Autozulieferer : Pollmann-Krise trifft das Waldviertel ins industrielle Herz

Pollmann

Der Waldviertler Autozulieferer Pollmann ist zahlungsunfähig: Ein Scheitern der Sanierung würde weit über die Werkstore hinausreichen. 

- © Pollmann

In Karlstein an der Thaya ist Pollmann kein anonymer Autozulieferer. Der Name gehört seit Generationen zum Ort. 1888 gründete Franz Pollmann hier einen feinmechanischen Handwerksbetrieb. Daraus entstand ein internationaler Automobilzulieferer mit heute mehr als 1.200 Beschäftigten an fünf Standorten auf drei Kontinenten. Pollmann-Teile stecken in 93 Prozent aller namhaften Automarken weltweit. Jährlich produziert die Gruppe mehr als 207 Millionen Teile.

 

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Nun steht der österreichische Kern des Familienkonzerns unter massivem Druck. Die Pollmann International GmbH, die Pollmann Austria GmbH und die Pollmann Werkzeugbau GmbH mit Sitz in Karlstein haben am 1. September 2026 beim Landesgericht Krems an der Donau Anträge auf Eröffnung von Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung eingebracht. Die drei Gesellschaften sind zahlungsunfähig, die Überschuldung liegt bei insgesamt rund 74 Millionen Euro.

Pollmann verlagert Produktion von Vitis an den Hauptsitz Karlstein

Betroffen sind die Holding, das österreichische Produktionsunternehmen und der Werkzeugbau. Noch sind die Verfahren nicht eröffnet. Die zuständige Richterin am Landesgericht Krems wird in den kommenden Tagen darüber entscheiden, ob den Anträgen stattgegeben wird. Begleitet werden die Gesellschaften von der Insolvenzrechtsexpertin Andrea Fruhstorfer. Ziel ist die Fortführung.

135 Jahre Industriegeschichte unter Druck

Für das nördliche Waldviertel besitzt das Verfahren eine besondere Dimension. Rund 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind den drei betroffenen Gesellschaften zuzurechnen. Zum Vergleich: Im Bezirk Waidhofen an der Thaya wurden im März 2026 rund 9.835 unselbständig Beschäftigte gezählt. Die Größen zeigen den Stellenwert des Arbeitgebers Pollmann für die Region.

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Ein Scheitern der Sanierung würde weit über die Werkstore hinausreichen. Betroffen wären qualifizierte Industriearbeitsplätze, regionale Kaufkraft, Dienstleister, Zulieferer und technisches Know-how in einer Region, in der industrielle Arbeitsplätze dieser Größenordnung nicht beliebig vorhanden sind. Nach den derzeitigen Plänen soll jedoch ein Großteil der Jobs erhalten bleiben. Betriebsrat und Arbeiterkammer sind eng in den Prozess eingebunden.

Simply:Pollmann“: Die Restrukturierung begann lange vor dem Insolvenzantrag

Der Schritt zum Insolvenzgericht kam nicht aus dem Nichts. Pollmann hatte bereits lange davor begonnen, das Unternehmen umzubauen. Schon Anfang 2025 wurde das Management neu geordnet. COO Robert Stubenberger und Miteigentümer Stefan Pollmann blieben in der Führung, Jörg Scheithauer kam als Interims-CFO hinzu. Christian Schreiberhuber, zuvor CEO und davor langjähriger CFO, hatte das Unternehmen zu Steyr Arms verlassen. CSO Stefan Pollmann sprach damals über den wachsenden Druck im Automobilzuliefergeschäft. Sich angesichts steigender Kosten und höherer Anforderungen an die Flexibilität strategisch neu aufzustellen, sei eine „Frage der Notwendigkeit".

Ein zentraler Baustein war das Effizienzprogramm „Simply:Pollmann“. Die Vorgabe lautete: „Keine heiligen Kühe, keine Tabus.“ Das Programm sollte Ineffizienzen und unnötige Komplexität entfernen und war direkt bei Geschäftsführung und Lenkungsausschuss der Eigentümerfamilie angesiedelt.
 

