BMW Stromkrise Ungarn : BMW, Mercedes: Wie die Energiekrise Ungarns Autoindustrie erreicht
Das BMW-Werk im ungarischen Debrecen gilt als Schlüsselstandort für die Neue Klasse – nun muss der Konzern wegen der angespannten Stromlage Energie sparen.
- © BMWUngarns Stromversorgung steht seit Anfang August unter erheblichem Druck. Eine lang anhaltende Dürre, mehrere Hitzewellen und historisch niedrige Wasserstände der Donau haben dazu geführt, dass das Atomkraftwerk Paks seine Produktion drastisch reduzieren musste. Das Kraftwerk ist auf Wasser aus der Donau angewiesen, um seine Reaktoren und Turbinen zu kühlen. Weil nicht mehr genügend Wasser zur Verfügung steht, wurden mehrere Blöcke beziehungsweise Turbinen heruntergefahren.
Entgegen ersten Ankündigungen konnte eine vollständige Abschaltung zunächst knapp vermieden werden. Am 4. August lief nach Angaben der ungarischen Regierung jedoch nur noch eine von vier Turbinen. Die Leistung des Kraftwerks lag damit bei etwas mehr als zehn Prozent der installierten Kapazität. Statt normalerweise rund 2.000 Megawatt wurden zuletzt nur noch etwa 230 bis 240 Megawatt erzeugt. Ob dieser eingeschränkte Betrieb aufrechterhalten werden kann, hängt vor allem von der Entwicklung des Donaupegels und möglichen Niederschlägen im österreichischen und süddeutschen Einzugsgebiet des Flusses ab.
Paks ist für Ungarn von herausragender Bedeutung. Das einzige Atomkraftwerk des Landes liefert unter normalen Bedingungen rund 40 bis knapp 50 Prozent der ungarischen Stromproduktion. Fällt diese Leistung kurzfristig aus, kann sie nicht vollständig durch andere heimische Kraftwerke ersetzt werden. Ungarn muss deshalb mehr Strom aus den europäischen Nachbarländern importieren und gleichzeitig den Verbrauch im Inland reduzieren. Gerade während einer Hitzewelle ist das schwierig, weil Klimaanlagen, Kühlanlagen und industrielle Prozesse besonders viel Energie benötigen.
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Ungarn ruft Großverbraucher zum Stromsparen auf
Die ungarische Regierung hat große Unternehmen aufgefordert, ihren Stromverbrauch freiwillig zu senken. Mehr als 300 Unternehmen sowie zahlreiche Haushalte beteiligten sich nach Regierungsangaben an den Sparmaßnahmen. Zu den genannten industriellen Großverbrauchern gehören unter anderem der Öl- und Gaskonzern MOL, der Batteriehersteller Samsung SDI, Audi und der Autozulieferer Denso. Die freiwilligen Einsparungen haben bislang dazu beigetragen, verpflichtende Abschaltungen großer Verbraucher zu vermeiden.
Die gesetzlichen Voraussetzungen für weitergehende Eingriffe wurden dennoch geschaffen. Der ungarische Netzbetreiber MAVIR kann bei einer weiteren Verschärfung der Situation von Großverbrauchern verbindliche Verbrauchssenkungen verlangen. Im äußersten Fall könnten einzelne industrielle Abnehmer vorübergehend vom Netz getrennt werden. Ob solche Maßnahmen notwendig werden, hängt davon ab, wie viel Strom Ungarn importieren kann, wie hoch die Solarstromproduktion ausfällt und wie stark der Verbrauch während der heißen Abendstunden steigt.
Autoindustrie in Ungarn: Warum BMW, Mercedes und BYD so viel Strom brauchen
Die Situation trifft ein Land, das seine Industriepolitik in den vergangenen Jahren stark auf energieintensive Branchen ausgerichtet hat. Neben der traditionellen Fahrzeugproduktion wurden zahlreiche Batteriewerke und Zulieferbetriebe angesiedelt. Audi produziert in Győr Fahrzeuge und Elektromotoren, Mercedes-Benz erweitert sein Werk in Kecskemét, BMW hat in Debrecen eine neue Fabrik für Elektroautos aufgebaut. Hinzu kommen Investitionen asiatischer Batteriehersteller und der geplante Produktionsstandort des chinesischen Autobauers BYD.
Damit steigt nicht nur die wirtschaftliche Bedeutung der Automobilindustrie, sondern auch ihr Strombedarf. Karosseriebau, Lackiererei, Schweißanlagen, Lüftung, Kühlung und Batteriemontage benötigen eine kontinuierliche Energieversorgung. Bereits kurze Unterbrechungen können komplexe Fertigungsabläufe stören. Eine kontrollierte Senkung des Verbrauchs ist deshalb für die Hersteller günstiger als ein ungeplanter Stromausfall.
