Deindustrialisierung in Europa : Europas Industrie: Die bequeme Globalisierung ist vorbei

Bühne des Industriekongress 2026 mit den Experten Münkler Franke Mitterbauer und Friess

Die Podiumsdiskussion am Industriekongress 2026 zeigte, wie stark Globalisierung, China, Energiepreise und strategische Abhängigkeiten Europas Industrie unter Druck setzen.

- © Matthias Heschl

Lange galt Globalisierung als Versprechen: offene Märkte, internationale Arbeitsteilung, Wachstum durch Export. Doch auf dem Podium des Industriekongresses 2026 klang diese Erzählung nicht mehr wie ein Zukunftsmodell, sondern wie eine Epoche, deren Voraussetzungen brüchig geworden sind. Unter dem Titel „Von der Globalisierung zur Geoökonomie – Wer setzt künftig die Regeln?“ wurde sichtbar, dass Europas Industrie nicht nur vor Kosten-, Energie- und Bürokratiefragen steht. Es geht um Macht, Abhängigkeit, strategische Rohstoffe, Produktionsstandorte und die Frage, ob Europa noch selbst Regeln setzt – oder nur noch auf Regeln anderer reagiert.

F. Peter Mitterbauer beschrieb den Wandel aus der Perspektive eines internationalisierten Familienunternehmens. Sein Unternehmen, so wurde es am Podium vorgestellt, sei in den vergangenen Jahrzehnten von Österreich aus in mehrere Weltregionen gegangen. Mitterbauer selbst zeichnete diese Entwicklung weniger als Bruch denn als Fortsetzung: „Viel und auf der anderen Seite auch gar nicht“, sagte er auf die Frage, wie sich das Unternehmen verändert habe. Nach der Übergabe 2013 sei „etwas sehr Evolutionäres“ weitergegangen. Verändert habe sich aber die Struktur: Man exportiere nicht mehr nur von Österreich aus, sondern gehe „in die Abnehmermärkte in der Welt“ – mit „Produktion, mit Vertrieb, mit Entwicklung, mit Technologie vor Ort“.

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China, USA und Energie: Warum Unternehmen lokal produzieren müssen

Dieses „lokal für lokal“ ist für Mitterbauer nicht bloß Kundennähe. Es ist Anpassung an eine Welt, in der Geostrategie plötzlich unmittelbar in Unternehmensentscheidungen hineinwirkt. China setze „massiven Fokus“ auf Autarkie in der Energieversorgung, während in den USA der Wettlauf um Künstliche Intelligenz zusätzlichen Energiebedarf auslöse. Für Unternehmen entstehe daraus eine doppelte Rolle: Einerseits seien sie „geostrategisch ein Spielball“, andererseits könnten sie, wenn sie weltweit aufgestellt seien, auch „partizipieren“ und Technologien einbringen. Zusammengehalten werde ein solches Unternehmen durch dezentrale Verantwortung, finanzielle Stabilität, Technologie, Innovation und eine gemeinsame Mission.

Thomas Friess rückte den Blick auf die veränderten Rahmenbedingungen. Konkurrenz, Preise und Wettbewerbsfähigkeit seien zwar immer Managementthemen gewesen. Neu sei aber, dass das Umfeld „sehr viel weniger berechenbar“ geworden sei. Krieg, Energie, Geopolitik – all das wirke heute direkter auf wirtschaftliche Tätigkeit ein. Vor allem China habe eine andere Qualität erreicht: „Früher Low Cost, Low Quality, heute Low Cost, High Quality“, sagte Friess. Dazu komme, dass China sich wesentliche Lieferketten und Rohstoffe gesichert habe – von Seltenen Erden bis zu Kupferminen. Für europäische Firmen bleibe daher nur, „sehr intelligent und sehr innovativ und sehr kreativ“ mit diesen Bedingungen umzugehen.

China-Schock für Europa: Warum Rohstoffe und Lieferketten zur Machtfrage werden

Die Debatte drehte sich bald um die Frage, ob Europa vor einem „China-Schock 2.0“ steht. Die Sorge: Nach den USA könnten nun auch zentrale europäische Industrien – Automotive, Maschinenbau, Metallverarbeitung – unter Druck geraten. Die Antwort auf dem Podium fiel nicht simpel protektionistisch aus. Friess warnte davor, Zölle als Allheilmittel zu betrachten. Viele Mittelständler seien auf Vorprodukte aus China angewiesen, um selbst wettbewerbsfähig produzieren zu können. Man müsse daher „schlau“ und „strategisch“ lösen, wo Schutz sinnvoll sei und wo europäische Firmen offene Lieferketten weiter bräuchten.

Herfried Münkler sah das Problem tiefer. Europa habe lange geglaubt, Rohstoffproduzenten seien strukturell schwach und froh, wenn Industriestaaten ihnen Rohstoffe abnähmen. Nun hätten diese Akteure aus Rohstoffmärkten Strategie gemacht. Aus früher asymmetrischen Abhängigkeiten seien Machtinstrumente geworden. Münkler sprach von einem „Defizit von strategischem Denken im ökonomischen Bereich“. Man habe nicht antizipiert, „dass sich Verhältnisse ändern können“. Genau diese bequeme Sorglosigkeit falle Europa nun auf den Kopf.

