Industrie Krise : Österreichs Industrie: Ist das schon der Aufschwung?
Österreichs Industrie spricht wieder stärker über Wachstum als über Krise.
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Während viele Industriebetriebe noch in der Sprache der Krise sprechen, klingt Robert Machtlinger bereits optimistisch. Der FACC-CEO blendet Standortbelastungen nicht aus: hohe Lohnkosten, demografischer Wandel und offene Reformthemen bleiben auf der Agenda. Doch der Grundton bleibt Aufbruch. Die Luftfahrt hat aus seiner Sicht ihre schwerste Phase hinter sich. Für FACC geht es nicht mehr um die Rückkehr zur Normalität, sondern um eine neue Wachstumsphase.
Die Branche sei nicht mehr jene zyklische Industrie, die sie vor 20 oder 25 Jahren gewesen sei. Heute sei das Geschäft deutlich konstanter. Nordamerika und Europa sorgten für stabile Nachfrage, in Asien kämen Wachstumsmärkte dazu. Der Grund ist ein struktureller Überbedarf an Flugzeugen. Machtlinger verweist auf fehlende Maschinen, ein Orderbuch von annähernd 18.000 bestellten Flugzeugen bei Airbus und Boeing und einen Auftragsbestand von mehr als zehn Jahren.
Die Branche arbeitet damit nicht mehr am bloßen Wiederhochfahren. Seit 2023 gehe es auch bei FACC wieder aufwärts. „Wir sind heute in einer neuen Wachstumsphase.“ Nun gehe es darum, die bestellten Flugzeuge abzuarbeiten und sich zugleich auf die nächste Generation vorzubereiten.
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Diese nächste Generation erwartet Machtlinger nicht vor 2030, eher danach. Im Zentrum stehen neue Prozesse und Antriebssysteme: Flugzeuge, die zu 100 Prozent synthetische Treibstoffe verwenden können, und Triebwerke, die rund 20 Prozent weniger Betriebsmittel verbrauchen als heutige Modelle. Ab Mitte der 2030er-Jahre erwartet Machtlinger einen Wechsel hin zu neuen Plattformen.
FACC: Das neue Werk als Signal
Die Antwort auf hohe Kosten sieht Machtlinger nicht in kleinen Korrekturen, sondern in einem Technologiesprung. Seit 2020 seien die Kosten um über 30 Prozent gestiegen. Deshalb setzt FACC auf künstliche Intelligenz, Digitalisierung, Robotik und Automatisierung.
Das neue Werk steht für diesen Ansatz. Die 120-Millionen-Euro-Investition ist Kernstück eines 350-Millionen-Euro-Pakets bis 2030 und soll die Fertigung von Strukturkomponenten übernehmen. Oberflächenbehandlung soll vollautomatisch ablaufen, Schraubverbindungen sollen Mensch und Maschine gemeinsam setzen. Auch beim Personal denkt FACC Wachstum neu. Digitalisierung, Automatisierung und qualifizierte Beschäftigung werden Teil derselben Strategie. Am Ende steht eine Wachstumsstory, die ihre Brüche nicht verschweigt. Der Standort braucht Reformen, die Kosten bleiben hoch, die Fachkräftefrage wird anspruchsvoller. „Es ist eine Geschichte mit Licht und Schatten.“ So beschreibt Machtlinger die Lage. Österreich sei im globalen Kontext bei den Kosten massiv benachteiligt. Und doch sieht er Fortschritte: In den vergangenen Monaten seien wichtige Weichen gestellt worden. Nicht alles sei gelöst, aber es gebe zumindest planerische Sicherheit für die nächsten beiden Jahre.
Bei den großen Reformthemen nennt er Pensionen, Gesundheit und Ausbildung. Österreich und Europa verfügten zugleich über ein starkes Ausbildungssystem. Die Probleme seien nicht weg, aber „ein paar Weichen sind gestellt“. Nur beim Tempo macht Machtlinger keine falschen Versprechen: „Wir sind aber erst am Anfang des Marathons.“ Machtlingers vielleicht optimistischster Satz fällt beim Blick auf das neue Werk: „Das wird eine ganz super Sache. Auf das freue ich mich", sagt er.
Rosenbauer-CEO Robert Ottel: „Zunehmend Licht“
Rosenbauer-CEO Robert Ottel sieht den Feuerwehrausrüster nach dem erfolgreichen Turnaround auf einem neuen Höchststand. International wächst die Nachfrage, vor allem in den USA, Südamerika und Indien.
INDUSTRIEMAGAZIN: Wie beurteilen Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage in Ihrer Branche: Ist die in Teilen rezessive Phase überwunden?
