Energieversorgung : Ökostrom: Glückslos

Drei kleine Kraftwerke aus Österreich. Ihnen ist es zu verdanken, dass am 29. Jänner in weiten Teilen Europas die Lichter nicht ausgegangen sind. Dabei war der Schuldige für die Kalamitäten rund eintausend Kilometer entfernt: Aufgrund heftiger Stürme produzierten an jenem Jännertag die Windkraftanlagen im Norden Deutschlands die Rekordmenge von 24.000 Megawatt an Elektrizität – so viel wie 20 Atomkraftwerke.An den Börsen drückte dieser Überfluss an Energie die Preise in den Keller. Eine Kilowattstunde kostete an der Leipziger Strombörse plötzlich 0,8 Cent – weniger als ein Fünftel des marktüblichen Preises. Ein unerwarteter Winterschlussverkauf – bei dem Energiekunden europaweit beherzt zugriffen. Was dann geschah, zeigt den ganzen Irrsinn, der den Strommarkt Europas derzeit beherrscht. Die Energie floss von der Nordseeküste über Polen und Tschechien bis Wien. Während diese Netze unter Hochspannung standen, drohte dem Süden Deutschlands aufgrund der schwachen Nord-Süd-Verbindung eine Unterversorgung.Das Gefährliche daran: Das Ungleichgewicht in der Spannung hatte das Zeug, das gesamte europäische Netz zum Zerreißen zu bringen – ein Blackout in Mitteleuropa war zum Greifen nah. Lesen Sie weiter: Großkunden profitieren

Der süddeutsche Netzbetreiber Tennet zog die Reißleine und aktivierte die sogenannte Kaltreserve: Drei in Österreich bereitgehaltene Gaskraftwerke. Binnen Minuten fuhr die EVN die Kraftwerke in Theiß und Korneuburg hoch, der Verbund aktivierte das Kraftwerk Werndorf. Verbraucher in München und Salzburg merkten von der Anspannung nichts – der Dienstag ging mit stabilen Netzen zu Ende. Großkunden profitieren Die Bilanz dieses Tages ist symptomatisch für die Situation: Deutschland flutet Europa mit umweltfreundlicher Energie aus Sonne und Wind. Deren Herstellung ist hochgradig schwankend, daher braucht es parallel dazu fossile Energieträger, die Produktionsspitzen abfangen und -ausfälle kompensieren. Jetzt pusten Gas- und Kohlekraftwerke (deren Grundstoffe zudem derzeit preiswert sind!) CO2 in die Luft, um die Netze stabil zu halten. Großkunden aus der Industrie profitieren nachhaltig: Weil die großzügig geförderte Alternativenergie spottbillig ist, können sie sich an den Börsen oder bei Stromhändlern zu niedrigen Kosten eindecken. Die Zeche dafür zahlen Endverbraucher: Sie finanzieren über Ökostromförderbeitrag, Ökostrompauschale und Elektrizitätsabgabe auf dem Strompreis den weiteren Ausbau der Alternativenergie. Ein Blick auf die Futures-Preise an den Strombörsen beweist: Strom für die Industrie bleibt bis 2020 billig. Industriestrom noch billiger Die Tarife im Handel spielen schon seit Längerem verrückt. 2008 kostete der Strom an der Leipziger EEX bis zu 95 Euro, sackte dann ab und blieb bis vor wenigen Monaten relativ konstant zwischen 55 und 60 Euro pro MWh. Diesen Winter setzte eine zweite Welle nach unten ein. Ende Februar kostete eine MWh in Leipzig (im „Phelix“-Index für Deutschland und Österreich) knapp 45 Euro. Bizarr wurde es am ersten Weihnachtstag: Stromerzeuger zahlten 220 Euro für die Abnahme einer MWh, ein sogenannter Negativpreis. Lesen Sie weiter: Verdrängungswettbewerb

Und wie sieht die Zukunft aus? Der Leipziger Terminhandel liefert eine klare Antwort darauf: Weitere Tiefstände. Die Futures für das gesamte Jahr 2014 gibt es derzeit schon ab 42,08 Euro/MWh. Der Kontrakt für Lieferungen im Jahr 2017 kostet aktuell 42,80 Euro/ MWh. Und für 2019 wird ein Preis von 44 Euro angepeilt. Für die Industrie und rund 35.000 heimische Gewerbekunden bedeutet das: Die Strompreise bleiben im Keller.

Verdrängungswettbewerb

Die Situation ist vor allem für die Energiewirtschaft unbefriedigend: Zwar haben die Erneuerbaren mittlerweile Mega-Kapazitäten. Allein in Deutschland sind schon heute Kapazitäten von knapp 70 GW installiert. Das heißt: An einem sonnigen und windigen Tag kann sich das Land bereits jetzt nahezu komplett mit Erneuerbaren versorgen. Doch herrscht am nächsten Tag Windstille und ist der Himmel bewölkt, geht ohne Gas- und Kohlekraftwerke nichts – ohne sie ist die Volatilität der Erneuerbaren nicht zu managen.

