Tesla Gigafactory Berlin : Tesla Grünheide: Die riskante Deutschland-Wette des Elektroauto-Pioniers

grünheide, berlin, germany - 08 08 2023: the german tesla gigafactory Berlin Brandenburg

Das Tesla-Werk in Grünheide bei Berlin soll weiter wachsen: Der Elektroautohersteller plant mehr Model-Y-Produktion, zusätzliche Jobs und einen Ausbau der Batteriezellfertigung in Brandenburg.

- © Tobias Arhelger - stock.adobe.com

Ein Elektroauto für 25.000 Euro aus Deutschland, eigene Batteriezellen aus Brandenburg und Produktionsziele, die bei klassischen Automobilkonzernen zunächst mehrere Gremien durchlaufen würden: Bei Tesla stehen solche Vorhaben häufig früh im Raum.

Während Volkswagen über Werke und Auslastung diskutiert, Stellantis Kapazitäten reduziert und Ford seine europäische Produktion verkleinert, schlägt Tesla erneut die entgegengesetzte Richtung ein. Ausgerechnet in Deutschland plant der Konzern einen der wenigen großen industriellen Hochläufe des Jahres.

Ab Oktober soll das Werk in Grünheide bis zu 7.500 Model Y pro Woche produzieren können. Das wären rund 20 Prozent mehr als zuvor. Dafür sucht Tesla etwa 1.000 zusätzliche Produktionsmitarbeiter. Gleichzeitig bereitet das Unternehmen am Standort die nächste Ausbaustufe seiner Batteriezellfertigung vor. Vorgesehen sind eine zusätzliche Investition von 250 Millionen Dollar, eine Zielkapazität von 18 Gigawattstunden und mehr als 1.500 Arbeitsplätze.

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Tesla in Brandenburg: Der neue Hochlauf kommt nach schwierigen Monaten

Die Pläne klingen optimistischer als die derzeitige Agenda vieler europäischer Autovorstände. Sie müssen jedoch im Zusammenhang mit den Rückschlägen der vergangenen Jahre betrachtet werden.

Noch vor einem Jahr stand Grünheide für Lieferprobleme, einen Produktionsstopp nach einem Brandanschlag sowie für Debatten über Leiharbeit, Auslastung und Elon Musks politische Karriere. Im ersten Halbjahr lag der Skoda Elroq bei den deutschen Elektroautomodellen knapp vor dem Model Y. Im Juni übernahm Teslas SUV mit 6.023 Neuzulassungen jedoch wieder die Spitze unter den Elektroautomodellen in Deutschland.

Tesla erhöht die Produktion in Brandenburg somit nicht aus einer ununterbrochenen Erfolgsgeschichte heraus. Der Konzern versucht vielmehr, das Werk nach mehreren Rückschlägen wieder auf Expansion auszurichten.

Das Tesla Model Y ist das wichtigste Fahrzeug aus der Gigafactory Grünheide. Der Standort in Brandenburg soll künftig mehr Autos produzieren und zugleich die Batteriezellfertigung ausbauen.

- © Tesla

Gigafactory Berlin-Brandenburg: Wie Tesla beim Fabrikbau Tempo machte

Der Unterschied zwischen Tesla und vielen Wettbewerbern zeigt sich nicht erst am Fließband. Bereits der Bau der Gigafactory folgte einer für deutsche Industrieprojekte ungewöhnlichen Reihenfolge. Tesla wartete nicht auf sämtliche endgültigen Genehmigungen, sondern errichtete wesentliche Teile des Werks auf Grundlage vorläufiger Freigaben. Jede Bauphase erfolgte auf eigenes Risiko. Wären zentrale Genehmigungen ausgeblieben, hätte das Unternehmen im Zweifel bereits errichtete Anlagen zurückbauen müssen.

