Infineon KI-Boom : Infineon: Deutscher Chipriese profitiert vom größten Engpass der künstlichen Intelligenz
Leistungshalbleiter werden für KI-Rechenzentren immer wichtiger – Infineon zählt hier zu den zentralen Anbietern.
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Wenn heute vom Boom der künstlichen Intelligenz die Rede ist, geht es fast immer um dieselben Namen. Nvidia steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, weil seine Grafikprozessoren, die sogenannten GPUs, das Training und den Betrieb moderner KI-Modelle überhaupt erst in dieser Geschwindigkeit möglich machen. Auch Intel rückt wieder stärker in den Fokus: Der einstige Chipgigant, dessen Prozessoren den PC-Boom prägten, versucht im KI-Zeitalter den Anschluss zurückzugewinnen.
Fast niemand aber spricht über jenes Unternehmen, ohne das die KI-Revolution im Maschinenraum womöglich gar nicht funktionieren würde: Infineon Technologies aus Neubiberg bei München. Und über Jochen Hanebeck, den Vorstandschef des größten europäischen Halbleiterkonzerns. Denn der eigentliche Endgegner der KI ist möglicherweise gar nicht Rechenleistung. Sondern die Stromrechnung.
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Der Stromhunger der KI wird zum größten Engpass
Moderne KI-Rechenzentren verbrauchen enorme Mengen an Energie. Die Internationale Energieagentur erwartet, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 auf rund 945 Terawattstunden mehr als verdoppelt. Das wäre knapp drei Prozent des weltweiten Stromverbrauchs. KI gilt dabei als wichtigster Wachstumstreiber.
Auch auf der Ebene einzelner Serverracks verschiebt sich die Dimension. Nvidia spricht davon, dass neue 800-Volt-Gleichstromarchitekturen Rechenzentren für KI-Racks mit einer Leistungsaufnahme von einem Megawatt und mehr ermöglichen sollen. Infineon selbst verweist darauf, dass ein KI-Serverrack von heute rund 120 Kilowatt über 500 Kilowatt bis hin zu einem Megawatt gegen Ende des Jahrzehnts wachsen könnte.
Ein Megawatt pro Rack: Das ist der Punkt, an dem KI nicht mehr nur eine Frage schneller Chips ist, sondern eine Frage der Energieinfrastruktur. Der Strom muss umgewandelt, geregelt, verteilt, stabilisiert und möglichst effizient nutzbar gemacht werden.
Warum Infineon bei Rechenzentren unverzichtbar werden könnte
Genau hier liegt die Stärke von Infineon. Die Münchner bauen nicht die glamourösen KI-Prozessoren, die in Präsentationen und Börsenfantasien die Hauptrolle spielen. Sie bauen Chips, die Strom kontrollieren. Leistungshalbleiter, Stromversorgungsbausteine, Sensorik und Steuerungstechnik. Dinge, die tief im Maschinenraum moderner Technik verborgen sind – aber ohne die nichts läuft.
Infineon bezeichnet sich als weltweit führend bei Power Systems und IoT. In Unternehmenspräsentationen verweist der Konzern zudem auf eine globale Spitzenposition bei Leistungshalbleitern.
Je größer KI-Rechenzentren werden, desto wichtiger wird Energieeffizienz. Denn wenn ein einzelnes Rechenzentrum Milliarden kostet und der Stromanschluss zum Engpass wird, zählt jedes Prozent weniger Verlustleistung. Die Internationale Energieagentur warnt bereits, dass Netzengpässe bis 2030 rund 20 Prozent der weltweit geplanten Rechenzentrumskapazität verzögern könnten.
Diese Milliardenprognose zeigt das neue KI-Potenzial
In der vergangenen Woche hat Infineon seine Geschäftsaussichten deutlich angehoben. Der Konzern erwartet für das Geschäftsjahr 2026 nun einen signifikanten Umsatzanstieg und eine Segmentergebnismarge von rund 20 Prozent. Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2026 erzielte Infineon 3,812 Milliarden Euro Umsatz und eine Segmentergebnismarge von 17,1 Prozent.
Der wichtigste Grund für den neuen Optimismus: die stark steigende Nachfrage nach Stromversorgungslösungen für KI-Rechenzentren. Infineon erwartet in diesem Bereich im Geschäftsjahr 2026 rund 1,5 Milliarden Euro Umsatz. Für 2027 stellt der Konzern rund 2,5 Milliarden Euro in Aussicht.
2024 lag der Umsatz aus diesen Anwendungen laut Unternehmensangaben noch bei rund 250 Millionen Euro. Damit könnte sich das Geschäft innerhalb weniger Jahre vervielfachen. Zum Vergleich: Im Geschäftsjahr 2025 erzielte Infineon insgesamt rund 14,7 Milliarden Euro Umsatz.
Nvidia und Infineon arbeiten am Stromsystem der Zukunft
Besonders wichtig ist dabei die Zusammenarbeit mit Nvidia. Infineon entwickelt gemeinsam mit dem US-Konzern neue Stromversorgungssysteme für KI-Rechenzentren. Im Zentrum steht eine Architektur mit zentraler Stromerzeugung auf Basis von 800 Volt Hochvolt-Gleichstrom.
Der Hintergrund: In klassischen Rechenzentren wird Strom häufig als Wechselstrom verteilt und später in Gleichstrom umgewandelt. Diese Umwandlungen kosten Energie. Nvidia und Infineon wollen deshalb neue Architekturen vorantreiben, die Umwandlungsverluste reduzieren, höhere Leistungsdichten ermöglichen und den Materialaufwand – etwa bei Kupfer – senken.
