Varta Sanierung Porsche : Varta: Warum die Rettung den deutschen Batteriekonzern noch nicht gerettet hat
Varta ist finanziell neu aufgestellt – doch operativ bleibt der Batteriekonzern unter Druck.
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Es war ein Rettungsplan, der vielen Anlegern wie eine Enteignung vorkam – und der zugleich zeigen sollte, wie weit das deutsche Restrukturierungsrecht inzwischen reicht. Bei Varta wurde das Grundkapital auf null herabgesetzt, die Altaktionäre schieden entschädigungslos aus, danach konnten neue Eigentümer einsteigen: Michael Tojner über Montana Tech und Porsche. Juristisch lief die Sanierung nicht über eine klassische Insolvenz, sondern über das StaRUG, den Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen für Unternehmen. Das Bundesverfassungsgericht nahm eine Verfassungsbeschwerde von Aktionären gegen den Plan nicht zur Entscheidung an; der Plan sah nach Angaben des Gerichts eine Kapitalherabsetzung auf null und einen Bezugsrechtsausschluss für Streubesitzaktionäre vor.
Im März 2025 galt die finanzielle Neuaufstellung als abgeschlossen. Varta reduzierte seine Verschuldung um 255 Millionen Euro auf 230 Millionen Euro. Zugleich wurden 60 Millionen Euro über eine Kapitalerhöhung und weitere 60 Millionen Euro als Neufinanzierung bereitgestellt. Rechtlich halten Tojner und Porsche die Varta AG mittelbar je zur Hälfte; wirtschaftlich entfallen nach der neuen Struktur jeweils rund 32 Prozent auf Tojner und Porsche, während die Finanzierer über virtuelle Beteiligungsrechte mit 36 Prozent am wirtschaftlichen Erfolg partizipieren.
Varta Sanierung: Warum die Rettung das operative Problem nicht löst
Doch die entscheidende Frage lautet heute nicht mehr, ob Varta bilanziell entlastet wurde. Sie lautet: Reicht die Sanierung auch operativ? Denn der StaRUG-Plan löste vor allem ein Schuldenproblem. Das Ertragsproblem blieb. Varta selbst meldete für das Geschäftsjahr 2024 einen Umsatzrückgang auf 793,2 Millionen Euro, ein EBITDA von minus 3,5 Millionen Euro und ein bereinigtes EBITDA von 30,6 Millionen Euro. Der Konzern sprach damals von einem Übergangsjahr und verwies auf Restrukturierungskosten sowie Sondereffekte nach einer Cyberattacke im Februar 2024.
Der nächste Schlag traf ausgerechnet jenen Bereich, der Varta einst zum Börsenliebling gemacht hatte: kleine, leistungsfähige Batteriezellen für kabellose Kopfhörer. Im Mai 2026 wurde bekannt, dass Varta die Produktion von Knopfzellen am Standort Nördlingen einstellt. Betroffen sind rund 350 Beschäftigte. Der wichtigste Kunde habe den Auftrag für eine neue Produktreihe nicht an Varta vergeben, teilte das Unternehmen laut SWR mit. Nach Medieninformationen handelt es sich dabei um Apple; die wiederaufladbaren CoinPower-Zellen wurden für Kopfhörer gebaut. Der Vertrag läuft demnach Ende Oktober 2026 aus.
Varta Nördlingen: Der verlorene Großauftrag trifft das Kerngeschäft
Damit bricht mehr weg als ein einzelner Auftrag. Das Werk in Nördlingen war stark auf diesen Großkunden zugeschnitten. Neue Kunden, so berichteten Medien unter Berufung auf das Unternehmen, reichen nicht aus, um die Produktion dort auszulasten. Für Varta bedeutet das: Ein Geschäft, das lange für technologische Stärke stand, wird zum Beleg für industrielle Verwundbarkeit. Wer nur einen oder wenige große Abnehmer hat, besitzt zwar Skaleneffekte, aber wenig Verhandlungsmacht, sobald der Abnehmer wechselt.
Parallel verschiebt sich die Macht im Konzern weiter zu den Finanzierern. Am 5. Juni 2026 meldeten Deutsche Bank und Fonds von Blantyre Capital beim Bundeskartellamt den möglichen Erwerb nicht kontrollierender Minderheitsbeteiligungen von jeweils mehr als 25 Prozent an der Varta AG an. Das Aktenzeichen lautet B13-58/26. Als Produktmarkt nennt die Anmeldung „Herstellung und Vertrieb von Batterien“. Nach Reuters-Informationen, die unter anderem von der WirtschaftsWoche wiedergegeben wurden, soll es sich zunächst um einen technischen Vorsorgeschritt handeln: Die Gläubiger wollen sich offenbar Optionen sichern, falls die Restrukturierung nicht greift.
Varta und Porsche: Wer den Batteriekonzern künftig kontrolliert
Das ist der Kern des neuen Varta-Konflikts: Eigentum, Finanzierung und Kontrolle fallen auseinander. Im Aktienregister stehen Tojner und Porsche. Wirtschaftlich sitzen die Gläubiger mit am Tisch. Strategisch besitzt Porsche zudem bereits einen wichtigen Technologiebaustein. Im März 2025 übernahm Porsche die Mehrheit an Vartas V4Drive-Geschäft, das seitdem V4Smart heißt. Varta blieb nur mit einer Minderheit ohne operativen Einfluss beteiligt. Die dort produzierten Hochleistungszellen kommen laut Porsche bereits als Booster-Zellen in 911-GTS-Modellen zum Einsatz.
