Industrielle Dekarbonisierung : CO₂-Abscheidung in der Industrie: Zwischen Klimaziel, Kosten und Standortfrage

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CO₂-Abscheidung ist nur der erste Schritt: Für die industrielle Nutzung oder Speicherung braucht es funktionierende Infrastruktur, Lagerkapazitäten und verlässliche Transportketten.

- © Messer

Für Industrieunternehmen ist Dekarbonisierung längst Teil der Investitionsplanung. Schwieriger wird es dort, wo Emissionen nicht allein durch neue Energiequellen, effizientere Anlagen oder veränderte Prozesse verschwinden. Genau hier rückt CO₂-Abscheidung in den Fokus: nicht als einfache Abkürzung zur Klimaneutralität, sondern als möglicher Baustein für schwer vermeidbare Restemissionen. Ob dieses Verfahren industriell tragfähig wird, hängt weniger von der Abscheidetechnik allein ab als von Infrastruktur, Wirtschaftlichkeit und der Frage, wer die neue CO₂-Wertschöpfungskette trägt.

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Europas Industrie steht zwischen Klimaziel und Wettbewerbsfähigkeit

Die Dekarbonisierung der Industrie ist längst keine reine Nachhaltigkeitsagenda mehr. Für energie- und emissionsintensive Betriebe wird sie zur Investitions-, Kosten- und Standortfrage. Der europäische Emissionshandel verteuert CO₂. Gleichzeitig werden kostenlos zugeteilte CO₂-Zertifikate für bestimmte Branchen schrittweise zurückgeführt.

Damit verändert sich auch der Schutzmechanismus an den EU-Außengrenzen: Der Carbon Border Adjustment Mechanism (kurz CBAM) soll verhindern, dass emissionsintensive Produktion aus Kostengründen in Länder mit niedrigeren CO₂-Auflagen verlagert werden. Seit 1. Jänner 2026 gilt die definitive Phase des CO₂-Grenzausgleichs. Für betroffene Importwaren werden damit schrittweise CO₂-Kosten fällig, die sich am Preis des EU-Emissionshandels orientieren (Quelle: Europäische Kommission).

Für Industrieunternehmen wird Dekarbonisierung damit zu einer Frage langfristiger Wettbewerbsfähigkeit. Sie müssen entscheiden, welche Produktionsverfahren Bestand haben, welche Anlagen ersetzt werden und welche Standorte künftig Zugang zu erneuerbarem Strom, Wasserstoff, CO₂-Transport oder Speicherinfrastruktur bekommen. Besonders relevant ist das für Branchen, deren Produkte für Bau, Infrastruktur, Maschinenbau, Energieversorgung oder chemische Wertschöpfung unverzichtbar bleiben.

Wo CO₂-Abscheidung in der industriellen Dekarbonisierung ansetzt

CO₂-Abscheidung (oft unter dem Kürzel CCUS für Carbon Capture, Utilisation and Storage zusammengefasst) ersetzt keine Dekarbonisierung im Betrieb. Sie ergänzt andere Maßnahmen dort, wo Restemissionen trotz technischer Umstellung bleiben. Für die Industrie bedeutet das: Zuerst geht es um effizientere Anlagen, geringeren Materialeinsatz, andere Energieträger und neue Produktionsverfahren. CCUS wird vor allem für jene Prozesse relevant, bei denen CO₂ nicht nur aus der Verbrennung fossiler Energieträger stammt, sondern im Herstellungsverfahren selbst entsteht.

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Das zeigt sich besonders deutlich bei Zement und Kalk. Dort entstehen Emissionen nicht nur durch den Einsatz fossiler Energieträger, sondern auch direkt bei der chemischen Umwandlung des Rohstoffs. Bei der Zementherstellung betrifft das die Entsäuerung von Kalkstein.

In einem vom damaligen deutschen Bundesministerium für Wirtschaft und Energie beauftragten Forschungsbericht zur langfristigen Transformation des Energiesystems nennt das Fraunhofer ISI im Mittel rund 0,6 Tonnen CO₂ je Tonne Zement. Etwa zwei Drittel davon sind rohstoff- oder prozessbedingt. Bei der Kalkherstellung ist dieser Anteil noch höher (Fraunhofer ISI, „Langfristszenarien 3 – Modul Industrie“, 2021)

Wann ist CO₂-Abscheidung für Industriebetriebe relevant?

