XPeng Elektroauto China : XPeng: Chinas Tech-Angriff auf Europas Automarkt beginnt in Graz und München
XPeng lässt seine Europa-Modelle G6 und G9 bei Magna Steyr in Graz montieren – ein zentraler Baustein der europäischen Expansionsstrategie des chinesischen E-Auto- und Technologiekonzerns.
- © XpengDer Wettbewerb auf dem deutschen Elektroautomarkt wird härter. Neben etablierten Herstellern aus Europa, den USA, Japan und Südkorea bringen immer mehr chinesische Marken ihre Fahrzeuge nach Europa. Viele versuchen, Käufer mit einer umfangreichen Serienausstattung, vergleichsweise niedrigen Preisen und kurzen Entwicklungszyklen zu gewinnen. XPeng verfolgt jedoch einen weitergehenden Ansatz: Das 2014 gegründete Unternehmen aus Guangzhou möchte nicht nur Elektroautos verkaufen, sondern sich als internationaler Technologiekonzern für künstliche Intelligenz und Mobilität etablieren.
>>> Volkswagen und Xpeng: Die riskante Nähe zweier ungleicher Autohersteller
Mitgründer und Vorstandschef He Xiaopeng brachte diese Positionierung in einem Interview mit Auto Bild auf den Punkt: „Wir sehen XPeng nicht als Autohersteller.“ Fahrzeuge seien vielmehr eines von mehreren Produkten, in denen die selbst entwickelten Technologien des Unternehmens zum Einsatz kommen. In Europa soll die Marke nach seinen Vorstellungen vor allem für „smarte High-End-Technologie“ stehen.
Nie mehr die wichtigsten News aus Österreichs Industrie verpassen? Abonnieren Sie unser Daily Briefing: Was in der Industrie wichtig wird. Täglich um 7 Uhr in ihrer Inbox. Hier geht’s zur Anmeldung!
XPeng setzt auf KI-Chip, Software und eigene Fahrzeugarchitektur
Während zahlreiche Fahrzeughersteller Software und künstliche Intelligenz als zusätzliche Ausstattung betrachten, versucht XPeng, seine Produkte von diesen Technologien ausgehend zu entwickeln. Nach Unternehmensangaben entstehen nicht nur das Infotainmentsystem und wesentliche Bestandteile der Fahrassistenz im eigenen Haus. XPeng entwickelt außerdem Teile des Antriebs, die elektrische und elektronische Fahrzeugarchitektur sowie eigene KI-Modelle und Prozessoren.
>>> Jaguar: Warum die Auto-Ikone ihre Vergangenheit loswerden will
Ein wichtiger Baustein dieser Strategie ist der sogenannte Turing AI Chip. Der Prozessor verfügt nach Angaben von XPeng über 40 Rechenkerne und soll große KI-Modelle direkt im Fahrzeug verarbeiten können. In aktuellen Anwendungen erreicht ein Chip eine Rechenleistung von bis zu 750 TOPS, also 750 Billionen Rechenoperationen pro Sekunde. Entwickelt wurde die Technik nicht nur für Elektroautos, sondern auch für Robotaxis, humanoide Roboter und elektrisch angetriebene Fluggeräte.
Volkswagen und XPeng: Warum der Rivale auch Technologiepartner wird
Dass diese Kompetenz auch für andere Hersteller interessant ist, zeigt die Zusammenarbeit mit Volkswagen. XPeng, Volkswagen China Technology Company und Cariad China haben gemeinsam eine neue zonale Elektronikarchitektur für den chinesischen Markt entwickelt. Sie soll die Zahl der Steuergeräte gegenüber älteren Systemen um etwa 30 Prozent reduzieren, vollständige Softwareaktualisierungen über das Mobilfunknetz ermöglichen und die Integration digitaler Funktionen beschleunigen. Anfang 2026 begann die Serienproduktion des ersten Fahrzeugs mit dieser Architektur, des VW ID. UNYX 07.
>>> Mercedes: Wie die Luxuswette in China zum Milliardenproblem wurde
Die Kooperation ist für XPeng von strategischer Bedeutung. Sie zeigt, dass das Unternehmen nicht nur als Wettbewerber europäischer Autobauer auftritt, sondern teilweise auch als Technologiepartner. Gleichzeitig gilt die Zusammenarbeit bislang hauptsächlich für Modelle, die Volkswagen in China entwickelt und produziert. Rückschlüsse auf eine gemeinsame Modellpalette in Europa lassen sich daraus nicht automatisch ziehen.