Droht Europa die Deindustrialisierung? Was Chinas Industriestrategie bedeutet

Besonders scharf wurde die Diskussion, als die Frage aufkam, ob China gezielt auf eine Deindustrialisierung Europas hinarbeite. Münkler verwies auf Reden Xi Jinpings und sagte, es handle sich nicht bloß um ein Nebenprodukt chinesischer Entwicklung. China habe eine Vorstellung davon, welche Voraussetzungen nötig seien, um bis 2050 globale Führungsmacht zu werden. Dafür brauche es „industrielle Dominanz“. Die europäische Fehleinschätzung liege darin, „die strategische Kreativität der Chinesen strukturell unterschätzt“ zu haben. Ergänzt wurde das durch den Hinweis, dass China in Bereichen wie Solarzellen, Batterien und Elektrofahrzeugen Kapazitäten aufgebaut habe, die jeweils etwa dem Doppelten des aktuellen Weltbedarfs entsprächen – „Industriestrategie, fehlerfrei buchstabiert“.

Ulrike Franke widersprach dennoch einer allzu einfachen Erzählung vom Ende der Globalisierung. „Jein“, sagte sie auf die Frage, ob nun die Globalisierung ende, wie man sie kannte. Es gebe im Westen Tendenzen, wirtschaftlich nationalistischer zu werden; ein gewisses Zurückholen von Produktionsfähigkeiten nach Europa halte sie angesichts der Abhängigkeiten für nötig. Gleichzeitig zeigten die Daten aber „keinen Rückgang der Globalisierung“. Vielmehr steige der Westen teilweise aus, während der Rest der Welt weiter global handle – insbesondere mit China. Die Diagnose vom Ende der Globalisierung sei daher auch „westlich zentriert“ und „eurozentriert“.

Vom Exportversprechen zur Machtfrage: Die Podiumsdiskussion zeigte, warum Europas Industrie eine neue Strategie gegenüber China, USA und globalen Lieferketten braucht.

- © Matthias Heschl

Standort Europa: Energiepreise, Bürokratie und China setzen das Exportmodell unter Druck

Münkler formulierte es anders: Nicht die Verflechtung verschwinde, sondern sie regionalisiere sich. Statt einer globalen, wertegestützten und regelbasierten Ordnung entstünden Räume, in denen wirtschaftliche Macht und politischer Einfluss miteinander verknüpft seien. China schaffe entlang der neuen Seidenstraßen Abhängigkeiten, die USA dachten zunehmend in territorialen Blöcken. „Die Europäer sind sozusagen die Letzten, die noch nicht eine Vorstellung davon haben, was zu tun ist“, sagte Münkler. Europa müsse daher auch versuchen, den globalen Süden politisch und wirtschaftlich näher an sich zu binden.

Eine der Kernfragen blieb: Welche Rolle soll der Staat spielen? Auf dem Podium wurde weder ein schwacher noch ein allmächtiger Staat gefordert, sondern ein handlungsfähiger. Die Formel lautete sinngemäß: weniger Staat dort, wo er lähmt – der richtige Staat dort, wo er strategisch ermöglichen muss. Genannt wurden Energiekosten, Arbeitskosten, Bürokratie, Beschleunigungsgesetze und Schlüsseltechnologien. Europa brauche Rahmenbedingungen, „wo wir atmen können“, hieß es. Das bisherige Geschäftsmodell – Export aus Deutschland und Österreich in stark wachsende Märkte wie China und die USA – komme „gerade ein bisschen abhanden“.

Europa gegen USA und China: Warum Kapital, Technologie und Talente entscheiden

Dass Wirtschaftspolitik inzwischen auch Sicherheitspolitik ist, wurde besonders bei der Frage nach Technologie und Kapital deutlich. Münkler sprach sich dafür aus, aus Gründen nationaler Sicherheit bestimmte Aufkäufe zu blockieren und eigenes Risikokapital bereitzustellen, um Start-ups in Europa zu halten. Entscheidend sei, „die eigene Kreativität nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern auch bei uns zu behalten“. Der permanente Braindrain in Richtung USA und China sei damit nicht nur ein wirtschaftliches, sondern ein strategisches Problem.

Am Ende blieb ein nüchterner, aber nicht hoffnungsloser Befund. Auf die Frage, wer 2035 wirtschaftlich stärker sein werde, USA oder China, fiel die Einschätzung skeptisch für Europa aus: China werde stärker sein als Europa, die USA ebenfalls – unter anderem wegen Kapitalmärkten, Patenten und der Fähigkeit, Talente anzuziehen. Zugleich wurde der optimistische Teil ausdrücklich benannt: Österreich und Europa hätten „Perlen als Firmen“ und „Perlen als Mitarbeiter“. Die Menschen könnten etwas, seien fleißig und pragmatisch. Genau darin liegt die Resthoffnung dieser Debatte: Europa hat industrielle Substanz. Aber sie reicht nicht, wenn daraus keine Strategie wird.

Die Diskussion am Industriekongress machte deutlich: Globalisierung bleibt – aber sie folgt immer stärker geopolitischen Regeln.

- © Matthias Heschl