CO₂-Abscheidung wird für Industriebetriebe vor allem dann relevant, wenn Emissionen trotz Effizienzmaßnahmen, Energieträgerwechsel oder neuer Verfahren nicht ausreichend vermeidbar sind. Das betrifft vor allem Standorte mit rohstoff- oder prozessbedingten Emissionen und großen, kontinuierlich anfallenden CO₂-Strömen. Ob CCUS sinnvoll ist, hängt aber nicht nur von der Abscheidetechnik ab, sondern von mehreren Voraussetzungen:

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  • Ein erheblicher Teil der Emissionen entsteht rohstoff- oder prozessbedingt, nicht nur durch Brennstoffe.
  • Effizienz, Elektrifizierung, erneuerbare Energie oder Wasserstoff senken die Emissionen nicht ausreichend oder sind am konkreten Standort nur begrenzt umsetzbar.
  • Der Standort verursacht große, kontinuierliche und gut erfassbare CO₂-Ströme.
  • Es gibt realistische Anschlussmöglichkeiten für CO₂-Transport, Nutzung oder Speicherung.
  • Steigende CO₂-Kosten, Kundenanforderungen oder regulatorische Vorgaben verändern die wirtschaftliche Bewertung.
  • Größere Investitionszyklen für Anlagen, Energieversorgung oder Standortinfrastruktur stehen an.

Für welche Branchen CO₂-Abscheidung relevant wird

CO₂-Abscheidung ist vor allem für Branchen relevant, in denen große CO₂-Mengen an klar lokalisierbaren Anlagen entstehen und nur schwer vermeidbar sind. Dazu zählen Zement, Kalk, Feuerfestindustrie, Abfallverbrennung, Raffinerien und Teile der Grundstoffchemie. In der Stahlindustrie hängt die Rolle von CCUS stärker von der künftigen Prozessroute ab, etwa vom Wechsel auf wasserstoffbasierte Direktreduktion und Elektrolichtbogenöfen.

Für Österreich ordnet ein im April 2026 veröffentlichter CCS-Szenariobericht des Umweltbundesamts die Frage konkreter ein. CCS steht für Carbon Capture and Storage und meint die Abscheidung von CO₂ mit anschließender dauerhafter Speicherung. Die Analyse – im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt- und Klimaschutz – untersucht CCS im Zeitraum 2030 bis 2040 und betrachtet 19 Anlagen in Hard-to-abate-Sektoren, also Branchen mit schwer vermeidbaren Emissionen. Diese Sektoren sind auch für Bauwirtschaft, Infrastruktur und industrielle Vorleistungen relevant. Der Bericht beschreibt CCS ausdrücklich als Ergänzung zur Emissionsvermeidung durch alternative Herstellungsprozesse oder erneuerbare Energieträger. (Quelle: Umweltbundesamt, CCS-Szenariobericht, 2026)

Eine eigene Rolle spielt biogenes CO₂, etwa aus der Holz-, Papier- oder Zellstoffindustrie. Dabei stammt das CO₂ aus Biomasse, die zuvor CO₂ aus der Atmosphäre aufgenommen hat. Wird dieses CO₂ abgeschieden und dauerhaft gespeichert, kann der Atmosphäre bilanziell CO₂ entzogen werden. Man spricht dann von Negativemissionen. Der österreichische Szenariobericht betrachtet dafür zwölf Anlagen mit biogenen CO₂-Emissionen aus Papier, Zellstoff und Holz. Als möglicher früher Anwendungsfall gelten vor allem große Papier- und Zellstoffanlagen, weil hier relevante CO₂-Mengen an einzelnen Standorten anfallen und Skaleneffekte eher erreichbar sind. (Quelle: Umweltbundesamt, CCS-Szenariobericht, 2026)

Die eigentliche Frage: Wer übernimmt die CO₂-Wertschöpfungskette?

Technisch beginnt CCUS an der Emissionsquelle. Das CO₂ wird aus Abgasströmen abgeschieden, gereinigt, verdichtet oder verflüssigt. Danach muss es transportiert, genutzt oder dauerhaft gespeichert werden.

