Lieferkette Geopolitik USA China : Versorgung unter Druck: Wie geopolitische Abhängigkeiten Europas Lieferketten gefährden

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Globale Lieferketten stehen zunehmend im Spannungsfeld zwischen geopolitischer Unsicherheit, technologischer Transformation und strukturellen Abhängigkeiten. Eine neue Studie des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) zeigt, wie stark Österreich und die EU bei strategisch wichtigen Produkten von den USA abhängig sind – insbesondere im biomedizinischen Bereich. Gleichzeitig wächst die Sorge über die massive Dominanz Chinas bei seltenen Erden und anderen kritischen Rohstoffen. Ein aktueller Bericht des EU-Rechnungshofs stellt der europäischen Politik ein ernüchterndes Zeugnis aus: Die bisherigen Maßnahmen reichen bei weitem nicht aus, um die wirtschaftliche Resilienz Europas zu sichern. Für die Logistikbranche ergeben sich daraus weitreichende Konsequenzen.

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Hohe Importabhängigkeit bei Arzneimitteln: ASCII-Studie warnt vor Versorgungsrisiken

Die ASCII-Studie analysiert rund 6.000 Produktkategorien und macht deutlich, dass die größten Verwundbarkeiten dort bestehen, wo hohe Importabhängigkeit mit geringer Substituierbarkeit zusammentrifft. Besonders kritisch ist die Lage bei biomedizinischen Vorprodukten, darunter Impfstoffe, Antiseren und Blutprodukte. Allein 2022/2023 wurden pharmazeutische Wirkstoffe im Wert von 1,8 Mrd. USD nach Österreich importiert – rund die Hälfte davon aus den USA. Viele dieser Stoffe werden nur von wenigen Herstellern weltweit produziert, was die Ausweichmöglichkeiten weiter einschränkt.

Österreichs Wirtschaft ist auch bei Spezialhormonen und biotechnologischen Komponenten auf US-Zulieferungen angewiesen. Während es für Rohstoffe wie Kohle, Roheisen oder Passagierflugzeuge globale Alternativen gibt, fehlen solche bei bestimmten Arzneimittelkomponenten und Hightech-Bauteilen. Die Studienautoren warnen deshalb vor einem „toxischen Cocktail“ aus geopolitischen Spannungen, regulatorischem Wandel und technologischer Abhängigkeit, der im Ernstfall die medizinische Versorgung gefährden kann.

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Chinas Dominanz bei kritischen Rohstoffen bleibt das systemische Nadelöhr

Parallel zu den US-Abhängigkeiten nimmt die strategische Abhängigkeit Europas von China im Bereich seltener Erden und anderer kritischer Rohstoffe dramatisch zu. Laut EU-Rechnungshof stammt mehr als 90 Prozent der EU-Importe bei bestimmten seltenen Erden und Zwischenprodukten wie Magnesium aus China. Zehn von 26 als kritisch eingestuften Rohstoffen werden derzeit ausschließlich importiert – und das fast vollständig aus einem oder wenigen Herkunftsländern, zitiert orf.at den EU-Rechnungshofbericht.

Diese Rohstoffe sind essenziell für Schlüsselindustrien: Elektromobilität, Windkraftanlagen, Elektronik und Verteidigung. Besonders prekär ist dabei die Tatsache, dass nicht nur der Rohstoffabbau, sondern auch ein Großteil der Verarbeitungskapazitäten in chinesischer Hand ist. Selbst wenn Europa Zugang zu Lagerstätten hätte, fehlen dafür aktuell Veredelungsanlagen oder diese sind – wie im Fall einiger Raffinerien – stillgelegt, u. a. wegen hoher Energiekosten.

Hinzu komme, so der Bericht: Recyclingpotenziale für strategische Metalle wie Vanadium oder Lithium werden in der EU kaum genutzt. Das erhöht nicht nur die Primärabhängigkeit, sondern verringert die strategischen Handlungsspielräume bei Versorgungsengpässen.

EU-Rohstoffpolitik: Anspruch hoch, Umsetzung schleppend

Zwar wurde mit dem Critical Raw Materials Act ein ambitioniertes Ziel formuliert: Bis 2030 sollen mindestens zehn Prozent des jährlichen EU-Bedarfs an kritischen Rohstoffen aus eigener Förderung, 40 Prozent aus EU-Verarbeitung und 15  Prozent aus Recycling stammen. Doch der EU-Rechnungshof zweifelt offen an der Umsetzbarkeit dieser Ziele. Genehmigungsverfahren für Minen dauern teils bis zu 20 Jahre. Die für die Verarbeitung nötige Infrastruktur fehlt oft – und dort, wo sie existiert, ist sie wirtschaftlich kaum tragfähig.

