Tesla Werk Grünheide : Tesla-Comeback in Grünheide: Warum der neue Optimismus trügerisch sein könnte
Tesla will sein Werk in Grünheide nach dem schwachen Vorjahr wieder hochfahren und die Produktion des Model Y deutlich steigern.
- © Trygve - stock.adobe.comNach einem schwachen Jahr 2025 sieht Tesla in seinem einzigen europäischen Autowerk in Grünheide bei Berlin wieder Rückenwind. Der US-Elektroautobauer will die Belegschaft kurzfristig deutlich aufstocken und die Produktion ab dem dritten Quartal um rund 20 Prozent erhöhen. Bis Ende Juni sollen rund 1.000 neue Arbeitsplätze entstehen; zusätzlich will Tesla im Laufe des Jahres etwa 500 Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeitnehmer in unbefristete Beschäftigung übernehmen. Damit würden am Standort rund 11.700 Menschen arbeiten.
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Auslöser ist laut Tesla die gestiegene Nachfrage nach dem Model Y. Werksleiter André Thierig verwies auf deutlich höhere Zulassungszahlen in den belieferten Märkten. In Grünheide sollen künftig statt rund 5.000 mehr als 6.000 Fahrzeuge pro Woche gebaut werden. Hochgerechnet entspräche das einer Steigerung von etwa 250.000 auf rund 300.000 Fahrzeuge pro Jahr.
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Tesla-Zulassungen explodieren – doch der Boom hat eine Vorgeschichte
Auch die deutschen Zulassungszahlen zeigen eine klare Erholung. Im Jänner 2026 wurden laut Kraftfahrt-Bundesamt 1.301 neue Tesla-Pkw registriert, im Februar 2.276 und im März 9.252. Damit kommt Tesla im ersten Quartal auf 12.829 Neuzulassungen in Deutschland. Im März lagen die Tesla-Zulassungen um 315,1 Prozent über dem Vorjahresmonat; im gesamten ersten Quartal betrug das Plus rund 160 Prozent.
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Der Aufschwung folgt allerdings auf ein schwieriges Vorjahr. 2025 waren Teslas Neuzulassungen in Deutschland laut Reuters um 48,4 Prozent auf 19.390 Fahrzeuge gefallen, während der deutsche Markt für reine Elektroautos insgesamt deutlich zulegte. Als Belastungsfaktoren galten unter anderem stärkere Konkurrenz, eine schmalere Modellpalette und Reaktionen auf das öffentliche Auftreten von Tesla-Chef Elon Musk.
Tesla-Experte warnt: Warum der Aufschwung in Grünheide trügerisch sein könnte
Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer bewertet die aktuelle Entwicklung deshalb vorsichtig. Er sieht den Nachfrageschub nicht zwingend als dauerhafte Trendwende, sondern eher als kurzfristigen Effekt. Nach seiner Einschätzung profitiert Tesla derzeit von guter Lieferfähigkeit, einem zeitlich begrenzten Rabattprogramm für das Model Y und einem gestiegenen Interesse an Elektroautos im Zusammenhang mit höheren Spritpreisen und geopolitischen Unsicherheiten. Von einem langfristigen Ausbau der Fabrik zeigt er sich nicht überzeugt.
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Tesla selbst hält die Kapazitätsgrenze in Grünheide noch nicht für erreicht. Langfristig verfolgt der Konzern deutlich größere Pläne: In einer ersten Ausbaustufe war für den Standort eine Kapazität von 500.000 Fahrzeugen pro Jahr vorgesehen; perspektivisch strebt Tesla eine Verdopplung auf bis zu eine Million Fahrzeuge jährlich an. Für Teile des Ausbaus auf dem bestehenden Werksgelände erhielt das Unternehmen 2024 grünes Licht vom Brandenburger Landesamt für Umwelt.
Tesla Grünheide bleibt umstritten – jetzt rückt ein neuer Konflikt in den Fokus
Umstritten bleibt der Standort dennoch. Umweltverbände und Anwohner kritisieren seit Jahren vor allem den Wasserbedarf der Fabrik und die Lage in einer wasserarmen Region. Laut früheren Antragsunterlagen wurde für das Werk ein jährlicher Trinkwasserbedarf von 1,4 Millionen Kubikmetern genannt; das Gelände liegt zudem teils in einem Wasserschutzgebiet.
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Ein weiterer Streitpunkt bleibt der Umgang mit krankgeschriebenen Beschäftigten. Nach Angaben von Werksleiter André Thierig ist der Krankenstand in Grünheide inzwischen auf weniger als fünf Prozent gefallen; noch im Sommer 2024 hatte Tesla von deutlich höheren Ausfällen berichtet. Damals sorgten unangekündigte Hausbesuche bei krankgeschriebenen Mitarbeitern durch Thierig und Personalchef Erik Demmler für Kritik. Tesla verteidigte das Vorgehen als Versuch, Missbrauch und auffällige Fehlzeiten zu prüfen, während die IG Metall von Druck auf Beschäftigte sprach und auf hohe Belastungen im Werk verwies.
Nach Handelsblatt-Angaben verschickt Tesla erneut Schreiben an länger erkrankte Beschäftigte, in denen eine weitere Entgeltfortzahlung mit Verweis auf mögliche Fortsetzungserkrankungen bestritten wird. Arbeitsrechtler halten Teslas Forderungen nach detaillierten Gesundheitsangaben und Schweigepflichtentbindungen dem Bericht zufolge für juristisch heikel. Damit steht der Produktionshochlauf in Grünheide auch unter dem Vorzeichen eines ungelösten Konflikts zwischen Effizienz, Krankenstand und Arbeitnehmerrechten.