Infineon Energieeffizienz Fabriken : Infineon: Der Chipriese macht seine Fabriken zum Testlabor für ein Berliner Software-Start-up

Reinraum in einer Chipfabrik mit technischer Anlage im Vordergrund und einer Person in Schutzkleidung an einem Arbeitsplatz.

In Reinräumen wie diesen muss Infineons Software-Experiment zeigen, ob sich Energie sparen lässt, ohne sensible Produktionsprozesse zu gefährden.

- © Infineon

In der Halbleiterindustrie geht es normalerweise um Nanometer, Reinräume, Leistungselektronik und milliardenschwere Fabriken. Bei Infineon kommt nun ein anderes Thema hinzu, das auf den ersten Blick weit weg vom Kerngeschäft liegt: Gebäudetechnik. Genauer gesagt: Software für Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen. Der Münchener Chipkonzern testet mit dem Berliner Unternehmen Industrial Analytics, ob sich die Stärke eines Dax-Konzerns mit der Beweglichkeit eines Start-ups verbinden lässt.

Infineon hatte Industrial Analytics im August 2022 übernommen. Damals teilte der Konzern mit, dass er 100 Prozent der Anteile an dem Berliner Start-up erwirbt; der Kaufpreis wurde nicht genannt. Ziel war es, das Software- und Servicegeschäft rund um KI-gestützte Analysen von Maschinen und Industrieanlagen auszubauen. Industrial Analytics entwickelte zu diesem Zeitpunkt vor allem Lösungen für vorausschauende Wartung: Anlagen sollten überwacht, kritische Entwicklungen früh erkannt und daraus konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet werden.

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Vom Start-up zur Energiesoftware: Der Strategiewechsel bei Industrial Analytics

Vier Jahre später ist daraus innerhalb von Infineon ein ungewöhnliches Projekt geworden. Industrial Analytics soll nicht einfach in den Konzern eingegliedert werden, sondern sich eigenständig am Markt behaupten. Geführt wird die junge Firma von Daniel Scharfen, der bereits bei der Übernahme eine zentrale Rolle spielte. Das Team umfasst nach Angaben des Ausgangstextes rund 20 Beschäftigte. Für Infineon ist das klein, für ein Software-Experiment aber groß genug, um sichtbar zu werden.

Lesetipp: Infineon: Deutscher Chipriese wird zum unterschätzten Gewinner des KI-Hypes

Der Schwerpunkt hat sich seit der Übernahme deutlich verschoben. Anfangs standen Software und Beratung für vorausschauende Instandhaltung im Mittelpunkt. Dieses Geschäft erwies sich laut Scharfen jedoch als schwer skalierbar. Zudem waren Kunden offenbar nicht bereit, ausreichend für Produkt und Dienstleistung zu bezahlen. Daraufhin wurde die Strategie überarbeitet und das Management ausgetauscht. Heute konzentriert sich Industrial Analytics vor allem auf Software, die den Stromverbrauch von Gebäudetechnik senken soll.

In Reinräumen wie diesen testet Infineon, ob die Software von Industrial Analytics den Energieverbrauch in Chipfabriken senken kann.
 

- © Infineon / OTS

Energieeffizienz in Gebäuden: Warum Infineon einen Milliardenmarkt testet

Der Ansatz trifft einen Markt, der weit größer ist, als es das Wort „Klimaanlage“ vermuten lässt. Gebäude stehen weltweit für etwa 30 Prozent des Energiebedarfs und für mehr als die Hälfte des Stromverbrauchs, wie die Internationale Energieagentur berichtet. Effizienzgewinne bei Heizung, Kühlung und Lüftung sind deshalb nicht nur eine Frage niedrigerer Betriebskosten, sondern auch ein wichtiger Hebel für Klimaschutz und Versorgungssicherheit.

