Pollmann Insolvenz Waldviertel : Pollmann-Krise: Wenn Karlstein wackelt, könnte es bis zu deutschen Autowerken reichen

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Pollmann in Karlstein an der Thaya: Der Waldviertler Autozulieferer kämpft im Sanierungsverfahren um seine Zukunft – und bleibt zugleich ein wichtiger Teil internationaler Lieferketten.

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In Karlstein an der Thaya ist Pollmann kein anonymer Autozulieferer. Der Name gehört seit Generationen zum Ort. 1888 gründete Franz Pollmann hier einen Handwerksbetrieb für feinmechanische Geräte und Uhrwerke. 138 Jahre später ist daraus eine international tätige Unternehmensgruppe geworden. Nach eigenen Angaben beschäftigt Pollmann mehr als 1.200 Menschen an fünf Standorten auf drei Kontinenten, produziert 2026 mehr als 207 Millionen Teile und liefert Komponenten für 93 Prozent aller namhaften Automarken weltweit.

Pollmann verlagert Produktion von Vitis an den Hauptsitz Karlstein

Nun steht der österreichische Kern des Familienunternehmens unter massivem Druck. Über das Vermögen der Pollmann International GmbH, der Pollmann Austria GmbH und der Pollmann Werkzeugbau GmbH wurden am Landesgericht Krems an der Donau am 1. September 2026 Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung eröffnet. Damit ist ein wesentlicher Punkt gegenüber dem ersten Bekanntwerden der Krise bereits geklärt: Das Gericht muss nicht mehr über die Eröffnung entscheiden – die Verfahren laufen.

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Pollmann-Insolvenz: 74 Millionen Euro Passiva und 461 Jobs in Gefahr

Nach den dem Kreditschutzverband KSV1870 vorliegenden Schuldnerangaben summieren sich die Passiva der drei Gesellschaften auf rund 73,9 Millionen Euro. Davon entfallen 32,1 Millionen Euro auf die Pollmann International GmbH, 34,3 Millionen auf die Pollmann Austria GmbH und 7,5 Millionen Euro auf die Pollmann Werkzeugbau GmbH. 

Auch bei der Zahl der Beschäftigten liegen inzwischen genauere Angaben vor. Laut KSV beschäftigen die drei insolventen Gesellschaften zusammen 461 Dienstnehmer: 83 bei Pollmann International, 321 bei Pollmann Austria und 57 im Werkzeugbau. Löhne und Gehälter waren laut Schuldnerangaben bis einschließlich Juli 2026 bezahlt. 

Pollmann-Sanierung: Was Gläubiger, Insolvenzverwalter und Banken jetzt entscheiden

Die drei Gesellschaften werden im Verfahren jeweils von eigenen Insolvenzverwaltern begleitet. Für Pollmann International wurde Rechtsanwalt Christoph Sauer bestellt, für Pollmann Austria Ulla Reisch und für Pollmann Werkzeugbau Martina Withoff. Die gerichtliche Anmeldefrist für Gläubigerforderungen läuft bis zum 21. Oktober 2026. Am 4. November finden die ersten Gläubigerversammlungen sowie Prüfungs- und Berichtstagsatzungen statt. Die Sanierungsplantagsatzungen sind für den 25. November 2026 angesetzt.

Pollmann bietet den Gläubigern in allen drei Verfahren jeweils eine Sanierungsplanquote von 20 Prozent, zahlbar innerhalb von zwei Jahren nach Annahme des jeweiligen Sanierungsplans. Damit liegt nun auch erstmals eine konkrete finanzielle Zielgröße für die Sanierung vor. Ob diese Pläne erfüllt werden können, müssen die Insolvenzverwalter und letztlich die Gläubiger beurteilen.

Waldviertel unter Druck: Was die Pollmann-Krise für Jobs und Region bedeutet

Für das nördliche Waldviertel besitzt die Sanierung eine besondere Dimension. Der Arbeitsmarktbezirk Waidhofen an der Thaya kam 2025 im Jahresdurchschnitt auf knapp 10.000 unselbständig Beschäftigte. Ein Betrieb mit mehreren hundert Industriearbeitsplätzen hat in dieser Größenordnung entsprechend großes Gewicht für die Region.

Ein Scheitern der Sanierung würde deshalb nicht allein die Beschäftigten treffen. Auch regionale Kaufkraft, Dienstleister, Zulieferer und über Jahrzehnte aufgebautes technisches Know-how hängen an Pollmann.

Nach Angaben des Unternehmens ist ein Kahlschlag allerdings nicht geplant. Ziel sei es, einen Großteil der Arbeitsplätze zu erhalten. Betriebsrat und Arbeiterkammer seien eng eingebunden. Entscheidend wird sein, ob die operative Fortführung während des Verfahrens stabil gelingt und der parallel laufende Investorenprozess zu einem Abschluss gebracht werden kann.

