Bosch Stellenabbau : Bosch baut ab, Hensoldt baut auf: Wie Autowissen in die Verteidigung wandert
Auf dem Bosch-Gelände bei Stuttgart will Hensoldt ein Softwarezentrum für Verteidigungstechnik aufbauen. Rund 300 Arbeitsplätze sind geplant.
- © BoschDer Sensor- und Verteidigungselektronikkonzern Hensoldt plant einen neuen Entwicklungsstandort in Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart. Das Unternehmen will dafür freie Flächen in einem leer stehenden Gebäude auf dem Gelände des Technologiekonzerns Bosch nutzen. Eine entsprechende Kooperationsvereinbarung sei bereits unterzeichnet worden, teilten beide Unternehmen am 4. August 2026 mit. Am neuen Standort sollen rund 300 Arbeitsplätze entstehen.
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Das geplante Kompetenzzentrum soll sich auf sogenannte softwaredefinierte Verteidigung und auf moderne Entwicklungsverfahren konzentrieren. Gesucht werden vor allem Fachkräfte aus der System- und Softwareentwicklung sowie aus der Elektrotechnik. Qualifizierte Bosch-Beschäftigte sind ausdrücklich dazu aufgerufen, sich auf die neuen Stellen zu bewerben. Hensoldt richtet sich damit gezielt an Ingenieurinnen und Ingenieure aus der Automobilindustrie, deren Arbeitsplätze infolge des gegenwärtigen Strukturwandels wegfallen oder gefährdet sind.
Nach Angaben eines Hensoldt-Sprechers sollen die Flächen bis Ende 2026 bezogen werden. Die Besetzung der rund 300 Stellen soll schrittweise erfolgen und bis Ende 2027 abgeschlossen sein. Damit würde in der Region Stuttgart innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit ein größerer neuer Entwicklungsstandort für Verteidigungssoftware entstehen.
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Wie Bosch-Softwarewissen in Verteidigungstechnik fließen soll
Hensoldt-Chef Oliver Dörre begründete die Standortentscheidung mit der hohen technischen Kompetenz, die Bosch in den vergangenen Jahren insbesondere im Softwareengineering aufgebaut habe. Dieses Wissen wolle Hensoldt für den Aufbau des Entwicklungszentrums nutzen. Dabei geht es nicht nur um die Rekrutierung einzelner Fachkräfte. Auch Entwicklungsprozesse, die sich in der Automobilindustrie über Jahre etabliert haben, sollen auf komplexe Verteidigungssysteme übertragen werden.
Im Mittelpunkt stehen nach Unternehmensangaben Softwarearchitekturen für vernetzte und regelmäßig aktualisierbare Systeme. Moderne militärische Plattformen werden zunehmend nicht mehr allein über ihre mechanischen oder elektronischen Komponenten definiert. Einen immer größeren Teil ihrer Fähigkeiten bestimmen Software, Datenverarbeitung und die Verbindung unterschiedlicher Sensoren und Führungssysteme.
Software-Defined Defence: Was Hensoldt in Stuttgart entwickeln will
Am Standort Leinfelden soll unter anderem Hensoldts Softwareplattform MDOcore weiterentwickelt, integriert und für den praktischen Einsatz industrialisiert werden. Die Plattform verbindet nach Angaben des Unternehmens Sensoren und Führungsinformationssysteme aus unterschiedlichen militärischen Bereichen – darunter Land, Luft, See, Cyber und Weltraum. Ziel ist ein gemeinsames Lagebild, in das Daten aus verschiedenen Quellen möglichst in Echtzeit einfließen. Durch offene Schnittstellen sollen auch Systeme anderer Hersteller eingebunden und später aktualisiert werden können.
Der Begriff „Software-Defined Defence“ beschreibt dabei einen Ansatz, bei dem sich Funktionen und Fähigkeiten von Verteidigungssystemen verstärkt durch Software ergänzen oder verändern lassen. Neue Sensoren, Datenquellen oder Analyseverfahren können dadurch potenziell schneller integriert werden, ohne jedes Mal die gesamte technische Plattform austauschen zu müssen.
Bosch Stellenabbau: Warum die Mobility-Sparte unter Druck steht
Die Kooperation fällt in eine Phase umfassender Umstrukturierungen bei Bosch. Der Konzern hatte im September 2025 einen zusätzlichen Abbaubedarf von etwa 13.000 Stellen angekündigt, insbesondere an deutschen Standorten der Mobility-Sparte. Die Maßnahmen sollen je nach Standort bis Ende 2030 umgesetzt werden. Zusammen mit bereits zuvor angekündigten Programmen summiert sich der geplante Stellenabbau in Deutschland nach Branchenberichten auf eine Größenordnung von rund 22.000 Arbeitsplätzen.