Dabei handelte es sich weniger um eine öffentlichkeitswirksame „Move fast“-Inszenierung als um eine konkrete Kapitalentscheidung in Brandenburg. Nur wenige andere Automobilhersteller dürften bereit sein, bei einem vollständig neuen Werk in Deutschland ein vergleichbares Risiko einzugehen.

Auch der Baupartner Goldbeck passte zu dieser Vorgehensweise. Das deutsche Familienunternehmen setzt bei Industrie- und Logistikbauten auf standardisierte Abläufe, wiederholbare Strukturen und vorgefertigte Bauelemente. In Grünheide konnte Tesla dadurch mehrere Arbeitsschritte parallel ausführen. Die hohe Geschwindigkeit entstand bereits auf der Baustelle.

Der Bau der Tesla-Gigafactory in Grünheide bei Berlin stand früh für das besondere Tempo des Konzerns: Teile des Werks entstanden auf Grundlage vorläufiger Genehmigungen – und damit auf eigenes Risiko.

- © dpa-Zentralbild/Soeren Stache

Tesla-Produktion in Grünheide: Warum Geschwindigkeit schon vor dem Fließband beginnt

Dieses Muster setzt sich im laufenden Betrieb fort. Eine Produktion von 7.500 Fahrzeugen pro Woche erfordert eng aufeinander abgestimmte Materialflüsse, Schichtmodelle und Personalplanungen. Auch die berichtete Taktzeit von rund 45 Sekunden pro Produktionsstation ist nicht nur eine isolierte Kennzahl aus der Fabrik.

Tesla setzt zunächst das Ziel. Anschließend müssen Engineering, Einkauf, Produktionslinie und Werksleitung ihre Abläufe darauf ausrichten.

Die Methode erinnert an SpaceX, ohne dass Grünheide deshalb zu einer Raketenfabrik wird. Auch beim Raumfahrtunternehmen wurden Termine verfehlt, Pläne verändert und Raketen zerstört. Die Organisation war jedoch von Beginn an auf Wiederholung und Geschwindigkeit ausgerichtet.

In Brandenburg trifft die Automobilversion dieses Modells auf deutsches Industrierecht, lokale Politik und die Frage, welche Aufgaben das Werk innerhalb des Tesla-Konzerns künftig übernehmen soll.

Tesla Model Y aus Brandenburg: Wie Grünheide zum europäischen Produktionsknoten wird

Aktuell produziert Tesla in Brandenburg vor allem das Model Y für den europäischen Markt. Das Werk ersetzt die Standorte Shanghai, Austin oder Fremont nicht. Es ergänzt sie als europäischer Produktionsknoten. Dabei geht es um weit mehr als die Endmontage. Presswerk, Karosseriebau, die Fertigung großer Aluminiumgussteile, Lackierung und Endproduktion befinden sich auf demselben Campus.

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Seit der Ankündigung des Standorts im Jahr 2019 hat sich die Rolle des Werks innerhalb des Konzerns jedoch verändert. Ursprünglich stand die Nähe zum europäischen Markt im Vordergrund. Tesla wollte Lieferwege verkürzen, die Abhängigkeit von Importen aus Shanghai reduzieren und ein eigenes Werk für sein wichtigstes europäisches Modell schaffen.

Inzwischen bindet der Konzern den Standort tiefer in seine eigene Wertschöpfung ein. Ein zentraler Bestandteil dieser Strategie ist der Ausbau der Batteriezellproduktion.

Blick in eine Tesla-Produktion in den USA. In Grünheide bei Berlin will der Konzern die Fertigung des Model Y ausbauen und die Batteriezellproduktion stärken.

- © Tesla

Batteriezellen aus Grünheide: Teslas Plan für mehr Wertschöpfung in Deutschland

Tesla hatte eine eigene Zellfertigung in Grünheide bereits vor längerer Zeit angekündigt. Die geplante Kapazität soll nun von acht auf 18 Gigawattstunden steigen. Dafür sind zusätzliche Investitionen von 250 Millionen Dollar und voraussichtlich mehr als 1.500 Arbeitsplätze vorgesehen.