Die Pollmann-Zentrale in Karlstein an der Thaya: Der Waldviertler Autozulieferer steht mit drei österreichischen Gesellschaften im Sanierungsverfahren – und bleibt ein wichtiger Arbeitgeber der Region.
 

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Simply:Pollmann: Der Umbau begann lange vor dem Insolvenzantrag

Der Schritt zum Insolvenzgericht kam nicht aus dem Nichts. Pollmann hatte bereits lange davor begonnen, das Unternehmen umzubauen. Schon Anfang 2025 wurde das Management neu geordnet. COO Robert Stubenberger und Miteigentümer Stefan Pollmann blieben in der Führung, Jörg Scheithauer kam als Interims-CFO hinzu. Christian Schreiberhuber, zuvor CEO und davor langjähriger CFO, hatte das Unternehmen zu Steyr Arms verlassen. CSO Stefan Pollmann sprach damals über den wachsenden Druck im Automobilzuliefergeschäft. Sich angesichts steigender Kosten und höherer Anforderungen an die Flexibilität strategisch neu aufzustellen, sei eine „Frage der Notwendigkeit".

Ein zentraler Baustein war das Effizienzprogramm „Simply:Pollmann“. Die Vorgabe lautete: „Keine heiligen Kühe, keine Tabus.“ Das Programm sollte Ineffizienzen und unnötige Komplexität entfernen und war direkt bei Geschäftsführung und Lenkungsausschuss der Eigentümerfamilie angesiedelt.

Automobilzulieferer Pollmann über Neuausrichtung und Zölle: "Es hängt jetzt einiger Ballast am Korb"

Stefan Pollmann verwendete damals das Bild seines Großvaters Ernst, eines begeisterten Heißluftballonfahrers: Am Korb hänge Ballast, der identifiziert und abgeworfen werden müsse, um wieder Flughöhe zu gewinnen. Dabei betonte Pollmann ausdrücklich, es gehe nicht primär um Personalabbau, sondern um bessere Prozesse.

Doch „Simply:Pollmann“ ging über klassische Kostensenkungen hinaus. Das Unternehmen stellte auch das traditionelle Geschäftsmodell der Zulieferindustrie infrage. Langfristige Serienaufträge mit fünf bis sieben Jahre vorausgeplanten Volumina geraten angesichts schwankender Stückzahlen, verschobener Modellanläufe und des technologischen Wandels zunehmend unter Druck.

Pollmann wollte deshalb mit „kommerziell mutigeren Ansätzen im Angebotsprozess“ arbeiten. Kooperationen sollten modularer werden, Projekte beispielsweise zunächst über zwei Jahre laufen und später erweitert werden. Auch vertrieblich sollte das Unternehmen breiter aufgestellt werden. Pollmann bezeichnete den Konzern als relativ „kleinen Fisch im Teich“. Manche OEM würden bislang nur in geringem Umfang beliefert. Genau dort wollte man wachsen.

Damit hatte Pollmann Management, Prozesse, Vertrieb und Geschäftsmodell bereits in Bewegung gesetzt. Die bestehende Verschuldung ließ sich damit jedoch nicht beseitigen.

Pollmann in Vitis: Wie aus der Wachstumswette ein Schuldenproblem wurde

Nach Angaben aus dem Unternehmensumfeld ist Pollmann nicht zahlungsunfähig geworden, weil ein großer Kunde abgesprungen wäre. Das operative Geschäft ist vorhanden, der Auftragsstand wird als gut beschrieben. Das eigentliche Problem sei ein Schuldenthema.

Ein Teil der Erklärung liegt in den Jahren vor Corona. Pollmann investierte kräftig und schuf Kapazitäten für weiteres Wachstum. Zwischen 2017 und 2020 flossen rund 40 Millionen Euro in Gebäude, Maschinen und Anlagen an den internationalen Standorten.

Besonders sichtbar wurde diese Wachstumsstrategie in Vitis. Dort errichtete Pollmann ein neues Werk II - als Ausdruck von Expansion, Automatisierung und der Erwartung steigender Produktionsvolumina.
Diese Volumina kamen jedoch nicht im erwarteten Ausmaß. Nur fünf Jahre später fiel die Entscheidung, die Produktion in Vitis wieder aufzugeben und nach Karlstein zu verlagern. Die 71 Beschäftigten wurden übernommen.

