Autoindustrie : Toyota tauscht den CEO trotz Rekordzahlen aus – was hinter dem überraschenden Strategiewechsel steckt
Koji Sato (rechts) übergibt den Chefposten an Finanzvorstand Kenta Kon – Toyota baut um.
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In Japan läuft Kommunikation nach völlig anderen Regeln als in Europa. Auch Unternehmenskommunikation. Fragen werden bei Pressekonferenzen nicht einfach spontan aus dem Publikum gestellt, sondern über so genannte Kisha-Club-Reporter. Journalisten, die einem Unternehmen zugeordnet sind und eine Rolle zwischen Reporter und Firmenvertreter einnehmen.
Fragen werden beinahe zeremoniell vorgetragen. Die Antworten sind höflich, schon Mal mit einer Verneigung eingeleitet - wenn die Frage besonders originell oder gut ist. Bescheidenheit gehört zum Auftritt: Persönliche Erfolge werden relativiert, Verantwortung betont.
Für europäische Beobachter wirkt das ungewöhnlich zurückhaltend. Doch genau darin steckt eine Botschaft: Nicht die Person steht im Mittelpunkt, sondern die Organisation. In diesem Rahmen stellte Toyota vor wenigen Tagen seinen neuen CEO vor. Der bisherige Finanzchef Kenta Kon übernimmt das Amt von Koji Sato.Eigentlich keine große Schlagzeile. Großkonzerne tauschen Manager aus wie Fußballtrainer.
Aber dieser Wechsel ist anders. Denn Toyota ersetzt keinen gescheiterten Manager. Nicht nach Verlusten. Nicht nach einem Skandal. Nicht weil die Vertragslaufzeit des alten Chefs abgelaufen wäre. Im Gegenteil.
Der größte Autobauer der Welt läuft hervorragend. CEO Koji Satos Amtsperiode wäre noch mehr als ein Jahr gelaufen. Die Verkäufe steigen. Gewinne sind hoch. Die Prognose wurde sogar angehoben.
Und genau deshalb stellt sich die entscheidende Frage: Warum ersetzt Toyota vorzeitig den Kapitän — wenn das Schiff gerade Bestzeit fährt?
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Die zwei Arten von Toyota-Chefs
Um zu verstehen, was hier passiert, müssen wir kurz zurückgehen. Toyota hatte jahrzehntelang immer denselben Typ Chef: Auto-Leute. Ingenieure. Entwickler. Racer. Menschen, die Autos bauen wollten — keine Bilanzen. Etwa der legendäre Akio Toyoda: Der Enkel des Firmengründers Kiichiro Toyoda, der unter dem Pseudonym „Morizo“ selbst auf die Rennstrecke ging und Prototypen testete.
Er übernahm Toyota Ende der Nuller-Jahre im Sturm der weltweiten Rückrufkrise, stellte sich im US-Kongress der Kritik, reformierte interne Entscheidungsprozesse und führte den Konzern zurück zu Stabilität und Rekordprofitabilität – während viele Wettbewerber strauchelten.
Und strategisch traf er seine vielleicht folgenreichste Entscheidung: Statt alles auf eine Karte zu setzen, etablierte er den Multi-Path-Ansatz mit Hybrid-Dominanz, Wasserstoff-Option und selektivem Elektro-Ausbau – und machte Toyota damit zum widerstandsfähigsten Großserienhersteller der Transformationsära.
Oder Koji Sato: Der Ingenieur, der sich vor allem in der Produktentwicklung profilierte – besonders bei Lexus, der Premiummarke des Konzerns.
Als Chefingenieur und später Lexus-Präsident machte die Marke deutlich sportlicher und emotionaler, ein Kernziel nach Akio Toyodas „No more boring cars“-Ansatz. Auto-Manager als Chefs bei Toyota: Das war kein Zufall. Toyota war immer eine Ingenieurs-Firma.
