Militärlogistik : Brigadier Lampl: „Der Krieg fragt nicht nach Quartalszahlen“

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Brigadier Stefan Lampl, Direktor für Militärlogistik im EU-Militärstab: "Übergang von Just-in-Time über Just-in-Case hin zu Just-enough"

- © Matthias Heschl

Wenn in Europa über Sicherheit gesprochen wird, geht es meist um Panzer, Flugzeuge, Soldaten und internationale Bündnisse. Für Brigadier Stefan Lampl greift diese Sicht zu kurz. Der Direktor für Militärlogistik im EU-Militärstab stellt die Frage industriepolitisch: Kann Verteidigungsfähigkeit ohne industrielle Stärke überhaupt funktionieren? „Ohne Industrie gibt es keine Verteidigungsfähigkeit“, sagt Lampl. Sicherheit entstehe nicht erst im Einsatz, sondern viel früher – in Planung, Produktion und in der Fähigkeit, Systeme dauerhaft bereitzustellen. 

 

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Diese Einschätzung steht vor dem Hintergrund einer veränderten sicherheitspolitischen Lage. Klassische militärische Bedrohungen, hybride Angriffe auf kritische Infrastruktur und strategisch genutzte wirtschaftliche Abhängigkeiten hätten den Sicherheitsbegriff erweitert. Verteidigungsfähigkeit müsse daher als System gedacht werden – aus Material, Personal, Durchhaltewillen, Logistik, skalierbarer Industrie und Innovationsfähigkeit. 

Lampls Blick ist jener des Logistikers. Ein moderner Kampfpanzer ist für die Öffentlichkeit ein Symbol militärischer Stärke. Für ihn ist er zuerst ein Verbraucher: Er braucht Treibstoff, Munition, Ersatzteile und Wartung. Daraus folgt folgende Konsequenz: „Ein Panzer ohne Ersatzteile ist lediglich ein sehr teures Denkmal“, sagt Lampl. Verteidigungsfähigkeit beginne deshalb nicht am Gefechtsfeld, sondern in Fabriken, Lagern und nachhaltigen Lieferketten. 

Logistik als Blutkreislauf

Hinter jeder Produktionslinie, jedem Fahrzeug und jedem Radar stehen Menschen mit Erfahrung und Verantwortung. Maschinen können gekauft werden, Fachkräfte aber nicht auf Abruf. Ausbildung brauche Zeit – und Zeit sei im Krisenfall meist knapp. Industrie, Streitkräfte und kritische Infrastruktur konkurrieren im Ernstfall um dieselben Spezialisten. Personal ist für Lampl daher nicht bloß ein Faktor, sondern der „Herzschlag der Verteidigungsfähigkeit“. 

Dazu kommt die Logistik. Lampl beschreibt sie als Blutkreislauf eines Verteidigungssystems. Der Gegner greife heute nicht nur die Front an, sondern auch Häfen, Bahnnetze, Datenverbindungen und Lieferketten. Logistik sei damit nicht mehr bloß Transport und Umschlag, sondern Informations-, Risiko- und Resilienzmanagement.

Genau hier wird die Industrie zum strategischen Faktor. Streitkräfte können im Krisenfall plötzlich nicht zehn, sondern hundert Einheiten eines kritischen Systems benötigen. Die entscheidende Frage lautet dann: Wie schnell kann geliefert werden? Für Lampl ist das der Kern von Skalierbarkeit. „Im Frieden optimieren wir auf Effizienz. Im Krisenfall zählt Anpassung.“ Industrielle Stärke bedeutet daher nicht nur vorhandene Produktionskapazität, sondern die Fähigkeit, Kapazitäten rasch hochzufahren und über längere Zeit aufrechtzuerhalten. 

Friedenslogik trifft Krisenlogik

Die europäische Industrie ist aus Lampls Sicht rational auf Friedenslogik optimiert: Just-in-Time, geringe Lagerbestände, planbare Nachfrage, Kostenreduktion. Das hat Wohlstand geschaffen und war wirtschaftlich sinnvoll. Doch Krisenlogik funktioniert anders. Sie bringt plötzliche Bedarfsspitzen, unplanbare Verluste, unterbrochene Lieferketten und steigenden Materialbedarf über längere Zeiträume. 

Lampl formuliert diesen Bruch drastisch: „Der Krieg fragt nicht nach Quartalszahlen, Lieferfenstern und Forecasts.“ Er erzeuge Bedarfsspitzen, für die es kein Excel-Sheet gebe. Aus logistischer Sicht sei daher nicht die billigste Lieferkette die beste, sondern jene, die auch unter Stress funktioniert. „Resilienz kostet Geld, aber fehlende Resilienz kostet Handlungsfähigkeit“, sagt Lampl. 

Damit verschiebt sich auch der Blick auf Lagerhaltung, Reserven und Redundanzen. Was im Normalbetrieb als Kostenblock erscheint, kann im Krisenfall über Einsatzfähigkeit entscheiden. Die Frage lautet nicht nur, ob Systeme vorhanden sind, sondern wie lange sie einsatzbereit bleiben und wie schnell Ersatzteile, Munition, Komponenten oder Wartungsleistungen nachgeliefert werden können.

Industrie als strategischer Partner

Die industrielle Basis ist für Lampl das Fundament der Verteidigungsfähigkeit. Sie ist selten sichtbar, trägt aber das gesamte System. Moderne militärische Systeme bestehen aus tausenden Komponenten und Zulieferleistungen aus unterschiedlichen Ländern. Jede industrielle Abhängigkeit wird damit zu einer sicherheitspolitischen Frage. 

Innovation braucht Rückkopplung

Moderne Industrie ist für Lampl nicht nur Produzent, sondern Innovator, Entwicklungspartner und Systemintegrator. Viele Lösungen entstehen im direkten Austausch zwischen Nutzer und Hersteller. Der Soldat erkennt das Problem, die Industrie entwickelt die Lösung, die Logistik sorgt für Skalierung. Dieses Zusammenspiel entscheidet über Geschwindigkeit und Wirkung. Gerade bei Drohnen zeige der Ukraine-Krieg, wie kurz Innovationszyklen geworden sind: Zwischen Idee und Umsetzung dürfen nicht mehr Jahre liegen, an der Front sei ein 45-Tage-Zyklus zum Taktgeber geworden. 

Die Herausforderung liegt darin, Effizienz und Resilienz neu auszubalancieren. Lampl beschreibt den Übergang "von Just-in-Time über Just-in-Case hin zu Just-enough". 

Für Österreich sieht Lampl Chancen. Besonders im Bereich der Zulieferer, bei Tier-2- und Tier-3-Unternehmen, könne Österreich mit Fachkräften, Flexibilität und Hidden Champions einen Beitrag leisten. Verteidigungsfähigkeit sei ein Mannschaftssport zwischen Staat, Streitkräften, Forschung und Industrie. Sicherheit entsteht lange vor der Front – in Entwicklungsabteilungen, Werkhallen, Logistikzentren und Lieferketten.