Rheinmetall Defence Leichtbau : Rheinmetalls neue Carbon-Technik: Warum Waffenstationen jetzt leichter und beweglicher werden
Waffenstation Natter: Spezielle Anforderungen an Material, Gewicht, Belastbarkeit und Präzision
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INDUSTRIEMAGAZIN DEFENCE: Herr Reitbauer, welche Anforderungen stellt Rheinmetall bei Systemen wie Natter und SeaSnake an Material, Gewicht, Belastbarkeit und Präzision?
Markus Reitbauer: Das Gewicht ist bei solchen Systemen grundsätzlich ein entscheidender Punkt im Anforderungskatalog. Denn jedes eingesparte Kilogramm ermöglicht eine größere Nutzlast, eine größere Reichweite und die Integration weiterer technischer Komponenten. Konventionelle Werkstoffe wie Stahl oder Aluminium bringen diesbezüglich oft Nachteile mit sich, insbesondere mit Blick auf das Verhältnis von Gewicht zu mechanischer Leistungsfähigkeit.
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Vor diesem Hintergrund spielen Carbon-Leichtbaustrukturen in modernen militärischen Plattformen eine wichtige Rolle, da sie in puncto Belastbarkeit oder Präzision sehr hohe Anforderungen erfüllen können.
Bei fernbedienbaren Waffenstationen zählen Stabilität, geringe Masse und hohe Wiederholgenauigkeit. Wo liegt aus Ihrer Sicht der größte technische Hebel: im Werkstoff, in der Konstruktion oder in der Fertigungstechnologie?
Reitbauer: Der Werkstoff Carbon entfaltet seine größte Hebelkraft im Zusammenspiel von Stabilität, Leichtigkeit und hoher Wiederholgenauigkeit. Für ein optimales Zusammenspiel dieser Eigenschaften ist eine hochentwickelte Konstruktion von zentraler Bedeutung, da sie nicht nur die Anforderungen an die Funktionalität erfüllt, sondern auch eine wirtschaftliche Fertigung ermöglicht. Die hohe Leistungsfähigkeit der Carbon-Technologie ist seit den 1980er Jahren in der internationalen Formel-1-Rennsportklasse bekannt, wo sie seither mit extremer Leichtigkeit, hoher Zugfestigkeit und hoher mechanischer Belastbarkeit überzeugt. Vergleichbare Anforderungen finden sich auch in der Luft- und Raumfahrt. Um komplexe Composite-Strukturen mit hoher Präzision und Wiederholgenauigkeit seriennah und reproduzierbar fertigen zu können, ist darüber hinaus der Einsatz hochleistungsfähiger CNC-Fräsmaschinen sowie qualifizierte Prozess- und Fertigungstechnik wichtig.
SeaSnake ist für maritime Anwendungen ausgelegt, Natter für mobile Plattformen an Land. Wie unterschiedlich sind die Entwicklungsanforderungen, wenn ein System Salz, Vibration, Schock, Temperaturwechseln und Dauerbelastung standhalten muss?
Reitbauer: Die strukturellen Entwicklungsanforderungen zwischen maritimen Systemen und Landsystemen hinsichtlich der werkstofflichen Komposition sind geringer, als man zunächst annehmen würde. Einen markanten Unterschied stellt etwa der Waffentyp bei maritimen Plattformen dar, da dieser meist größer ausfällt. Hinzu kommt, dass die Anforderungen an die Korrosionsbeständigkeit auf Schiffen deutlich höher sind. Gleichzeitig müssen auch Landsysteme Salznebeltests bestehen. Entscheidend ist daher weniger ein vollständig anderer Werkstoffansatz, sondern die genaue Auslegung auf Einsatzumgebung, Schnittstellen, Belastungsprofil und Lebensdaueranforderungen.
Welche Rolle spielen Leichtbau und Verbundwerkstoffe bei solchen Verteidigungssystemen – insbesondere dort, wo Plattformen nur begrenzte Dachlasten oder Einbauräume zulassen?
Reitbauer: Die Carbon-Leichtbautechnologie leistet einen erheblichen Beitrag zur Konfiguration von militärischen Plattformen. Carbon-Strukturen ermöglichen ein geringeres Systemgewicht, sodass zusätzliche Sensorik, Effektoren oder Schutzmodule ohne strukturelle Anpassungen auf bestehende Plattformen montiert werden können. In einigen Anwendungsbereichen, wie beispielsweise bei Drohnenstrukturen, Add-on-Schutzkomponenten oder Waffensystemen, lassen sich die gewichtsbezogenen Einsparungsziele nur mit Carbon-Verbundwerkstoffen erreichen. Eine wichtige Voraussetzung für die Montage ist, dass die Carbon-Technologie die Funktionalität, Stabilität und Designfreiheit nicht einschränkt. Hinzu kommen nachgelagerte Gewichtseffekte, die ein kompakteres und leichteres Design von Lagern, Antrieben, Motoren und Befestigungselementen ermöglichen. Das Zusammenspiel dieser Werkstoffeigenschaften trägt auf dem modernen Gefechtsfeld dazu bei, dass militärische Plattformen über eine schnellere Beweglichkeit, eine größere Reichweite und eine ausgefeiltere Sensorik verfügen können.