BMW Werk Debrecen: Energieverbrauch um 15 Prozent gesenkt
BMW hat auf die angespannte Lage reagiert. Das Unternehmen senkte den Energieverbrauch seines neuen Werks in Debrecen seit Freitag um rund 15 Prozent. Ein Konzernsprecher erklärte, mit einem kurzfristig entwickelten Maßnahmenpaket würden zusätzliche Einsparpotenziale beim Anlagenbetrieb, bei der Beleuchtung, der Klimatechnik und der Ladeinfrastruktur genutzt.
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Dabei muss zwischen einer Verringerung des Energieverbrauchs und einer direkten Drosselung der Fahrzeugproduktion unterschieden werden. BMW hat bislang nicht bestätigt, dass die Zahl der produzierten Fahrzeuge um 15 Prozent reduziert wurde. Die genannte Zahl bezieht sich auf den Energiebedarf des Werks. Ein Teil der Einsparungen kann durch geringere Beleuchtung, angepasste Temperaturen, veränderte Betriebszeiten oder eine flexible Steuerung von Anlagen erreicht werden, ohne dass die Montagelinie im gleichen Umfang langsamer laufen muss.
Dennoch zeigt die Maßnahme, dass die Energiekrise inzwischen unmittelbar in den Werksbetrieb eingreift. Debrecen ist für BMW kein gewöhnlicher Produktionsstandort. Das Werk wurde speziell für die sogenannte Neue Klasse errichtet, auf der die künftige Generation elektrischer BMW-Modelle basiert. Erstes Serienmodell ist der neue iX3. Ende Juli 2026 meldete BMW, dass bereits das 50.000. Fahrzeug dieses Typs in Debrecen produziert worden sei – nur neun Monate nach Beginn der Serienfertigung.
BMW Neue Klasse: Warum das Solar-Werk in Debrecen trotzdem am Stromnetz hängt
Die Fabrik gilt als eines der modernsten Werke des Konzerns und arbeitet im normalen Betrieb ohne den direkten Einsatz fossiler Brennstoffe. Produktionsprozesse, die in anderen Werken beispielsweise mit Erdgas versorgt werden, wurden in Debrecen elektrifiziert. Dieses Konzept senkt zwar die direkten CO₂-Emissionen, erhöht aber gleichzeitig die Bedeutung einer stabilen Stromversorgung.
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Auf dem Werksgelände befindet sich eine Photovoltaikanlage mit einer Fläche von 50 Hektar. Sie soll nach Angaben von BMW etwa ein Viertel des jährlichen Strombedarfs des Standorts decken. Überschüssige Solarenergie kann außerdem über einen thermischen Speicher mit einem Volumen von 1.800 Kubikmetern und einer Kapazität von 130 Megawattstunden für Wärmeprozesse nutzbar gemacht werden.
Die Solaranlage macht das Werk jedoch nicht autark. Rund drei Viertel des jährlichen Strombedarfs müssen weiterhin über andere Quellen gedeckt werden. Zudem schwankt die Solarproduktion abhängig von Tageszeit und Wetter. Gerade am Abend, wenn die landesweite Nachfrage wegen Klimaanlagen und privatem Stromverbrauch hoch bleibt, kann das Werk nicht allein auf den eigenen Solarpark zurückgreifen.
Mercedes Kecskemét: Elektro-C-Klasse läuft trotz Stromkrise weiter
Auch Mercedes-Benz verfolgt die Entwicklung aufmerksam. Nach Angaben eines Unternehmenssprechers läuft die Produktion im Werk Kecskemét derzeit in allen Bereichen ohne Einschränkungen. Das Unternehmen beobachte die Lage sehr genau und stehe in engem, kontinuierlichem Austausch mit den zuständigen Behörden. Im Mittelpunkt stehe die Sicherung einer ununterbrochenen Stromversorgung des Standorts.
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Die Bedeutung des Werks hat kurz vor Beginn der Energiekrise noch einmal deutlich zugenommen. Mercedes-Benz eröffnete im Juli 2026 eine umfangreiche Erweiterung des Standorts und startete dort die Produktion der neuen elektrischen C-Klasse. Nach Angaben des Konzerns wird die flexible Fertigung von Fahrzeugen des Kompakt- und des sogenannten Core-Segments weiter ausgebaut.
