"Mr. Dax" : Dirk Müller: „Der Euro spaltet Europa“
INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Müller, in Ihrem neuen Buch „Showdown“ sprechen Sie vom Euro als Fehlkonstruktion. Was ist denn falsch an unserer Währung? Dirk Müller: Die gemeinsame europäische Währung spaltet den Kontinent. Auf der einen Seite stehen die Südländer, denen eine Sparpolitik aufgezwungen wird, die permanent ‚alternativlose’ Entscheidungen gewählter Volksvertreter erfordern und die sie an den Rand von bürgerkriegsähnlichen Zuständen bringen. Werfen sie nur einen Blick nach Griechenland, Portugal oder Spanien. Dort steht man vor Verhältnissen wie in der Weimarer Republik. Auf der anderen Seite stehen Geber-Länder, deren Bürger unter schleichender Inflation und Lohnzurückhaltung leiden und die verärgert sind über die nicht enden wollenden Transferleistungen, die ihnen künftig abverlangt werden sollen. Dabei haben wir die Krise noch nicht ansatzweise gelöst- noch nicht mal die richtigen Rezepte dafür entwickelt. Deshalb wird sich die Situation weiter zuspitzen. Die gemeinsame Währung führt auf beiden Seiten des Spaltes zu Verwerfungen in der Gesellschaft, die sich verschlimmern. Dabei hatte sie genau das gegenteilige Ziel. Man könnte die gesellschaftlichen Probleme Griechenlands auch durchaus als nicht unübliche Krisensymptome eines Landes am Rande der Staatspleite sehen, die wenig mit dem Euro zu tun hat. Und bislang ist Österreich und Deutschland mit dem Euro doch durchaus gut gefahren... Dirk Müller: Für Österreich mag das sogar durchaus gelten – aber auch nur aufgrund eines statistischen Zufalls, wie ein Vergleich der Wirtschaftsdaten nahelegt. Österreich ist im vergangenen Jahrzehnt fast doppelt so schnell gewachsen wie Deutschland, weil der Außenwert der Währung über lange Zeit ziemlich nahe dem Ideal für die Alpenrepublik war. Für Deutschland war der Außenwert der Währung viel zu niedrig. Das hat dem Export etwas geholfen, aber die Kaufkraft der Bürger und somit die Binnennachfrage deutlich noch stärker gebremst. Für die Südländer war der Euro viel zu stark und das Zinsniveau viel zu niedrig. Auch hier kam es – und das Resultat sehen wir heute in Griechenland, Spanien, Italien und Portugal – zu Fehlallokationen und einem Einbruch der Exporte. Wenn wir den Euro wie bisher behalten wollen, bedeutet das, dass wir diese Fehlallokationen andauernd mit Transferzahlungen ausgleichen. Das wird politisch immer weniger durchsetzbar sein. Aber solche Transferleistungen gibt es doch in jeder Währungszone – ob Dollar, Rial oder Renmimbi. Sogar in der theoretischen D-Mark-Zone überweisen die Baden-Württemberger und die Bayern an die Saarländer und die Sachsen... Dirk Müller: Das ist richtig. Aber in all diesen Zonen sind die großen Eckpunkte der Steuergesetzgebung, der Sozialgesetzgebung und der rechtlichen Rahmenbedingungen gleichgeschalten. Nur so funktioniert dann auch ein Lastenausgleich. Ich bin ein glühender Verfechter eines gemeinsamen Europas. Aber, wenn wir Griechen, Portugiesen oder Spaniern nur um unsere gemeinsame Währung zu retten unsere Lebensanschauung und Wirtschaftssystem aufzwingen wollen, dann sind wir wieder dort, wo ich sage: Diese Währung spaltet Europa. Ist das sinnvoll? Lebt Europa nicht von der Diversität, von der Unterschiedlichkeit? Das ist ein großer Vorteil, in dem jeder von den Stärken des anderen profitieren kann. Dies gilt es zu bewahren. Alternative: Zurück zum ECU? Hier geht's weiter...
