Defence : Militärische Infrastruktur: Wenn Kasernen aus dem Baukasten kommen
Holzmodulbau als Premiumvariante des modularen Bauens
- © RECON Während militärische Beschaffung traditionell mit Großgerät und Waffensystemen assoziiert wird, rückt ein oft unterschätzter Bereich zunehmend in den Fokus: Infrastruktur. Unterkünfte, Büros, Versorgungseinrichtungen oder Ausbildungsgebäude müssen heute schneller verfügbar sein als klassische Bauverfahren es erlauben. Modulares Bauen entwickelt sich zu einem zentralen Baustein militärischer Einsatzfähigkeit. René Wurzer, Geschäftsführer des Tiroler Modulbauspezialisten RECON, sieht darin einen strukturellen Wandel, der weit über kurzfristige Projekte hinausgeht. RECON hat sich in den vergangenen Jahren vom klassischen Modulbauer zum Anbieter schlüsselfertiger Systemlösungen entwickelt. Das Unternehmen liefert sowohl temporäre als auch dauerhaft nutzbare Gebäude – in Stahl- und zunehmend auch in Holzbauweise.
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Mit der sicherheitspolitischen Lage hat sich der Markt spürbar verändert. Das Unternehmen hat bereits Unterkünfte für das österreichische Bundesheer sowie für die Schweizer Armee realisiert und wird inzwischen auch aus anderen europäischen Regionen angefragt. Besonders gefragt sind derzeit kurzfristig verfügbare Kapazitäten. Große Ausschreibungen der Deutschen Bundeswehr zielen darauf ab, bestehende Standorte rasch zu erweitern, "ohne jahrelange Bauzeiten in Kauf nehmen zu müssen", sagt Wurzer.
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Unter den Ausschreibungen: Großvolumige Rahmenprogramme für temporäre Unterkünfte an mehreren Standorten. Dabei geht es um „mehrere tausend Moduleinheiten für vorrangig Wohnunterkünfte“, erzählt Wurzer. Diese Gebäude werden meist in Stahlmodulbauweise errichtet und sind auf eine begrenzte Nutzungsdauer ausgelegt. Parallel existieren Programme mit langfristiger Perspektive, bei denen modulare Systeme dauerhaft eingesetzt werden sollen – etwa für Büro-, Wohn- oder Versorgungseinrichtungen. Die Bauweise ist dabei offen: Stahl, Holz oder hybride Konstruktionen sind möglich, solange sie die geforderten Leistungsparameter erfüllen.
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Der Vorteil liegt in der Skalierbarkeit. Hat man ein genehmigungsfähiges Konzept entwickelt, kann es an verschiedenen Standorten nahezu identisch umgesetzt werden. „Wenn man einmal die Grundbedürfnisse definiert und ein skalierbares Modulsystem erarbeitet hat, kann man das beliebig oft umsetzen“, so Wurzer.
Geschwindigkeit als entscheidender Faktor
Der größte Vorteil modularer Bauweise ist die Zeit. Während konventionelle Gebäude jahrelange Planungs- und Bauphasen benötigen, können Module industriell vorgefertigt und vor Ort nur noch montiert werden. Zugleich erlaubt die Vorfertigung eine hohe Qualitätssicherung, da Produktion und Installation entkoppelt sind. Selbst komplexe haustechnische Systeme können bereits im Werk integriert werden. Allerdings existieren weiterhin regulatorische Hürden. Modulare Systeme sind in vielen Ländern noch nicht vollständig normiert, wodurch Genehmigungsverfahren zusätzlichen Aufwand verursachen können. „Der Modulbau ist heute noch kein baugenormtes System“, sagt Wurzer.
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Deshalb müssen häufig zusätzliche Gutachten oder Prüfverfahren die baurechtliche Zulässigkeit bestätigen. Für militärische Anwendungen ist diese Herausforderung jedoch geringer, da die Rahmenbedingungen an verschiedenen Standorten oft sehr ähnlich sind. "Ein einmal genehmigtes Konzept lässt sich daher vergleichsweise einfach übertragen", sagt Wurzer.
