharf kritisierte Schober die regulatorischen Vorgaben. Es gebe zwar „schöne Überschriften“, doch darunter gehe „der bürokratische Wahnsinn“ weiter. Monat für Monat komme eine neue Belastung hinzu, die Unternehmen langsamer, träger und teurer mache.

HAI setzt auf Alu-Recycling: Der Kreislauf wird zur Überlebensfrage

Gerade vor diesem Hintergrund rückt für HAI die Kreislaufwirtschaft in den Mittelpunkt. Aluminium sei dafür besonders geeignet, weil Recycling im Vergleich zur Herstellung von Primärmetall nur rund fünf Prozent der Energie benötige. Das bringe enorme Energie- und CO₂-Einsparungen. Gleichzeitig warnte Schober vor überzogenen Erwartungen. Ohne Primärmetall gebe es keine Produkte, sagte er sinngemäß. Wenn global nur begrenzte Mengen an Aluminiumschrott verfügbar seien, könnten nicht alle Produkte beliebig hohe Recyclinganteile erreichen.

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HAI selbst setzt bereits stark auf Recycling. In den Gießereien des Unternehmens, die laut Schober an zwei Standorten in Österreich und Rumänien über eine Kapazität von knapp 250.000 Tonnen verfügen, liegt der Recyclinganteil am Input bei rund 80 Prozent. Nur 20 Prozent seien Primärmetall. Dieses Primärmetall beziehe HAI über langfristige Verträge ausschließlich aus erneuerbarer Energie. Dadurch erreiche das Unternehmen einen CO₂-Fußabdruck von weniger als zwei Tonnen pro Tonne Aluminium. Der globale Durchschnitt liege laut Schober bei 18 Tonnen.

Markus Schober, COO von Hammerer Aluminium Industries, beim Industriekongress 2026: Der HAI-Manager sieht Europas Aluminiumindustrie durch hohe Energiekosten, Bürokratie und schwache Nachfrage unter Druck.

- © Matthias Heschl

Europa will grünes Aluminium – aber nicht den Schmelzofen vor der Haustür

Der Weg dorthin ist jedoch nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch anspruchsvoll. HAI setzt auf geschlossene Materialkreisläufe. Prozessschrotte und andere Materialien werden zurückgeführt, separat gelagert, bei Bedarf aufbereitet und erneut eingesetzt. Ziel ist es, Material möglichst lange im Kreislauf zu halten und Qualitätsverluste zu vermeiden. Gerade Aluminium biete hier große Vorteile, weil es immer wieder recycelt werden könne, ohne seine Qualität zu verlieren.

Doch genau beim Ausbau solcher Kreisläufe sieht Schober ein Kernproblem. Recycling werde zwar politisch und gesellschaftlich gewünscht, konkrete industrielle Erweiterungen stießen aber oft auf Widerstand. Am Beispiel Ranshofen beschrieb er, was passiere, wenn ein Unternehmen zusätzliche Schmelzkapazitäten schaffen wolle. „Wenn wir einen Schmelzofen dazustellen wollen, dann sind definitiv alle Nachbarn und alle Initiativen auf der Matte“, sagte Schober. Sein Fazit fiel entsprechend zugespitzt aus: „Es ist nicht gewünscht, dass wir wachsen.“

Darin sieht Schober einen Widerspruch: Gesellschaft und Politik wollten grünen Strom, nachhaltige Produkte und niedrige Preise, aber die notwendige industrielle Infrastruktur solle möglichst nicht in der eigenen Nachbarschaft entstehen. „Wir wollen zwar den grünen Strom aus der Steckdose, wir wollen alles zum günstigsten Preis, aber es sollte irgendwo anders erzeugt werden“, sagte er.

Europas Rohstoff-Paradoxon: Warum Aluminiumschrott nach China, Indien und Malaysia geht

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den Umgang Europas mit Aluminiumschrott. Schober verwies darauf, dass jährlich rund 1,4 Millionen Tonnen Aluminiumschrott Europa verlassen. Viele dieser Schrotte müssten sortiert und aufbereitet werden. Statt diese Wertstoffe in Europa zu halten, würden sie unter anderem nach Indien, China oder Malaysia exportiert. Dort seien Arbeitskosten niedriger und Umweltbedingungen deutlich schlechter. Für Schober ist das industriepolitisch schwer nachvollziehbar. Europa verfüge über Know-how und Möglichkeiten, lasse aber wertvolle Rohstoffe abfließen.

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Gleichzeitig beobachtet Schober, dass andere Märkte deutlich schneller handeln. Er verwies auf die USA, wo politische Entscheidungen sehr rasch getroffen würden, während Europa lange diskutiere. In Europa werde geprüft, ob Maßnahmen machbar, regelkonform und umsetzbar seien — am Ende gebe es aber oft keine konkrete Umsetzung. Für Unternehmen, die investieren wollen, fehlt damit vor allem eines: Planbarkeit.

Grüne Energie reicht nicht: Warum Wasserstoff für HAI noch kein Ausweg ist

Neben Recycling setzt HAI auf erneuerbare Energie. Alle Werke der Gruppe würden mit Grünstrom versorgt, sagte Schober. Eigene Energieproduktion gebe es zwar, sie decke aber nur einen kleinen Teil des hohen Bedarfs. Auch installierte Photovoltaikleistung sei angesichts der energieintensiven Produktion nur ein kleiner Beitrag. Deshalb brauche es zusätzliche Absicherungen und leistbare Energiepreise.

Schrottexporte nach USA, die Europa schwächen, chinesische Rivalen, die ihren machtvollen Aufstieg planen: Während USA und China knallhart agieren, ringt Europa mit Bürokratie und Tempoverlust, sagt Hammerer-Aluminium-CEO Rob van Gils.

Technologische Zukunftslösungen wie Wasserstoff beurteilt Schober nüchtern. Im Labormaßstab sei vieles machbar, industriell aber derzeit wirtschaftlich kaum darstellbar. HAI könne technisch mehr elektrifizieren oder stärker in Richtung Wasserstoff gehen, doch die Kosten seien nicht tragbar, solange Infrastruktur und Marktbedingungen fehlten. „Am Ende geht sich der Business Case einfach nicht mehr aus“, sagte Schober.

Europas Alu-Wette: Ohne Wachstum keine echte Kreislaufwirtschaft

Seine Schlussfolgerung ist daher klar: Die Aluminiumindustrie braucht Innovation in ihren Prozessen, leistbare grüne Energie und belastbare Kreislaufmodelle. Nur so könnten direkte Emissionen gesenkt, Material effizient genutzt und europäische Lieferketten resilienter gemacht werden. Der Markt werde unsicher bleiben, ebenso die politischen Rahmenbedingungen. Deshalb brauche die Industrie Planbarkeit, Skalierbarkeit und wirtschaftliche Realisierbarkeit.

Für Schober ist Kreislaufwirtschaft damit kein idealistisches Projekt, sondern eine Antwort auf eine neue industrielle Realität. Europa habe die Chance, Material im eigenen Wirtschaftsraum zu halten und daraus Wertschöpfung zu schaffen. Doch dafür müsse man Unternehmen auch wachsen lassen.