Urbane Logistik : Wien plant die Logistik neu – Spediteure warnen vor Zielkonflikt
Weniger Emissionen, weniger unnötige Fahrten und gleichzeitig eine zuverlässige Versorgung einer wachsenden Stadt: Wien hat erstmals eine Gesamtstrategie für die urbane Logistik vorgelegt. Der im Mai vom Gemeinderat beschlossene Masterplan Urbane Logistik soll den Wirtschaftsverkehr langfristig neu ausrichten und die Logistik stärker in die Stadt- und Verkehrsplanung integrieren.
Der Hintergrund ist ein grundlegender Zielkonflikt. Wien wächst, der Onlinehandel erhöht das Paketaufkommen und der öffentliche Raum ist knapp. Gleichzeitig will die Stadt bis 2040 klimaneutral werden. Der Verkehrssektor verursacht laut Masterplan mehr als 40 Prozent der Wiener Treibhausgasemissionen. Der Wirtschaftsverkehr soll deshalb ressourceneffizienter, platzsparender und emissionsärmer werden.
Der Masterplan versteht urbane Logistik in Wien dabei ausdrücklich nicht nur als Paketzustellung auf der letzten Meile. Er behandelt ebenso die übergeordneten Güterströme von und nach Wien und damit die Infrastruktur, die für die Versorgung der Stadt und ihre internationalen Wirtschaftsverbindungen notwendig ist.
Zwölf Hebel für Wiens urbane Logistik
Die Stadt bündelt ihre Strategie in drei Handlungsfeldern: Transportmittel und Verkehrsträger, Infrastruktur sowie Awareness und Einbindung der Stakeholder. Daraus wurden zwölf Hebel beziehungsweise Maßnahmenbereiche abgeleitet.
Einer der weitreichendsten Punkte ist die Evaluierung von Zero-Emission-Zonen für den Wirtschaftsverkehr. In solchen Gebieten sollen perspektivisch ausschließlich lokal emissionsfreie Wirtschaftsfahrzeuge zufahren dürfen. Eine Einführung ist allerdings noch nicht beschlossen. Zunächst braucht es nach Darstellung der Stadt entsprechende bundesgesetzliche Grundlagen. Sobald diese vorhanden sind, sollen mögliche Pilotgebiete geprüft werden.
Bis 2028 soll gemeinsam mit der Wirtschaftskammer Wien zudem ein Bezirkslogistikkonzept für den ersten Bezirk entwickelt werden.
Daneben will Wien alternative Fahrzeuge für die letzte Meile fördern. Dazu gehören insbesondere E-Lastenräder und andere platzsparende Fahrzeugkonzepte. Automatisierte Lieferroboter auf Geh- und Radwegen unterstützt die Stadt hingegen ausdrücklich nicht. Untersucht werden soll auch, ob Donau und Donaukanal stärker für lokal emissionsfreie oder hybride Logistikkonzepte genutzt werden können.
Ladeinfrastruktur soll auf Wirtschaftsverkehr ausgerichtet werden
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Elektrifizierung der Flotten. Dafür soll die Ladeinfrastruktur stärker auf die Bedürfnisse des Wirtschaftsverkehrs ausgerichtet werden.
Unter anderem sollen einzelne Ladezonen bei entsprechendem Bedarf testweise mit Lademöglichkeiten ausgestattet werden. Gemeinsam mit der Wirtschaftskammer will die Stadt außerdem prüfen, ob nachts ungenutzte Flächen wie Supermarktparkplätze für das Laden von Logistikfahrzeugen eingesetzt werden können.
Bei schweren Nutzfahrzeugen setzt Wien allerdings vor allem auf private Infrastruktur. Megawatt-Ladestationen für schwere Lkw will die Stadt im Gemeinde- und Landesstraßennetz nicht errichten. Diese Infrastruktur sieht der Masterplan am hochrangigen Autobahnnetz.
Schiene, Hafen und Donau sollen größere Rolle spielen
Der Masterplan endet nicht an der Stadtgrenze. Wien will den Güterverkehr auf längeren Strecken verstärkt von der Straße auf Schiene und Binnenschifffahrt verlagern. Mittelfristig soll die Bahn für Wiener Unternehmen bei der Langstreckenlogistik zur ersten Wahl werden.
Dafür nennt der Plan unter anderem den Ausbau wichtiger Zulaufstrecken, den Erhalt und Neubau von Anschlussgleisen sowie die Weiterentwicklung des Hafens Wien. Vorgesehen sind dort unter anderem die Vorbereitung des Ausbaus des Terminals Freudenau, moderne Umschlagtechnologien und weitere Digitalisierung. Auch die Landstromversorgung für die Binnenschifffahrt soll ausgebaut werden.
Mehr Ladezonen, Mikro-Hubs und Paketboxen
Besonders konkret wird der Masterplan bei der letzten Meile. Die Stadt will Ladezonen künftig stärker nach dem Bedarf ganzer Straßenzüge oder Grätzel planen, statt nur auf einzelne betriebliche Anträge zu reagieren. Auch ein Auslastungs- oder Buchungssystem für Ladezonen soll geprüft werden.
