Primetals Cloud : Primetals-IT-Chef Lackinger: „Der Zug bei Hyperscale-Infrastruktur ist abgefahren“
Jakob Lackinger, Head of Information and Digital Technology, Primetals Technologies in Linz: "Für alle User gilt: Security first – das schützt das Unternehmen, auch wenn es individuell eine leichte Einschränkung bedeutet."
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INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Lackinger, Primetals Technologies hat im letzten Geschäftsjahr eine S/4HANA-Migration abgeschlossen. Wie war die Ausgangslage?
Jakob Lackinger: Wir steuern die IT-Belange für die gesamte Primetals-Gruppe von Linz aus – für rund 20 Länder und 60 Standorte weltweit. Eine der zentralen Plattformen ist unser SAP-System, intern SAP Mozard genannt: eine einzige Instanz mit elf Mandanten für 14 Firmen in Europa, Asien sowie Nord- und Südamerika.
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Uns war bewusst, dass die SAP-S/4HANA-Transformation ein verpflichtendes und technisch notwendiges Thema ist, das von SAP vorgegeben wird. Für uns war nur die Frage, welche ist die optimalste globale Lösung für Primetals Technologies.
Sie haben sich für den Brownfield-Ansatz entschieden. Warum?
Lackinger: Weil für uns Investitionsschutz wichtig ist. Über Jahre haben wir Know-how eingebracht, das sich in Customizing und Prozessen niederschlägt – und das wollten wir erhalten. Brownfield bedeutet aber eine Operation am offenen Herzen. Business Continuity war das oberste Gebot: Das System durfte maximal eine Arbeitswoche stillstehen. Im November 2025 ist das erfolgreich über die Bühne gegangen.
Was war die größte Herausforderung – die Technik oder die Organisation?
Lackinger: Das Wichtigste bei diesem Projekt war: Planen, planen, planen – und testen, testen, testen. Wir haben uns rund zwei Jahre vorbereitet, gemeinsam mit unserem Partner Atos. Technisch waren wir früh zuversichtlich. Die Herausforderung lag im Projektmanagement und in der Koordination der global verfügbaren Ressourcen: Wer ist wann verfügbar? Wer springt ein, wenn ein Spezialist ausfällt? Wie stellt man sicher, dass um zwei Uhr früh abgeschlossene Schritte um sechs Uhr früh weitergeführt werden können ? Der präzise, Schritt-für-Schritt durchgeplante Cut-Over-Plan war die Essenz der gesamten Vorbereitung.
Welchen Einfluss hatte die Globalität des Projekts?
Lackinger: Einen enormen. Wir mussten auf die unterschiedlichen Zeitzonen von Japan bis Mexiko Rücksicht nehmen. Die Konvertierung haben wir deshalb in Linz freitags Mitternacht gestartet und ein ganzes Wochenende im Schichtbetrieb durchgearbeitet – danach war noch eine weitere Arbeitswoche erforderlich. SAP Mozard ist kein klassisches ERP-System: Es umfasst auch ein PLM-System für Engineering und ein Business Warehouse für das globale Reporting.
War es rückblickend ein reines IT-Projekt?
Lackinger: Wir haben es bewusst als Organisationsentwicklungsprojekt positioniert. Die Awareness im Unternehmen war uns wichtig: Jede lokale Geschäftsführung trug Verantwortung für ihren SAP-Mandanten aber auch für das große Ganze, da wir einen Big-Bang-Ansatz verfolgten. Wäre auch nur ein Mandant nicht zeitgerecht konvertiert worden, dann wäre die gesamte Umsetzung gescheitert. Das war Ansporn genug. Zudem haben wir die Gelegenheit genutzt, die Key-User-Community dadurch neu zu beleben und das Verständnis für unsere Prozesse zu schärfen.
"KI ist derzeit das große Trendthema – und wie bei jedem Hype ist ein Fall ins Tal der Tränen möglich."Jakob Lackinger, Primetals
Primetals und S/4HANA: Wie Widerstände gemanagt wurden
Wie haben Sie Widerstand gemanagt?
Lackinger: Mit klaren Eskalationsschienen und einem Steering-Komitee aus sechs Stakeholdern. Das Projekt war als unumgänglich kommuniziert – das war allen klar. Kommunikation und Transparenz sind entscheidend. Transparenz nimmt Ängste, reduziert Rückfragen und unterstützt so das Projektteam. Je klarer der Status und die nächsten Schritte kommuniziert sind, desto besser fühlen sich alle aufgehoben. Am Ende sitzen alle im selben Boot.
