Nokia KI-Mobilfunknetze : Nokia-Comeback: Vom Smartphone-Verlierer zum heimlichen KI-Gewinner
Nokia rückt wieder ins Zentrum der Tech-Welt: Der frühere Handy-Gigant will bei KI-gestützten Mobilfunknetzen eine Schlüsselrolle spielen.
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Oktober 2025, Washington: Jensen Huang, Chef von Nvidia, betritt die Bühne. Nvidia ist da längst einer der mächtigsten Konzerne der Welt, getragen vom Boom um Künstliche Intelligenz. Doch Huang spricht nicht zuerst über Rechenzentren oder Grafikkarten. Er spricht über Telekommunikation. Und er kündigt an, dass Nvidia 1 Milliarde US-Dollar in Nokia investiert. Zugleich vereinbaren beide Unternehmen eine strategische Partnerschaft für KI-gestützte Mobilfunknetze. Reuters zufolge sichert sich Nvidia damit einen Anteil von 2,9 Prozent an dem finnischen Konzern.
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Das ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Nokia war einst der dominierende Name im Mobilfunk, dann ein Symbol für den Absturz eines ehemaligen Marktführers. Zwischen Hochphase und Krise liegen nur wenige Jahre. Um 2000 stand Nokia für den europäischen Technologieaufstieg wie kaum ein anderes Unternehmen: zeitweise mit mehr als 4 Prozent Anteil am finnischen Bruttoinlandsprodukt und rund 70 Prozent der Börsenkapitalisierung in Helsinki. In der Handywelt lag der Konzern damals bei über 40 Prozent Marktanteil.
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Nokia 3310: Das Kult-Handy vor dem tiefen Fall
Zum Mythos dieser Zeit gehört das Nokia 3310. Das Gerät wurde zu einem Popkultur-Objekt, berühmt für seine Robustheit und seine enorme Verbreitung. Die oft zitierte Zahl von 126 Millionen verkauften Geräten ist weit verbreitet, lässt sich aber heute nur aus Sekundärquellen nachvollziehen; unstrittig ist jedoch, dass das 3310 zu den prägendsten Mobiltelefonen seiner Ära zählt.
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Dann kommt der Umbruch. Mit dem iPhone 2007 und dem ersten Android-Gerät 2008 verschiebt sich der Wettbewerb grundlegend: weg vom Mobiltelefon als Hardwareprodukt, hin zum Smartphone als Plattform aus Software, Apps und Ökosystem. Nokia reagiert spät und unentschlossen. 2010 holt der Konzern mit Stephen Elop erstmals einen nicht-finnischen CEO. Kurz darauf stellt Nokia sein bisheriges Softwaremodell infrage und setzt auf Windows Phone. Der Effekt ist verheerend: 2010 lag Nokias Smartphone-Marktanteil noch bei rund 33 Prozent, danach brach er in wenigen Jahren auf einstellige Werte ein.
Warum der Verkauf an Microsoft zum Wendepunkt wurde
2013 zieht Nokia die Konsequenz und verkauft die Gerätesparte an Microsoft. Der Kaufpreis beträgt 5,44 Milliarden Euro beziehungsweise rund 7,2 Milliarden US-Dollar. Zwei Jahre später zieht Microsoft eine vernichtende Bilanz: Der Konzern schreibt 7,6 Milliarden US-Dollar auf den Zukauf ab und kündigt den Abbau von bis zu 7.800 Stellen an. Rückblickend wirkt der Verkauf wie ein Befreiungsschlag: Nokia trennte sich von einem Geschäft, das seinen strategischen Höhepunkt bereits überschritten hatte.
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Die entscheidende Wende vollzieht sich allerdings fast im Schatten dieser Schlagzeilen. Schon 2007 hatte Nokia sein Netzgeschäft mit Siemens in ein Gemeinschaftsunternehmen ausgelagert. Im Juli 2013, noch vor Abschluss des Microsoft-Deals, kauft Nokia den Siemens-Anteil für 1,7 Milliarden Euro zurück. Damit gehört das Netzwerkgeschäft wieder vollständig den Finnen. Aus heutiger Sicht war das der strategische Kernzug: Nokia konnte das Smartphone-Rennen nicht mehr gewinnen, aber sehr wohl die Infrastruktur liefern, über die Smartphones und später datenintensive KI-Anwendungen laufen.