Noch handelt es sich allerdings um einen Ausbaupfad und nicht um eine vollständig realisierte Serienproduktion. Derzeit baut Tesla in Grünheide in erster Linie Autos. Gleichzeitig bereitet das Unternehmen dort jene Wertschöpfungsebenen vor, die für die Wirtschaftlichkeit eines Elektrofahrzeugs entscheidend sind: Zellproduktion, Batterieintegration, Fahrzeugsoftware, Ladeinfrastruktur und Energiegeschäft.

Das Modell unterscheidet sich sowohl von BYDs Verbindung aus Batterie- und Fahrzeugproduktion als auch vom klassischen europäischen Zuliefernetzwerk. Tesla versucht, möglichst viele kritische Schnittstellen selbst zu kontrollieren.

Mehr Wertschöpfung, höhere Produktionsgeschwindigkeit und eine stärkere Spezialisierung des Standorts erhöhen allerdings auch die Anforderungen an die Beschäftigten.

Tesla Grünheide und IG Metall: Der Konflikt um Tempo, Löhne und Tarifvertrag

Mehr Produktion erfordert in Grünheide nicht nur zusätzliches Personal. Tesla benötigt Beschäftigte für ein System, das schneller, standardisierter und flexibler organisiert werden soll.

In klassischen deutschen Automobilwerken werden Löhne, Schichten und betriebliche Konflikte meist durch Tarifverträge, Betriebsräte und über Jahre gewachsene Machtverhältnisse geprägt. Tesla arbeitet dagegen ohne Flächentarifvertrag und setzt auf eigene Lohnmodelle, Zusatzleistungen und interne Programme.

In Stellenanzeigen nennt das Unternehmen je nach Position unter anderem 30 Urlaubstage, betriebliche Altersvorsorge, Versicherungen, Trainingsangebote, Unterstützung für Pendler, Produktrabatte, teilweise kostenloses Laden sowie Aktien- oder Bonusprogramme. Diese Leistungen gelten nicht automatisch für jede Stelle. Sie verdeutlichen jedoch die Richtung des Tesla-Modells: Mitarbeiterbindung und betriebliche Flexibilität sollen möglichst intern gesteuert werden.

Die Lohnerhöhung im Jahr 2024 machte dieses Vorgehen sichtbar. Tesla erhöhte die Löhne in Grünheide um vier Prozent – laut Reuters ohne Beteiligung der IG Metall. Der Konzern reagierte damit auf den Druck innerhalb des Werks und auf dem Arbeitsmarkt, ohne den Konflikt über eine klassische Tarifstruktur zu lösen.

Die IG Metall fordert bei Tesla in Grünheide einen Tarifvertrag und kritisiert Arbeitsbelastung, Produktionsdruck und verdichtete Taktzeiten. Tesla setzt am Standort dagegen auf ein eigenes Arbeitsmodell.

- © IG Metall

Arbeiten bei Tesla Grünheide: Warum der Produktionstakt zum Streitpunkt wird

Die IG Metall versucht, ein Gegenmodell zu etablieren. Sie kritisiert Arbeitsbelastung, hohen Produktionsdruck, Krankenstände und verdichtete Taktzeiten und fordert einen Tarifvertrag.

Bei der Betriebsratswahl 2026 erreichte die der IG Metall nahestehende Liste dennoch keine Mehrheit. Berichten zufolge erhielt sie 13 der insgesamt 37 Sitze. Stärkste Kraft wurde die Liste Giga United um die Betriebsratsvorsitzende Michaela Schmitz. Die IG Metall ficht das Wahlergebnis an. Tesla wiederum wertet es als Bestätigung des eigenen Modells.