Leerstehende Geschäftsflächen könnten künftig als Multi-User- oder Mikro-Hubs dienen. Mehrere Anbieter könnten dort Waren bündeln und anschließend auf der letzten Meile verteilen. Dafür sollen bestehende Informationen über Leerstände besser für Logistiknutzungen erschlossen und rechtliche Hindernisse geprüft werden.
Auch das Paketboxennetz soll stark wachsen. Das „Nextbox“-Netzwerk soll laut Masterplan von derzeit 750 auf rund 1.600 Boxen bis 2030 erweitert werden. Ziel ist eine Paketbox in maximal 250 Metern Entfernung. Die Boxen sollen allerdings nicht im öffentlichen Raum, sondern auf privaten und halböffentlichen Flächen stehen.
Wiener Spediteure: „Urbane Logistik braucht Flächen“
Genau beim Thema Fläche setzt nun die Kritik der Wiener Spediteure an. Die Fachgruppe Spedition und Logistik in der Wirtschaftskammer Wien bezeichnet den Masterplan grundsätzlich als wichtigen Schritt, warnt jedoch davor, die Debatte zu stark auf Paketlieferungen und die letzte Meile zu konzentrieren.
„Paketboxen sind sinnvoll, aber sie helfen nur dem letzten Teil der Logistikkette“, sagt Fachgruppenobmann Jürgen Bauer. Bevor Waren auf der letzten Meile verteilt werden könnten, müssten sie zunächst in die Stadt gelangen und dort umgeschlagen werden.
Aus Sicht der Spediteure braucht Wien deshalb dauerhaft leistbare Logistik- und Umschlagflächen. Als besonders geeignete Standorte nennt die Fachgruppe die Donau- und Hafenachse sowie großflächige Betriebszonen in der Donaustadt und im Süden Wiens. Dort treffen Verkehrsanbindungen, Umschlagmöglichkeiten und entsprechende Betriebswidmungen aufeinander.
Nur noch sechs Prozent der Betriebszonen unbebaut
Die Branche sieht hier zunehmenden Druck. Industrie, Gewerbe und Logistik seien gemeinsam auf rund fünf Prozent der Wiener Stadtfläche in Betriebszonen untergebracht. Von diesen Betriebszonen seien nur noch rund sechs Prozent unbebaut, argumentiert die Wirtschaftskammer. Großflächige Logistiknutzungen würden deshalb zunehmend ins Umland ausweichen.
Das könne auch klimapolitisch zum Problem werden. Werden Flächenfrage steht auch im Masterplan
- und Umschlagstandorte weiter von ihren Zielgebieten entfernt, verlängern sich die Wege der Lieferfahrzeuge. Bei elektrischen Flotten kommen Reichweite, Ladebedarf und betriebliche Effizienz hinzu.
„Wer Logistik aus der Stadt drängt, produziert am Ende mehr Verkehr statt weniger“, warnt Bauer. Die Spediteure fordern deshalb, leistbare Logistikflächen frühzeitig in der Stadtentwicklung zu berücksichtigen – etwa auch in großen Entwicklungsgebieten wie Neu-Marx.
Flächenfrage steht auch im Masterplan
Ganz ausgeblendet wird dieser Punkt im Masterplan der Stadt allerdings nicht. Im Handlungsfeld Infrastruktur beschäftigt sich ein eigener Hebel mit der Verbesserung der Flächennutzung des Wirtschaftsverkehrs. Unter anderem sollen Flächen für Baustellenlogistik und Kreislaufwirtschaft untersucht, Ladezonen bedarfsgerechter geplant und leerstehende Geschäftsflächen für City-Logistik aktiviert werden.
Auch bei neuen Stadtentwicklungsgebieten soll der Wirtschaftsverkehr künftig stärker berücksichtigt werden. Der Masterplan sieht zudem den Erhalt und Ausbau von Schienen-, Wasser- und Terminalinfrastruktur vor.
Damit liegt der Unterschied weniger darin, ob Wien Logistikflächen berücksichtigt, sondern darin, welche Flächen in welchem Umfang dauerhaft für Logistik gesichert werden. Genau hier setzt die Forderung der Spediteure an: Für Stückgut, Möbel, Weißware, Baumaterialien oder Gastro-Lieferungen reichen Mikro-Hubs und Paketboxen nicht aus. Dafür brauche es auch großflächige Umschlag-, Rangier- und Zustellinfrastruktur innerhalb der Stadt.
Der Masterplan soll 2030 evaluiert werden. Bis dahin will die Stadt unter anderem die Datenbasis zum Wirtschaftsverkehr verbessern, eine Koordinationsstelle für Logistik etablieren und Logistikbelange stärker in Stadtentwicklungs- und Mobilitätsplanungen verankern.