INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Birkhofer, die Digitalisierung ist der Mega-Trend der Industrie. Wie verändert sie ihr Geschäft?
Birkhofer: Es ist kein neuer Trend – die Digitalisierung machen wir seit 30 Jahren. Die Feldbusse wurden in den 1990er-Jahren erfunden. Schon damals fragten wir uns: Jeder Sensor, der Durchfluss misst, misst nebenher auch Temperatur und Betriebsstunden, führt Selbstdiagnosen durch. Da schlummert ein Datenschatz. Wir haben damals inside-out gedacht: Das müsste doch unsere Kunden interessieren.
Hat sich die Zusammenarbeit mit Kunden verändert?
Birkhofer: Ja, deutlich. Früher waren wir sehr herstellergetrieben. Co-Creation war nicht wirklich ausgeprägt. Das hat sich geändert. Lead-Kunden wie BASF arbeiten heute nicht nur mit uns, sondern auch mit anderen Unternehmen zusammen und haben ein echtes Interesse daran, gemeinsam etwas Sinnvolles aus der Digitalisierung zu machen.
Welche Rolle spielen digitale Plattformen in Ihrem Markt ?
Birkhofer: Der IoT-Plattform-Hype kam um 2015 – was wir heute mit KI erleben, haben wir damals mit dem Internet der Dinge erlebt. Manche sprachen von Milliarden vernetzter Geräte, viele machten sich auf den Weg, eine Plattform zu bauen. Die Logik dahinter war: Wer die Plattform hat, bleibt langfristig mit dem Kunden verbunden und profitiert von dieser Konnektivität.
Viele haben diesen Ansatz aber wieder aufgegeben?
Birkhofer: Ja. Eines der prominentesten Beispiele ist GE mit Predix. Vor zehn Jahren war das riesig aufmacht– heute gibt es das kaum noch. Auch SAP Leonardo ist Geschichte. Wir sind 2018 mit Netilion auf den Markt gekommen und sind immer noch auf dem Markt. Und unsere rein digitalen Dienste wachsen jährlich noch immer zweistellig. Davon leben können wir noch nicht – aber es wächst stärker als vieles andere.
Was ist an Netilion anders?
Birkhofer: Wir sind langfristig denkend, und der Überzeugung das Fundament richtig gebaut zu haben: Security und Digital Twin sind die Basistechnologien dazu, Netilion ist nach ISO 27017 zertifiziert und wird nach allen Regeln der Kunst auditiert. Das haben nicht viele in der Industrial-IoT-Welt. In der Industrie braucht man langen Atem – das ist nicht wie in der Konsumwelt, wo eine App in einem halben Jahr funktionieren muss.
APL – Advanced Physical Layer – hat auch etwas länger gebraucht zu haben. Aber jetzt scheint es dann doch Fahrt aufzunehmen?
Birkhofer: Wir reden seit 2015 davon, Ethernet auch in der Prozesstechnik ins Feld zu bringen. Jetzt, zehn Jahre später, ist es tatsächlich eine praktikable Technik geworden – verpolungssicher, zwei Kabel, Energieübertragung möglich. Wir von Endress+Hauser haben nach meinem Kenntnisstand den breitesten Produktkorb für Profinet APL: Temperatur, Druck, Füllstand, Flow, dazu Engineering-Tools. Die Vorteile von APL, Daten und Versorgung in Zweileitertechnik, sowie die große Bandbreite von 10 MBit/s scheint auch in anderen Branchen Interesse zu wecken: Sanofi zum Beispiel plant APL zu testen – in der Pharma-Industrie profitiert man von allen Vorteilen, insbesondere dem nahtlosen Ersatz des alten HART-Protokolls.