Entwicklungshilfe Rohstoffe Lieferkette : Hilfskürzungen könnten Lieferketten destabilisieren
Entwicklungshilfe, Rohstoffe und Lieferketten: Was passiert, wenn die Hilfsgelder versiegen
Die globale Entwicklungshilfe steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Nach milliardenschweren Kürzungen durch die größten Geberländer, insbesondere die Vereinigten Staaten und mehrere EU-Mitgliedstaaten, warnen Forschende vor möglichen Folgen, die weit über humanitäre Fragen hinausreichen könnten. Eine aktuelle Studie des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) und des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) untersucht die Zusammenhänge zwischen Entwicklungshilfe, Rohstoffversorgung und internationalen Handelsbeziehungen – und kommt zu Ergebnissen, die auch für die Logistikbranche von erheblicher Bedeutung sind.
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Ausgangspunkt der Untersuchung ist eine Entwicklung, die die internationale Zusammenarbeit grundlegend verändert. Laut OECD haben 26 OECD-Staaten ihre Entwicklungshilfe im Jahr 2025 reduziert. Gleichzeitig wurde mit USAID die weltweit größte Entwicklungsagentur im Juli 2025 aufgelöst. Damit verschieben sich nicht nur Finanzströme, sondern möglicherweise auch die Rahmenbedingungen für globale Lieferketten und Rohstoffversorgung.
Die Studie basiert auf einer außergewöhnlich breiten Datengrundlage. Die Forschenden kombinierten das OECD Creditor Reporting System mit internationalen Handelsdaten und analysierten mehr als 1,7 Millionen Entwicklungsprojekte sowie Handelsströme zwischen rund 200 Ländern. Nach Angaben der Autoren handelt es sich um eine Untersuchung von bislang beispiellosem Umfang.
Warum die Studie für Lieferketten relevant ist
Auf den ersten Blick scheinen Entwicklungshilfe und Supply-Chain-Management wenig miteinander zu tun zu haben. Genau diese Annahme stellen die Forschenden jedoch infrage.
Die Analyse zeigt, dass Entwicklungshilfe offenbar nicht ausschließlich entlang humanitärer oder entwicklungspolitischer Kriterien vergeben wird. Vielmehr lassen sich über längere Zeiträume hinweg statistische Zusammenhänge zwischen Hilfsströmen und den Rohstoffimporten der Geberländer beobachten. Besonders auffällig ist dies bei den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union, die zu den größten Gebern weltweit zählen.
Die Autoren betonen ausdrücklich, dass die Untersuchung keine Kausalitäten nachweist. Dennoch zeigen die Daten ein Muster, das Fragen aufwirft. Länder, die strategisch wichtige Rohstoffe exportieren, erhalten häufig auch erhebliche Mittel aus Entwicklungsprogrammen der USA oder der EU. Gleichzeitig konzentrieren sich verschiedene Hilfsprogramme auf Regionen, die für die Versorgung mit kritischen Rohstoffen, Agrarprodukten oder mineralischen Ressourcen von Bedeutung sind.
ASCII-Direktor Peter Klimek fasst die Ergebnisse so zusammen: „Zwischen 2011 und 2022 flossen Milliarden an Hilfsgeldern in Länder, die strategische Rohstoffe für die USA und die EU liefern, was auf Bemühungen hinweist, Lieferketten und geopolitischen Einfluss zu sichern.“ Selbst bei Hilfsformen, die offiziell unabhängig von wirtschaftlichen Interessen vergeben werden sollen, zeigen sich laut Studie auffällige Zusammenhänge mit Handelsbeziehungen der Geberländer.
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Auffällige Zusammenhänge zwischen Hilfe und Rohstoffimporten
Besonders interessant wird die Analyse dort, wo sie einzelne Warengruppen betrachtet. Die Forschenden untersuchten, ob sich Beziehungen zwischen bestimmten Formen der Entwicklungshilfe und dem Import ausgewählter Rohstoffe erkennen lassen.
Dabei zeigen sich teilweise überraschend starke Korrelationen. Besonders deutlich fällt der Zusammenhang zwischen biodiversitätsbezogener Entwicklungshilfe und bestimmten Rohstoffimporten aus. Bei den Vereinigten Staaten betrifft dies beispielsweise Kakao und Kakaoprodukte, bei der Europäischen Union insbesondere Erze und Asche. Die statistischen Zusammenhänge liegen dabei auf einem ungewöhnlich hohen Niveau. Für Kakaoimporte der USA wurde im Untersuchungszeitraum ein durchschnittlicher Korrelationswert von 0,89 festgestellt, für Erze und Asche in die Europäische Union lag dieser bei 0,86. Auf einer Skala von minus eins bis plus eins sind das bemerkenswert hohe Werte.
Die betroffenen Rohstoffe verbindet dabei ein gemeinsames Merkmal: Ihre Förderung oder Produktion steht häufig in Zusammenhang mit Umweltproblemen wie Entwaldung, Biodiversitätsverlust oder der Belastung lokaler Ökosysteme. Die Studie legt nahe, dass Entwicklungsprogramme teilweise dort ansetzen, wo wirtschaftliche Aktivitäten ökologische und soziale Folgewirkungen verursachen.