Operativ funktionierte die Konzentration. Noch im August 2025 berichtete Pollmann, eine vollautomatische Spritzgusslinie innerhalb von nur 192 Stunden übersiedelt und wieder in Betrieb genommen zu haben. Die Anlage erreichte danach nach Unternehmensangaben eine Gesamtanlageneffektivität von mehr als 90 Prozent. Weitere automatisierte Montagelinien für Türschlossgehäuse folgten.

Finanziell reichte die Restrukturierung dennoch nicht. Das erwartete Umsatzwachstum war ausgeblieben. Gleichzeitig zeigte eine Analyse, dass Karlstein und das tschechische Werk genügend Kapazitäten besitzen, um das gesamte europäische Produktionsvolumen abzudecken. Kapazitäten, die ursprünglich für Wachstum geschaffen worden waren, wurden damit unter veränderten Marktbedingungen zur Belastung. 

Miteigentümer Stefan Pollmann sprach schon 2025 über den wachsenden Druck im Automobilzuliefergeschäft. Sich angesichts steigender Kosten und höherer Anforderungen an die Flexibilität strategisch neu aufzustellen, sei eine „Frage der Notwendigkeit"

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Pollmann und die Autobauer: Warum ein Stillstand bis in deutsche Werke reichen könnte

Trotz der eröffneten Sanierungsverfahren läuft die Produktion nach Unternehmensangaben unverändert weiter. Nicht Teil der österreichischen Verfahren sind die Pollmann-Gesellschaften in Tschechien, Mexiko und China sowie die Maxxom Automation GmbH. Die Fortführung ist auch für die Kunden von erheblicher Bedeutung. Pollmann steckt tief in den Lieferketten der internationalen Automobilindustrie. Ein Produktionsstillstand könnte binnen kurzer Zeit bis in die Werke der Fahrzeughersteller durchschlagen. Als Beispiel wird ein großer deutscher OEM genannt. Die Einschätzung aus dem Unternehmensumfeld lautet zugespitzt: „Wenn Pollmann nicht produziert, stehen dort in zwei Wochen die Bänder.“

Pollmann fertigt Komponenten für lang laufende Fahrzeugprogramme. Etwa Türschlossgehäuse. Das Unternehmen deckt große Teile der Wertschöpfungskette selbst ab - von Entwicklung und Prototypenbau über Werkzeugbau und Automatisierung bis zur Großserie.

Für Autobauer lässt sich ein solcher Lieferant nicht kurzfristig ersetzen. Werkzeuge, Qualitätsfreigaben und Serienprozesse müssen bei einem neuen Lieferanten erst aufgebaut werden. Entsprechend groß ist auch das Interesse der Kunden an einer Fortführung. Der Fall reicht damit über das Waldviertel hinaus. Der Zulieferer ist stark in Fahrzeugprogramme deutscher Hersteller eingebunden.

Zugleich zeigt der Fall, wie breit die Krise der europäischen Zulieferindustrie mittlerweile reicht. Sie trifft nicht nur Unternehmen, die an klassischen Verbrennerprodukten hängen, sondern auch hochautomatisierte und internationalisierte Mittelständler mit E-Mobilitätsgeschäft. Rund 40 bis 50 Prozent der damaligen Neunominierungen entfielen laut Pollmann auf E-Mobilitätsprojekte – darunter Powerframes und AC/DC-Busbars. Gleichzeitig blieb das Türschlossgeschäft ein wichtiges Standbein.

Pollmann sucht Investoren: Wie die Rettung des Waldviertler Autozulieferers gelingen soll

Nun läuft parallel zur operativen Restrukturierung seit mehr als einem Jahr ein Investorenprozess. Laut Unternehmensumfeld gibt es mehrere potenzielle Interessenten, die Gespräche werden als weit fortgeschritten beschrieben. Ob darunter österreichische Investoren sind, will man nicht sagen.

Die zentrale Aufgabe der Sanierung liegt weniger darin, ein verschwundenes Geschäft wieder aufzubauen. Nicht das Produkt soll saniert werden, sondern in erster Linie die Bilanz und die Struktur dahinter. Nach Angaben aus dem Unternehmensumfeld zählen zwei große Banken zu den wesentlichen Gläubigern. 

Parallel muss Pollmann die Produktion stabil halten, Kunden weiter beliefern und den Investorenprozess vorantreiben. Ein Großteil der rund 500 betroffenen Arbeitsplätze soll nach den derzeitigen Planungen erhalten bleiben. Wie viele Stellen letztlich gesichert werden können, hängt vom Verlauf der Sanierung und vom Investorenprozess ab. Für die Automobilindustrie geht es um einen spezialisierten Lieferanten, dessen Komponenten tief in internationalen Fahrzeugprogrammen verankert sind. Für Karlstein und das nördliche Waldviertel geht es damit um einen der prägenden Industriebetriebe der Region.

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