China Pharmaindustrie : Chinas Pharmaindustrie: Vom Wirkstofflieferanten zum Rivalen westlicher Pharmariesen

Zwei Mitarbeitende arbeiten in einem modernen Biotech-Labor.

Zwei Mitarbeitende in einem Biotech-Labor: Chinas Pharmaindustrie entwickelt sich vom Produktionsstandort zum ernstzunehmenden Rivalen westlicher Pharmakonzerne.

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Chinas Pharmaindustrie steht vor dem nächsten Entwicklungsschritt. Nachdem das Land zunächst vor allem günstige Wirkstoffe und Nachahmermedikamente produzierte und später enorme eigene Forschungskapazitäten aufbaute, drängen chinesische Unternehmen nun verstärkt auf die internationalen Märkte. Westliche Pharmakonzerne betrachten sie deshalb nicht mehr nur als Zulieferer oder Lizenzpartner, sondern zunehmend als direkte Wettbewerber. Diese Entwicklung wird in der Branche teilweise als „China 3.0“ bezeichnet.

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Wie ernst die etablierten Konzerne die neue Konkurrenz nehmen, zeigte Pfizer-Chef Albert Bourla auf der Jefferies Global Healthcare Conference im Juni 2026. Seiner Einschätzung nach könnten chinesische Unternehmen bis 2030 zu den wichtigsten Konkurrenten Pfizers gehören. Als entscheidende Vorteile nannte er deutlich niedrigere Entwicklungskosten und ein wesentlich höheres Tempo. Bourlas Aussagen sind nicht nur eine Warnung, sondern auch ein Eingeständnis: Die Strukturen, mit denen westliche Unternehmen jahrzehntelang erfolgreich Medikamente entwickelt haben, geraten unter Anpassungsdruck.

Auch AstraZeneca-Chef Pascal Soriot fordert inzwischen, westliche Arzneimittelhersteller müssten lernen, mit „chinesischer Geschwindigkeit“ zu arbeiten. Dabei verweist er auf die Gefahr, dass sich in der Pharmabranche eine ähnliche Verschiebung vollziehen könnte wie bei Elektroautos: Chinesische Unternehmen könnten technologische Fortschritte, kurze Entwicklungszyklen und wettbewerbsfähige Preise so miteinander verbinden, dass etablierte Anbieter Marktanteile verlieren.

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Chinas Pharmaindustrie wird vom Produktionsstandort zum Innovationszentrum

Der Aufstieg der chinesischen Pharma- und Biotechnologiebranche ist kein kurzfristiges Phänomen. Seit 2015 wurden die Verfahren zur Prüfung und Zulassung neuer Arzneimittel umfassend reformiert. Ziel war es unter anderem, Bearbeitungsrückstände abzubauen, innovative Präparate schneller zu bewerten und chinesische Entwicklungsstandards stärker an internationale Anforderungen anzupassen. Eine wissenschaftliche Analyse in „Nature Reviews Drug Discovery“ beschreibt diese regulatorischen Reformen als wesentliche Grundlage für die tiefgreifende Veränderung des chinesischen Pharmasektors.

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Gleichzeitig erklärte die chinesische Regierung Biotechnologie und Biomedizin zu strategisch wichtigen Wachstumsbereichen. Im Rahmen des 14. Fünfjahresplans wurde die Bioökonomie gezielt gefördert. Vorgesehen waren unter anderem Investitionen in innovative Medikamente, digitale Technologien, Biomaterialien sowie neue Produktions- und Forschungsplattformen. Staatliche Programme, regionale Förderzentren und schnell wachsende Universitäten schufen so ein Ökosystem, in dem zahlreiche junge Biotech-Unternehmen entstehen konnten.

Forschung im Labor: Chinas Biotech-Branche baut ihre Entwicklung neuer Wirkstoffe aus und wird für westliche Pharmakonzerne immer wichtiger.

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Klinische Studien in China: Der Tempovorteil chinesischer Biotech-Firmen

Die Folgen zeigen sich besonders deutlich bei klinischen Studien. Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung bezifferte Chinas Anteil an der weltweiten klinischen Studienaktivität bereits für 2022 auf 27,7 Prozent. Inzwischen gehört das Land damit neben den USA zu den wichtigsten Standorten für die klinische Entwicklung neuer Wirkstoffe. Eine im Juli 2026 erschienene Analyse hebt zudem hervor, wie stark die chinesischen Fähigkeiten bei der Planung und Durchführung klinischer Forschung gewachsen sind.