Andreas Mühlberger, Strategic Partner Manager bei Infineon in Östererreich, verwies 2025 gegenüber INDUSTRIEMAGAZIN darauf, dass Infineon gerade im Produktionsumfeld gezielt mit jungen Technologieunternehmen arbeitet. „Gerade im Produktionsbereich arbeiten wir intensiv mit Start-Ups zusammen, insbesondere um unsere Fertigungs- und Logistikprozesse mithilfe von AI und Machine Learning zu optimieren“, sagt er. Industrial Analytics passt in dieses Muster: Auch hier soll Software helfen, industrielle Abläufe effizienter und robuster zu machen.

Für Infineon ist die Sache dennoch heikel. Der Konzern ist vor allem für Halbleiterlösungen bekannt, insbesondere in den Bereichen Energiesysteme und Internet der Dinge. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte Infineon einen Umsatz von 14,662 Milliarden Euro; Ende September 2025 beschäftigte das Unternehmen rund 57.000 Menschen. Ein Start-up für Gebäudesoftware wirkt in diesem Umfeld wie ein Randthema. Genau darin liegt aber die strategische Pointe: Infineon kann Industrial Analytics zunächst im eigenen Konzern testen.

Chipfabriken als Härtetest: Wie Software Energie im Reinraum sparen soll

Besonders interessant sind dabei Chipfabriken. Die Produktion von Halbleitern stellt extrem hohe Anforderungen an Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Filterung und Stabilität. Reinräume müssen präzise gesteuert werden, weil kleinste Abweichungen Produktionsprozesse beeinflussen können. Scharfen beschreibt die Halbleiterfertigung deshalb als besonders anspruchsvolles Umfeld für Klimatechnik. Wenn die Software dort zuverlässig funktioniert, kann sie auch für externe Kunden überzeugender werden.

Nach Angaben aus dem Ausgangstext begann Industrial Analytics intern zunächst in einem Infineon-Bürogebäude in Singapur. Dort konnte die Software im feucht-heißen Klima die Kühlkosten um fünf Prozent senken. Danach wurde sie in Chipfabriken in Singapur und Villach eingesetzt. Für Scharfen ist das ein Verkaufsargument: Wer potenziellen Kunden zeigen kann, dass die eigene Lösung in Infineon-Fabriken Energie spart, hat mehr als nur eine technische Präsentation vorzuweisen.

Infineon Dresden und Kulim: Wo sich die Software wirklich beweisen muss

Noch fehlen allerdings die wichtigsten Bewährungsproben. Die großen Infineon-Standorte Dresden und Kulim in Malaysia nutzen die neue Software laut Ausgangstext noch nicht. Gerade dort könnte sich zeigen, ob Industrial Analytics wirklich Konzernmaßstab erreicht. Denn nur wenn sich die Lösung in großen, komplexen Fabriken durchsetzt, wird aus dem Berliner Softwareprojekt mehr als ein internes Effizienzprogramm.

„Meistens starten wir mit einem Pilotprojekt“, sagt Mühlberger. Dabei gehe es nicht nur darum, ob eine Technologie funktioniere. Auch die Zusammenarbeit mit den internen Fachabteilungen müsse belastbar sein. Für Industrial Analytics bedeutet das: Die Software muss nicht nur Energie sparen, sondern sich auch im Alltag großer Infineon-Standorte bewähren.

Die versprochenen Einsparungen sind beträchtlich. Scharfen spricht laut Ausgangstext davon, dass sich Betriebskosten von Anlagen um bis zu 30 Prozent reduzieren lassen. Gleichzeitig erhält Infineon durch Industrial Analytics genauere Einblicke in Geräte und Systeme, in denen auch eigene Chips eingesetzt werden. Damit berührt das Start-up indirekt wieder das Kerngeschäft des Konzerns: Wer versteht, wie Anlagen in der Praxis laufen, kann auch bessere Halbleiterlösungen für solche Anwendungen entwickeln.

Infineon-Werk in Dresden, Deutschland

- © Infineon

Infineon-Übernahmen: Warum Industrial Analytics anders ist als Imagimob

Dass Infineon Industrial Analytics nicht vollständig integriert hat, unterscheidet den Fall von anderen Übernahmen. Der Konzern kauft Start-ups eher selten. 2023 übernahm Infineon etwa Imagimob aus Stockholm, einen Anbieter für Machine-Learning-Lösungen auf Edge-Geräten. Diese Technologie ergänzte das bestehende Hardware- und Software-Ökosystem des Konzerns sehr direkt. Industrial Analytics ist dagegen stärker ein eigenständiges Geschäftsmodell – mit eigenen Kunden, eigenem Marktauftritt und eigenem Erfolgsdruck.

