KI Intralogistik IFOY Award : Der stille Machtwechsel im Lager: Wie KI die Intralogistik verändert
Wer den IFOY Award seit Jahren verfolgt, erkennt 2026 einen deutlichen Technologiewandel. Zwar spielen autonome Fahrzeuge, Robotik und Lagertechnik weiterhin eine zentrale Rolle. Auffällig ist jedoch, dass Künstliche Intelligenz inzwischen nahezu alle Bereiche der Intralogistik durchdringt – von der Lagersteuerung über autonome Roboter bis hin zur Softwareentwicklung.
Der IFOY Award gilt als einer der wichtigsten Innovationspreise der internationalen Intralogistik. In diesem Jahr wurden 49 Produkte und Lösungen eingereicht, 17 erreichten das Finale. Sie mussten sich einem mehrstufigen Prüfverfahren aus Praxistest, wissenschaftlichem Innovation Check und Jurybewertung stellen. Erstmals in der 14-jährigen Geschichte des Wettbewerbs endete eine Kategorie mit einem Gleichstand: Libiao Robotics und Nomagic teilen sich den Titel „Robot Warehouse System of the Year“.
Die Auszeichnung basiert dabei nicht allein auf einer Juryentscheidung. Bevor die internationalen Fachjournalisten abstimmen, werden sämtliche Finalisten einem wissenschaftlichen IFOY Innovation Check unterzogen. Diesen führen Experten des Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML), der Technischen Universität Dresden, der Technischen Universität München sowie des Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) durch. Bewertet werden Innovationsgrad, Kundennutzen, Marktrelevanz und Funktionalität. Die von den Herstellern angegebenen Neuerungen werden vor Ort praktisch überprüft und mit dem aktuellen Stand der Technik verglichen. Dabei unterscheiden die Wissenschaftler, ob es sich um echte Innovationen, Weiterentwicklungen oder Neukombinationen bestehender Technologien handelt. Ergänzt wird dies durch einen standardisierten Praxistest mit rund 80 Bewertungskriterien, darunter Wirtschaftlichkeit, Energieeffizienz, Nachhaltigkeit, Sicherheit und Ergonomie.
Für Juryvorsitzende Anita Würmser war das Leitthema eindeutig: Künstliche Intelligenz prägte den diesjährigen Wettbewerb wie keine andere Technologie.
KI trifft zunehmend operative Entscheidungen
Am deutlichsten zeigt sich dieser Trend beim Gewinner der Kategorie Integrated Customer Solution.
Jungheinrich wurde für eine automatisierte Gesamtlösung im neuen zentralen Ersatzteillager von Liebherr ausgezeichnet. Das System verbindet automatische Lagertechnik, Fördertechnik und Software auf einer gemeinsamen Plattform. Mithilfe KI-gestützter Optimierungsalgorithmen berechnet die Lösung selbstständig, wann Ersatzteile eingelagert, kommissioniert oder versendet werden sollen. Dadurch werden Materialflüsse laufend an aktuelle Auftragslagen angepasst. Die Jury hob insbesondere hervor, dass hier nicht mehr nur einzelne Prozesse automatisiert werden, sondern operative Entscheidungen datenbasiert erfolgen.
KI löst Probleme, die bisher kaum automatisierbar waren
Erstmals vergab die Jury den Award in der Kategorie Robot Warehouse System gleich zweimal. Libiao Robotics und Nomagic erhielten aufgrund eines Punktgleichstands gemeinsam die Auszeichnung.
Trotz unterschiedlicher Anwendungen verbindet beide Lösungen ein gemeinsames Prinzip: Sie nutzen Künstliche Intelligenz, um Aufgaben zu automatisieren, die bislang als besonders anspruchsvoll galten.
Libiao Robotics überzeugte mit dem AirRob PRO, einem autonomen Roboter, der sich selbstständig durch Regalanlagen bewegt und Fördertechnik, Lagerhaltung und Robotik miteinander verbindet. Dadurch lassen sich bestehende Lager vergleichsweise einfach automatisieren, ohne komplette Anlagen neu bauen zu müssen. Die Jury lobte insbesondere Skalierbarkeit, Integration und den hohen Kundennutzen.