Das Problem dabei: Am Markt gilt das „Merit-Order-Prinzip“, also Abfrage bei Kraftwerken mit den geringsten Grenzkosten zuerst. Weil Wind und Sonne an sich umsonst sind, stellen sie jedoch dieses Prinzip auf den Kopf – und drängen zahlreiche thermische Kraftwerke aus dem Netz. Das Ergebnis: Viele Betreiber fahren ihre Kraft- werke, die eigentlich als ausgleichende Kraft nötig wären, herunter.

Tiefpreise bei Gas und Kohle

Nicht nur der Ausbau der erneuerbaren Energien wird, die Strompreise unten halten. Auch Tiefpreise bei Gas, Kohle und CO2-Zertifikaten. Auf der Nachfrageseite herrscht Flaute, das heuer erwartete Wachstum bleibt relativ schwach. „Der Markt braucht jetzt den Strom in dieser Menge nicht“, erklärt Johannes Mayer, Leiter der Abteilung für Volkswirtschaft bei der E-Control, und verweist auf deutliche Kraftwerksüberkapazitäten, die es nicht zuletzt wegen Förderungen bei kalorischen wie bei Erneuerbare-Kraftwerken gibt. Zweitens: Erdgas und Kohle werden immer billiger.

Das liegt unter anderem daran, dass der russische Staatsmonopolist Gazprom beim Gas immer stärkere Konkurrenz bekommt. Vor allem die USA drängen seit einigen Jahren dank ihrer Schiefergasförderung mit billigem Flüssiggas (LNG) in den europäischen Markt. Ebenso hat sich auch die Kohle in den letzten zwei Jahren von 140 auf 98 Dollar/t verbilligt. Der Grund auch hier: Steigendes Angebot trifft auf relativ schwache Nachfrage.

Lesen Sie weiter: CO2-Zertifikate fast umsonst

Zugleich läuft auch das System mit den CO2-Zertifikaten völlig aus dem Ruder. Ursprünglich sollten die Papiere ja mit einem Preis um die 30 Euro/t dafür sorgen, dass die CO2-Emissionen in der Wirtschaft sinken. Stattdessen werden sie aktuell um die vier Euro gehandelt – weil es zu viele gibt.

Das Ergebnis ist paradox: Alte, mit Braunkohle betriebene CO2-Dreckschleudern liefern derzeit trotz der Zertifikate den billigsten Strom. Ende Februar startete die EU-Kommission Verhandlungen, um einen Teil der Zertifikate aus dem Handel zu nehmen. Der Stromhandel reagierte mit einem Schulterzucken: Zu gering das geplante Volumen und wohl zu lange dauernde Verhandlungen. In den Börsenkursen war keine Bewegung spürbar.

Interessenvertreter der Industrie bringen sich trotzdem schon einmal dagegen in Stellung. So meint Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung, mit diesem politischen Eingriff „auf Zuruf einiger Gruppen von Profiteuren schlägt die EU-Kommission das genaue Gegenteil jenes marktbasierten Emissionshandels vor, den sie die letzten zehn Jahre gepredigt hat“. Wen Neumayer hier als „Profiteure“ bezeichnet, bleibt offen. Tatsächlich haben nicht zuletzt die Energieversorger ein großes Interesse daran, dass der Preis für Strom aus Braunkohle steigt und damit ihre Gaskraftwerke und Pumpspeicher wieder rentabel werden. So fordert Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber „eine rasche Anpassung des derzeitigen CO2-Marktdesigns“.

Atomkraft verliert

Was bleibt also unterm Strich bei der Bilanz der aktuellen Situation, was ist der Positivaspekt der Energiewende? Langfristig werden Länder mit einem hohen Anteil der erneuerbaren Energien jenen überlegen sein, die auf Kohle- und Atomkraftwerke setzen. Beim Blick auf die Strompreise in Europa zeigt sich, dass der Strom in der deutsch-österreichischen Handelszone mit ihren Nachbarstaaten heute billiger ist als in allen anderen großen Industriestaaten der EU.

Besonders auffällig: Österreich schneidet sogar besser ab als Frankreich, das Land mit dem höchsten Anteil an Atomstrom weltweit, und Großbritannien, das den Löwenanteil seiner Energie mit Erdgas, Atomstrom und Kohle produziert. Offenbar bringt diesen beiden Ländern ihre Atomenergie, die oft als stabil und sehr billig dargestellt wird, schon jetzt keinen Vorteil. Mehr noch: Ohne üppige Förderungen scheint es sogar gar nicht mehr rentabel zu sein. Fazit: Es sieht so aus, als bräuchte es anderswo gar keine Energiewende, um die Atomkraft zurückzudrängen – weil das der Markt erledigt. ///

Kommentare zum Thema:

Wolfgang Anzengruber, Verbund AG: "Die Energiewende frisst ihre Kinder"

Josef Plank, Erneuerbare Energie Österreich: "CO2-Zertifikate sind skandalös billig"