Für Toyota galt: Gute Autos führen automatisch zu gutem Geschäft. Und diese Philosophie funktionierte. Die Krise 2008 — Toyota überlebte. Der SUV-Boom — Toyota gewann.
Die Stromer-Hype Anfang der 2020er Jahre. Toyota und die Hybridstrategie wurden belächelt — Toyota gewann. Doch jetzt scheint sich etwa zu ändern: Software. Batterien. Handelskonflikte. China. Nur „gute Autos bauen“ reicht jetzt offenbar nicht mehr.
Zumindest wird das, was der starke Mann bei Toyota, Akio Toyoda als Vertreter der Gründerfamilie und Chef des Aufsichtsrates durchgesetzt hat, in Japan so bewertet.
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Der Anti-Toyota-CEO
Am 1. April 2026 übernimmt ein Mann den Konzern, der kein Autonarr ist: Kenta Kon – der Finanzchef. Über 30 Jahre im Konzern. Buchhaltung. Strategie. Strukturen. Für Akio Toyoda der richtige Mann zur Richtigen Zeit. Der erste Chef in diesem Jahrtausend, der kein Produkt- oder Motorsport-Mann ist.
Doch, so der Plan von Akio Toyoda, der bisherige CEO Koji Sato soll nicht verschwinden: Er bekommt eine neue Rolle - die keinesfalls ein Downgrade ist: Sato wird Chief Industry Officer. Das bedeutet: Er kümmert sich nicht mehr um Toyota - sondern, so der Wille von Toyoda, um die ganze Branche. Um Politik. Allianzen. Regulierung.
Sato kümmert sich um die Aussenwelt, um Politik und die Industriebeteiligungen. Kon ist für das Innenleben des Autobauer zuständig, für Effizienz und Gewinn.
Warum Toyota das tut
Die neue Machtaufteilung beim vielleicht erfolgreichsten aber sicherlich stabilsten Autobauer der Erde hat auch die japanische Öffentlichkeit überrascht. Doch genau dieser Erfolg und die Stabilität sind das strategische Problem.
Toyota hat seine Profitabilität in den vergangenen Jahren vor allem mit Hybriden und Verbrennern verdient. Gleichzeitig muss der Milliardenbeträge in Batteriefabriken, in neue Elektro-Plattformen und in Softwareeinheiten wie Woven investieren. Diese Transformation ist teuer – und ihre Rendite unsicher.
Die Margen im Elektrogeschäft werden deutlich niedriger als im Hybridgeschäft.
Die Nachfrage schwankt global. Handelskonflikte – insbesondere zwischen den USA und China – erhöhen den Druck auf Produktionsstandorte und Lieferketten.
Toyota muss also gleichzeitig investieren wie ein Technologiekonzern – und verdienen wie ein Industrieunternehmen. Mit Kenta Kon kommt ein Finanzstratege, der die Kapitalallokation steuern soll: Wo wird investiert? Wo wird konsolidiert? Wie bleiben Cashflow und Bilanz stark genug, um die Transformation durchzuhalten?
Gleichzeitig wird der frührere CEO als Chief Industry Officer in eine neue , fast noch wichtigere Rolle verschoben: Er soll Allianzen schmieden, regulatorische Entwicklungen begleiten und Toyotas Position in globalen Industriefragen vertreten. Toyota trennt damit operatives Management und industriepolitische Strategie – etwas, das in dieser Klarheit neu ist.
Der Hintergrund ist offensichtlich: Die Automobilindustrie konkurriert nicht mehr nur über Produkte. Sie konkurriert über Lieferketten, Softwareplattformen, Batterieökosysteme und politische Rahmenbedingungen.
Der CEO-Wechsel ist daher kein Krisensignal. Er ist eine strukturelle Vorbereitung auf ein Jahrzehnt hoher Investitionen und geopolitischer Unsicherheit.
Ein Signal, das sicher auch in Wolfsburg, München und Stuttgart nicht unbemerkt geblieben ist.
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