Autoindustrie : Markteintritt in Österreich: Nios riskante Europa-Strategie zwischen Wachstum und Milliardenverlusten
Mit dem ET5 bringt Nio eine elektrische Premium-Limousine auf den österreichischen Markt.
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22. Stock am Flughafen Wien — 90 Meter über dem Boden. Der chinesische Elektroautohersteller Nio feiert seinen Markteintritt. Doch hinter der inszenierten Fassade steht ein Konzern, der in Europa bislang scheitert.
Der Auftritt ist selbstbewusst. Ein Unternehmen, das elf Jahre lang Verluste schrieb — und gleichzeitig an der Börse zeitweise mehr wert war als Volkswagen, BMW oder Mercedes. Und das jetzt — zum ersten Mal in seiner Geschichte — operativ Geld verdient.
Doch während in Wien gefeiert wird, kämpft Nio in Deutschland mit katastrophalen Verkaufszahlen. Und in China tobt ein Preiskrieg, der selbst Branchenriesen wie BYD unter Druck setzt. Schafft Nio den Sprung in die erste Liga der Autobauer? Oder beginnt der schwierigste Teil der Expansion erst?
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Nach elf Jahren profitabel
Nio liefert. Mehr als eine Million Autos seit der Firmengründung 2014. Allein 2025 verkaufte das Unternehmen 326.000 Fahrzeuge. Ein Steigerung um 47 Prozent gegenüber dem Vorjahr Noch wichtiger: im vierten Quartal 2025 schrieb der chinesische Autobauer erstmals operativ schwarze Zahlen. Nio erwartet einen Gewinn zwischen 85 und 147 Millionen Euro Mehr Autos. Bessere Margen. Gesunkene Kosten. Für viele junge chinesische E-Auto-Hersteller bleibt Profitabilität ein Versprechen. Für Nio wird sie erstmals Realität.
Wer ist Nio?
Im Jahr 2000 gründet William Li ein Internetunternehmen für Autoverkäufe: Bitauto.
Eine Onlineplattform für Autoinformationen und Händlervermittlung. Das Geschäft wächst schnell. 2010 geht Bitauto in New York an die Börse. Li wird reich. Und sucht die nächste große Idee.
Vier Jahre später gründet Li ein neues Unternehmen: NextEV. Später wird daraus Nio. Die Vision ist groß. Elektroautos, intelligente Software, neue Mobilität. Und ein Versprechen: „Blue Sky Coming“. Saubere Städte. Blauer Himmel statt Smog.
Von Anfang an denkt Nio global. Design entsteht in München. Entwickelt wird in den USA und Großbritannien. Produziert wird in China.
Zunächst setzt das Unternehmen auf Aufmerksamkeit. 2016 präsentiert Nio den elektrischen Supersportwagen EP9. Ein Prestigeprojekt — Rekordrunden auf Rennstrecken, internationale Schlagzeilen. 2018 folgt der Börsengang in New York. Die Erwartungen sind enorm.
William Li wird von Medien als „chinesischer Elon Musk“ gefeiert.
Doch das Wachstum ist teuer. Hohe Kosten. Schwache Verkaufszahlen. Massive Verluste. 2019 gerät Nio in existenzielle Schwierigkeiten. Das Geld wird knapp. 2020 steht das Unternehmen kurz vor der Pleite. Die Rettung kommt aus der chinesischen Stadt Hefei. Staatlich unterstützte Investoren steigen ein. Milliarden fließen. Nio wird gerettet.
Dann kommt der nächste Höhenflug. Der globale Elektroauto-Boom treibt die Aktie nach oben. Anfang 2021 erreicht Nio eine Bewertung von über 100 Milliarden Dollar. Doch der Wettbewerb in China wird härter. Preisdruck, hohe Investitionen, sinkende Margen.
Die Verluste wachsen erneut.