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Chinesische Unternehmen profitieren dabei von großen Patientenzahlen, gut vernetzten medizinischen Zentren und einer dichten Forschungs- und Produktionslandschaft. Diese Faktoren können die Rekrutierung von Studienteilnehmern beschleunigen. Allerdings bedeutet eine schnelle frühe Entwicklung noch nicht automatisch, dass ein Medikament auch in Europa oder den USA erfolgreich zugelassen und vermarktet werden kann. Internationale Studien müssen regulatorische, medizinische und statistische Anforderungen unterschiedlicher Behörden erfüllen.

Pfizer und Innovent: Der Milliarden-Deal mit chinesischen Wirkstoffen

Besonders sichtbar wird Chinas neue Bedeutung bei Lizenz- und Kooperationsverträgen. Nach Angaben der chinesischen Regierung überstieg der mögliche Gesamtwert internationaler Auslizenzierungen chinesischer Arzneimittelprojekte im Jahr 2025 die Marke von 130 Milliarden US-Dollar. Solche Summen bestehen üblicherweise aus Vorauszahlungen, späteren Entwicklungs- und Zulassungsmeilensteinen sowie möglichen Umsatzbeteiligungen. Der tatsächlich ausgezahlte Betrag liegt daher meist deutlich unter dem öffentlich genannten maximalen Vertragswert.

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Zu den größten aktuellen Vereinbarungen zählt die Zusammenarbeit zwischen Pfizer und Innovent Biologics. Im Mai 2026 vereinbarten beide Unternehmen die gemeinsame Entwicklung von vier Arzneimittelprogrammen. Pfizer sagte eine Vorauszahlung von 650 Millionen US-Dollar zu; zusätzlich kann Innovent bei Erreichen bestimmter Entwicklungs-, Zulassungs- und Verkaufsziele Zahlungen von bis zu 9,85 Milliarden US-Dollar erhalten. Mehrere Programme sollen in den USA und Europa gemeinsam vermarktet werden, sofern sie erfolgreich entwickelt und zugelassen werden.

Takeda, Hengrui und Bristol Myers Squibb setzen auf Chinas Forschungspipeline

Innovent arbeitet außerdem mit dem japanischen Pharmakonzern Takeda zusammen. Die Ende 2025 abgeschlossene Partnerschaft umfasst unter anderem zwei fortgeschrittene experimentelle Krebsmedikamente gegen solide Tumoren. Für Takeda bietet die Kooperation Zugang zu einer chinesischen Forschungspipeline, ohne sämtliche Wirkstoffe selbst entdecken und durch die frühe Entwicklung führen zu müssen.

Ein weiteres Beispiel ist Jiangsu Hengrui Pharmaceuticals. Das Unternehmen und Bristol Myers Squibb kündigten im Mai 2026 Vereinbarungen über insgesamt 13 Forschungsprogramme in der Onkologie, Hämatologie und Immunologie an. Der potenzielle Gesamtwert wurde mit bis zu 15,2 Milliarden US-Dollar angegeben. Davon entfallen bis zu 950 Millionen US-Dollar auf eine Vorauszahlung und zeitnahe weitere Zahlungen. Die tatsächliche Gesamtsumme hängt auch hier davon ab, wie viele Wirkstoffe klinische und wirtschaftliche Meilensteine erreichen.

Krebsmedikamente aus China kommen in Europa an

Chinesische Pharmaforschung ist in Europa längst nicht mehr nur eine Zukunftsprognose. Das Krebsmedikament Fruzaqla mit dem Wirkstoff Fruquintinib erhielt am 20. Juni 2024 eine EU-weite Marktzulassung. Der Wirkstoff wurde ursprünglich von Hutchmed entwickelt und wird außerhalb Chinas von Takeda vermarktet. Er ist für bestimmte erwachsene Patienten mit bereits behandeltem metastasiertem Darmkrebs vorgesehen.

Auch das aus China hervorgegangene Unternehmen BeOne Medicines zeigt, wie eine internationale Expansion aussehen kann. Der frühere Name BeiGene wurde 2025 durch BeOne Medicines ersetzt; gleichzeitig kündigte das Unternehmen eine Verlegung seines rechtlichen Sitzes nach Basel an. BeOne vermarktet bereits Krebsmedikamente wie Brukinsa und Tevimbra und verfügt über globale Entwicklungs- und Vertriebsstrukturen. Im Juli 2026 kündigte der Konzern zudem an, seine Investitionen in die US-Produktion auf mehr als eine Milliarde US-Dollar auszuweiten.