Für Unternehmen wird daraus eine Aufgabe, die über die einzelne Abscheideanlage hinausgeht. Entscheidend sind vor allem vier Fragen:

  • Wer plant, finanziert und betreibt die CO₂-Abscheidung am Standort?
  • Wer übernimmt Aufbereitung, Logistik und Anschluss an Transportwege?
  • Welche Optionen gibt es für CO₂-Nutzung, CO₂-Speicherung oder eine Kombination aus beidem?
  • Wie werden Nachweise, Haftung, Kosten und langfristige Verantwortung verteilt?

Aus einer Anlagenentscheidung wird damit ein Systemthema. Genau an dieser Schnittstelle entstehen neue Geschäftsmodelle. Für viele Industriebetriebe ist CCUS keine einzelne Investition an der Emissionsquelle, sondern eine Frage der gesamten Kette. Das Industriegase-Unternehmen Messer adressiert diesen Bedarf mit Modellen wie ZeCarb – Carbon Capture as a Service. Dabei wird CO₂-Abscheidung nicht nur als technische Einzellösung verstanden, sondern stärker entlang industrieller Prozessketten gedacht: von der Abscheidung über Aufbereitung und Logistik bis zur Nutzung oder Speicherung.

Für den Markt ist das ein Hinweis darauf, wie sich Dekarbonisierung in der Praxis organisieren könnte, nämlich über Kooperationen, Infrastruktur und geteilte Verantwortung entlang neuer Wertschöpfungsketten.

Infrastruktur entscheidet über die Wirtschaftlichkeit

Die Wirtschaftlichkeit von CO₂-Abscheidung hängt wesentlich davon ab, ob ein Standort Zugang zu CO₂-Transport, Speicher- oder Nutzungsmöglichkeiten bekommt. Industriecluster, Bahn- und Hafenanbindung, Pipelinekorridore und grenzüberschreitende Speicheroptionen werden damit zu Voraussetzungen für CCUS-fähige Standorte. Wer CO₂ abscheiden will, braucht nicht nur eine Anlage, sondern Anschluss an eine funktionierende Infrastruktur.

Auf EU-Ebene wird dieser Infrastrukturaufbau bereits politisch adressiert. Der Net-Zero Industry Act soll den Aufbau strategischer Netto-Null-Technologien in Europa beschleunigen. Für CCUS ist vor allem ein Ziel relevant: Bis 2030 soll in der EU eine jährliche CO₂-Injektionskapazität von mindestens 50 Millionen Tonnen entstehen. Gemeint ist die Fähigkeit, abgeschiedenes CO₂ dauerhaft in geeignete geologische Speicher einzubringen. Die EU begründet dieses Ziel ausdrücklich mit dem Bedarf schwer dekarbonisierbarer Industrien. (Quelle: Europäische Kommission, Net-Zero Industry Act)

Für Österreich zeigt der CCS-Szenariobericht die Größenordnung: Die Abscheidung von rund neun Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr würde laut Umweltbundesamt einen erheblichen zusätzlichen Energiebedarf auslösen. Dafür wären zusätzliche Anlagen zur erneuerbaren Strom- und Wärmebereitstellung in der Größenordnung von rund 1.600 Megawatt nötig. Ohne öffentliche Förderungen müsste der CO₂-Preis dem Bericht zufolge von aktuell rund 80 Euro auf 200 bis 280 Euro je Tonne CO₂ steigen, um die Kosten vollständig abzudecken. Als mögliche Finanzierungswege modelliert der Bericht unter anderem staatliche Investitionsförderungen, eine öffentliche Vorfinanzierung des CO₂-Netzes und eine spätere Refinanzierung über Netzgebühren. (Quelle: Umweltbundesamt, „Energieverbrauch und volkswirtschaftliche Effekte von CCS in Österreich“, 2026)

CCUS bleibt damit ein anspruchsvoller Transformationspfad, aber einer mit industrieller Perspektive. Für bestimmte Prozesse kann CO₂-Abscheidung wirtschaftlich relevant werden, wenn Infrastruktur, Energieversorgung und Kostenrahmen zusammenpassen. Tragfähig wird das Verfahren dort, wo die gesamte Kette mitgedacht wird – von der Abscheidung bis zur Nutzung oder Speicherung.

