EU-Handelskonflikt mit China : Berlin und Paris gegen Peking: Europas riskante Wette auf harte Handelspolitik
Chinesische Elektroautos, neue EU-Zölle und wachsender Druck auf Europas Industrie: Der Handelskonflikt mit Peking wird für Berlin, Paris und Brüssel zur wirtschaftspolitischen Machtprobe.
- © FM Forum IndustriemedienDie Europäische Union soll künftig deutlich schneller und entschlossener auf unfaire Handelspraktiken anderer Staaten reagieren können. Dafür setzen sich Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in einer gemeinsamen Initiative ein. In einem Schreiben an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen fordern beide Regierungschefs neue wirtschaftspolitische Instrumente, die innerhalb weniger Tage eingesetzt werden könnten.
Hintergrund sind wachsende Sorgen über systematische Wettbewerbsverzerrungen, staatliche Subventionen und die zunehmende Abhängigkeit europäischer Unternehmen von ausländischen Lieferanten. Nach Auffassung Berlins und von Paris reichen die bestehenden handelspolitischen Schutzmechanismen nicht mehr aus, um Europas wirtschaftliche Interessen wirksam zu verteidigen.
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Neue EU-Regeln: So soll Europa schneller auf Handelskonflikte reagieren
Der Vorstoß sieht zwei zentrale Maßnahmen vor. Einerseits soll ein neues Instrument Unternehmen dabei unterstützen, ihre Lieferketten breiter aufzustellen und Abhängigkeiten von einzelnen Staaten zu reduzieren. Andererseits schlagen Merz und Macron einen Mechanismus vor, mit dem die EU bei schwerwiegenden Handelskonflikten kurzfristig den Zugang zum europäischen Binnenmarkt beschränken könnte.
Dabei geht es insbesondere um Situationen, in denen Drittstaaten gezielt politische oder wirtschaftliche Maßnahmen einsetzen, um faire Wettbewerbsbedingungen zu verhindern oder europäische Unternehmen systematisch zu benachteiligen.
Besonders weitreichend ist der Vorschlag zur Entscheidungsfindung. Die Europäische Kommission soll Gegenmaßnahmen grundsätzlich einleiten können, sofern nicht eine qualifizierte Mehrheit der EU-Mitgliedstaaten dagegen stimmt. Damit könnte die Union wesentlich schneller reagieren als bei Verfahren, die umfangreiche Abstimmungen und langwierige Untersuchungen erfordern.
Die deutsch-französischen Vorschläge sollen auf europäischer Ebene beraten werden. Eine Entscheidung über ihre konkrete Ausgestaltung steht allerdings noch aus.
China im Fokus: Warum Europas Industrie unter Wettbewerbsdruck steht
Obwohl Merz und Macron in ihrem Schreiben keine konkreten Länder als mögliche Adressaten nennen, dürfte sich die Initiative vor allem gegen problematische Handelspraktiken Chinas richten.
Seit Jahren wirft die Europäische Union der Volksrepublik vor, durch umfangreiche staatliche Unterstützung einzelner Industriezweige internationale Wettbewerbsbedingungen zu verzerren. Besonders betroffen sind Branchen wie die Automobilindustrie, die Batterieproduktion und verschiedene Bereiche der industriellen Fertigung.
Chinesische Unternehmen profitieren nach Einschätzung europäischer Handelspolitiker teilweise von staatlich gestützten Finanzierungsmöglichkeiten, günstigen Produktionsbedingungen und industriepolitischen Förderprogrammen. Dadurch könnten Produkte zu Preisen auf internationalen Märkten angeboten werden, mit denen europäische Hersteller nur schwer konkurrieren können.
EU-Handel mit China: Das 360-Milliarden-Euro-Defizit wird zum Warnsignal
Wie stark sich die wirtschaftlichen Beziehungen verschoben haben, zeigen aktuelle Zahlen des europäischen Statistikamts Eurostat. Im Jahr 2025 importierte die EU Waren im Wert von 559,4 Milliarden Euro aus China. Gleichzeitig beliefen sich die europäischen Warenexporte in die Volksrepublik auf lediglich 199,6 Milliarden Euro.