Mühlberger nennt als wichtigsten Erfolgsfaktor die Passgenauigkeit. „Die Lösung des Start-ups muss zu unseren konkreten Herausforderungen passen – und umgekehrt“, sagt er. Bei Industrial Analytics ist diese Passung nicht so offensichtlich wie bei einem Start-up, das direkt Software für Mikrocontroller oder Halbleiteranwendungen liefert. Sie entsteht erst über den praktischen Nutzen in Fabriken, Bürogebäuden und technischen Anlagen.

Deutlich häufiger setzt Infineon auf größere Akquisitionen. Im Februar 2026 kündigte der Konzern an, für 570 Millionen Euro das nichtoptische Analog- und Mixed-Signal-Sensorportfolio von ams Osram zu übernehmen. Das erworbene Geschäft soll im Kalenderjahr 2026 rund 230 Millionen Euro Umsatz erzielen; etwa 230 Beschäftigte sollen zu Infineon wechseln. Bereits 2025 hatte Infineon zudem angekündigt, Marvells Automotive-Ethernet-Geschäft für rund 2,5 Milliarden Dollar zu kaufen.

KI-Rechenzentren und Automotive: Warum Infineon sich kleine Wetten leisten kann

Diese großen Deals zeigen, wie Infineon normalerweise wächst: durch Technologie, die klar an das Kerngeschäft anschließt und schnell Umsatzbeiträge verspricht. Industrial Analytics ist kleiner, riskanter und weniger offensichtlich. Der Umsatzbeitrag dürfte bislang gering sein; genaue Zahlen nennt Infineon nicht. Laut Ausgangstext erzielt das Start-up bereits Umsätze, unter anderem mit Kunden wie dem singapurischen Stadtentwickler Surbana Jurong. Zugleich lag der Verlust im vergangenen Jahr demnach bei knapp zwei Millionen Euro.

Für den Konzern ist das verkraftbar. Infineon profitiert derzeit wieder stärker von der Nachfrage nach Leistungslösungen für KI-Rechenzentren. Im Mai 2026 hob der Konzern seine Jahresprognose an, weil die Nachfrage nach Stromversorgungslösungen für KI-Datenzentren deutlich zulegte und sich auch die Auftragseingänge im Automobilbereich verbesserten. Solange das Kerngeschäft anzieht, ist der Druck geringer, kleine Randaktivitäten sofort auf Rendite zu trimmen.

Start-up gegen Konzernlogik: Wird aus Energiesparen ein Softwaregeschäft?

Trotzdem bleibt das Experiment offen. Industrial Analytics muss zwei Erwartungen gleichzeitig erfüllen: intern Energie sparen und extern Kunden gewinnen. Das ist anspruchsvoll. Zu viel Konzernnähe kann ein Start-up langsam machen; zu viel Eigenständigkeit kann im Konzern Misstrauen erzeugen. Der Erfolg hängt deshalb nicht nur von der Software ab, sondern auch davon, ob Infineon seinen eigenen Fabriken zutraut, als Referenzkunden für ein junges Softwaregeschäft zu dienen.

Scharfens Argument ist pragmatisch: Schon die Einsparungen in den eigenen Werken könnten den Kauf rechtfertigen; alles Weitere käme hinzu. Genau darin liegt der mögliche Charme des Modells. Industrial Analytics muss nicht sofort ein großer Umsatztreiber werden. Es kann zunächst beweisen, dass es Infineon hilft, die eigenen Betriebskosten zu senken. Gelingt das in den härtesten Umgebungen des Konzerns, könnte aus dem verborgenen Experiment ein neues Softwaregeschäft werden. Misslingt es, bleibt Industrial Analytics ein Beispiel dafür, wie schwierig es ist, Start-up-Tempo und Konzernlogik dauerhaft zusammenzubringen.

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