Moral Hazard

Corona-Hilfsprogramme: Wie können ökonomische Fehlanreize verhindert werden?

Umweltökonom Stefan Schleicher wünscht sich Corona-Hilfsprogramme, die Finanzmittel mit Innovationsanreizen verknüpfen. So könne die Industrie nachhaltiger und resilienter werden.

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Umweltökonom Stefan Schleicher zur Frage, wie sich die Resilienz der Wirtschaft steigern lässt.

Der Grazer Umweltökonom Stefan Schleicher kennt die Welt der Forschung wie der Welt der produzierenden Wirtschaft. Als Wissenschaftler sitzt er am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel an der Karl-Franzens-Universität in Graz; außerdem leitet er das Berater-Council beim Wasserstoff-Projekt H2Future, in dem Voest Alpine, Verbund und Siemens zusammen mit anderen Partnern Wasserstoff als Energieträger für die Stahlindustrie nutzbar machen. Das Coronavirus sieht Schleicher als eine „zwangsverordnete Nachdenkpause über eine Zukunft der nachhaltigen Strukturen“.

Welche strukturellen Schwächen der heimischen Industrie werden durch die Corona-Krise deutlich?

Erstens die Verletzbarkeit der Supply-Chains. Es war zum Beispiel eine Überraschung, draufzukommen wie abhängig etwa die Pharma-Industrie von Herstellern in China ist. Ähnliches haben auch andere Industrien erfahren. Es taucht hier wieder ein Wert auf, der in den letzten Jahren leider viel zu wenig wahrgenommen worden ist: Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen vieler Art. Jetzt ist es die Gesundheit, die diese Krise ausgelöst hat. Aber auch Probleme mit Erdöl oder Erdgas könnten eine Krisensituation auslösen. Unsere Abhängigkeiten werden grob unterschätzt.

Wie lässt sich die Resilienz steigern?
Indem man Resilienz mit Innovation verknüpft. Und sie nach allen Kräften fördert. Nach den üblichen Indikatoren, mit denen wir Innovation messen ist Europa auf Platz Drei hinter den USA und China, die sich den ersten Platz teilen. Die Distanz Europas zu diesen beiden Staaten wird leider immer größer. Es ist das ein Aspekt, den wir viel zu wenig wahrnehmen. Der aber immerhin in der neuen „Industrial Strategy“ der EU angesprochen wird. Innovationen für industrielle Entwicklungen müssen massiv gefördert werden. Bei neuer Technologie sind große Überraschungen möglich, die unser Wirtschaftsleben massiv verändern könnten.

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In welchen Bereichen rechnen Sie mit solchen disruptiven Überraschungen?
Erstens: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Beides könnte dazu führen, dass der konkrete Produktionsstandort immer weniger relevant wird. Nach Asien zu gehen, weil dort billiger produziert werden kann, wird in naher Zukunft nicht mehr notwendig sein. Zweitens: Additive Manufacting. Ich erinnere gern an die Meldung, wonach die US-Navy Ersatzteile bei Bedarf mittels 3D-Druck erzeugt. Und zwar nicht bloß simple Kunststoffteile, sondern ganze Turbinenblätter. Drittens: Neue Werkstoffe aus Polymeren. Diese Technologien werden wahrscheinlich starke Rückwirkungen beim Bedarf nach Stahl und Aluminium nach sich ziehen. Ich meine, es wäre unverzeihlich, sich bei diesen drei Entwicklungssträngen weiter abhängen zu lassen.

Jetzt haben Sie das Thema Wasserstoff gar nicht erwähnt…
Das würde ich bei Grundstoffen bzw. Werkstoffen ansiedeln. Ich denke sehr wohl, dass Wasserstoff große Aufmerksamkeit verdient. Ich verfolge das bei der VOEST sehr genau, wo ich das Advisory board für das Projekt H2Future koordiniere. Die Möglichkeiten von Wasserstoff geben uns – gerade für die Stahlindustrie – allen Grund, sehr optimistisch zu sein. Der Grund, warum ich Wasserstoff nicht extra erwähnt habe ist allerdings ein anderer: Die gegenwärtige Diskussion ist meines Erachtens zu sehr auf Elektrizität fokussiert. Um die Klimakrise zu bewältigen, aber auch um die Zukunft der Industrie zu sichern, bedarf es grundsätzlicher struktureller Veränderungen in den Bereichen zukunftsfähige Gebäude, Mobilität und Industrie. Es wäre klüger, zunächst einmal den Energiebedarf in diesen möglicherweise radikal sich verändernden Bereichen von Wirtschafts- und Lebensstil anzusehen. Alles Augenmerk auf die Elektrifizierung zu legen, halte ich für kontraproduktiv.

Wie sollte unsere Welt aussehen, wenn wir diese Krise in einigen Monaten überstanden haben?