Daraus ergab sich ein Handelsdefizit von rund 359,8 Milliarden Euro. Während die Importe aus China gegenüber dem Vorjahr um 6,4 Prozent zunahmen, gingen die europäischen Exporte um 6,5 Prozent zurück.
Ein Handelsdefizit allein ist zwar kein Beleg für unfaire Wettbewerbsbedingungen. Die Größenordnung verdeutlicht jedoch die wirtschaftliche Bedeutung Chinas für Europa und die Herausforderungen, vor denen zahlreiche europäische Industriezweige stehen.
Hinzu kommt die Abhängigkeit von strategisch wichtigen Rohstoffen und Vorprodukten. Insbesondere Beschränkungen bei der Ausfuhr kritischer Materialien können erhebliche Auswirkungen auf europäische Produktionsketten haben.
Anti-Dumping, Ausgleichszölle, Anti-Coercion: Die EU schärft ihre Handelsinstrumente
Die Europäische Union verfügt bereits über verschiedene Möglichkeiten, um auf unfaire Handelspraktiken zu reagieren. Dazu gehören Antidumpingmaßnahmen, Ausgleichszölle gegen unzulässige Subventionen und das seit Dezember 2023 geltende Instrument gegen wirtschaftlichen Zwang.
Dieses sogenannte Anti-Coercion Instrument ermöglicht es der EU, Maßnahmen gegen Drittstaaten zu ergreifen, die durch Handels- oder Investitionsbeschränkungen politischen Druck auf europäische Staaten ausüben.
Der deutsch-französische Vorstoß geht jedoch einen Schritt weiter. Er zielt insbesondere darauf ab, die Reaktionsgeschwindigkeit zu erhöhen und auch gegen umfassende strukturelle Marktverzerrungen wirksamer vorgehen zu können.
Freihandel oder Schutzpolitik: Europas Industriepolitik steht vor der Wende
Für die europäische Wirtschaft könnte dies einen grundlegenden Wandel bedeuten. Während die EU traditionell auf offene Märkte, internationale Handelsabkommen und regelbasierte Zusammenarbeit setzt, gewinnt der Schutz strategisch wichtiger Industrien zunehmend an Bedeutung.
Allerdings sind die möglichen Folgen einer härteren Handelspolitik umstritten. Handelsbeschränkungen können zwar heimische Produzenten vor unfairem Wettbewerb schützen, gleichzeitig aber höhere Preise, Gegenmaßnahmen betroffener Staaten und zusätzliche Belastungen internationaler Lieferketten verursachen.
Gerade für Deutschland, dessen Industrie stark auf internationale Absatzmärkte ausgerichtet ist, bleibt die Balance zwischen wirtschaftlicher Offenheit und industriepolitischem Schutz entscheidend.
Großbritannien prüft Zölle auf chinesische Elektroautos
Parallel zur deutsch-französischen Initiative wächst auch in Großbritannien der politische Druck, gegen chinesische Automobilimporte vorzugehen.
Nach einem Bericht der britischen Zeitung „The Times“ prüft die Regierung von Premierminister Andy Burnham die Einführung zusätzlicher Zölle auf Elektrofahrzeuge aus China. Wirtschaftsminister Jonathan Reynolds arbeitet demnach an möglichen Maßnahmen, die sich an den bereits bestehenden europäischen Ausgleichszöllen orientieren könnten.
Die Europäische Union hatte im Oktober 2024 nach einer Antisubventionsuntersuchung endgültige Ausgleichszölle auf batterieelektrische Fahrzeuge aus China eingeführt. Je nach Hersteller betragen diese zwischen 7,8 und 35,3 Prozent. Zusammen mit dem regulären Einfuhrzoll von zehn Prozent können sich Belastungen von mehr als 45 Prozent ergeben.
Großbritannien erhebt bislang den regulären Importzoll von zehn Prozent, verzichtet jedoch auf vergleichbare zusätzliche Ausgleichszölle.
Das könnte sich nun ändern. London steht zunehmend unter Druck aus Brüssel, seine Handelspolitik gegenüber China stärker mit der Europäischen Union abzustimmen.