Das klingt technisch. Wirtschaftlich ist es aber hochrelevant. Denn wenn KI-Infrastruktur zum strategischen Standortfaktor wird, dann entscheidet nicht nur, wer die schnellsten Chips hat. Sondern auch, wer sie zuverlässig und effizient mit Strom versorgen kann.
Warum das Autogeschäft für Infineon trotzdem entscheidend bleibt
Trotz des KI-Hypes bleibt Infineon zunächst vor allem eines: ein zentraler Zulieferer der Autoindustrie.
Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2026 erzielte allein das Automotive-Segment 1,83 Milliarden Euro Umsatz. Damit steht das Autogeschäft weiterhin für einen großen Teil des Konzerns.
Infineon ist nach eigenen Angaben seit 2020 weltweit die Nummer eins bei Automotive-Halbleitern. Auf Basis von TechInsights-Daten kam der Konzern 2025 auf einen Marktanteil von 12,8 Prozent im weltweiten Markt für Autochips.
Die Chips aus Neubiberg und aus Standorten wie Villach stecken in zahlreichen Funktionen moderner Fahrzeuge: Airbags, Batteriemanagement, Fahrerassistenzsystemen, Sensorik, Motorsteuerungen, Lichtsystemen oder Leistungselektronik für Elektroautos.
Doch genau dieses Geschäft steht vor einer technologischen Umwälzung. Denn das Auto verändert sich fundamental. Nicht mehr nur elektrisch, sondern softwaredefiniert.
Softwaredefinierte Autos werden zur nächsten Bewährungsprobe
Bisher funktionieren viele Fahrzeuge wie ein komplexer Flickenteppich aus Elektronik: Dutzende Steuergeräte und Mikrocontroller übernehmen einzelne Aufgaben – eines für das Licht, eines für die Fensterheber, eines für den Sitz, eines für das Bremssystem. Künftige softwaredefinierte Fahrzeuge sollen dagegen stärker über zentrale Rechner, gemeinsame Softwareplattformen und leistungsfähigere Kommunikationsarchitekturen funktionieren.
Für Infineon ist das Chance und Risiko zugleich. Einerseits brauchen diese Fahrzeuge leistungsfähige Halbleiter, Sensorik, Sicherheitslösungen, Speicher, Leistungselektronik und Kommunikationschips. Andererseits könnte der Bedarf an vielen kleinen, dezentralen Mikrocontrollern langfristig unter Druck geraten.
Der Konzern reagiert bereits. Im April 2025 kündigte Infineon die Übernahme des Automotive-Ethernet-Geschäfts von Marvell für 2,5 Milliarden Dollar an. Damit stärkt Infineon gezielt seine Position bei Kommunikationschips für softwaredefinierte Fahrzeuge.
Infineon baut den Konzern für die neue Chipwelt um
Weil sich die Technologiewelt des Konzerns verändert, zieht Infineon auch organisatorisch neue Linien. Ab dem 1. Juli 2026 bündelt das Unternehmen sein Geschäft in drei statt bisher vier Bereichen: Automotive, Power Systems und Edge Systems.
Automotive umfasst künftig alles rund ums Auto – inklusive softwaredefinierter Fahrzeuge und Elektromobilität. Power Systems bündelt Stromversorgung, KI-Rechenzentren, erneuerbare Energien, Netzinfrastruktur und industrielle Leistungselektronik. Edge Systems soll Anwendungen verbinden, in denen digitale und reale Welt zusammenlaufen: etwa Robotik, Industrieautomation, vernetzte Geräte oder intelligente Haushaltsgeräte.
Das klingt nach typischer Konzernsprache. Strategisch ist es aber bemerkenswert.
Warum einzelne Chips künftig nicht mehr entscheidend sind
Infineon organisiert sich damit nicht mehr nur entlang klassischer Chipkategorien, sondern stärker entlang konkreter Anwendungen. Die zentrale Frage lautet nicht mehr: Welcher Bereich baut welchen Chip? Sondern: Welche Technologien braucht das gesamte System?
Ein moderner KI-Server benötigt nicht nur Rechenleistung. Er braucht Leistungshalbleiter, Stromversorgung, Sensorik, Sicherheitsfunktionen, Datenkommunikation und thermische Kontrolle. Ein softwaredefiniertes Auto braucht nicht nur Mikrocontroller. Es braucht Rechenplattformen, Sicherheitsarchitektur, Kommunikationschips und Leistungselektronik.
Die Technologien verschmelzen. Infineon versucht, sich in dieser neuen Welt als Infrastrukturkonzern der Elektrifizierung und Digitalisierung zu positionieren.
Infineon schaut dorthin, wo der KI-Hype wirklich teuer wird
Noch vor wenigen Monaten galt Infineon an der Börse und in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem als solider, aber wenig spektakulärer Autochip-Zulieferer. Eine Firma für Ingenieure. Für Leistungselektronik. Für Dinge, die irgendwo tief im Maschinenraum moderner Technik verschwinden. Nicht gerade das Material, aus dem Tech-Hypes gemacht werden.
Doch genau das könnte sich ändern. Während alle auf die künstliche Intelligenz schauen, schaut Infineon auf die Steckdose daneben. Denn am Ende braucht selbst die intelligenteste Maschine der Welt vor allem eines: sehr viel Strom. Und genau deshalb könnte ausgerechnet ein deutscher Konzern aus Neubiberg zu einem der wichtigsten Infrastrukturgewinner des KI-Zeitalters werden.