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Selbst humanitäre Programme zeigen statistische Verbindungen
Besonders brisant ist, dass sich diese Muster nicht nur bei klassischen Handelsförderungsprogrammen zeigen. Auch Hilfsformen, die offiziell als humanitär, umweltbezogen oder unabhängig von wirtschaftlichen Interessen definiert sind, weisen statistische Verbindungen zu Rohstoffströmen auf.
Die Analyse identifiziert Zusammenhänge zwischen humanitärer Hilfe, Gesundheitsprogrammen, Infrastrukturförderung oder konfliktbezogener Unterstützung und dem Handel mit Edelsteinen, Metallen und anderen mineralischen Rohstoffen. Viele dieser Ressourcen stammen aus politisch fragilen Regionen oder Ländern mit erhöhten sozialen und ökologischen Risiken.
Asjad Naqvi, ASCII-Forscher und Senior Economist am WIFO, verweist darauf, dass diese Programme möglicherweise auch dazu beitragen, Herausforderungen zu adressieren, die mit Rohstoffgewinnung verbunden sind. „Humanitäre Hilfe, die formal unparteiisch und unabhängig sein soll, könnte in der Praxis mit Bemühungen verbunden sein, Umwelt-, Gesundheits- und Governance-Herausforderungen zu bewältigen, die mit Rohstoffgewinnung zusammenhängen.“ Gleichzeitig könne sie mit Bedingungen zusammenfallen, die einen stabilen und vorhersehbaren Zugang zu Rohstoffen für die Vereinigten Staaten und die Europäische Union unterstützen.
EU und USA verfolgen unterschiedliche Strategien
Die Studie zeigt darüber hinaus deutliche Unterschiede zwischen den beiden größten Geberregionen.
Die Vereinigten Staaten dominierten zwischen 2020 und 2022 insbesondere die Finanzierung von Bevölkerungspolitik und reproduktiver Gesundheit. Mehr als 80 Prozent der weltweiten Hilfszusagen in diesem Bereich stammten aus den USA. Gleichzeitig trugen die Vereinigten Staaten rund die Hälfte der weltweiten Finanzierung zur Stärkung von Regierungen und Zivilgesellschaft bei. Auch Infrastrukturprojekte in Ländern wie Ägypten, Indien oder Bangladesch waren stark von amerikanischer Unterstützung abhängig.
Die Europäische Union setzte dagegen andere Schwerpunkte. Mehr als 60 Prozent der weltweiten Finanzierung für Bildung und soziale Infrastruktur kamen aus EU-Ländern. Auch bei Wasser- und Sanitärversorgung stellte Europa mehr als die Hälfte der weltweiten Mittel bereit.
Was passiert, wenn Hilfsgelder wegfallen?
Für die Logistik- und Supply-Chain-Branche ist die eigentliche Bedeutung der Studie jedoch eine andere. Die Forschenden warnen indirekt davor, dass massive Kürzungen von Hilfsprogrammen bestehende Probleme verschärfen könnten.
Wenn Entwicklungshilfe tatsächlich mit Regionen verknüpft ist, die für die Rohstoffversorgung der Weltwirtschaft relevant sind, könnten sinkende Hilfszahlungen langfristig Auswirkungen auf Stabilität, Umweltbedingungen und institutionelle Strukturen in diesen Ländern haben. Dadurch würden auch Lieferketten indirekt verwundbarer.
Die Autorinnen und Autoren verweisen dabei auf bekannte Zielkonflikte zwischen wirtschaftlicher Entwicklung, Ernährungssicherheit, Umweltschutz, Gesundheit und institutioneller Stabilität. Entwicklungsprogramme könnten dazu beitragen, diese Spannungsfelder abzufedern. Werden entsprechende Mittel reduziert, besteht die Gefahr, dass bestehende Probleme zunehmen.
Rosie Hayward vom ASCII verweist darauf, dass die Ergebnisse etablierte Konflikte zwischen den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen widerspiegeln. Angesichts des Umfangs der beobachteten Zusammenhänge könnten Veränderungen der Hilfsniveaus das Risiko bergen, diese Zielkonflikte weiter zu verschärfen.
Vom Prinzip „Aid“ zu „Trade over Aid“
Hinzu kommt eine geopolitische Verschiebung, die weit über die aktuelle Diskussion hinausreicht. Mit der angekündigten US-Strategie „trade over aid“ deutet sich ein grundlegender Wandel internationaler Entwicklungszusammenarbeit an.
An die Stelle klassischer Hilfsprogramme könnten künftig stärker investitions- und handelsgetriebene Partnerschaften treten. Die Studie weist jedoch darauf hin, dass auch solche Modelle ähnliche Zielkonflikte mit sich bringen könnten wie die bisher beobachteten Zusammenhänge zwischen Handel und Entwicklungshilfe. Umweltbelastungen, Gesundheitsrisiken oder soziale Auswirkungen rohstoffintensiver Wirtschaftsaktivitäten verschwinden dadurch nicht automatisch.
Die Studie liefert keinen Beweis dafür, dass Entwicklungshilfe gezielt zur Rohstoffsicherung eingesetzt wird. Sie zeigt jedoch in bislang unerreichter Datentiefe, dass Hilfsströme, Handelsbeziehungen und Rohstoffversorgung eng miteinander verflochten sein können.