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Stefan Pollmann verwendete damals das Bild seines Großvaters Ernst, eines begeisterten Heißluftballonfahrers: Am Korb hänge Ballast, der identifiziert und abgeworfen werden müsse, um wieder Flughöhe zu gewinnen. Dabei betonte Pollmann ausdrücklich, es gehe nicht primär um Personalabbau, sondern um bessere Prozesse.
Doch „Simply:Pollmann“ ging über klassische Kostensenkungen hinaus. Das Unternehmen stellte auch das traditionelle Geschäftsmodell der Zulieferindustrie infrage. Langfristige Serienaufträge mit fünf bis sieben Jahre vorausgeplanten Volumina geraten angesichts schwankender Stückzahlen, verschobener Modellanläufe und des technologischen Wandels zunehmend unter Druck.

Pollmann wollte deshalb mit „kommerziell mutigeren Ansätzen im Angebotsprozess“ arbeiten. Kooperationen sollten modularer werden, Projekte beispielsweise zunächst über zwei Jahre laufen und später erweitert werden.
Auch vertrieblich sollte das Unternehmen breiter aufgestellt werden. Pollmann bezeichnete den Konzern als relativ „kleinen Fisch im Teich“. Manche OEM würden bislang nur in geringem Umfang beliefert. Genau dort wollte man wachsen.

Damit hatte Pollmann Management, Prozesse, Vertrieb und Geschäftsmodell bereits in Bewegung gesetzt. Die bestehende Verschuldung ließ sich damit jedoch nicht beseitigen.

Vitis und der Schuldenberg: Wachstum, das nicht kam

Nach Angaben aus dem Unternehmensumfeld ist Pollmann nicht zahlungsunfähig geworden, weil ein großer Kunde abgesprungen wäre. Das operative Geschäft ist vorhanden, der Auftragsstand wird als gut beschrieben. Das eigentliche Problem sei ein Schuldenthema.

Ein Teil der Erklärung liegt in den Jahren vor Corona. Pollmann investierte kräftig und schuf Kapazitäten für weiteres Wachstum. Zwischen 2017 und 2020 flossen rund 40 Millionen Euro in Gebäude, Maschinen und Anlagen an den internationalen Standorten.

Besonders sichtbar wurde diese Wachstumsstrategie in Vitis. Dort errichtete Pollmann ein neues Werk II - als Ausdruck von Expansion, Automatisierung und der Erwartung steigender Produktionsvolumina.
Diese Volumina kamen jedoch nicht im erwarteten Ausmaß. Nur fünf Jahre später fiel die Entscheidung, die Produktion in Vitis wieder aufzugeben und nach Karlstein zu verlagern. Die 71 Beschäftigten wurden übernommen.
Operativ funktionierte die Konzentration. Noch im August 2025 berichtete Pollmann, eine vollautomatische Spritzgusslinie innerhalb von nur 192 Stunden übersiedelt und wieder in Betrieb genommen zu haben. Die Anlage erreichte danach nach Unternehmensangaben eine Gesamtanlageneffektivität von mehr als 90 Prozent. Weitere automatisierte Montagelinien für Türschlossgehäuse folgten.

Finanziell reichte die Restrukturierung dennoch nicht. Das erwartete Umsatzwachstum war ausgeblieben. Gleichzeitig zeigte eine Analyse, dass Karlstein und das tschechische Werk genügend Kapazitäten besitzen, um das gesamte europäische Produktionsvolumen abzudecken.

Kapazitäten, die ursprünglich für Wachstum geschaffen worden waren, wurden damit unter veränderten Marktbedingungen zur Belastung. 