Es braucht keinen Hellseher um vorherzusagen, dass ein Abgehen vom Euro zu massiven Verwerfungen führen würde. Stichwort: Aufwertungsdruck. Wie erklären sie einem Unternehmer, dass er wieder in den unfairen Wettbewerb mit Firmen jenseits des Brenners gehen muss, die durch die Lira-Abwertung alljährlich mit neuen Dumpingpreisen ankommen..? Dirk Müller: Sehen sie es doch einfach einmal so: Unserer Wirtschaft kam in den vergangenen 10 Jahren ein ziemlich unverdienter Vorteil zu gute. Aber im Ernst. Ich halte das Argument vom Aufwertungsdruck für gnadenlos überbewertet. Als Deutschland die D-Mark hatte, waren wir Exportweltmeister. Vielleicht würden einige Maschinenbauer in einem ersten Schritt ein paar Prozent an die Italiener verlieren. Aber die Tatsache, dass eine neue D-Mark am freien Markt um – angenommen – 20 Prozent aufwertet bedeutet doch auch eines: Daß der Euro heute 20 Prozent unter der Leistungsfähigkeit Deutschlands liegt. Die Bürger kriegen 20 Prozent zu wenig Kaufkraft für ihr Geld. Die Industrie hat 20 Prozent zu wenig Kaufkraft für ihre Vorprodukte – in Zeiten der internationalen Arbeitsteilung und der Reimporte, kein geringer Faktor. Wir wissen derzeit nicht einmal ob dies Kaufkrafteffekte nicht sogar netto einen Vorteil für die Volkswirtschaft darstellen würde... ...aber wohl eine katastrophale Niederlage für unsere großartige europäische Idee... Dirk Müller: Ich bin ein glühender Verfechter eines gemeinsamen Europas. Aber ich bin auch sicher, wenn wir so weiter machen wir bisher, dann fliegt uns der Laden um die Ohren. Das wäre eine weitaus größere Niederlage für unsere europäische Idee. Erst kürzlich hat Jean-Claude Juncker gesagt, dass er eine Parallele zwischen Europa im Jahr 1913 und Europa im Jahr 2013 sieht. Er sagte, auch damals konnte sich niemand vorstellen, dass es noch mal Krieg in Europa geben wird. Aber ich gebe ihnen Recht: Die Symbolik einer Auflösung der Eurozone wäre verheerend. Was wäre Ihr Alternativvorschlag zur Lösung der Euro-Krise? Dirk Müller: Ein Kompromiss wäre, den Euro in der Außenwirkung bestehen zu lassen – so wie dies bereits früher in den Zeiten des ECU der Fall war. Dabei würden die Konten oder Kredite in Euro belassen - wie heute ein Fremdwährungskonto in US-Dollar -, aber in sämtlichen Eurostaaten die eigene nationale Währung als alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt. Die Währungen könnten um Bandbreiten schwanken, wie dies erfolgreich in den 90ern vorgeführt wurde. Jedes Land hätte damit die Möglichkeit, die eigene Währung an den Marktwert anzupassen, der seine wirtschaftliche Entwicklung widerspiegelt. Die Länder könnten dann wieder zueiander atmen und die Unternehmen wären von diesem Korsett befreit. Eine starke EZB im Rücken könnte intervenieren, wenn gegen eine einzelne Währung im Korb spekuliert würde. Man könnte internationale Verträge schließen und Staatsanleihen in Euro herausgeben. Realistisches Szenario? Hier geht's weiter...
Herr Müller, sehen Sie ernsthaft ein Szenario, in dem es soweit kommen kann? Dirk Müller: Allerdings. Es kann jedoch sein, dass der Leidensdruck auf beiden Seiten des Spaltes noch gehörig steigen wird müssen, damit sich die wirtschaftliche Vernunft durchsetzt. Woanders ist man da schon weiter. In Asien und Südamerika bilden sich gerade Währungen ähnlicher Art. Zur Person Dirk Müller, 45, ist deutscher Börsenmakler und Buchautor. Er wurde als „Mr. Dax“ bekannt. Sein 2009 erschienenes Buch „Crashkurs“ gilt als eines der besten deutschsprachigen Erklärstücke zu den Ursachen der Wirtschaftskrise. Müller versteht sich als „Dolmetscher zwischen Finanzwelt, Politik und Normalbürger“. Sein Anfang Mai erschienenes sein neues Werk „Showdown: Der Kampf um Europa und unser Geld“ skizziert die Fehlentscheidungen bei der Konstruktion des Euro und versucht Lösungsansätze auf dem Weg aus der Eurokrise aufzuzeigen. Veranstaltungstipp: Hören Sie Dirk Müller am 6. Industriekongress, 11. Juni 2013 in Wien und diskutieren Sie live mit. Ausserdem am IM-Kongress: Stephan Schulmeister WIFO, Andreas Gerstenmayer, AT&S, Hans Olaf Henkel, ehem. IBM, Andrea Hagmann, Oesterreichische Entwicklungbank, Georg Pachta-Reyhofen, MAN SE, Franz Josef Radermacher, Global Economic Network, Oliver Kupitzka, Coface Austria, Kurt Hofstädter, Siemens AG und viele mehr. Anmeldung: www.industriekongress.com