Mercedes hat rund eine Milliarde Euro in die Erweiterung investiert. Die ungarische Regierung beziffert die künftige Jahreskapazität auf bis zu 350.000 Fahrzeuge. Rund 3.000 zusätzliche Arbeitsplätze sollen entstehen. Damit entwickelt sich Kecskemét zum größten europäischen Produktionsstandort von Mercedes-Benz und zum zweitgrößten Werk des Konzerns weltweit. Neben kompakten Modellen soll der Standort zunehmend elektrische Fahrzeuge und Batterien beziehungsweise Batteriesysteme fertigen.
Mercedes verlagert A-Klasse nach Ungarn – mitten in der Stromkrise
Bereits seit dem zweiten Quartal 2026 wird außerdem die A-Klasse schrittweise vom deutschen Werk Rastatt nach Kecskemét verlagert. Mercedes begründet die Arbeitsteilung offiziell mit der Flexibilität seines Produktionsnetzwerks und dem Platzbedarf für neue Modelle in Rastatt. Gleichzeitig sind die Produktionskosten in Ungarn deutlich niedriger als an deutschen Standorten.
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Die Stromknappheit trifft Mercedes somit genau in einer Phase des Hochlaufs. Noch läuft die Fertigung nach Unternehmensangaben normal. Eine weitere Verschlechterung der Netzlage könnte jedoch auch Kecskemét zu Einsparungen oder Anpassungen zwingen. Besonders kritisch wäre ein ungeplanter Ausfall während des Anlaufs neuer Modelle, weil Produktionsprozesse, Software, Logistik und Qualitätskontrolle in dieser Phase eng aufeinander abgestimmt werden müssen.
Dacia und Ford stoppen Produktion: Rumänien zeigt das Risiko für Ungarn
Wie schnell aus einer Stromknappheit tatsächliche Produktionsausfälle entstehen können, zeigt das benachbarte Rumänien. Auch dort beeinträchtigt der niedrige Wasserstand der Donau die Energieversorgung. Im Atomkraftwerk Cernavodă musste ein Reaktor abgeschaltet werden, während ein zweiter nur unter erschwerten Bedingungen weiterlief.
Die rumänischen Werke von Dacia und Ford Otosan stellten ihre Produktion vorübergehend bis zum 19. August ein. Nach Angaben der rumänischen Regierung verringerte sich der nationale Stromverbrauch dadurch um etwa 200 Megawatt. Bei den Stillständen spielten auch geplante Wartungsarbeiten eine Rolle, sie wurden jedoch gezielt genutzt und verlängert, um das Stromnetz während der Krise zu entlasten.
Für Ungarns Autohersteller ist diese Entwicklung ein Warnsignal. BMW, Mercedes und Audi können ihren Verbrauch kurzfristig optimieren, doch eine länger anhaltende Unterversorgung lässt sich nicht allein durch abgeschaltete Beleuchtung oder reduzierte Klimatisierung auffangen. Irgendwann müssten Schichten verschoben, einzelne Produktionsbereiche pausiert oder ganze Montagelinien zeitweise angehalten werden.
Ungarns Autoindustrie: Stromversorgung wird zum neuen Standortfaktor
Die Krise stellt nicht grundsätzlich infrage, dass Ungarn ein wichtiger Standort der europäischen Autoindustrie bleibt. Das Land verfügt über qualifizierte Beschäftigte, eine etablierte Zulieferstruktur, vergleichsweise niedrige Produktionskosten und eine gute Anbindung an den europäischen Binnenmarkt. Sie macht aber deutlich, dass Lohnkosten und Subventionen allein nicht über die Wettbewerbsfähigkeit eines Standorts entscheiden.
Für moderne Elektroauto- und Batteriefabriken wird Versorgungssicherheit zu einem zentralen Standortfaktor. Eigene Solaranlagen können den Strombezug aus dem Netz reduzieren, ersetzen aber keine gesicherte Versorgung rund um die Uhr. Dafür wären zusätzliche Speicher, flexible Reservekraftwerke, leistungsfähige grenzüberschreitende Leitungen und eine breiter aufgestellte Stromerzeugung notwendig.
BMW hat mit der Senkung seines Energieverbrauchs um 15 Prozent zunächst einen Produktionsstopp vermieden. Mercedes meldet weiterhin einen uneingeschränkten Betrieb. Von einer flächendeckenden Drosselung der ungarischen Autoproduktion kann deshalb bislang nicht gesprochen werden. Die Branche arbeitet jedoch bereits unter Ausnahmebedingungen.
Wie lange das gelingt, entscheidet weniger die Unternehmensstrategie als das Wetter. Bleibt der Donaupegel niedrig und fällt auch die letzte Turbine in Paks aus, dürfte der Druck auf industrielle Großverbraucher weiter steigen. Dann könnte aus einer vorsorglichen Senkung des Energieverbrauchs schnell eine tatsächliche Drosselung der Fahrzeugproduktion werden.