Entgegen verbreiteten Vorurteilen müssen modulare Gebäude keineswegs provisorisch wirken. Moderne Systeme erreichen laut Wurzer die gleiche bautechnische Qualität wie konventionelle Bauweisen. Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Qualität, sondern in der Planungssystematik. Während im Individualbau nahezu jede Gestaltung möglich ist, verlangt der Modulbau standardisierte Installationsführungen. „Die Stärke des Modulbaus ist in der Systematisierung zu finden“, betont Wurzer. Sanitärbereiche, technische Schächte oder Tragstrukturen sind modulübergreifend abgestimmt, um Effizienz und Skalierbarkeit zu gewährleisten.
Drei Marktsegmente – vom Container bis High-End
Der Modulbaumarkt gliedert sich laut RECON in drei Ebenen. Erstens: einfache Containerlösungen für kurzfristige oder funktionale Nutzung. Zweitens: genehmigungsfähige Modulgebäude für längerfristige oder dauerhafte Anwendungen – das klassische Kerngeschäft vieler Anbieter. Drittens: hochwertige modulare Bauwerke, die architektonisch und technisch mit konventionellen Gebäuden konkurrieren können. In dieses High-End-Segment investiert RECON derzeit besonders stark, vor allem mit Holzmodulsystemen. Diese Bauweise ermöglicht nicht nur höhere ästhetische Qualität, sondern auch bessere Energieeffizienz und Nutzerkomfort – Faktoren, die bei dauerhaften militärischen Standorten zunehmend an Bedeutung gewinnen. Der modulare Ansatz verlagert den Schwerpunkt vom Bauplatz in die Fabrik.
RECON arbeitet im Stahlmodulbau mit spezialisierten Herstellerwerken zusammen, die komplette Module inklusive Elektrik und Innenausbau produzieren. Die Kapazität ist beeindruckend: „Wir erreichen darin einen Tagesoutput von ungefähr 34 bis 36 Modulen“, sagt Wurzer. Je höher der Ausbaugrad, desto geringer fällt die Stückzahl aus – doch selbst komplexe Einheiten können in kurzer Zeit bereitgestellt werden. Im Holzmodulbau betreibt das Unternehmen eine eigene Produktionsstätte am Unternehmensstandort in Ebbs. Die jährliche Kapazität liegt derzeit bei 500 bis 750 Modulen und soll in Kürze durch einen weiteren Standort in der Nähe von Dortmund deutlich steigen.
Krisenerprobte Branche
Der Verteidigungssektor ist nicht der erste Markt, in dem modulare Bauweise ihre Stärke ausspielt. Flüchtlingskrisen, Pandemie, Infrastrukturprojekte und Sanierungen haben in den vergangenen Jahren immer wieder kurzfristigen Raumbedarf erzeugt. „Unsere Branche ist sehr krisenerprobt und elastisch“, sagt Wurzer. Außergewöhnliche Bedarfssituationen gehörten zum Alltag. Gerade deshalb erwartet er, dass die enormen Volumina militärischer Infrastrukturprojekte auf mehrere Anbieter verteilt werden müssen. Kein einzelnes Unternehmen könne diese Nachfrage allein bedienen. Im Verteidigungsbereich werden sowohl kurzfristige als auch langfristige Lösungen benötigt. Temporäre Gebäude dienen dazu, akute Engpässe schnell zu überbrücken und können später rückgebaut oder verlagert werden.
Parallel entstehen dauerhafte Anlagen, die langfristig genutzt werden sollen.
Auch in der Ukraine könnte modulare Bauweise eine zentrale Rolle spielen – etwa beim Wiederaufbau zerstörter Infrastruktur. Schulen, Krankenhäuser oder Verwaltungsgebäude lassen sich so schnell wieder in Betrieb nehmen. „Nach Krisensituationen wird immer schnell Infrastruktur benötigt“, sagt Wurzer. Hier spielen modulare Systeme ihre Stärke aus.
Dieser Artikel entstand in Kooperation mit RECON.