Erstens: Bauten-Infrastrukur. Das ist deshalb so wichtig, weil diese Infrastruktur über Jahrzehnte erhalten bleibt. Da wird in Österreich sicher nicht genügend Sorgfalt an den Tag gelegt. Zum Beispiel werden immer noch an solchen Standorten Wohnbauten errichtet, wo wir als Konsequenz sehr viel Zwangsmobilität brauchen. Auch sind neue Wohnbauten weit davon entfernt, klimaneutral zu sein. Dass es auch anders geht, zeigt zum Beispiel die Schweiz. Dort finden wir Beispiele, wie Wohnungen so gebaut werden, dass sie möglichst viel Flexibilität haben. Etwa um im Bedarfsfall ein Home-Office einzurichten. Oder indem sie Senioren ermöglichen, möglichst lange in ihrem Zuhause zu leben.

Zweitens: Mobilität, und das bedeutet nicht immer nur Verkehrsbewegung. Die Entwicklung der Informationstechnologie – Homeoffice ist ein da ein Puzzle-Stein – wird kaum mitgedacht. Es ist ein Nebeneffekt der aktuellen Ereignisse zu realisieren, dass grundsätzlich nicht jeder jeden Tag zum „Arbeitsort“ kommen müsste. Auf der anderen Seite zeigt sich, dass die Orte, die wir als Wohnort bezeichnen, meistens nicht ideal vorbereitet sind, um dort auch arbeiten.

Drittens: Sachgüterproduktion. Wo sich die Industrie den großen neuen Herausforderungen –  Künstliche Intelligenz, Robotics und neue Werkstoffe – stellen. muss. Wir können das gar nicht intensiv genug anpacken. Die Frage der Energiebereitstellung ist gegenüber diesen fundamentalen Fragen nachgeordnet: Zuerst braucht es das Denken um zukunftsfähige Strukturen für Wohnen, Mobilität und Produktion, dann erst sollten wir prüfen, welches Energiesystem dafür geeignet ist. In der Schweiz findet sich dazu ein sehr gutes Beispiel. Auf dem ehemaligen Industrie-Areal Suurstoffi in Risch Rotkreuz wurde ein neues zehn Hektar großes Stadtentwicklungsgebiet eröffnet, das weitgehend energieautom und klimaneutral funktioniert. So sieht resiliente Stadtplanung aus..

Die EU hat erst kürzlich ihren Green Deal und ihre neue Industriestrategie vorgestellt. Sind beide angesichts der Corona-Krise noch aktuell bzw. wie werden sich die Prioritäten in der europäischen Industriepolitik jetzt verschieben müssen?

Es geht hier nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl- als-auch. Die Notwendigkeit, resilientere Wirtschaftsstrukturen zu haben, wird durch die Corona-Krise nur unterstrichen. Ich denke, es ist auch noch nicht absehbar, wie wir das ganze bewältigen werden. Aber es ist ein zusätzlicher Grund, darüber nachzudenken, wie wir unsere Industrie künftig strukturieren und innovativer und krisenfester machen. Ich würde mir wünschen, dass die Rettungspakete zielorientierter ausgestaltet sind. Nur drauf zu warten, dass jetzt die Unternehmen aufzeigen und eine Rechnung schicken, um weiterzumachen wie bisher, hielte ich für eine vertane Chance. Ich denke, die Hilfsprogramme sollten mit Innovationsanreizen verbunden sein.

Zum Green Deal muss man einige Erklärungen vorausschicken. Das formulierte Ziel, bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu sein, ist eine Herausforderung von einer Dimension, die derzeit viel zu wenig verstanden wird. Geschweige denn Klimaneutralität bis zum Jahr 2040, wie es sich die österreichischen Bundesregierung in ihrem Arbeitsprogramm verordnet hat. Dazu eine Veranschaulichung, wie dieser Weg bis 2040 aussehen müsste: Würden wir in Österreich unsere gesamte Pkw-Flotte von heute auf morgen auf Klimaneutralität umstellen – also auf Batterie, Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe) – würden wir damit nicht mehr als vier Jahre bewältigen. Würden wir von einem Tag auf den anderen die gesamte Industrie fossil-frei machen, würden wir sechs Jahre gewinnen – zusammen sind das erst zehn Jahre von den bis 2040 zu meisternden 20 Jahren. Weder im österreichischen Regierungsprogramm, noch im European Green Deal gibt es dazu eine verbindliche politische Vorgangsweise. Der European Green Deal erweckt für mich den eher den Eindruck, er sei von einer PR-Abteilung der EU-Kommission geschrieben worden. Es ist bezeichnend, dass der von der Kommission vorgelegte European Climate Act zwar ein Ziel für 2050 festlegt, aber keines für 2030. Das ist ein Hinweis darauf, wie kontrovers das Ziel Klimaneutralität innerhalb der EU wirklich ist.

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