Diese Beispiele machen deutlich, dass chinesische Innovationen auf unterschiedlichen Wegen in westliche Gesundheitssysteme gelangen. Manche Unternehmen verkaufen internationale Rechte an etablierte Pharmakonzerne. Andere gründen Tochtergesellschaften, übertragen Wirkstoffe auf neue, im Westen geführte Biotech-Firmen oder bauen eigene internationale Organisationen auf.

Fruzaqla gilt als Beispiel dafür, wie chinesische Pharmaforschung in Europa ankommt: Der Wirkstoff Fruquintinib wurde von Hutchmed entwickelt und wird außerhalb Chinas von Takeda vermarktet.

- © Takeda

BIOSECURE Act: Wie die USA Chinas Pharma-Offensive bremsen

Trotz der wachsenden Kooperationen wird die Expansion politisch schwieriger. In den USA ist der überarbeitete BIOSECURE Act seit dem 18. Dezember 2025 Teil des Verteidigungshaushaltsgesetzes für das Fiskaljahr 2026. Die Regelung beschränkt bestimmte staatliche Aufträge und Fördermittel, wenn dabei Produkte oder Dienstleistungen von als problematisch eingestuften Biotechnologieunternehmen genutzt werden. Sie stellt jedoch kein allgemeines Verbot chinesischer Medikamente oder sämtlicher Kooperationen mit chinesischen Firmen dar.

Für international tätige Unternehmen erhöht das Gesetz dennoch den Prüfungs- und Dokumentationsaufwand. Beteiligungsstrukturen, Lieferketten, Datenzugriffe und Verbindungen zu staatlichen Institutionen werden künftig noch genauer untersucht werden. Für chinesische Hersteller wird es deshalb wichtiger, transparente Unternehmensstrukturen aufzubauen und Forschung, Datenerhebung sowie Produktion so zu organisieren, dass sie den Anforderungen verschiedener Rechtsräume entsprechen.

Hinzu kommen klassische unternehmerische Schwierigkeiten. Ein Medikament erfolgreich zu entdecken, ist etwas anderes, als es in zahlreichen Ländern gleichzeitig zuzulassen, zu produzieren, zu erstatten und zu vermarkten. Dazu benötigen Unternehmen erfahrene Führungskräfte, internationale Zulassungsexperten, medizinische Vertriebsorganisationen und belastbare Kontakte zu Kliniken, Versicherungen und Behörden. Gerade in Europa unterscheiden sich Gesundheitssysteme und Erstattungsprozesse von Land zu Land.

Big Pharma im Dilemma: Partner aus China werden zu Rivalen

Für westliche Pharmakonzerne entsteht damit ein strategischer Konflikt. Kurzfristig bieten chinesische Biotech-Unternehmen Zugang zu einer großen Zahl neuer Wirkstoffe. Solche Partnerschaften können Forschungspipelines füllen und helfen, auslaufende Patente erfolgreicher Medikamente zu kompensieren. Gleichzeitig fließen durch hohe Voraus- und Meilensteinzahlungen erhebliche finanzielle Mittel in das chinesische Innovationssystem zurück.

Langfristig könnten sich die heutigen Lizenzgeber deshalb zu direkten globalen Konkurrenten entwickeln. Unternehmen wie Innovent, Hengrui, Hutchmed und BeOne sammeln durch internationale Partnerschaften Erfahrungen mit westlichen Zulassungsbehörden, globalen Studien und Vermarktungsstrukturen. Mit jedem erfolgreichen Projekt sinkt ihre Abhängigkeit von europäischen oder amerikanischen Partnern.

Der Aufstieg Chinas bedeutet daher nicht zwangsläufig das Ende der westlichen Dominanz, wohl aber das Ende eines weitgehend einseitigen Innovationsmodells. Die globale Pharmabranche entwickelt sich zu einem System mit mehreren starken Forschungszentren. Für Europa und die USA lautet die entscheidende Frage nicht mehr, ob chinesische Pharmaunternehmen international expandieren werden. Entscheidend ist, wie schnell sie es tun – und ob die etablierten Konzerne ihre eigenen Entwicklungsprozesse rechtzeitig an das neue Tempo anpassen können.

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