XPeng G6 und G9: 800-Volt-Technik soll Ladezeiten drücken
Trotz aller Zukunftsprojekte muss sich XPeng zunächst mit seinen Autos im Alltag bewähren. Dabei setzt die Marke vor allem auf kurze Ladezeiten, eine umfangreiche Serienausstattung und lange Garantien.
Die überarbeiteten Modelle G6 und G9 kombinieren eine 800-Volt-Architektur mit besonders schnellladefähigen Batterien. Nach Herstellerangaben kann der G6 eine maximale Ladeleistung von bis zu 451 Kilowatt erreichen, beim größeren G9 sind es bis zu 525 Kilowatt. An einer entsprechend leistungsfähigen Ladestation soll der Ladevorgang von zehn auf 80 Prozent rund zwölf Minuten dauern. Solche Werte werden allerdings nur unter günstigen Bedingungen erreicht, etwa bei passender Batterietemperatur und einer Ladesäule, die die erforderliche Leistung tatsächlich bereitstellen kann.
Auch die Fastback-Limousine P7+ setzt auf eine 800-Volt-Plattform und LFP-Batterien. XPeng nennt für ausgewählte Varianten eine maximale Gleichstrom-Ladeleistung von 446 Kilowatt und eine Ladezeit von etwa zwölf Minuten zwischen zehn und 80 Prozent. In Europa wird der P7+ seit April 2026 ausgeliefert.
XPeng L03: Das neue China-SUV für Deutschland startet unter 40.000 Euro
Mit dem L03 bringt XPeng ein kompakteres SUV-Coupé auf den deutschen Markt. Das 4,65 Meter lange Modell ist bereits bestellbar, die ersten Auslieferungen sollen im vierten Quartal 2026 beginnen.
Beim Preis und bei der Reichweite ist eine genaue Unterscheidung notwendig: Die Basisversion L03 RWD Standard Range kostet ab 35.600 Euro und soll mit ihrer 58,3-kWh-LFP-Batterie bis zu 445 Kilometer nach WLTP erreichen. Die häufig genannten 520 Kilometer gelten dagegen für das Modell RWD Long Range mit 71,2-kWh-Batterie. Diese Variante startet bei 38.600 Euro. Die Werte stehen zum Zeitpunkt der Markteinführung noch unter dem Vorbehalt der abschließenden Homologation.
Anders als G6, G9 und P7+ nutzt der L03 eine 400-Volt-Architektur. Dennoch soll er mit bis zu 236 Kilowatt laden können. XPeng nennt für den Bereich von 20 auf 80 Prozent eine Ladezeit von 18 Minuten. Neben den vollelektrischen Varianten ist außerdem eine Version mit Range Extender angekündigt. Bei ihr werden die Räder ausschließlich elektrisch angetrieben, während ein 1,5-Liter-Benzinmotor als Generator Strom für die Batterie erzeugt.
Der selbst entwickelte Turing-Chip kommt beim L03 nicht in jeder Ausstattungsvariante zum Einsatz. Er ist nach aktuellem Stand dem Topmodell AWD Performance Ultra vorbehalten, das mindestens 46.600 Euro kostet. Die dort angebotenen automatisierten Funktionen entsprechen in Deutschland weiterhin einem Assistenzsystem auf Level-2+-Niveau. Der Fahrer bleibt also verantwortlich und muss das Verkehrsgeschehen dauerhaft überwachen.
XPeng Händler Deutschland: Warum der Service zur Vertrauensfrage wird
Beim Vertrieb wählt XPeng einen vergleichsweise traditionellen Weg. Statt Fahrzeuge ausschließlich im Internet oder über wenige eigene Verkaufsräume anzubieten, arbeitet das Unternehmen mit Vertragshändlern zusammen. Ende 2025 verfügte die Marke nach eigenen Angaben über 50 deutsche Standorte. Im Juli 2026 sprach He Xiaopeng bereits von rund 70 Händlern. Bis zum Jahresende soll das Netz auf 110 Standorte wachsen. Einige Partner verkaufen zugleich Fahrzeuge etablierter deutscher Premiummarken.