Österreich: Strategie vorhanden, Umsetzung offen

Österreich hat mit der Carbon Management Strategie einen Rahmen für den Umgang mit schwer oder nicht vermeidbaren Restemissionen vorgelegt. Die Strategie ordnet ein, welche Rolle CO₂-Abscheidung, CO₂-Nutzung, geologische Speicherung und CO₂-Entnahme auf dem Weg zur Klimaneutralität spielen können. Sie versteht Carbon Management nicht als Ersatz für Emissionsvermeidung, sondern als Ergänzung für jene Bereiche, in denen Restemissionen bleiben. (Quelle: BMLUK, Österreichische Carbon Management Strategie)

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Grundsätzlich sollen Emissionen zuerst vermieden und reduziert werden. Für verbleibende Restemissionen in Hard-to-abate-Sektoren empfiehlt die Strategie jedoch, die geologische Speicherung von CO₂ unter strengen Sicherheits- und Umweltauflagen zuzulassen. Zu den genannten Reformschritten zählen unter anderem ein rechtlicher Rahmen für CO₂-Speicherung, Regeln für CO₂-Transportinfrastruktur und die Planung nationaler sowie grenzüberschreitender Anschlussmöglichkeiten. Damit geht es nicht nur um Speicherstätten, sondern um die Voraussetzungen für eine funktionierende industrielle CO₂-Kette. (Quelle: BMLUK, Österreichische Carbon Management Strategie)

Wie eine solche Nutzungs- und Logistikkette in der Praxis aussehen kann, zeigt das Werk der Donau Chemie in Landeck. Das dort bei der Karbidproduktion anfallende CO₂ wird seit 2022 in Kooperation mit Messer Austria für die weitere industrielle Nutzung aufbereitet und für den Transport verflüssigt. Zwischengelagert wird das verflüssigte CO₂ in Tanks am Werksgelände. Eingesetzt wird es unter anderem in der Getränkeindustrie, für Gewächshausdüngung, Bauwasserneutralisation, Trockeneis-Produktion oder Feuerlöscher. Pro Jahr entstehen am Standort rund 40.000 Tonnen CO₂. Da die Abnehmer vorwiegend in und rund um Tirol liegen, bleiben auch die Transportwege vergleichsweise kurz.

Für Anlagenbetreiber zeigt sich daran, worauf es in der Umsetzung ankommt: CO₂-Abscheidung verlangt nicht nur Technik am Standort, sondern auch verlässliche Abnehmer, funktionierende Logistik, ausreichende Lagerkapazitäten und klare Rahmenbedingungen. Gerade in Branchen mit kapitalintensiven Anlagen entscheidet sich die technische Richtung nicht erst kurz vor 2040. Die Carbon Management Strategie schafft dafür einen ersten Rahmen. Ob daraus breitere industrielle Praxis wird, hängt nun vor allem an Gesetzgebung, Infrastrukturplanung, Energieverfügbarkeit und Finanzierungsmodellen.

Fazit: CCUS als Baustein für schwer vermeidbare Restemissionen

CO₂-Abscheidung ersetzt den Umbau industrieller Prozesse nicht. Sie ist Teil eines breiteren Transformationsmixes und wird dort relevant, wo trotz technischer Umstellung schwer vermeidbare Restemissionen bleiben.

Besonders relevant wird CCUS für Unternehmen mit großen, kontinuierlichen CO₂-Strömen und rohstoff- oder prozessbedingten Emissionen. Hier bietet CO₂-Abscheidung die Chance, industrielle Produktion am Standort weiterzuentwickeln und Klimaziele mit realen Prozessgrenzen in Einklang zu bringen.

Ob daraus ein tragfähiger Transformationspfad wird, entscheidet sich nicht an der Abscheidetechnik allein. Entscheidend ist, ob Technologie, Infrastruktur, Energieversorgung, Kostenrahmen und Standortstrategie zusammenfinden. Genau daran wird sich zeigen, ob CO₂-Abscheidung in der Industrie ein Nischenthema bleibt oder Teil einer neuen industriellen Wertschöpfungs- und Standortlogik wird.

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