Miteigentümer Stefan Pollmann sprach schon 2025 über den wachsenden Druck im Automobilzuliefergeschäft. Sich angesichts steigender Kosten und höherer Anforderungen an die Flexibilität strategisch neu aufzustellen, sei eine „Frage der Notwendigkeit"

- © wwww.benjaminwald.at

Wenn Karlstein stillsteht, könnte es bis zu großen Autobauern reichen

Trotz der Sanierungsanträge läuft die Produktion nun weiter. Nicht Teil der österreichischen Verfahren sind die Pollmann-Gesellschaften in Tschechien, Mexiko und China sowie die Maxxom Automation GmbH.
Die Fortführung ist auch für die Kunden von erheblicher Bedeutung. Pollmann steckt tief in den Lieferketten der internationalen Automobilindustrie steckt. Ein Produktionsstillstand könnte binnen kurzer Zeit bis in die Werke der Fahrzeughersteller durchschlagen. Als Beispiel wird ein großer deutscher OEM genannt. Die Einschätzung aus dem Unternehmensumfeld lautet zugespitzt: „Wenn Pollmann nicht produziert, stehen dort in zwei Wochen die Bänder.“

Pollmann fertigt Komponenten für lang laufende Fahrzeugprogramme. Etwa Türschlossgehäuse. Das Unternehmen deckt große Teile der Wertschöpfungskette selbst ab - von Entwicklung und Prototypenbau über Werkzeugbau und Automatisierung bis zur Großserie.

Für Autobauer lässt sich ein solcher Lieferant nicht kurzfristig ersetzen. Werkzeuge, Qualitätsfreigaben und Serienprozesse müssen bei einem neuen Lieferanten erst aufgebaut werden. Entsprechend groß ist auch das Interesse der Kunden an einer Fortführung.

Der Fall reicht damit über das Waldviertel hinaus. Der Zulieferer ist stark in Fahrzeugprogramme deutscher Hersteller eingebunden.

Zugleich zeigt der Fall, wie breit die Krise der europäischen Zulieferindustrie mittlerweile reicht. Sie trifft nicht nur Unternehmen, die an klassischen Verbrennerprodukten hängen, sondern auch hochautomatisierte und internationalisierte Mittelständler mit E-Mobilitätsgeschäft. Rund 40 bis 50 Prozent der damaligen Neunominierungen entfielen laut Pollmann auf E-Mobilitätsprojekte – darunter Powerframes und AC/DC-Busbars. Gleichzeitig blieb das Türschlossgeschäft ein wichtiges Standbein.

Mehrere Investoren, zwei große Banken Gläubiger

Nun läuft parallel zur operativen Restrukturierung seit mehr als einem Jahr ein Investorenprozess. Laut Unternehmensumfeld gibt es mehrere potenzielle Interessenten, die Gespräche werden als weit fortgeschritten beschrieben. Ob darunter österreichische Investoren sind, will man nicht sagen.

Die zentrale Aufgabe der Sanierung liegt weniger darin, ein verschwundenes Geschäft wieder aufzubauen. Nicht das Produkt soll saniert werden, sondern in erster Linie die Bilanz und die Struktur dahinter. Nach Angaben aus dem Unternehmensumfeld zählen zwei große Banken zu den wesentlichen Gläubigern. 

Die nächste Entscheidung liegt aber zunächst beim Landesgericht Krems. Die zuständige Richterin wird prüfen, ob die Voraussetzungen für die beantragten Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung erfüllt sind.
Wird den Anträgen stattgegeben, können die drei österreichischen Gesellschaften innerhalb des gerichtlichen Rahmens weitergeführt und die Schulden neu geordnet werden.

Parallel muss Pollmann die Produktion stabil halten, Kunden weiter beliefern und den Investorenprozess vorantreiben. Ein Großteil der rund 500 betroffenen Arbeitsplätze soll nach den derzeitigen Planungen erhalten bleiben. Wie viele Stellen letztlich gesichert werden können, hängt vom Verlauf der Sanierung und vom Investorenprozess ab. Für die Automobilindustrie geht es um einen spezialisierten Lieferanten, dessen Komponenten tief in internationalen Fahrzeugprogrammen verankert sind. Für Karlstein und das nördliche Waldviertel geht es damit um einen der prägenden Industriebetriebe der Region.

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