Robert Ottel: Für Rosenbauer ist die Entwicklung äußerst erfreulich. 2025 war nicht nur ein Jahr des erfolgreichen Turnarounds, sondern zugleich ein Rekordjahr: Wir haben den höchsten Umsatz unserer Geschichte erzielt, den größten Auftragsbestand erreicht und das beste Ergebnis erwirtschaftet.
Für die Industrie insgesamt stellt sich die Lage differenzierter dar – die rezessive Phase ist noch nicht vollständig überwunden. Dennoch sehen wir zunehmend Licht am Ende des Tunnels. Auch moderatere KV-Abschlüsse tragen zur Stabilisierung bei. Positiv ist zudem, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Österreich zuletzt zumindest nicht weiter verschlechtert hat.
Wie erleben Sie die Marktsituation in Europa und international?
Ottel: Wir erleben eine anhaltend hohe Nachfrage. Diese basiert vor allem auf der Stärke der Marke Rosenbauer, unserem innovativen Produktportfolio und einem insgesamt wachsenden Marktumfeld in Europa und weltweit. Bereits 53 % unseres Geschäfts erwirtschaften wir heute außerhalb Europas – ein klarer Beleg für unsere starke internationale Positionierung.
Mit Exporten in über 110 Länder und einer konsequenten Nähe zu unseren Märkten – etwa durch Produktion in den USA für den US-Markt – sind wir breit und resilient aufgestellt. Dadurch spüren wir die Auswirkungen von Zöllen und handelspolitischen Spannungen nur in sehr begrenztem Ausmaß
Sehen Sie für die kommenden Monate wieder mehr Investitionsbereitschaft im eigenen Unternehmen ebenso wie bei Kunden?
Ottel: In unserer Branche beobachten wir eine hohe Investitionsbereitschaft auf Kundenseite. Der Bedarf an neuen Technologien und innovativen Lösungen wächst deutlich. Treiber dafür sind vor allem zunehmende Herausforderungen und sich verändernde Einsatzszenarien – etwa in der Waldbrandbekämpfung oder im urbanen Umfeld. Genau hier setzen wir mit Innovationen an: Ein aktuelles Beispiel ist unsere auf der Interschutz präsentierte elektrische Drehleiter, die neue Maßstäbe in Effizienz und Nachhaltigkeit setzt und auf entsprechend großes Interesse stößt.
Auch regional ergeben sich zusätzliche Wachstumschancen: Trotz unserer Position als Weltmarktführer sehen wir insbesondere in den USA – wo wir derzeit auf Platz drei liegen – erhebliches Potenzial. Darüber hinaus gewinnen Regionen wie Südamerika und Indien spürbar an Dynamik. Tragischerweise steigt auch in Ländern mit geopolitischen Spannungen die Bedeutung des Zivilschutzes, was ebenfalls zu wachsender Nachfrage führt.
Mosdorfer: Rückenwind aus dem Netz
Die Energiewende ist für viele Unternehmen eine politische Überschrift, für Mosdorfer ist sie operatives Geschäft. Erich Kaltmann, Managing Director bei Mosdorfer, beschreibt einen Markt, der global in Bewegung geraten ist. Strom muss erzeugt, übertragen und verteilt werden. Dafür braucht es Netzinfrastruktur, die vielerorts über Jahrzehnte zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat.
In Indien wird der Standort ausgebaut. Mosdorfer erweitert um rund 10.000 Quadratmeter Fläche. Der Spatenstich ist laut Gespräch für Juli vorgesehen, der Start des erweiterten Werks für Anfang 2027. Es geht auch um eine kompaktere Produktion, neue Anlagen und zusätzliche Maschinen.
Der Optimismus speist sich aus einem Markt mit strukturellem Rückenwind. In Europa und den USA sind die Netze alt. Kaltmann spricht für Europa von ungefähr 40 bis 42 Jahren, in den USA sei es nicht viel anders. Diese Infrastruktur müsse erneuert werden. Gleichzeitig verändert sich die Logik der Stromversorgung: Der Verbraucher wird zum Erzeuger, erneuerbare Energieformen kommen an vielen Stellen ins System. „Diese Anforderungen an das Netz sind gewaltig“, sagt Kaltmann.
Für Mosdorfer heißt das: Der Investitionsbedarf reicht von der Übertragung bis in die Verteilung. Auffällig ist, dass das Wachstum nicht nur einzelne Märkte betrifft. Früher habe eine Region investiert, während eine andere schwächer lief. Derzeit sei die Lage anders: „Momentan ist es eher so, dass es ein globales Phänomen ist und überall investiert wird.“ Kaltmann beschreibt eine seltene Gleichzeitigkeit, die sich in Umsätzen und Umsatzzuwachs zeige.