Auch Berichte vom werkseigenen Parkplatz erklären das System nicht vollständig, machen den Umgang mit Tempo und Regeln jedoch sichtbar. Meldungen über Geschwindigkeiten von 70 bis 80 Kilometern pro Stunde auf dem Werksgelände und mehr als 100 Strafzettel im Monat zeigen, dass Geschwindigkeit, Disziplin und Kontrolle vor Ort auf besondere Weise austariert werden.

In einem klassischen deutschen Automobilkonzern wäre vermutlich bereits eine solche Anekdote Gegenstand mehrerer Ausschüsse geworden.

Gigacasting und Model Y: Wie Tesla die Autoproduktion vereinfacht

Grünheide produziert im Kern ein Fahrzeug: das Model Y in der überarbeiteten Juniper-Version. Ein Werk mit einem Hauptmodell bedeutet weniger Varianten, weniger Materialströme, weniger Umrüstungen und schnellere Lernkurven. Diese Vereinfachung ist ein wesentlicher Bestandteil der Produktionslogik.

Ein Beispiel dafür ist das sogenannte Gigacasting. Tesla ersetzt zahlreiche kleinere Karosserieteile durch wenige große Aluminiumgussteile. Dadurch sinkt die Zahl der Schweißpunkte, Übergaben und einzelnen Prozessschritte.

Eine Vereinfachung in der Konstruktion verändert damit zugleich den Materialfluss, die Produktionsgeschwindigkeit und den Personalbedarf.

Gleichzeitig zeigen die vergangenen Jahre, dass auch Tesla technische Grenzen akzeptiert. Im Jahr 2024 stellte der Konzern einen noch radikaleren Gigacasting-Schritt zurück und entschied sich für eine technisch besser beherrschbare Lösung. Nicht jede extreme Idee wird umgesetzt. Erfolgreiche Ansätze können jedoch bestehende Industriestandards verschieben.

Große Gussteile, strukturelle Batteriepacks, Softwareaktualisierungen über das Internet, eine eigene Ladeinfrastruktur und der direkte Fahrzeugvertrieb galten zunächst als Tesla-Sonderwege. Später wurden viele dieser Ansätze zu Referenzpunkten für die gesamte Branche.

Tesla reduziert damit nicht nur die Zahl der Bauteile. Der Konzern reduziert Schnittstellen.

Tesla Grünheide: Warum die Deutschland-Wette noch nicht gewonnen ist

Volkswagen, Stellantis, Ford, Mercedes-Benz und BMW müssen derzeit zwei Systeme gleichzeitig tragen: das bestehende Geschäft, das weiterhin Geld verdient, und das neue Geschäft, das erst aufgebaut werden muss.

Verbrennerwerke, Elektroplattformen, Softwareprojekte, Markenstrukturen, Betriebsräte, Gewerkschaften, Aufsichtsräte und politische Interessen bilden ein dichtes Geflecht aus Industriegeschichte und Gegenwart. Viele Entscheidungen müssen mehrere Ebenen durchlaufen.

Tesla startet in dieser Hinsicht mit deutlich weniger Gepäck.

Dennoch bleibt die Wette auf Grünheide offen. Das Werk ist stark vom Erfolg des Model Y abhängig. Die geplante Batteriezellproduktion muss ihre Ziele erst erreichen. Der Konflikt um Arbeitsbedingungen und Tarifbindung ist nicht gelöst. Und auch eine Produktion von 7.500 Fahrzeugen pro Woche muss sich im täglichen Betrieb zunächst dauerhaft bewähren.

Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf die Gigafactory in Brandenburg. Teslas möglicher Vorsprung liegt dort nicht allein in Batterietechnik, Software oder Produktionsverfahren. Er liegt auch in der Fähigkeit, Entscheidungen schneller in industrielle Realität zu übersetzen.

Während Europas etablierte Automobilhersteller ihre bestehende Industrie für die elektrische Zukunft umbauen müssen, erweitert Tesla in Grünheide eine Fabrik, die von Beginn an auf diese Zukunft ausgerichtet wurde.

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