Dieser Ausbau ist für eine junge Marke besonders wichtig. Autokäufer beurteilen nicht nur Preis, Reichweite und Ladeleistung, sondern auch die Erreichbarkeit von Werkstätten, die Ersatzteilversorgung, Garantieabwicklungen und mögliche Reparaturzeiten. Ein dichtes Händlernetz kann helfen, Vorbehalte gegenüber einem bislang wenig bekannten Hersteller abzubauen.
Im ersten vollständigen Geschäftsjahr 2025 setzte XPeng in Deutschland 2.991 Fahrzeuge ab. Davon entfielen 1.664 Einheiten auf den G6, 1.172 auf den G9 und 155 auf die damalige P7-Limousine. Für 2026 hat das Unternehmen das Ziel von rund 8.000 deutschen Neuzulassungen ausgegeben. Ob diese Prognose erreicht wird, hängt unter anderem von der Nachfrage nach den neuen Modellen und der Geschwindigkeit des Händlerausbaus ab.
XPeng, Magna Steyr und München: So entsteht die Europa-Strategie
Die internationale Expansion erfolgt von einer noch überschaubaren Basis aus. XPeng lieferte 2025 weltweit rund 429.000 Fahrzeuge aus. In Europa waren es knapp 22.800 Einheiten. Das entspricht zwar einem deutlichen Wachstum gegenüber dem Vorjahr, macht aber zugleich deutlich, wie groß der Abstand zu den etablierten Massenherstellern weiterhin ist.
Bis 2030 will XPeng nach Aussage des Vorstandschefs mehr als eine Million Fahrzeuge außerhalb Chinas verkaufen. Das Unternehmen zeigt sich außerdem offen für zusätzliche Fertigungskooperationen oder die Nutzung vorhandener Produktionsanlagen in Europa.
Vom Elektroauto zum Roboter: XPengs KI-Pläne reichen weit über Autos hinaus
Die langfristigen Pläne reichen weit über Personenwagen hinaus. XPeng arbeitet am humanoiden Roboter Iron, an Robotaxis und über das verbundene Unternehmen Aridge an modularen Fluggeräten. Dabei sollen Fahrzeuge, Roboter und Fluggeräte gemeinsame KI-Komponenten, Chips und Softwaremodelle verwenden. Der Roboter Iron besitzt nach Unternehmensangaben mehr als 60 Gelenke und wurde bereits für interne Aufgaben in Fabriken und Verkaufsräumen erprobt.
He Xiaopeng erwartet allerdings nicht, dass Flugtaxis in naher Zukunft massenhaft über europäische Innenstädte fliegen. Wegen der Lärmbelastung sieht er mögliche Einsatzgebiete eher bei Lieferdiensten sowie bei der Beförderung in ländlichen oder schwer erreichbaren Regionen.
XPengs härteste Prüfung in Europa heißt nicht Technik, sondern Vertrauen
XPeng hebt sich damit tatsächlich von vielen neuen Automarken ab. Das Unternehmen entwickelt zentrale Hard- und Softwarekomponenten selbst, arbeitet mit Volkswagen zusammen, baut ein europäisches Entwicklungszentrum auf und lässt mehrere Modelle in Österreich montieren. Gleichzeitig darf die technologische Selbstdarstellung nicht mit einem bereits gesicherten Markterfolg verwechselt werden.
Eigene KI-Chips, Roboter und Fluggeräte sind eindrucksvolle Entwicklungsprojekte. Für deutsche Autokäufer bleiben jedoch andere Fragen mindestens ebenso wichtig: Wie zuverlässig sind die Fahrzeuge nach mehreren Jahren? Funktionieren Service und Ersatzteilversorgung? Wie entwickeln sich Gebrauchtwagenpreise und Versicherungskosten? Und hält das Händlernetz mit dem geplanten Wachstum Schritt?
XPeng ist deshalb mehr als ein weiterer Importeur günstiger Elektroautos aus China. Ob aus dem ambitionierten Technologieunternehmen langfristig eine bedeutende europäische Automarke wird, entscheidet sich jedoch nicht auf Präsentationen oder anhand theoretischer Rechenleistungen. Entscheidend wird sein, ob XPeng seine technischen Versprechen dauerhaft in zuverlässige Fahrzeuge, guten Service und Vertrauen übersetzen kann.