Mosdorfer: Der Schritt in die USA
Dass Mosdorfer gut positioniert ist, liegt auch an der Nische, in der das Unternehmen arbeitet. Kaltmann spricht von hohen Eintrittsbarrieren und etablierten Lieferanten, vor allem aus Europa und den USA. Indische oder chinesische Anbieter seien vorhanden, aber eher lokal oder opportunistisch unterwegs. Für Mosdorfer ist das ein Vorteil, weil bei Netzinfrastruktur langfristig gedacht wird.
Der Heimstandort in Weiz bleibt wichtig, auch wenn Wachstum häufig im Ausland erfolgt. Flächenmäßig gebe es dort kaum Wachstumschancen. Kapazitäts- und Marktwachstum gingen deshalb über internationale Standorte. Die Slowakei spielt eine zentrale Rolle; Weiz entwickelt sich stärker zur Steuerzentrale.
Besonders deutlich wird die Expansionsdynamik in den USA. Nach einem rund einjährigen Standortauswahlprozess habe man entschieden, in den USA einen Greenfield- beziehungsweise Brownfield-Weg zu gehen. Anfang Juni habe es das öffentliche Announcement in South Carolina gegeben. Mosdorfer ist dabei, eine bestehende Halle mit rund 17.000 Quadratmeter Produktionsfläche zu kaufen. Dort soll im nächsten Jahr die Produktion aufgebaut werden, mit dem Ziel, Mitte 2027 zu starten. Der Standort soll zum Nordamerika-Hub werden.
Auch hier bleibt Kaltmann optimistisch. „Wir rechnen in den USA konservativ mit einem Umsatz von circa 50 Millionen Dollar in drei bis vier Jahren.“ Das Potenzial sei größer. Während in Europa lange über Leitungsgenehmigungen, Right-of-Way und Umweltverträglichkeitsverfahren diskutiert werde, gehe es in den USA schneller. Die globale Breite des Aufschwungs überrascht auch Kaltmann, seit 30 Jahren in der Branche tätig: „Das ist das erste Mal, dass global der ganze Markt wächst.“
Andritz-CEO Joachim Schönbeck: "Gute Voraussetzungen"
Die Schwächephase ist aus Sicht von Andritz-CEO Joachim Schönbeck noch nicht vollständig überwunden, doch die Nachfrage zieht in wichtigen Bereichen an. Erneuerbare Energien, Elektrifizierung und industrielle Transformation treiben das Geschäft.
INDUSTRIEMAGAZIN: Wie beurteilen Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage in Ihrer Branche? Ist die rezessive Phase überwunden?
Joachim Schönbeck: Wir sehen eine starke Nachfrage, getrieben durch den Ausbau erneuerbarer Energien und die Elektrifizierung von Industrie und Infrastruktur. Auch in unseren Geschäftsbereichen Pulp & Paper sowie in Teilen von Metals hat sich die Marktsituation zuletzt verbessert. Von einer vollständigen Überwindung der Schwächephase würde ich derzeit aber noch nicht sprechen - dafür ist das wirtschaftliche Umfeld weiterhin zu volatil.
Wie erleben Sie die Marktsituation in Europa und international?
Schönbeck: Größere Investitionen finden derzeit vor allem außerhalb Europas statt, insbesondere in Indien und China.
Welche Faktoren wirken auf Ihr Geschäft: Nachfrage, Kosten, Finanzierung, Energiepreise, Fachkräfte, Regulierung oder geopolitische Unsicherheit?
Schönbeck: Bei großen Investitionsentscheidungen spielen alle diese Faktoren eine wichtige Rolle. Der größte Hebel bleibt jedoch eine nachhaltig starke Nachfrage. Geopolitische Spannungen, hohe Energiekosten und regulatorische Unsicherheiten können Investitionen verzögern. Gleichzeitig sehen wir weltweit weiterhin einen hohen Bedarf an Technologien für Elektrifizierung, Energieversorgung und industrielle Transformation.
Was braucht es, damit der Industriestandort Österreich wieder stärker an Dynamik gewinnt?
Schönbeck: Österreich hat gute Voraussetzungen: qualifizierte Fachkräfte, hohe Innovationskraft und eine ausgezeichnete Infrastruktur. Der größte Hebel zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit ist aus meiner Sicht der konsequente und beherzte Abbau der Bürokratie. Damit können wir den Aufwand und die Kosten für Unternehmen senken und gleichzeitig den Staat entlasten.
