Und Frequentis sammelt die Daten dieser Sensoren?
Haslacher: Wir sind die Datendrehscheibe zwischen Sensoren und Entscheidungsinstanzen. Unsere Systeme verarbeiten die eingehenden Signale, gleichen sie mit Flugsicherungsdaten ab – denn manche Drohnen fliegen legal mit Flugplan – und unterstützen dann den Entscheidungsprozess: Soll eine Abwehr eingeleitet werden oder nicht? Die Entscheidungskette muss juristisch nachvollziehbar sein, weil jemand die Verantwortung trägt, wenn eine Drohne abgeschossen oder gestört wird. Wir liefern dafür die technische Grundlage. Die anschließende Bekämpfung – ob durch Jamming, Netze, Abfangdrohnen oder andere Mittel – erfolgt dann durch die militärischen Effektoren.
Ein solches flächendeckendes Drohnenerkennungssystem wäre teuer.
Haslacher: Ein europaweiter Drohnenschutz ist nicht finanzierbar. Aber man kann kritische Zonen definieren: Flughäfen, Kasernen, Energieinfrastruktur. Dort lassen sich Sensoren und Kommunikationssysteme aufbauen. Das Entscheidende ist die Interoperabilität – also, dass nationale Systeme miteinander sprechen können. Solche Projekte entstehen derzeit auf NATO- und EU-Ebene. Wir wissen, dass technisch alles machbar ist, aber politisch und organisatorisch sind noch viele Fragen offen.
Wie stellen Sie sicher, dass bei NATO-Projekten nicht ausschließlich amerikanische Firmen zum Zug kommen?
Haslacher: Über das europäische Vergaberecht. Viele Ausschreibungen verlangen heute bereits 51 Prozent europäische Ownership. Das ist eine neue Entwicklung der letzten zwölf Monate. Europa will seine Souveränität in der Verteidigungsindustrie stärken – und das ist gut so. Wenn Europa ein gemeinsames Air-Defence-System aufbaut, dann muss auch die Dateninfrastruktur aus Europa kommen.
Neben den Radar- und Kommunikationssystemen engagiert sich Frequentis auch in neuen Technologien. Welche Projekte sind relevant?
Haslacher: Ein großes Thema ist der Remote Tower – ursprünglich für die zivile Flugsicherung entwickelt. Dabei werden Tower-Funktionen digitalisiert und können von einem zentralen Standort aus betrieben werden. Wir haben diese Technologie in Deutschland, Australien, Neuseeland, Brasilien und Großbritannien im Einsatz. Die US Air Force und die US Marines nutzen sie inzwischen ebenfalls – mit militärischen Anpassungen. Wir haben eine verlegefähige Version entwickelt, die innerhalb von drei Stunden betriebsbereit ist – einsatzbereit auf jedem Flugfeld. Das ist besonders wichtig, weil Flugplätze im Konfliktfall zu den ersten Angriffszielen gehören. Mit Remote-Tower-Technologien können Fluglotsen in sicheren Bunkern sitzen, während sie per Video und Sensorik den Flugverkehr steuern. Das ist ein enormes Sicherheitsplus.
Gibt es weitere Bereiche, in denen Frequentis zulegt?
Haslacher: Ja, etwa im Bereich MCX – Mission Critical Services over LTE/5G.
Heute nutzen Polizei, Feuerwehr, Rettung und Militär noch TETRA-Funksysteme. Die sind 30 Jahre alt und können nur Sprache, kaum Daten übertragen. In einer Welt, in der Kommunikation zunehmend datengetrieben ist, reicht das nicht mehr. MCX ermöglicht, die bestehenden Mobilfunknetze sicherheitskritisch zu nutzen – also priorisiert, verschlüsselt und unabhängig von zivilen Überlastungen. Im Krisenfall bekommen Einsatzkräfte so Vorrang im Netz. Wir sind bereits Teil des ersten europäischen MCX-Projekts in Großbritannien, gemeinsam mit IBM. Mehrere Länder schreiben derzeit aus. Das wird ein Zukunftsthema für die nächsten zehn bis 15 Jahre.