Görlitz als Signal: KNDS baut Kapazität auf – und denkt an den Börsengang
Im Februar 2025 beginnt für KNDS eine neue Ära: Der Rüstungskonzern übernimmt das traditionsreiche Alstom-Werk in Görlitz. Wo früher Züge gebaut wurden, sollen künftig Komponenten für Leopard und Puma entstehen – begleitet von politischem Schulterklopfen durch Noch-Kanzler Olaf Scholz, Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und KNDS-Deutschlandchef Florian Hohenwartner. Der Standort im Strukturwandel wird damit zum Symbol für den Aufstieg der deutschen Rüstungsindustrie – und für KNDS zum Baustein eines größeren Plans. Bis 2028 soll die Produktion in den deutschen Werken um 60 Prozent steigen. Parallel bereitet sich der Konzern auf den nächsten Sprung vor: den Börsengang. Konzernchef Jean-Paul Alary hält 2026 für realistisch – Rückenwind liefern volle Auftragsbücher und der Börsenboom bei Rheinmetall. 2024 kam KNDS auf 3,8 Milliarden Euro Umsatz, der Auftragsbestand liegt bei 23,5 Milliarden Euro, mehr als 11.500 Menschen arbeiten für den Konzern. Doch das Konstrukt bleibt politisch heikel: KNDS entstand 2015 aus der Fusion von Krauss-Maffei Wegmann und Nexter, gefeiert als „Airbus des Heeres“ – mit deutscher Familienholding auf der einen und französischem Staat auf der anderen Seite. Der Sitz in Amsterdam ist dabei weniger Strategie als Kompromiss. Und die Eigentümerfrage fürs IPO ist offen: Rheinmetall ist ausgeschlossen, Airbus oder Thales gelten als unwahrscheinlich. Bleiben Private Equity – und die Politik, in Berlin wird bereits über eine Sperrminorität von 25 Prozent diskutiert.
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Anspruch versus Wirklichkeit: Leopard, Leclerc und der MGCS-Stresstest
Der Anspruch ist groß, die Realität oft zweigleisig: Nach außen tritt KNDS als Einheit auf, in der Praxis laufen Leopard und Leclerc weiterhin weitgehend getrennt. Beim Leopard 2 hängt KNDS bei zentralen Komponenten ausgerechnet von Rheinmetall ab – Kanone, Feuerleittechnik und Munition kommen vom Rivalen und Partner aus Düsseldorf. Selbst beim milliardenschweren Digitalisierungsvorhaben für 10.000 Bundeswehr-Fahrzeuge steht KNDS nicht allein auf dem Feld, sondern in einer Arbeitsgemeinschaft mit Rheinmetall. Auf französischer Seite bleibt KNDS France tief in nationale Programme eingebunden; der Leclerc XLR entsteht mit Partnern wie Thales oder Safran. Showcases wie der EMBT-Technologiedemonstrator (Leopard-Fahrwerk, Leclerc-Turm) belegen Ideen, aber keine Serienintegration. Der Praxistest heißt MGCS: Das künftige Main Ground Combat System soll Leopard und Leclerc ablösen – vernetzt, hybrid, mit bemannten und unbemannten Plattformen. Im April 2025 wurde die MGCS Project Company gegründet, getragen von KNDS Deutschland, KNDS Frankreich, Rheinmetall und Thales. Doch statt Tempo dominieren Kompetenzgerangel und nationale Interessen; der Zeitplan rutscht von 2035 Richtung „jenseits von 2040“. Entscheidend wird damit weniger Technik oder Auftragseingang sein, sondern Governance: Bei KNDS ist die Schlüsselrolle nicht nur der CEO, sondern der Aufsichtsratschef. Nach dem Rücktritt von Wolfgang Büchele im Juni klafft eine Lücke – und ein Name fällt immer wieder: Tom Enders. Der frühere Airbus-Chef kennt binationales Industriehandwerk, politische Schaltstellen und den Kapitalmarkt. Ob KNDS tatsächlich zum europäischen Rüstungschampion wird – oder ein Torso bleibt – entscheidet sich nicht in Amsterdam, sondern in München und Versailles.