Bosch begründet die Einschnitte unter anderem mit hohen Kosten, einer schwachen Nachfrage, zunehmendem internationalen Wettbewerb und Überkapazitäten in Teilen der Automobilindustrie. Besonders betroffen sind Bereiche, in denen an Assistenzsystemen, automatisiertem Fahren, Fahrzeugcomputern und entsprechender Software gearbeitet wird. Gerade dort verfügen viele Beschäftigte jedoch über Kenntnisse, die auch für vernetzte Verteidigungs- und Sensorsysteme relevant sein können.
Bosch-Mitarbeiter im Strukturwandel: Hensoldt eröffnet neue Perspektive
Die Folgen der Restrukturierung sind bereits in der Beschäftigtenentwicklung sichtbar. Ende 2025 arbeiteten in Deutschland noch gut 123.100 Menschen für Bosch – rund 6.500 weniger als ein Jahr zuvor. Weltweit sank die Mitarbeiterzahl auf 412.774. Der Konzern erzielte 2025 einen Umsatz von 91 Milliarden Euro, davon 55,8 Milliarden Euro im Geschäftsbereich Mobility.
Das neue Zentrum kann den erheblichen Stellenabbau bei Bosch zwar nur zu einem kleinen Teil ausgleichen. Für hoch qualifizierte Softwareentwickler und Elektroingenieure in der Region eröffnet es jedoch eine zusätzliche Wechselmöglichkeit, ohne dass sie dafür zwangsläufig ihren Lebensmittelpunkt verlagern müssen.
Hensoldt wirbt um Auto-Know-how von Bosch, Continental und Aumovio
Die Vereinbarung mit Bosch ist nicht der erste Versuch Hensoldts, Fachkräfte aus der Automobilindustrie zu gewinnen. Bereits Anfang 2025 bot der Konzern knapp 200 Beschäftigten von Bosch und Continental berufliche Perspektiven an. Betroffen waren unter anderem Mitarbeiter im Stuttgarter Raum sowie am Continental-Standort Wetzlar. Hensoldt suchte damals vor allem Beschäftigte mit technischen Qualifikationen, die an eigenen Standorten in Baden-Württemberg eingesetzt werden konnten.
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Im März 2026 folgte eine Kooperationsvereinbarung mit Aumovio. Das Unternehmen ist aus dem früheren Automotive-Bereich von Continental hervorgegangen und seit September 2025 eigenständig. Die Zusammenarbeit betrifft die süddeutschen Standorte Ulm, Markdorf und Lindau, an denen rund 600 Beschäftigte von Veränderungen in der Forschungs- und Entwicklungsorganisation betroffen sind. Auch hier sucht Hensoldt insbesondere Fachkräfte für Systementwicklung, Software und Elektrotechnik.
Die Kooperationen verdeutlichen eine gegenläufige Entwicklung zweier Industriezweige: Während traditionelle Automobilzulieferer Kapazitäten reduzieren, bauen Verteidigungsunternehmen angesichts steigender Auftragsbestände ihre Produktion und Entwicklung aus.
Hensoldt wächst rasant: Warum der Rüstungskonzern 1.600 Leute sucht
Hensoldt hatte 2025 einen Rekordauftragseingang von 4,71 Milliarden Euro verzeichnet. Der Auftragsbestand stieg zum Jahresende auf 8,83 Milliarden Euro, während der Umsatz um knapp zehn Prozent auf 2,46 Milliarden Euro zunahm.
Im ersten Halbjahr 2026 beschleunigte sich das Wachstum weiter. Der Auftragseingang verdoppelte sich gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 2,81 Milliarden Euro. Der Auftragsbestand überschritt mit 10,36 Milliarden Euro erstmals die Marke von zehn Milliarden Euro. Der Halbjahresumsatz erhöhte sich um knapp 24 Prozent auf 1,17 Milliarden Euro.
Um die Aufträge abarbeiten und neue technische Fähigkeiten entwickeln zu können, plant Hensoldt im Jahr 2026 rund 1.600 Neueinstellungen, vor allem in Deutschland. Bereits 2025 hatte das Unternehmen nach eigenen Angaben etwa 1.200 neue Beschäftigte eingestellt. Besonders stark wachsen neben dem geplanten Zentrum bei Stuttgart die Standorte Ulm, Oberkochen beziehungsweise Aalen und Immenstaad am Bodensee.
Das Vorhaben in Leinfelden steht damit sowohl für die Expansion der deutschen Verteidigungsindustrie als auch für eine mögliche Verschiebung hoch spezialisierter Arbeitsplätze innerhalb der Industrie. Fachwissen, das ursprünglich für softwaregesteuerte Fahrzeuge, Assistenzsysteme oder Automobilelektronik aufgebaut wurde, soll künftig verstärkt in vernetzte Sensor- und Verteidigungssysteme einfließen.