Nomagic erhielt die Auszeichnung für den Shoebox Picker. Das System erkennt mithilfe KI-gestützter Bildverarbeitung unverschlossene Schuhkartons unterschiedlichster Größen und Positionen, entscheidet selbstständig über den optimalen Greifer und kommissioniert die Ware automatisch. Gerade im Fashion-E-Commerce galt dieser Arbeitsschritt bislang als schwierig zu automatisieren. Die Jury bezeichnete die Lösung deshalb als potenziellen „Game Changer“.
Software wird zur eigentlichen Schaltzentrale
Nicht nur Roboter werden intelligenter. Auch die Software entwickelt sich zum zentralen Innovationstreiber.
Den Award in der Kategorie Intralogistics Software gewann Idealworks mit dem cloudbasierten Idealworks Orchestration System (OS). Die Plattform verbindet autonome mobile Roboter, fahrerlose Transportsysteme, manuelle Fahrzeuge sowie Warehouse-Management- und ERP-Systeme verschiedener Hersteller zu einem gemeinsamen Gesamtsystem. Statt einzelne Fahrzeuge zu steuern, koordiniert die Software komplette Materialflüsse. Die Jury würdigte insbesondere die offene Architektur und die Fähigkeit, heterogene Flotten herstellerübergreifend zu orchestrieren.
Automatisierung soll einfacher werden
Mit dem J1600 Self-driving Pallet Jack gewann The Mobile Robot Company den Titel Industrial Truck of the Year.
Der autonome Elektrohubwagen kann sowohl manuell als auch fahrerlos betrieben werden. Unternehmen können dadurch schrittweise in die Automatisierung einsteigen, ohne bestehende Prozesse vollständig umzustellen. Für die Jury war gerade dieses Dual-Mode-Konzept der entscheidende Innovationsschritt.
Innovation muss nicht immer aus KI bestehen
Zwischen Robotik, Software und Künstlicher Intelligenz fällt ein Gewinner besonders auf.
Wiltsche Fördersysteme erhielt den Award in der Kategorie Special of the Year für das Container-Entladesystem Destuff-it. Die batteriebetriebene Lösung unterstützt Beschäftigte beim Entladen schwerer Pakete aus Containern und reduziert Hebe-, Dreh- und Streckbewegungen deutlich. Dadurch sinken körperliche Belastungen, gleichzeitig steigt der Warenumschlag. Die Jury würdigte insbesondere den hohen praktischen Nutzen für einen Arbeitsbereich, der bislang nur schwer automatisierbar ist.
KI hilft inzwischen sogar bei der Softwareentwicklung
Auch der Gewinner in der Kategorie Start-up of the Year setzt konsequent auf Künstliche Intelligenz.
Pyck entwickelt ein Open-Source-Toolkit, das aus modellierten Lagerprozessen automatisch Warehouse-Management-Software erzeugt. Ziel ist es, Softwareentwicklung deutlich zu beschleunigen und Unternehmen gleichzeitig mehr Kontrolle über ihre Systeme zu geben. Die Jury sah darin einen innovativen Ansatz, der klassische WMS-Projekte grundlegend vereinfachen könnte.
Auch das Teilnehmerfeld zeigt die Richtung
Dass der Wettbewerb 2026 besonders stark besetzt war, zeigt ein Blick auf die weiteren Finalisten. Unternehmen wie Knapp, SSI Schäfer, Locus Robotics, Crown, PureLoX Solutions oder Mobotic schafften es ebenfalls bis ins Finale. Sämtliche Lösungen mussten sich einem wissenschaftlichen Innovation Check stellen, bei dem Innovationsgrad, Kundennutzen, Marktrelevanz und Funktionalität mit dem aktuellen Stand der Technik verglichen werden.