Auch neue Partnerschaften mit rohstoffreichen Drittstaaten wie Vietnam oder Indonesien befinden sich in einem frühen Stadium. Bisherige Vereinbarungen sind laut EU-Rechnungshof eher diplomatische Absichtserklärungen als konkrete Rohstoffsicherungsmaßnahmen mit belastbaren Lieferquoten.

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Lieferketten im Umbruch: Unternehmen müssen Strategien an geopolitische Realität anpassen

Die in der ASCII-Studie aufgezeigten Abhängigkeiten und das volatile geopolitische Umfeld haben konkrete Auswirkungen auf das Management von Lieferketten. Dabei wird deutlich, dass klassische Ansätze – etwa das Just‑in‑Time-Prinzip – nicht mehr ausreichen, um Versorgungssicherheit langfristig zu gewährleisten. Unternehmen stehen unter Zugzwang, ihre Strategien an die neuen Realitäten anzupassen.

1. Diversifizierung statt Konzentration

Ein zentrales Ergebnis der ASCII-Studie ist die hohe Verwundbarkeit durch einseitige Abhängigkeiten von einzelnen Ländern – etwa bei biomedizinischen Vorprodukten aus den USA oder kritischen Rohstoffen aus China (ASCII, 2026). Die EU-Kommission hat mit dem Critical Raw Materials Act 2023 bereits rechtliche Grundlagen geschaffen, um die Bezugsquellen strategischer Materialien zu verbreitern und europäische Produktion zu fördern. Auch die OECD empfiehlt in ihrem Supply Chain Resilience Toolkit 2022, strukturelle Konzentrationen in der Lieferkette durch geografische Diversifizierung, Mehrlieferantenstrategien und „Friendshoring“ zu entschärfen.

2. Resilienzplanung als neuer Standard

Spätestens seit der COVID-19-Pandemie und den Engpässen bei Mikrochips und medizinischer Ausrüstung ist klar: Versorgungssicherheit verlangt nach struktureller Resilienz. Die OECD betont in ihrem Bericht Building Resilient Supply Chains (2022), dass Lagerhaltung, Redundanz in Transportwegen und langfristige Kontrakte heute ein zentraler Teil der Unternehmensplanung sein müssen. Auch McKinsey weist in seiner Studie Risk, resilience, and rebalancing in global value chains (2020) darauf hin, dass Unternehmen, die auf „Just-in-Case“-Modelle umstellen, Krisen besser bewältigen konnten. Die ASCII-Studie ergänzt diese Perspektive um den Vorschlag strategischer Reserven für schwer ersetzbare Schlüsselprodukte – insbesondere im biomedizinischen Bereich (ASCII, 2026).

3. Transparenz und Risikoanalyse entlang mehrstufiger Lieferketten

Ein wesentliches Risiko liegt oft nicht in der ersten, sondern in tieferliegenden Lieferkettenebenen. Die ASCII-Studie hebt hervor, dass gerade indirekte Abhängigkeiten – etwa wenn US-Produkte aus Drittstaaten weiterverarbeitet werden – häufig unterschätzt oder gar nicht erfasst werden. Deloitte empfiehlt in seinem Third-Party Risk Report von 2023, Lieferketten bis zur dritten und vierten Stufe transparent zu machen, um systemische Risiken frühzeitig zu erkennen. Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) fordert in seinen Handlungsempfehlungen 2022 die Etablierung von End-to-End-Transparenz als Grundvoraussetzung für strategisches Supply Chain Management.

4. Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Politik

Der wohl deutlichste Paradigmenwechsel: Lieferkettenrisiken sind nicht mehr nur betriebswirtschaftliche, sondern zunehmend sicherheitspolitische Fragen. Die neue US-Sicherheitsstrategie von 2025 etwa stuft Handelsabhängigkeiten ausdrücklich als nationales Sicherheitsrisiko ein – ein Schritt, der die Handels- und Zollpolitik tiefgreifend beeinflusst. Auf EU-Ebene wurde mit der Economic Security Strategy 2023 eine eigene Plattform zur strategischen Resilienzpolitik geschaffen, um kritische Industrien gegen externe Schocks zu schützen. Die ASCII-Studie schlägt vor, dass Unternehmen ihre Risikostrategien enger mit staatlichen Vorgaben verzahnen – etwa über öffentlich-private Partnerschaften, Frühwarnsysteme oder gemeinsame Risikoanalysen mit Behörden.