AT&S: Vom Lieferanten zum Systempartner
Michael Mertin, CEO des steirischen Technologiekonzerns AT&S, beschreibt einen Punkt, an dem das Unternehmen aus einer schwierigen Branchenphase heraus in eine neue Form der Zusammenarbeit mit seinen Kunden hineinwächst. Vor gut einem Jahr habe AT&S noch unter einer hohen Bilanzsumme, nicht voll ausgelasteten Werken und einem nicht fertiggestellten Standort Kulim gelitten. Nun aber habe sich vieles verändert.
Entscheidend dabei: AT&S will nicht mehr nur Lieferant sein. „Weg von einem reinen Lieferanten und Auftragsfertiger hin zu einem Partner“, sagt Mertin. Es gehe darum, gemeinsam mit Kunden Wert zu generieren und zu innovieren. Die nächsten Produktgenerationen seien technologisch so anspruchsvoll, dass sie nicht mehr in klassischen Lieferantenbeziehungen entstehen könnten. „Wir haben festgestellt, dass wir viel tiefer zusammenarbeiten müssen, um die zukünftigen Produkte herstellen zu können“, sagt Mertin.
Aus dieser Erkenntnis ist ein neuer Kooperationsansatz entstanden. Mertin besuchte Kunden, sprach über Markt, Technologie und künftige Zusammenarbeit und lud sie nach Österreich ein. Dort, so seine Argumentation, verfügt AT&S über eine besondere Ausgangslage: „Das einzige Substratwerk in der freien westlichen Hemisphäre.“ Dazu komme eine Entwicklungs- und Produktionslinie für Technologien wie Glaskerne, Optik, Advanced Packaging und Embedding.
Kulim als Wachstumsmotor
Die neue Vertrauensbasis schlägt sich nun auch finanziell nieder. AT&S habe erkannt, technisch stark, zuverlässig und vertrauenswürdig zu sein, aber einen zu geringen Eigenkapitalanteil zu haben. Langfristige Partnerschaft müsse daher auch gemeinsame Finanzierung bedeuten. Lösungen seien zunächst mit zwei großen Partnern – einer ist AMD – gefunden worden.
Kulim, der Standort in Malaysia, wird zum zentralen Baustein. Auf Dauer will AT&S dort laut Mertin vier bis fünf Kunden bedienen. Genannt wurden milliardenschwere Investitionen. Auch die Kapazitätsstrukturen in China sollen weiter ausgebaut werden. Damit kann AT&S deutlich optimistischer planen als noch vor einem Jahr.
Österreich als Innovationsanker
Österreich sieht Mertin als Standort für besondere Kernkompetenzen. AT&S arbeite hier etwa mit einem europäischen Partner an der Energieversorgung von Artificial-Intelligence-Computersystemen. Hintergrund ist der stark steigende Energiebedarf, moderner Prozessoren.. AT&S will mit eingebetteten Hochleistungstransistoren auf Siliziumkarbidbasis kleine Leiterplattenelemente entwickeln, die nahe an den Chip gebracht werden können, um Transportverluste zu minimieren.
Mertin betont die europäische Dimension: „Wir bauen Kernkompetenzen auf, die ein Asset im weltweiten Technologiewettlauf sind“, sagt er. Bei den Standortbedingungen bleibt Mertin dennoch klar. Österreich habe hohe Steuern, eine hohe Staatsquote, hohe Energiekosten und hohe Lohnstückkosten. Für viele Industriebetriebe sei das Umfeld belastend. Es passierten viele Dinge in die richtige Richtung, sagt Mertin, doch der Weg sei lang. „Auch beim Marathon fängt die Strecke mit dem ersten Schritt an.“
AT&S: KI als Ermöglicher
Optimistisch ist Mertin bei künstlicher Intelligenz und neuer Produktionslogik. AT&S nutzt KI bereits im Qualitätsmanagement, in der Analyse von Prozesseffekten und in der Logistik. Bei angespannten Lieferketten habe das Unternehmen Software- und KI-Tools entwickelt, um komplexe Materialflüsse in Echtzeit zu analysieren.
Noch wichtiger wird KI in der Produktion künftiger Substratgenerationen. Diese werden komplexer, größer und wertvoller. Bei größeren Strukturen kann Ausschuss rasch massiv steigen. KI führe nicht mit einem Schritt zu Zehnerpotenzen, sagt Mertin, aber zu signifikanten Verbesserungen in Bereichen, die man sich vor Kurzem noch nicht vorstellen konnte.
Der große Treiber bleibt die steigende Rechenleistung. Mertin erwartet, dass künftige Performance-Steigerungen nicht mehr allein von den Chips selbst ausgehen, sondern zunehmend durch fortschrittliches Packaging und schnellerer Datenkommunikation . Optik werde dabei eine wachsende Rolle spielen. AT&S rückt damit näher an das Gesamtsystem heran – vom Dienstleister hin zu einem Teil des Systems und seiner Performance.