Halbleiter : Japanischer Angriff auf Infineon
Sabine Herlitschka: Die Infineon-Chefin bekommt eine Kampfansage aus Japan
- © APA/GERT EGGENBERGEREuropa war in den vergangenen fünfzig Jahren vor allem Endkunde. Doch jetzt besinne man sich wieder auf die Produktion. Diese überaus zutreffende Einschätzung hat Infineon-Chefin Sabine Herlitschka erst kürzlich geliefert und auch auf ihr eigenes Unternehmen samt dem Ausbau des Villacher Werks bezogen. Was sie nicht erwähnt hat, was aber gerade für Infineon zu einer richtigen harten Herausforderung werden könnte: Längst wollen auch nicht-europäische Unternehmen auf Vorort-Produktion für den europäischen Markt setzen.
So kündigt der japanische Halbleiterspezialist Rohm an, man wolle einer der großen Spieler in europäischem Markt werden und global eine bedeutende Rolle spielen. Viele Indizien sprechen dafür, dass es sich dabei um mehr als bloßes Säbelrasseln handelt und die Gefahr für den Hauptkonkurrenten Infineon sehr real ist. Wie Unternehmenschef Isao Matsumoto erklärt, wolle Rohm in Europa vor allem mit der Autoindustrie kooperieren, dem wichtigsten Umsatzbringer von Infineon.
Dabei hat Rohm einen kaum zu unterschätzenden Vorteil: Rohm produziert Siliziumkarbid (SiC), das Chipmaterial der Zukunft, in einer eigenen Fabrik der Tochter SiCrystal in Nürnberg. Mit Halbleitern aus SiC verbrauchen Elektroautos weniger Strom, daher ist der Rohstoff weltweit knapp und begehrt.
Doch das ist noch nicht alles: Rohm bezieht nur zehn Prozent seiner Chips von Auftragsfertigern. Infineon dagegen lässt rund dreißig Prozent aller Bauelemente von Zulieferern produzieren. Das ist seit Längerem hinderlich, weil diese sogenannten Foundries in Fernost die Auftragsflut nicht mehr bewältigen können, lange Lieferzeiten sind die Folge.
Aus diesem Grund bemühen sich sowohl Europa als auch die USA, die Mikrochip-Produktion anzukurbeln, was schon jetzt zu einem massiven und befürchteterweise ruinösen Wettbewerb führt.
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Sechs Monate Lieferzeit - statt zwei Jahren
Bei Rohm sorgt indes die eigene tiefe Wertschöpfung für eine stabile Belieferung der Rohm-Kunden, unterstreicht CEO Matsumoto. Rohm habe sich damit schon lange vor den derzeitigen Problemen in der Lieferkette erfolgreich positioniert, bestätigt auch der Chipspezialist Peter Fintl von Capgemini.
Zum Teil müssen die Kunden der Halbleiterhersteller weltweit bis zu zwei Jahre auf ihre Bestellungen warten. Bei Rohm betrage die Lieferfrist derzeit zwischen vier und sechs Monate. Rohm hat jedenfalls dieser Tage seine Mittelfristprognose nach oben geschraubt. Bislang hat das Unternehmen Investoren einen Umsatz von umgerechnet rund 3,5 Milliarden Euro für das Jahr 2025 versprochen. Ein Ziel, das der Konzern im laufenden Geschäftsjahr bereits übertreffen wird. Nun will Matsumoto in drei Jahren etwa 4,5 Milliarden Euro erlösen. Zudem peilt der Konzernherr eine operative Marge von 20 Prozent an, bisher waren es 17 Prozent.
Dass Rohm jetzt den Turbo zündet, ist nicht selbstverständlich. Zwei Jahrzehnte lang dümpelte der Umsatz des 1954 gegründeten Unternehmens vor sich hin. Erst in dem am 31. März beendeten jüngsten Geschäftsjahr lagen die Erlöse wieder über dem Rekord aus dem Jahr 2000. So sind die Einnahmen um 26 Prozent auf umgerechnet rund 3,4 Milliarden Euro in die Höhe geschossen. Allerdings lag die operative Marge mit 15,8 Prozent noch deutlich unter den 34 Prozent von damals.
Besonders rund lief es zuletzt in Europa, der Heimat einiger der weltweit wichtigsten Konkurrenten von Rohm: Neben Infineon zählt der französisch-italienische Hersteller STMicroelectronics dazu. Hier legten die Erlöse um fast 40 Prozent zu. Noch steht das Europageschäft von Rohm für vergleichsweise schmale acht Prozent vom Umsatz.
Ein wichtiges Geschäft für Rohm, von dem man in Europa besonders profitieren will, sind die sogenannten Leistungshalbleiter, die für die Stromversorgung der Elektrofahrzeuge nötig sind. Sie werden sowohl im Auto selbst eingebaut als auch in den Ladesäulen.
Vergangenes Jahr ist das globale Geschäft mit Autochips um 28,6 Prozent auf 51,6 Milliarden Dollar geklettert, obwohl die Hersteller lediglich 2,5 Prozent mehr Fahrzeuge produzierten als 2020. Das heißt: Die Chipfirmen haben mehr und teurere Bauteile verkauft.
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Weitere japanische Konkurrenten in den Startlöchern
Gefragt sind auch Halbleiter aus Siliziumcarbid. Chips. Bei der Tochter SiCrystal in Nürnberg stellen die Japaner das Material dafür her und verkaufen dieses an Kunden wie STMicroelectronics oder Infineon. Gleichzeitig entwickelt und vertreibt Rohm aber auch selbst SiC-Halbleiter. Mit einem Marktanteil von zehn Prozent sind die Asiaten die Nummer vier unter den Anbietern von SiC-Chips.
Infineon scheiterte bislang am Einstieg in dieses Geschäft. 2017 wollte man ebenfalls einen SiC-Produzenten übernehmen, den US-Konzern Wolfspeed. Die amerikanischen Behörden untersagten den Deal mit Verweis auf die nationale Sicherheit. Rohm war weitsichtiger und hat SiCrystal bereits im Jahr 2009 Siemens abgekauft.
Zugute kommt Rohm, dass Japan bereits seit einigen Jahren dabei ist, seine Position als High-Tech-Schmiede zurückzuerobern. Neutrale Branchenbeobachter verweisen darauf, dass es ohne die winzig kleinen elektronischen Bauteile aus Japan die heutigen leistungsfähigen Smartphones nicht gäbe. Sensoren, Antennen, Kondensatoren, Drosselspulen und Filter, die immer kleiner und besser werden, das ist die Spezialität von in Europa immer bekannteren wie Alps, Murata oder Rohm.
Bei den Fernsehern sehen sich die japanischen Hersteller aber nicht nur in der Rolle eines Komponenten-Lieferanten, sondern auch bei den Endkunden-Marken in einer führenden Position, obwohl auch hier seit geraumer Zeit Konkurrenten wie Samsung weltweit viel mehr Geräte absetzen können.
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