Parallel dazu haben Sie 7.000 PCs weltweit auf einen neuen Standard umgestellt. Was steckt dahinter?
Lackinger: Ein Infrastrukturprojekt mit starker Cyber-Security-Komponente. Wir haben alle End-User-PCs auf Cloud-basierten Betrieb mit Microsoft Intune umgestellt, gleichzeitig von Windows 10 auf Windows 11 aktualisiert und die Antivirenlösung auf Endpoint-Detection-and-Response umgebaut. Die EDR-Lösung speist Ereignisse direkt ins Security Operation Center ein. In diesem Zuge haben wir auch die lokalen Admin-Rechte angepasst, nach dem Prinzip, wer sie wirklich braucht, kann sie über einen definierten Prozess temporär anfordern.
Wie haben die Mitarbeitenden darauf reagiert?
Lackinger: Für alle User gilt: Security first – das schützt das Unternehmen, auch wenn es individuell eine leichte Einschränkung bedeutet. Ergänzend arbeiten wir am Konzept der Digital Employee Experience. Der User steht im Mittelpunkt, und die IT muss transparent kommunizieren: Was sind die Vorteile, was die Nachteile – wohlwissend, dass der Unternehmensschutz überwiegt.
Es gibt einen Trend, Workloads wieder aus der Cloud zurückzuholen. Wie stehen Sie dazu?
Lackinger: Wir haben nie Cloud-first verfolgt, sondern immer Hybrid-IT – das Beste aus beiden Welten. Als Engineering-lastiges Unternehmen arbeiten wir mit sehr großen CAD-Files; lokale Rechenleistung ist da oft die bessere Wahl. Risikodiversifizierung war uns immer wichtig: nicht alles auf eine Karte. Unser SAP-System wird nach wie vor on-premise in einem Rechenzentrum in Wien gehostet. Vor dem Hintergrund der Debatte um digitale Souveränität sind wir froh, diesen Schritt in die Cloud bisher nicht gemacht zu haben.
Wo liegen die Grenzen globaler Cloud-Modelle im industriellen Umfeld?
Lackinger: Technisch: Latenz und Performance bleiben bei großen Dateien und globaler Zusammenarbeit ein Thema. Rechtlich: Als global agierendes Unternehmen haben wir Datenschutzgesetze aus Japan, Indien, China, Europa und Amerika in ein Gesamtkonzept zu integrieren. Und geopolitisch: Die sich abzeichnende Blockbildung zwingt uns zu fragen, welche Daten künftig wirklich zentral verwaltet werden können – und welche lokal gemanagt werden müssen.
Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in Ihrer Planung?
Lackinger: KI ist derzeit das große Trendthema – und wie bei jedem Hype ist ein Fall ins Tal der Tränen möglich. Aber die Technologie ist definitiv gekommen, um zu bleiben. Unser Fokus liegt auf der Nutzengenerierung und das Fundament dafür sind Daten. Aus unserer Sicht wird dieses Thema in vielen Bereichen noch stiefmütterlich behandelt. Unser nächster Schritt ist klar: Prozess-Owner sollen zu Daten-Ownern werden.
Worauf sollen Industrieunternehmen in den kommenden fünf Jahren in der IT den Fokus legen? Brauchen wir in Europa eine stärkere eigene digitale Infrastruktur?
Lackinger: Für uns ist es das Thema Datenqualität – dort gibt es sicherlich Aufholbedarf. Cyber Security und Resilienz sind und bleiben die Topthemen. Und was Europa betrifft: Der Zug in Sachen Hyperscale-Infrastruktur ist abgefahren. Was wir haben, ist Industrial AI als möglichen Fokus – und das humane Kapital. Menschen, die IT und Geschäftsprozesse gleichzeitig verstehen und Change-Management beherrschen, sind ein Wettbewerbsvorteil, der nicht so leicht zu kopieren ist.
ZUR PERSON
Jakob Lackinger ist seit Oktober 2024 Head of Information and Digital Technology bei Primetals Technologies in Linz. Er verantwortet eine globale IT-Abteilung mit knapp 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und ist seit mehr als 15 Jahren im Unternehmen