2023 folgt die nächste Rettung. Der Staatsfonds CYVN aus Abu Dhabi steigt ein. Milliarden frisches Kapital sichern das laufende Geschäft. Bis heute hält der Fonds 20,1 Prozent am Unternehmen. Lange produziert Nio seine Autos gemeinsam mit dem staatlichen Hersteller JAC. Ein Auftragsmodell. Nio entwickelt, JAC baut.
Ende 2023 übernimmt Nio Maschinen und Produktionsanlagen der bisherigen Partnerwerke.
Die Produktion läuft zunehmend in Eigenregie. Fertigungsgebühren sinken. Doch der Erfolg hat Grenzen.
Absturz in Europa
William Li wollte Volkswagen, BMW und Mercedes auch in ihrer Heimat angreifen. 2022 präsentiert er seine Fahrzeuge groß inszeniert in Berlin. Der Anspruch ist klar: Premium aus China für Europa.
Die Strategie ist aufwendig. Nio eröffnet eigene Markentempel in Toplagen. Berlin. Frankfurt. Düsseldorf. Hamburg. Sogenannte Nio Houses. Showroom, Café, Co-Working-Space. Dazu kommt ein zweites Versprechen: Batteriewechsel statt Laden. Eigene Wechselstationen sollen Zeit sparen. Ein teures Netz. Ein teures Experiment.
Der Plan: hohe Preise, starke Marke, direkter Vertrieb. Die Realität sieht anders aus. In Deutschland bleiben die Verkaufszahlen extrem niedrig. 2023 wurden 1.263 Fahrzeuge neu zugelassen. 2025 sind es nur noch 325. Nicht einmal ein Auto pro Tag.
Im Januar 2026 registriert das Kraftfahrt-Bundesamt genau ein neues Fahrzeug in der Bundesrepublik. Auch in Österreich läuft der Start schleppend. Im Januar werden gerade einmal fünf Fahrzeuge verkauft. Die Europastrategie kostet viel Geld. Sehr viel Geld.
Die deutsche Vertriebsgesellschaft schreibt tiefrote Zahlen. Wie kritisch die Lage ist, lässt sich zum ersten Mal nicht nur an Zulassungs-, sondern auch an Finanzkennzahlen ablesen. Mit mehr als zwei Jahren Verzögerung veröffentlicht Nio Deutschland erstmals den Geschäftsbericht für 2023. Die Zahlen sind verheerend:
58 Millionen Euro Jahresfehlbetrag, ein negatives Eigenkapital von 80,4 Millionen Euro. Dazu kommen Verbindlichkeiten von mehr als 210 Millionen Euro. Damit Nio Deutschland überhaupt noch arbeiten kann, muss die europäische Zentrale immer wieder Geld nachschießen.
Die große Europa-Strategie gerät ins Wanken. Hohe Kosten. Schwache Nachfrage. Ein Markt, der schwerer ist als erwartet. Bis heute verkauft Nio über 90 Prozent seiner Fahrzeuge in China. Für Nio wird Europa zur Bewährungsprobe.
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Flucht nach Europa
Am Flughafen Wien beginnt für Nio ein neues Kapitel. Der Markteintritt in Österreich ist Teil der europäischen Strategie. Ein weiterer Versuch, außerhalb des hart umkämpften Heimatmarktes zu wachsen.
Zum Start bringt Nio mehrere Modelle auf den Markt: Die Limousine ET5, der Kombi ET5 Touring, der SUV EL6 und mit dem Firefly ein kompakter Stromer für die Stadt. Die Preise reichen vom Einstiegsmodell um rund 30.000 Euro bis zu mehr als 60.000 Euro für die Luxusmodelle. Auch ein Vertriebs- und Servicenetz entsteht. Lokale Partner wie AutoWallis oder Auto Auer sollen den Verkauf vorantreiben.
Der Anspruch bleibt groß. In großen Automärkten fehlt die Marke jedoch noch immer: Frankreich, Italien, Spanien, Großbritannien, auch in Osteuropa ist Nio kaum präsent. Ob die Europastrategie für Nio zum entscheidenden Wachstumsschritt oder zum teuersten Fehler der Unternehmensgeschichte wird —entscheidet sich nun auch in Österreich.