Eine endgültige Entscheidung gibt es allerdings nicht. Die britische Regierung betont, dass mögliche Maßnahmen im nationalen Interesse liegen und unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der heimischen Automobilindustrie getroffen werden müssten.
BYD, Chery und Omoda: Chinesische Automarken erobern Großbritannien
Ein wesentlicher Grund für die Debatte ist der rasante Bedeutungsgewinn chinesischer Automobilhersteller in Großbritannien. Unternehmen wie BYD, Chery und dessen Marken Jaecoo und Omoda bauen ihre Marktposition kontinuierlich aus. Sie profitieren von einer breiten Modellpalette, wettbewerbsfähigen Preisen und der steigenden Nachfrage nach elektrifizierten Fahrzeugen.
Nach Angaben des britischen Automobilverbands Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT) wurden im September 2026 insgesamt 350.518 neue Fahrzeuge zugelassen. Das entspricht einem Anstieg von 12,1 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat und dem höchsten Septemberwert seit 2017.
Besonders dynamisch entwickelte sich der Markt für reine Elektroautos. Deren Neuzulassungen stiegen um rund 36 Prozent auf 99.199 Fahrzeuge. Damit erreichten batterieelektrische Modelle einen Monatsmarktanteil von 28,3 Prozent.
Auch chinesische Marken legten kräftig zu. Bereits 2025 hatten in China produzierte Autos nach Angaben des europäischen Herstellerverbands ACEA einen Anteil von 14 Prozent am britischen Neuwagenmarkt erreicht. Die Entwicklung zeigt, wie schnell sich die Wettbewerbsverhältnisse verändern. Traditionelle europäische, japanische und amerikanische Hersteller geraten durch neue Anbieter zunehmend unter Druck.
Dabei beschränkt sich die chinesische Expansion längst nicht auf reine Elektroautos. Auch Hybridmodelle spielen eine wichtige Rolle. Das ist für die Handelspolitik relevant, da die bestehenden EU-Ausgleichszölle gezielt batterieelektrische Fahrzeuge aus China betreffen und nicht pauschal sämtliche chinesischen Automobilimporte.
Made in Europe: Warum die EU-Strategie für Großbritannien gefährlich werden kann
Besonders brisant wird die Situation durch die geplante europäische Industriestrategie „Made in Europe“.
Die Europäische Union will bei bestimmten Förderprogrammen und öffentlichen Ausschreibungen künftig stärker berücksichtigen, wo Produkte hergestellt werden und welche Produktionsketten innerhalb Europas angesiedelt sind.
Damit sollen Investitionen in die europäische Industrie gestärkt und strategische Abhängigkeiten reduziert werden. Für Großbritannien könnte diese Entwicklung erhebliche wirtschaftliche Folgen haben. Seit dem Brexit gehört das Vereinigte Königreich nicht mehr zum europäischen Binnenmarkt. Gleichzeitig sind britische und europäische Automobilhersteller weiterhin eng miteinander verflochten.
Nach Angaben des britischen Branchenverbands SMMT gingen im ersten Halbjahr 2026 rund 58,3 Prozent der britischen Pkw-Exporte in die Europäische Union.
Brüssel erhöht den Druck: Großbritannien soll sich bei China-Zöllen annähern
Sollten britische Fahrzeuge und Komponenten bei europäischen Förderprogrammen schlechtergestellt werden, könnte das die Wettbewerbsfähigkeit britischer Produktionsstandorte beeinträchtigen. Die britische Regierung bemüht sich deshalb darum, im Rahmen der europäischen Industriepolitik als vertrauenswürdiger Partner anerkannt zu werden.
Brüssel wiederum erwartet eine stärkere Abstimmung der Handelspolitik gegenüber China. Dahinter steht auch die Sorge, dass Großbritannien zu einem alternativen Absatzmarkt für chinesische Hersteller werden und sich daraus zusätzliche Möglichkeiten für den Zugang zum europäischen Markt ergeben könnten.