Der milliardenschwere Zukauf, der Nokia neu erfand
Der zweite große Schritt folgt 2015 mit der Übernahme von Alcatel-Lucent. Nokia kündigt die Transaktion im Volumen von 15,6 Milliarden Euro an; die EU-Kommission gibt sie noch im selben Jahr frei. Mit Alcatel-Lucent gewinnt Nokia nicht nur zusätzliche Größe im Telekomgeschäft, sondern auch Kompetenzen in IP-Routing, Festnetz- und optischer Infrastruktur. Vor allem aber kommt Bell Labs ins Unternehmen, eines der berühmtesten industriellen Forschungslabore der Welt. Dort wurden unter anderem der Transistor und Grundlagen der Informationstheorie entwickelt; Nokia Bell Labs selbst verweist heute auf zehn Nobelpreise und mehr als 20.000 Patente.
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Technologisch war diese Übernahme für Nokia zentral. Bereits 2018 stellte der Konzern mit „ReefShark“ neue 5G-Chipsätze vor. Nach Unternehmensangaben steigerten sie die Leistung massiv und senkten zugleich den Energieverbrauch der Baseband-Einheiten um 64 Prozent. Solche Fortschritte waren wichtig, weil Nokia im 5G-Wettlauf zunächst auch wegen technischer Rückstände unter Druck geraten war.
Der 5G-Schub, der Nokia wieder strategisch wichtig machte
Parallel veränderte sich das geopolitische Umfeld. Die USA verschärften ihre Maßnahmen gegen Huawei, Großbritannien verhängte 2020 ein Verbot für neue Huawei-5G-Technik und ordnete später den vollständigen Ausbau bis 2027 an. Für westliche Netzbetreiber wurde damit die Frage nach kritischer Infrastruktur nicht nur technisch, sondern auch sicherheitspolitisch. Davon profitierten europäische Anbieter wie Nokia und Ericsson. Nokia selbst meldete im Oktober 2020 bereits 100 kommerzielle 5G-Verträge.
Heute reicht Nokias Rolle weit über klassische Funktechnik hinaus. Das Unternehmen arbeitet mit Nvidia daran, Funkzugangsnetze für KI-Anwendungen umzubauen. In der gemeinsamen Ankündigung vom Oktober 2025 ist von „AI-native 5G-Advanced and 6G networks“ die Rede. Dahinter steht ein Strukturwandel: Mobilfunkmasten und Basisstationen sollen künftig nicht nur Daten weiterleiten, sondern Rechenleistung näher an den Ort bringen, an dem Maschinen, Sensoren und Anwendungen in Echtzeit reagieren müssen.
Wie Nokia in Fabriken und Häfen auf das nächste große Geschäft setzt
Dazu passt, dass Nokia seit Jahren ein zweites Standbein neben dem klassischen Carrier-Geschäft ausbaut: private 5G-Netze für Industrieunternehmen. Das Unternehmen verweist etwa auf BASF in Antwerpen, wo ein privates 5G-Netz auf einem sechs Quadratkilometer großen Werksgelände Anwendungen wie Echtzeit-Monitoring, vorausschauende Wartung und KI-gestützte Auswertung unterstützt. BASF spricht dabei von erreichten Renditezielen innerhalb von zwei Jahren und von einem Modell, das auf weitere Standorte übertragen werden soll.
Ähnlich gelagert ist das Projekt Thames Freeport in Großbritannien. Nokia, Verizon und Thames Freeport vereinbarten im Juni 2025 den Aufbau privater 5G-Netze für mehrere Logistik-, Industrie- und Innovationsstandorte entlang der Themse-Mündung. Die Region zählt zu den bedeutenden maritimen und industriellen Korridoren des Landes. Auch hier geht es nicht bloß um schnellere Konnektivität, sondern um die digitale Grundlage für Automatisierung, Analyse in Echtzeit und KI in komplexen Lieferketten.
Vom Ex-Handyriesen zum KI-Partner: So gelang Nokia die Wende
Im September 2025 eröffnete Nokia zudem seinen neuen Forschungs- und Fertigungscampus in Oulu. Der Konzern spricht von 55.000 Quadratmetern Fläche; an der Eröffnung nahm auch Finnlands Präsident Alexander Stubb teil. Die Symbolik ist kaum zu übersehen: Nokia präsentiert sich nicht mehr als Nachzügler einer verpassten Smartphone-Ära, sondern als europäischer Anbieter von Infrastruktur für das nächste Technologiezeitalter.
Der vielleicht wichtigste Punkt an Nokias Comeback ist deshalb nicht nostalgisch, sondern strategisch. Das Unternehmen hat sein altes Kerngeschäft abgestoßen, bevor es völlig wertlos wurde. Es hat das Netzgeschäft zurückgeholt, mit Alcatel-Lucent verbreitert und mit Bell Labs technologisch vertieft. Genau dieses Fundament macht Nokia nun für Nvidia interessant. Die Geschichte ist damit keine Rückkehr zum alten Nokia. Sie ist die Geschichte eines Konzerns, der den Verlust seiner Identität überlebt hat, um in einer neuen Industrie wieder systemrelevant zu werden.