Personalabbau und Führungswechsel bei KI-Lieferketten-Startup Prewave : Strategie-Schwenk bei Prewave: Warum jetzt Führungskräfte gehen und Stellen abgebaut werden
Harald Nitschinger und Lisa Smith haben Prewave 2017 gegründet. Smith zieht sich nun aus der Geschäftsführung zurück.
- © PrewaveDas Wiener Unternehmen Prewave hat sich auf KI-gestützte Risikoanalysen in globalen Lieferketten spezialisiert. 2017 gegründet, hat es einige positive Finanzierungsrunden durchlaufen und wurde im renommierten Ranking von ViviaTech als der einzige österreichische Vertreter unter den "Top 100 Rising Stars" geführt.
Nun befindet sich das Scale-up in einer Phase des strategischen Umbruchs. Der Rückzug von Mitgründerin Lisa Smith aus der operativen Geschäftsführung sowie der Abbau von rund acht Prozent der Belegschaft markieren einen deutlichen Kurswechsel. Mitten im Transformationsprozess steckend, will Prewave seine technologische Ausrichtung, Zielgruppen und interne Strukturen neu definieren.
Nie mehr eine wichtige News aus der Logistik verpassen? Hier geht es zu unseren Newslettern!
Technologie im Fokus: Vom Frühwarnsystem zur Entscheidungsplattform
Im Zentrum dieses Wandels steht die Weiterentwicklung der Plattform selbst. Ursprünglich als reaktives Frühwarnsystem konzipiert, das Unternehmen bei der Überwachung ihrer direkten Lieferanten unterstützte, hat sich Prewave inzwischen zu einem umfassenden Risikomanagement-Tool weiterentwickelt. Der neue Fokus liegt nicht mehr nur auf der Erkennung konkreter Vorfälle, sondern auf der strukturierten Bewertung potenzieller Risiken entlang der gesamten Lieferkette – inklusive tieferer Lieferanten-Ebenen, die bisher schwer zugänglich waren.
„Bisher konnten Unternehmen ihre Lieferanten oder kritische Transportknotenpunkte überwachen und reagieren, wenn etwas passiert. Aufgrund der politischen und geopolitischen Veränderungen ist dieses Frühwarnsystem natürlich weiterhin hilfreich, aber nicht das beste Werkzeug“, erklärt Gründer und Geschäftsführer Harald Nitschinger. Unternehmen müssten als Stresstest für ihre Lieferketten Risiken bewerten und Szenarien planen. Denn: „Es gibt heute nicht mehr den einen klaren Vorfall, auf den ich reagieren muss, sondern es gibt mehrere Disruptionen auf einmal, auf die ich mich vorbereiten muss.“
Künstliche Intelligenz wird dabei nicht länger nur als Benachrichtigungsmechanismus verstanden, sondern als Instrument zur strategischen Entscheidungsfindung. Die Plattform liefert Szenarien und Priorisierungen, Unternehmen können so bereits vorausschauend auf Entwicklungen wie Exportverbote, geopolitische Eskalationen oder Zolländerungen reagieren. Diese Verschiebung von der reaktiven zur proaktiven Nutzung der Technologie verändert auch die Anforderungen an das Produktteam und die Struktur der Organisation.
Neue Ausrichtung, weniger Jobs: Warum der Kurswechsel Personal kostet
In diesem Kontext ist der im Sommer 2025 angekündigte Personalabbau bei Prewave zu verstehen. Rund 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – etwa acht Prozent der damaligen Belegschaft – mussten das Unternehmen verlassen, wie die Prewave-Gründer Harald Nitschinger und Lisa Smith in einem Brief an die Belegschaft mitteilten, der erklärten sollte, wie man zu dieser Entscheidung gekommen sei "und was als Nächstes passiert.“
Ein Thema war dabei die geplante Aufweichung des EU-Lieferkettngesetzes: „Wir haben Verzögerungen und eine Verringerung des Umfangs bei Vorschriften zur Nachhaltigkeit in Lieferketten gesehen, was die Positionierung von Nachhaltigkeit in Unternehmen verändert hat. Gleichzeitig hat sich das Umfeld für Lieferkettenresilienz durch jüngste geopolitische Entwicklungen, die die globale Unsicherheit erhöhen, deutlich verändert“, so Nitschinger und Smith in dem Brief.
"Wir haben daher entschieden, unsere Organisationsstruktur zu ändern, um besser in der Lage zu sein, unsere ganzheitliche Risikomanagementlösung anzubieten, den Zeitpunkt der Investitionen mit den Verschiebungen bei den Compliance-Anforderungen abzustimmen und die Investitionen gleichmäßiger auf Resilienz und Nachhaltigkeit zu verteilen“, heißt es weiter.
Dieser Schritt kam für viele Beobachter überraschend, zumal das Unternehmen wenige Monate zuvor eine Finanzierungsrunde in Höhe von 67 Millionen US-Dollar abgeschlossen hatte. Mit der Transformation des Produkts hin zu einem tiefgreifenden, analytischen Tool mit neuen Funktionen, komplexeren Datenmodellen und der Integration unterschiedlicher Quellen, die nun auch tiefere Lieferanten-Ebenen berücksichtigt, stellten neue Anforderungen an die technologische Infrastruktur und das Entwicklungsteam. Gleichzeitig verschieben sich Kundenanforderungen und Anwendungsfälle, was eine Anpassung der Unternehmensstruktur erforderlich macht.
Führungswechsel: Warum Mitgründerin Lisa Smith operativ zurücktritt
Nach dem organisatorischen Umbau gab das Unternehmen nun Mitte Jänner bekannt, dass Lisa Smith, Co-Founderin und bisherige Co-CEO, aus der operativen Geschäftsführung ausscheidet. Sie bleibe dem Unternehmen jedoch als Vorsitzende des Aufsichtsrats und Mitglied des Leadership-Teams verbunden, heißt es von Prewave. Gemeinsam mit Harald Nitschinger, der nun die alleinige CEO-Rolle übernimmt, habe sie diesen Schritt bewusst gewählt, wie beide betonen. Die Gründe liegen im veränderten Anwendungsfeld von Prewave – insbesondere im Hinblick auf den öffentlichen Sektor.
“Lieferketten sind zu Instrumenten des Einflusses in internationalen Machtkonflikten geworden, und die Resilienz von Lieferketten hat sich von einem Thema privater Unternehmen zum Schutz ihrer operativen Tätigkeiten hin zu einem Thema von Staaten zum Schutz ihrer nationalen Sicherheit entwickelt”, schreibt Smith in einem Brief an die Belegschaft. “Wenn wir auf die globalen Entwicklungen blicken, ist klar geworden, dass dieser Bereich nun die dedizierte Aufmerksamkeit einer Gründerin bzw. eines Gründers erfordert.”