Eine automatische Umgehung europäischer Zölle wäre dadurch allerdings nicht möglich. Für den Import in die EU gelten weiterhin die einschlägigen Zoll- und Ursprungsregeln.
Nissan warnt, Jaguar Land Rover zögert: Britische Autoindustrie steckt in der China-Falle
Innerhalb der britischen Automobilindustrie werden die möglichen Auswirkungen einer härteren Chinapolitik unterschiedlich bewertet.
Einige Hersteller sprechen sich für eine stärkere handelspolitische Annäherung an die EU aus. Sie befürchten, dass britische Produktionsstandorte langfristig an Attraktivität verlieren könnten, wenn der Zugang zu europäischen Förderprogrammen und Lieferketten erschwert wird.
Besonders deutlich hat Nissan auf die Risiken hingewiesen. Der Hersteller unterhält in Sunderland eines der wichtigsten britischen Automobilwerke. Unternehmensvertreter warnen davor, dass Großbritannien ohne eine engere Abstimmung mit Brüssel in eine ungünstige Position zwischen chinesischen Importen und europäischen Handelsbeschränkungen geraten könnte.
Andere Unternehmen betrachten zusätzliche Zölle dagegen mit Vorsicht. Für international tätige Hersteller wie Jaguar Land Rover bleibt China ein bedeutender Markt, auch wenn die dortigen Verkäufe zuletzt zurückgegangen sind.
Sollte Peking seinerseits mit Handelsbeschränkungen reagieren, könnten britische Exporteure wirtschaftliche Nachteile erleiden. Hinzu kommen mögliche Auswirkungen auf Verbraucher. Zusätzliche Einfuhrabgaben können importierte Fahrzeuge verteuern und das Angebot preisgünstiger Elektroautos einschränken. Die britische Regierung muss deshalb zwischen dem Schutz heimischer Produktionskapazitäten, internationalen Handelsinteressen und den Bedürfnissen der Verbraucher abwägen.
Europa vor der China-Frage: Wie viel Schutz verträgt die Industrie?
Die Initiativen aus Berlin, Paris und London zeigen, dass sich die europäische Handelspolitik in einer Phase tiefgreifender Veränderungen befindet. China ist gleichzeitig wichtiger Absatzmarkt, unverzichtbarer Lieferant und zunehmend starker industrieller Wettbewerber. Diese unterschiedlichen Rollen erschweren einfache politische Antworten.
Einerseits wächst in Europa die Bereitschaft, staatlich unterstütztem Wettbewerb, einseitigen Abhängigkeiten und wirtschaftlichen Druckmaßnahmen entschlossener entgegenzutreten. Andererseits bleibt die europäische Industrie auf internationale Märkte, Rohstoffe und grenzüberschreitende Produktionsnetzwerke angewiesen.
Auch die rechtlichen Herausforderungen sind erheblich. Neue Handelsinstrumente müssen mit europäischen Vorschriften und internationalen Verpflichtungen, insbesondere den Regeln der Welthandelsorganisation, in Einklang gebracht werden.
Noch ist offen, ob die von Merz und Macron vorgeschlagenen Instrumente in der gewünschten Form umgesetzt werden können. Ebenso ungewiss bleibt, ob Großbritannien tatsächlich zusätzliche Zölle auf chinesische Elektroautos einführen wird und welche Rolle das Land künftig innerhalb einer europäischen „Made in Europe“-Strategie spielen könnte. Fest steht jedoch, dass der internationale Wettbewerb zunehmend durch staatliche Industriepolitik und handelspolitische Schutzmaßnahmen geprägt wird.
Für Europa stellt sich damit eine entscheidende Frage: Wie lässt sich die eigene Industrie gegen verzerrte Wettbewerbsbedingungen schützen, ohne gleichzeitig jene offenen Handelsbeziehungen zu gefährden, auf denen ein erheblicher Teil des europäischen Wohlstands beruht?
Die Antworten darauf dürften nicht nur die künftigen Wirtschaftsbeziehungen zu China bestimmen, sondern auch darüber entscheiden, wie wettbewerbsfähig Europas Industrie in den kommenden Jahren bleibt.