Biokunststoffe : Zuckerrübe statt Ölpumpe: Biokunststoffe auf dem Vormarsch
Als der Zug so richtig ins Rollen kam, sprang selbst Coca-Cola auf. Inzwischen liefert der weltgrößte Getränkehersteller einige seiner Brausen in Flaschen, die aus pflanzlicher Stärke produziert sind – zur Imagepflege. Passend dazu hat der Chemieriese BASF unlängst seine Produktionskapazität in Ludwigshafen für den aus Erdöl gemachten, aber biologisch abbaubaren Kunststoff "Ecoflex" von 14.000 auf 74.000 Tonnen erweitert.
Und die niederösterreichische EVN betreibt gerade in Kooperation mit der Boku Wien und Anlagenbauer Andritz direkt am Steinkohle-Kraftwerk Dürnrohr einen „Bioreaktor“, der den Rohstoff für neue Biokunststoffe liefern soll. Unschuldige grüne Mikroalgen wandeln dabei CO2 mit Sonnenlicht und Wasser in einen Energiespeicher um – die Polyhydroxybuttersäure PHB. Das passiert ähnlich wie die Fettproduktion bei Menschen. Der Clou: PHB ist dem weit verbreiteten Kunststoff Polypropylen (PP) sehr ähnlich – und könnte einst nach Prognosen des Verbands European Bioplastics bis zu zehn Prozent des gesamten Kunststoffmarkts einnehmen.
OMV mischt mit
Selbst die OMV, die sich eigentlich Öl und Gas widmet, mischt bei einem Projekt mit, bei dem Mikroalgen ein Grundmaterial für die Kunststoffproduktion liefern. Bei der Kooperation mit dem Unternehmen Ecoduna und der Montanuniversität Leoben wandeln Mikroalgen in Bruck an der Leitha im größten geschlossenen Photo-Bioreaktor der Welt CO2 mit Stickstoff in industriell verwertbare Biomasse um. Daraus lassen sich Öle gewinnen, die man zu Kunststoffen, Schmiermitteln und Biotreibstoff verarbeiten kann. Die Marktreife sollte eigentlich nicht mehr weit sein – denn Mikroalgen benötigten nur ein Zwanzigstel der Fläche, die für die gleiche Energieausbeute aus Raps nötig wäre.
Um die neuartigen Biokunststoffe, so scheint es, ist ein regelrechter Hype ausgebrochen. Der Eindruck täuscht: Die erste Fabrik für Biokunststoff startete John Wesley Hyatt in New York – im Jahr 1869. Dort machte er mit Billiardkugeln aus Zelluloid, dem ältesten Biokunststoff, sehr erfolgreich den bis dahin üblichen Billiardkugeln aus Elfenbein den Garaus. Später experimentierte Henry Ford mit Weizen und Soja als Rohstoff für Farben und Gummi in seinem legendären Ford Model T. Erst im Zweiten Weltkrieg kamen Kunststoffe aus Erdöl auf – und traten einen Siegeszug an, der bis heute anhält. Denn auch das ist Realität: Während die Produktion von Plastik steigt und steigt, liegt der weltweite Marktanteil von Biokunststoffen nach Schätzungen des deutschen Umweltbundesamts weiterhin unter einem Prozent.
Skepsis schwindet
Allerdings könnte sich das bald ändern. Bis 2025 werde die Produktion von Biokunststoffen in der EU um das Zwanzigfache auf dann 5,7 Millionen Tonnen ansteigen, verkündet der Fachverband European Bioplastics ganz berufsoptimistisch. Aber auch ein Konzern wie BASF, der keine fremden Interessen vertritt, meldet in diesem Markt ein weltweites Wachstum von 20 Prozent pro Jahr.
Offenbar sind immer mehr Betriebe bereit, die Nachteile von Biokunststoffen in Kauf zu nehmen – ein doppelt bis dreifach höherer Preis und Einschränkungen bei benötigten Eigenschaften – weil die ökologischen Nachteile von Kunststoffen aus Erdöl so massiv sind. Mit Abstand am häufigsten werden Biokunststoffe heute zu Verpackungen verarbeitet. Doch erste Anzeichen gibt es selbst in der Autoindustrie, die Biokunststoffen lange sehr skeptisch gegenüberstand.
So mischt heute Goodyear seinem Reifen "Biotred" Maisstärke bei und reduziert damit den Reifenrollwiderstand. Ford verbaut inzwischen in jedem seiner Fahrzeuge in Nordamerika auf Soja basiertes Polyol als Komponente für den Schaumstoff Polyurethan. Und Toyota hat mit "Eco Plastics" den bisher weltweit einzigen Biokunststoff entwickelt, der sich im Spritzgussverfahren verarbeiten lässt und heute in den Türen des Modells "Prius" steckt. Heuer im Frühjahr gab Toyota bekannt, selbst die Sensorleitungen am Motor, die bekanntlich viel aushalten müssen und deshalb gewöhnlich aus dem Kunststoff Epichlorohydrin bestehen, künftig aus einem biosynthetischen Biohydrin zu produzieren. Einen weiteren Nachteil von Biokunststoffen, nämlich eine geringere Hitzebeständigkeit, haben die Japaner damit bereits hinter sich gelassen.