Damit existieren bei Varta inzwischen mehrere Zukunftsbilder nebeneinander. Das erste ist das klassische Varta: Haushaltsbatterien, Mikrobatterien, Energiespeicher, industrielle Batterielösungen. Varta selbst beschreibt dieses Portfolio als breite Basis von Mikrobatterien bis zu stationären Energiespeichersystemen und kundenspezifischen Anwendungen. Das zweite Zukunftsbild ist das Porsche-nahe Varta: Hochleistungszellen für den Automobil- und Performancebereich, konzentriert in V4Smart. Das dritte Bild ist die Forschungs- und Industriewette auf neue Speichertechnologien.
Natrium-Ionen-Batterien: Vartas Wette gegen China
Besonders sichtbar wird diese Wette beim Thema Natrium-Ionen-Batterien. Varta koordiniert seit 2024 das Projekt ENTISE, das die Natrium-Ionen-Technologie für industriell skalierbare Energiespeicher entwickeln soll. Nach Unternehmensangaben besteht das Konsortium aus 15 Arbeitsgruppen von 13 geförderten Unternehmen und Hochschulen; das Bundesforschungsministerium fördert das Projekt mit rund 7,5 Millionen Euro. Natrium-Ionen-Batterien kommen ohne Lithium aus und setzen auf einen deutlich verfügbaren Rohstoff. Ihr Nachteil liegt bisher vor allem in der geringeren Energiedichte gegenüber etablierten Lithium-Ionen-Zellen. Für Elektroautos ist das ein Problem, für stationäre Speicher, Netzanwendungen oder Rechenzentren kann es weniger entscheidend sein.
Doch auch hier zeigt sich die eigentliche Herausforderung: Europa forscht, China skaliert. Die Internationale Energieagentur schreibt, nahezu die gesamte bestehende globale Fertigungskapazität für Natrium-Ionen-Batterien liege in China; auch bei bereits installierten und angekündigten Produktionsanlagen für 2030 entfielen mehr als 95 Prozent der Kapazität auf China. Für Varta bedeutet das: Forschungskompetenz allein reicht nicht. Ohne Kapital, Abnehmer, Anlagenbau und industrielle Stückzahlen bleibt die Technologie ein Versprechen.
Allswiss und Pino Sergio: Der Gegenentwurf zur Varta-Sanierung
In diese angespannte Lage platzt ein Gegenentwurf aus der Schweiz. Pino Sergio und seine Allswiss AG wollen nach Berichten unter anderem von cash.ch die Schulden von Varta in Höhe von rund 300 Millionen Euro übernehmen; im Hintergrund soll es weitere, bisher nicht genannte Investoren geben. Öffentlich geklärt ist damit aber noch nicht, ob die Finanzierung verbindlich steht und ob die Gläubiger ein solches Angebot für attraktiver halten als andere Restrukturierungsvarianten. Sergios frühere Rolle bei der WGF AG ist für die Prüfung seiner heutigen Finanzierungskraft relevant: Die WGF, damals unter seiner Führung, beantragte 2012 ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Das allein widerlegt seinen Vorschlag nicht. Es erhöht aber den Prüfbedarf.
Varta steht damit vor einer Entscheidung, die weit über die Frage einzelner Standorte hinausgeht. Die Gläubiger wollen ihr eingesetztes Kapital sichern. Porsche hat den für seine eigene Strategie wichtigen Hochleistungszellen-Baustein unter Kontrolle. Tojner bleibt als Sanierer und Eigentümerfigur präsent. Die Beschäftigten brauchen tragfähige Perspektiven. Und ein möglicher neuer Investor wirbt mit dem Versprechen, das Unternehmen zusammenzuhalten.
Varta Zukunft: Welcher Batteriekonzern am Ende übrig bleibt
Genau darin liegt die Bruchstelle: Alle Beteiligten können rational handeln – und trotzdem an unterschiedlichen Vartas interessiert sein. Die einen sehen im Consumer-Geschäft den verlässlicheren Cashflow. Andere sehen in neuen Zelltechnologien die industrielle Zukunft. Porsche hat sich einen strategischen Teil gesichert. Die Finanzierer halten die Hebel über Kredite, Sicherheiten und mögliche Beteiligungen.
Varta hat damit fast alles, was ein Neustart braucht: Marke, Technologie, Standorte, Erfahrung, Kundenbeziehungen und Zugang zu Zukunftsthemen. Nur liegt nicht mehr alles in derselben Hand. Die offene Frage ist deshalb nicht allein, ob Varta überlebt. Sondern welches Varta überlebt – das Traditionsunternehmen, der Zulieferer einzelner Großkunden, der europäische Speichertechnologe oder ein in Teile zerlegter Konzern, dessen wertvollste Stücke jeweils dort landen, wo Kapital und Kontrolle schon heute sitzen.