Nemak Werksschließung : Warum Nemak Herzogenburg aufgibt – und was das über Europas Industrie verrät
Das Nemak-Werk in Herzogenburg steht vor dem Aus – ein weiteres Signal für den Umbau der Autoindustrie.
- © NemakDer Autozulieferer Nemak plant die Schließung seines Standorts in Herzogenburg in Niederösterreich. Die Produktion soll nach Angaben des Unternehmens spätestens bis Ende des ersten Quartals 2027 eingestellt werden. Betroffen sind derzeit rund 330 Beschäftigte. Damit verliert die Industriestadt einen wichtigen Arbeitgeber – und die Region steht vor neuen wirtschaftlichen Belastungen.
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Nemak bestätigte die Pläne am Mittwoch und verwies auf eine deutliche Eintrübung der wirtschaftlichen Perspektiven des Werks. „Angesichts der jüngsten Marktentwicklungen und anhaltend niedriger Produktionsvolumina haben sich die Aussichten für den Betrieb in Herzogenburg verschlechtert“, teilte das Unternehmen mit. Der Schließungsprozess solle in Abstimmung mit den Kunden erfolgen; verbliebene Produkte sollen schrittweise an andere Nemak-Standorte verlagert werden. Zugleich kündigte der Konzern an, die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „bestmöglich zu unterstützen“ und dabei mit Arbeitnehmervertretungen und Behörden zusammenzuarbeiten.
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Erst gekauft, dann vor dem Aus: der Druck in der Zulieferbranche
Besonders bemerkenswert ist der Zeitpunkt der Ankündigung: Das Werk in Herzogenburg war erst vor wenigen Monaten Teil jener Sparte geworden, die Nemak vom Schweizer Industriekonzern Georg Fischer übernommen hatte. Nemak schloss die Übernahme des Automobilgeschäfts von GF Casting Solutions am 12. Februar 2026 offiziell ab. Laut Konzernangaben umfasst die Transaktion neun Produktionsstandorte in Österreich, Deutschland, Rumänien, China und den USA sowie ein Forschungs- und Entwicklungszentrum in der Schweiz. Insgesamt kamen mit der Übernahme rund 2.500 Beschäftigte und ein Geschäft mit einem Jahresumsatz von rund 707 Millionen US-Dollar hinzu. Der Unternehmenswert der Transaktion wurde mit 336 Millionen US-Dollar angegeben.
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Für Nemak war der Kauf strategisch bedeutsam. Der Konzern stärkte damit vor allem sein Geschäft mit komplexen Aluminium- und Magnesiumbauteilen, von denen nach eigenen Angaben rund 80 Prozent für E-Mobilität sowie Struktur- und Fahrwerksanwendungen bestimmt sind. Zum Kundenkreis gehören demnach große westliche Autobauer wie Audi, BMW, Mercedes-Benz, Porsche, Stellantis, Volkswagen und Volvo, aber auch chinesische Hersteller wie BYD, Geely, Nio, Xpeng oder Zeekr. Die Übernahme sollte Nemaks Position in einem tiefgreifend umgebauten Fahrzeugmarkt stärken. Dass nun ausgerechnet ein österreichischer Standort kurz nach dem Abschluss der Transaktion vor dem Aus steht, verweist auf den anhaltend hohen Anpassungsdruck in der Branche.
E-Mobilität, Kosten, China: Europas Autoindustrie im Stresstest
Nemak selbst zählt zu den großen internationalen Zulieferern der Autoindustrie. Der Konzern erwirtschaftete 2024 einen Umsatz von 4,9 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2025 beschäftigte das Unternehmen nach eigenen Angaben rund 23.400 Menschen in 44 Produktionsstätten und 10 Entwicklungszentren weltweit. Der Hauptsitz liegt in Mexiko. Das Unternehmen ist auf Leichtbaulösungen aus Aluminium spezialisiert und beliefert die Automobilindustrie sowohl im Bereich klassischer Antriebe als auch in Feldern wie E-Mobilität, Struktur und Fahrwerk.
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Die Entscheidung über Herzogenburg fällt in eine Phase, in der sich die europäischen Automärkte zwar stabilisiert haben, die Industrie aber unter strukturellem Druck bleibt. Nach Angaben des europäischen Herstellerverbands ACEA stiegen die Neuzulassungen in der EU im Jahr 2025 zwar um 1,8 Prozent, lagen aber weiterhin deutlich unter dem Vorkrisenniveau. Gleichzeitig verschieben sich die Antriebsarten spürbar: Batterieelektrische Fahrzeuge kamen 2025 auf einen Marktanteil von 17,4 Prozent, Hybridfahrzeuge bereits auf 34,5 Prozent, während Benzin- und Dieselautos zusammen nur noch 35,5 Prozent erreichten – nach 45,2 Prozent im Jahr davor. Für Zulieferer bedeutet dieser Wandel hohe Investitionen, Produktanpassungen und oft auch eine Neugewichtung von Standorten.
Hinzu kommen Belastungen auf der Produktionsseite. ACEA beschreibt die europäische Autoindustrie trotz einer gewissen Markterholung als von hohen Energiekosten, geopolitischen Spannungen und Handelshemmnissen geprägt. Europa verzeichnete 2025 bei den gesamten Fahrzeugregistrierungen ein Plus von 1,4 Prozent, doch die Produktion blieb durch hohe Kosten und Zollfolgen gebremst. Gleichzeitig nimmt der Wettbewerbsdruck aus China zu: Autos aus chinesischer Produktion erreichten laut ACEA bereits sieben Prozent der EU-Verkäufe. Für Zulieferer, die stark von Auslastung und langfristigen Stückzahlen abhängen, können solche Verschiebungen direkte Folgen für einzelne Werke haben.
Was das Nemak-Aus für Jobs, Region und Industriestandort bedeutet
Für Niederösterreich kommt die angekündigte Werksschließung in einer ohnehin angespannten Arbeitsmarktlage. Das Arbeitsmarktservice Niederösterreich meldete Ende März 2026 rund 48.055 vorgemerkte Arbeitslose, das waren 5,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Einschließlich Schulungsteilnehmerinnen und -teilnehmer befanden sich 58.690 Menschen auf Jobsuche. Die Arbeitslosenquote lag bei 6,9 Prozent. Der mögliche Verlust von 330 Industriearbeitsplätzen trifft daher auf einen regionalen Arbeitsmarkt, der bereits unter Druck steht.
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Noch offen ist, wie viele Beschäftigte tatsächlich bis zum Ende am Standort bleiben, welche sozialen Vereinbarungen getroffen werden und ob es Auffanglösungen innerhalb des Konzerns oder am Industriestandort Herzogenburg geben kann. Klar ist jedoch schon jetzt: Die Schließung wäre mehr als das Ende einer Produktionseinheit. Sie wäre ein weiteres Signal dafür, wie schnell internationale Strategieentscheidungen, veränderte Modellprogramme und verschobene Produktionsvolumina auf regionale Industriestandorte durchschlagen können. Für Herzogenburg geht es damit nicht nur um 330 Arbeitsplätze, sondern um die Frage, wie widerstandsfähig ein traditionsreicher Industriestandort in einer Branche im Umbau noch ist.