Rheinmetall: Wie der Konzern bei SeaSnake Modularität, Sensorik und Integration in bestehende Systeme betont
Rheinmetall betont bei SeaSnake unter anderem Modularität, Sensorik und Integration in bestehende Systeme. Wie früh muss ein Zulieferer wie Hintsteiner in solche Entwicklungsprozesse eingebunden sein, damit Schnittstellen, Zertifizierung und Serienfähigkeit funktionieren?
Reitbauer: Für Zulieferer ist es grundsätzlich wichtig, bereits in einer frühen Phase des Entwicklungsprozesses eines Systems einbezogen zu werden. Ein konkreter Zeitpunkt hierfür wäre gegeben, wenn erste Schnittstellen oder der Bauraum definiert sind. Denn dann können wir eine Konstruktion entwickeln, die in Bezug auf Stabilität, Leichtigkeit und hohe Wiederholgenauigkeit optimal abgestimmt ist. Je früher Material-, Konstruktions- und Fertigungskompetenz zusammengeführt werden, desto besser lassen sich spätere Anpassungen, zusätzliche Schnittstellenrisiken oder Verzögerungen in der Qualifizierung vermeiden.
Bei militärischen Anwendungen sind Skalierbarkeit, Lieferfähigkeit und Dokumentation oft ebenso entscheidend wie die technische Lösung selbst. Wie stellt Hintsteiner sicher, dass Prototypenentwicklung, Qualifizierung und Serienproduktion nahtlos ineinandergreifen?
Reitbauer: Die Hintsteiner Group verfügt über eine hohe Fertigungstiefe in Bezug auf militärische Systeme, die sie in fast zwei Jahrzehnten militärischer Kooperationen aufgebaut hat. In dieser Zeit haben wir uns durch Werkstoff- und Prozessdokumentation ein umfassendes Know-how angeeignet, sodass wir Prototypenentwicklung, Qualifizierung und Serienproduktion aus einer Hand liefern können. Vor diesem Hintergrund haben wir uns zu einem „One-Stop-Shop“-Unternehmen in der Rüstungsindustrie entwickelt, das in zentralen Prozessschritten weitgehend unabhängig von externen Zulieferern agieren kann.
Was Programme wie Natter und SeaSnake für Hintsteiner strategisch bedeuten
Der europäische Verteidigungsmarkt gewinnt deutlich an Dynamik. Was bedeuten Programme wie Natter und SeaSnake für Hintsteiner strategisch – eher als technologische Referenz, als Wachstumsfeld oder als Einstieg in weitere internationale Verteidigungsprojekte?
Reitbauer: Auch wir spüren die dynamische Entwicklung des europäischen Verteidigungsmarkts. Rüstungsprojekte wie „Natter” und „SeaSnake” sind das Ergebnis einer langjährigen, vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Unternehmen wie Rheinmetall. Gleichzeitig unterstreichen solche Projekte unsere etablierte Fertigungskompetenz im Bereich hochbelastbarer Carbon-Verbundstrukturen. Während neue Unternehmen in die Entwicklung von Rüstungsgütern einsteigen, sind wir bereits seit über zwei Jahrzehnten mit unserer Technologie vertreten und entwickeln gemeinsam mit europäischen Streitkräften die nächste Generation leistungsfähiger Systeme.
ZUR PERSON
Markus Reitbauer ist seit 2009 CEO der carbon-solutions Hintsteiner GmbH, die zur Hintsteiner Group gehört. Unter seiner Leitung vereint die carbon-solutions Hintsteiner GmbH spezialisiertes Engineering, Forschung und Entwicklung, Konstruktion sowie die Fertigung von Carbon-Strukturbauteilen innerhalb der Hintsteiner Group.
ZUM UNTERNEHMEN
Die Hintsteiner Group wurde 1981 im steirischen Kindberg als Familienunternehmen gegründet und ist heute unter der Leitung von CEO Martin Hintsteiner ein führendes österreichisches Kompetenzzentrum für Carbon- und Kunststofftechnik. Die Hintsteiner Group begleitet internationale Kunden von der Entwicklung über die Prototypenfertigung bis zur Kleinserie und verfügt über umfassende Expertise in hochspezialisierten Composite-Lösungen für die Automotive-, Luftfahrt- und Rüstungsbranche.